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Gastkommentar: Gebrochene Seele, kaputtes System

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Martin Schenk

©APA-Images, Tobias Steinmauerer

Die Gesundheitsreform böte die Chance, offene Wunden zu heilen: die Benachteiligung psychischer Erkrankungen im Gesundheitssystem, schreibt Psychologe Martin Schenk in seinem Gastkommentar für News.

Wenn du dir den Fuß brichst und ins Krankenhaus fährst, wird dich niemand abweisen mit den Worten: „Leider ist der Gips schon aufgebraucht.“ Zum Glück gibt es in Österreich keine begrenzte Behandlung für Beinbrüche. Die psychotherapeutische Versorgung aber ist in Kontingenten organisiert, nicht nach dem Bedarf. Das heißt, es gibt eine gewisse Anzahl an Patienten, die maximal auf Kosten der Krankenkasse versorgt werden. Wenn es aus ist, ist es aus. Es gibt zu wenig leistbare Therapieplätze. Die Versorgungslücke liegt bei der Leistbarkeit, aber auch bei den langen Wartezeiten und der Mangelversorgung in ländlichen Regionen.

Die Welt-Unsicherheiten drücken ganz schön auf die Seele. Pandemie, Krieg, Teuerung. Die meisten jungen Leute können dem gut begegnen, haben Ressourcen und Kraft, das zu bewältigen. Andere aber sind verletzlicher, sind chronisch Druck und Enge ausgesetzt, haben weniger Reserven. Schon vor einigen Jahren wurde erhoben, dass etwa 25 Prozent aller Jugendlichen in Österreich an einer diagnostisch zuordenbaren psychischen Störung leiden. Das Gros machten Angststörungen, depressive Verstimmungen und ADHS aus.

Keine adäquaten Behandlungen

Besonders auffällig war, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen keine adäquate Behandlung erhielten. In der Corona-Zeit kam es zu einer Zuspitzung der Situation. Beinahe jeder zweite Jugendliche berichtete von depressiven Symptomen, eine Welle von jungen Menschen mit schweren Essstörungen – Mädchen vor allem – erreichte die kinder- und jugendpsychiatrischen Ordinationen und Spitalsabteilungen und suizidale Impulse bei Jugendlichen nahmen gleichermaßen sprunghaft zu.

Gegenwärtig sind die Häufigkeiten zwar wieder etwas zurückgegangen, doch ist die Stabilisierung der Lage auf einem Niveau erfolgt, das in erster Linie eines klar macht: Die einschlägigen Versorgungsstrukturen werden dem Bedarf nicht im Mindesten gerecht. Dazu kommt noch, dass das Risiko, psychisch zu erkranken, bei Jugendlichen aus ärmeren Familien doppelt so hoch liegt wie bei Jugendlichen, die in Wohlstand und sozialer Sicherheit leben.

Eklatante Versorgungslücken

Da werden die Brüche im System sichtbar: Jeder dritte Patient wird nicht zum richtigen Zeitpunkt entlassen, hat die Volksanwaltschaft gerade in Psychiatrien österreichweit erhoben. Die Gründe dafür liegen selten in der medizinischen Entscheidung selbst, sondern vielmehr in den Rahmenbedingungen, die diese Entscheidungen überhaupt erst möglich oder unmöglich machen. Geeignete Nachsorgeangebote fehlen.

Ein besonders deutliches Beispiel für diese Versorgungslücke zeigt sich bei Essstörungen. Nach einem stationären Aufenthalt stehen österreichweit lediglich drei spezialisierte Wohngemeinschaften für die notwendige Nachbetreuung zur Verfügung. Es fehlen insgesamt mobile Teams, Home Treatment und regionale integrierte Therapiezentren.

Der richtige Zeitpunkt wäre jetzt

Dabei verfügt Österreich über eine große Tradition, hier wurde die Psychotherapie erfunden – Sigmund und Anna Freud, Alfred Adler oder Viktor Frankl. Umso auffälliger ist die Diskrepanz zwischen diesem historischen Anspruch und der aktuellen Versorgungssituation. Die aktuelle Gesundheitsreform böte die Chance, diese offene Wunde zu heilen. Eine gebrochene Seele sollte ebenso selbstverständlich behandelt werden wie ein gebrochener Knochen – nicht irgendwann, nicht irgendwie, sondern rechtzeitig und angemessen.

Steckbrief

Martin Schenk

Martin Schenk ist Psychologe, Sozialexperte der Diakonie und Mitbegründer der Armutskonferenz. Zuletzt hat er das Buch „Brot und Rosen“ (Edition Konturen) veröffentlicht.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.

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