Medien sollen Missstände aufzeigen, Macht hinterfragen und einordnen, ohne zu vereinfachen. Sie erfüllen diesen Auftrag nicht immer. In der Causa ORF zeigt sich, wie schnell sich die Debatte um sich selbst dreht.
Ich bin mir nicht sicher, ob Sie uns immer folgen können. Uns, den Medien, die einen klaren Auftrag haben: Missstände sichtbar machen, Macht hinterfragen und Dinge so erklären, dass man sie versteht. Einordnen, ohne zu vereinfachen. Stimmen hörbar machen, die sonst untergehen. Und Raum zu schaffen für Debatten, die mehr sind als Schlagabtausch. Wir erfüllen das nicht immer gut. Weil unser Blick enger ist, als wir glauben. Und weil wir uns zu oft mit uns selbst beschäftigen.
Seit einigen Tagen lässt sich das wieder beobachten. Die Causa ORF rund um den nunmehr Ex-Generaldirektor Roland Weißmann ist ein ernstes Thema. Es geht um brisante Vorwürfe, um Verantwortung, um die Frage, wie mit Macht umgegangen wird. Die dazugehörigen Unterlagen – Chats und einschlägige Fotos –, über die so viel gesprochen wird, wurden mehreren Medien vorgelegt. Zur Einsicht und zur Prüfung. Das ist Teil journalistischer Praxis. Am Ende wird ein Gericht klären, was rechtlich trägt und was nicht.
Ein großer Teil der Debatte dreht sich trotzdem um etwas anderes: um die Rolle der Medien. Um ihre Methoden. Um ihre Deutung. Wer hatte welche Chats zuerst? Wer war näher dran? Wer hat es besser gemacht? Wer steht moralisch auf der richtigen Seite? Wer ist zu weit gegangen, wer war zu vorsichtig? Das gehört zum Geschäft – Konkurrenzbeobachtung der besonderen Art.
Zu viel wir, zu wenig Publikum
Sie nimmt Raum ein. Zu viel Raum. Denn es ist vor allem eine Diskussion unter jenen, die selbst Teil davon sind. Eine Bubble. Kein anderes Thema hat vergangene Woche die Nachrichtenlage und die öffentliche Debatte so geprägt wie der Fall Weißmann, heißt es selbstbewusst. Gut möglich, dass diese Rechnung ohne unsere Konsumentinnen und Konsumenten gemacht wurde.
Für die stellen sich andere Fragen: Was passiert da gerade in Österreichs größtem Medienhaus? Und was folgt daraus? Vielleicht auch: Warum verdienen die so viel? Wie beschädigt ist der ORF – und was heißt das für mich als Gebührenzahler? Gibt es eine transparente Aufarbeitung? Eine Loslösung von der Politik, von Abhängigkeiten? Was tun mit dem Stiftungsrat, der derzeit u. a. aus zwölf Lobbyisten, Pressesprechern, PR-Agenturbesitzern und Interessenvertretern besteht? Wie umgehen mit der Erkenntnis des ORF-Redaktionsausschusses, dass journalistische Kompetenz im Stiftungsrat „so gut wie gar nicht vorhanden“ sei? Wie machen das die anderen? Die Deutschen? Die Schweizer?
Darauf gibt es weniger klare Antworten, als es die Lautstärke vermuten lässt. Vielmehr fällt auf, wie schnell sich der Ton verschiebt. Wie rasch aus Analyse Bewertung wird. Auch, um Stimmung zu machen. Und wie leicht Kritik an einer Sache zur Kritik an Kollegen wird. Wir sind mittendrin in einer hierzulande für Medien typischen Auseinandersetzung: Klenk (Falter) gegen Pink (Die Presse). Also Simmering gegen Kapfenberg. Der Unterhaltungswert ist nur für Insider hoch. Es geht um Rechthaben. Um Deutungshoheit. Um die drängenden Fragen geht es nicht mehr. Und ja, mit diesem Leitartikel mische ich da jetzt auch mit.
Unser Blick auf die Welt
Es ist nicht das erste Mal, dass uns der unaufgeregte Blick verloren geht. Oder dass kein vollständiges Bild mit allen Fakten – egal, ob sie in die eigene Weltanschauung oder mediale Erzählung passen – auf den Tisch kommt. Das hat auch damit zu tun, aus welcher Perspektive wir berichten. Journalismus entsteht nicht im luftleeren Raum. Er entsteht aus einem Blick auf die Welt. Unserem. Und dieser Blick ist enger, als sich das der eine oder andere eingestehen mag.
Das lässt sich auch an der zaghaft geführten Bildungsdebatte ablesen. Die geplante Reduktion von Wochenstunden für das Fach Latein hat eine Grundsatzdebatte entfacht. In der medialen Bubble. In der Eliten-Bubble. Dass wir alle in einem Land leben, in dem das Bildungssystem nach wie vor – aus unterschiedlichen Gründen – viel zu viele Bildungsverlierer produziert, wird dabei ausgeblendet.
Es wird viel über jene Schulen gesprochen, in denen vieles nicht gut läuft. Über Kinder, die Unterstützung brauchen. Über strukturelle Probleme. Und im selben Atemzug wird entschieden verteidigt, was für die eigenen Kinder wichtig erscheint: bestimmte Fächer. Bestimmte Wege. Bestimmte Schulen. Mittelschule pfui. Gymnasium hui. Latein.
Nicht wir Medien stehen im Mittelpunkt, sondern das, was wir erklären
Zusammen ergibt das ein Bild, das nicht ganz aufgeht. Der Wunsch nach Veränderung richtet sich oft nach außen. An die anderen. Er ist deutlich kleiner, wo er die eigene Lebensrealität berührt. Beispiel soziale Durchmischung: Klingt gut, solange es die anderen betrifft –, während die eigenen Kinder in bestens funktionierenden Schulen sitzen.
Vielleicht wäre es hilfreich, sich öfter zu fragen, für wen wir schreiben. Und was diese Menschen tatsächlich bewegt. Nicht alles, was uns beschäftigt, ist für sie von Bedeutung. Journalismus muss sich hinterfragen. Das gehört zu seinem Wesen. Aber er sollte dabei nicht aus dem Blick verlieren, worum es geht. Nicht wir Medien stehen im Mittelpunkt. Sondern das, was wir erklären.
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: gulnerits.kathrin@news.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.







