Iliana Jotowa bleibt Präsidentin Bulgariens und ist die erste Frau, die das Volk direkt in dieses Amt gewählt hat. Wie groß ihr Vorsprung auf den prowestlichen Herausforderer Andrej Gjurow ausfiel, wo sie verlor und was ihr Sieg für das Verhältnis zu Russland und der EU bedeutet.
Das Ergebnis der Stichwahl
Iliana Jotowa hat die Stichwahl um das Präsidentenamt in Bulgarien deutlich gewonnen. Nach Auszählung aller Protokolle kam die 62-Jährige laut Zentraler Wahlkommission auf 57,57 Prozent der Stimmen. Ihr Herausforderer, der frühere Übergangspremier und Ex-Vizegouverneur der Nationalbank Andrej Gjurow, erreichte 39,48 Prozent. Knapp 2,95 Prozent der Wählerinnen und Wähler kreuzten die Option „Ich unterstütze niemanden“ an. In absoluten Zahlen lag Jotowa mit rund 1,09 Millionen Stimmen um gut 343.000 Stimmen vor Gjurow.
Gjurow erkannte seine Niederlage noch am Wahlabend an und rief zur Einigkeit auf. Jotowa, die das Amt bereits seit Jänner innehat, beginnt ihre reguläre fünfjährige Amtszeit im Jänner 2027. In der ersten Runde am 25. Oktober hatte sie mit 34,76 Prozent knapp vor Gjurow mit 31,95 Prozent gelegen.
Wo Jotowa gewann und wo Gjurow vorne lag
Die Wahlbeteiligung blieb niedrig: Insgesamt wurden knapp 1,9 Millionen gültige Stimmen abgegeben, bei rund 6,6 Millionen Wahlberechtigten. In der ersten Runde hatte die Beteiligung bei 23,2 Prozent gelegen, ein Rekordtief für eine Präsidentenwahl in Bulgarien.
Regional zeigt sich ein klares Muster. Jotowa gewann in 28 der 31 Wahlkreise. Gjurow setzte sich nur in den beiden Wahlkreisen der Hauptstadt Sofia und im Wahlkreis Kardschali im Süden des Landes durch. Bei den im Ausland lebenden Bulgarinnen und Bulgaren lag ebenfalls Gjurow vorne, mit gut 56 Prozent.
Wofür Jotowa steht
Die frühere Journalistin und langjährige sozialdemokratische EU-Abgeordnete war ab 2017 Vizepräsidentin unter Rumen Radew. Als dieser im Jänner 2026 zurücktrat, um bei der Parlamentswahl anzutreten, rückte sie als erste Frau an die Staatsspitze. Radews Partei Progressives Bulgarien gewann die Wahl im April, er ist seit Mai Ministerpräsident. Jotowa wurde nun von seiner Partei und von der sozialistischen BSP unterstützt.
Im Wahlkampf präsentierte sie sich als „Präsidentin des Friedens“. Sie lehnt Waffenlieferungen an die Ukraine ab und setzt auf Verhandlungen mit Moskau. Zugleich bekennt sie sich zur Mitgliedschaft Bulgariens in EU und NATO. Gjurow, unterstützt vom Reformbündnis aus „Wir setzen den Wandel fort“ und „Demokratisches Bulgarien“, warb für eine klar westliche Ausrichtung und mehr Unterstützung für Kiew. Er warf Jotowa vor, Russland nach den Drohnenangriffen auf Handelsschiffe vor der bulgarischen Schwarzmeerküste nicht als Verantwortlichen zu benennen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gratulierte Jotowa und schrieb von einem „starken Bulgarien in einem starken Europa“. Sie freue sich auf die weitere Zusammenarbeit bei Sicherheit, Verteidigung, Wettbewerbsfähigkeit und Energieunabhängigkeit.
Was die Präsidentin entscheiden kann
Die Tagespolitik bestimmt in Bulgarien die Regierung. Das Staatsoberhaupt hat laut Verfassung dennoch Gewicht: Die Präsidentin ist Oberbefehlshaberin der Streitkräfte, vertritt das Land nach außen, ernennt Botschafterinnen und Botschafter und kann Gesetze binnen 15 Tagen an das Parlament zurückverweisen. Dieses kann das Veto mit der Mehrheit aller Abgeordneten überstimmen.
Besonders wichtig ist ihre Rolle in politischen Krisen. Findet das Parlament keine Regierung, ernennt die Präsidentin eine Übergangsregierung, löst das Parlament auf und setzt Neuwahlen an. So hatte Jotowa im Februar Gjurow selbst zum Übergangspremier vor der Parlamentswahl im April ernannt. Mit Jotowa im Präsidentenamt und Radew als Regierungschef stehen nun beide Spitzenämter politisch im selben Lager.
Quellen
Präsident der Republik Bulgarien: Constitutional Provisions (Verfassungsbestimmungen zum Präsidentenamt)
Bulgarian National Radio: Iliana Iotova becomes Bulgaria's first female president (23. Jänner 2026)
Weitere Quelle: Novinite, Final Results Confirm Yotova's 57.5% Victory Over Gyurov (2. November 2026, Endergebnis der Zentralen Wahlkommission)
