Die NGO Asyl in Not vertritt seit 40 Jahren politisch Verfolgte, die nach Österreich geflüchtet sind. Von Beginn an hat sich die Organisation dabei auch dem Kampf gegen Islamismus verschrieben. News sprach mit der „Asyl in Not“-Vorsitzenden Kübra Atasoy über aktuelle Herausforderungen - sie ortet im Nachklang des Überfalls der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 einen Zerfall solidarischer Bündnisse unter jenen, die sich vor allem seit 2015 in der Flüchtlingshilfe engagieren.
von
NGOs, die sich für Geflüchtete einsetzen, agieren in einem Spannungsfeld: Einerseits weht ein gesellschaftlich rauer Wind, nicht zuletzt befeuert von Parteien wie der FPÖ, die gegen Asylwerber Stimmung machen. Andererseits gibt es auch in Österreich eine islamistische Szene, die eine reale Bedrohung darstellt. Wie geht Asyl in Not damit um?
Ich denke, dass diese rauen Winde mittlerweile von allen Parteien getragen werden. Es ist das eine, bei einem Thema vorzupreschen, und das andere, sich hier gängeln zu lassen. Fakt ist, dass es in den vergangenen Jahren zu massiven Verschlechterungen für Geflüchtete gekommen ist.
Was den Umgang mit Islamismus betrifft: Ich denke, dass hier alle Parteien von uns lernen könnten, wie man einerseits die Politik der extremen Rechten ablehnt, aber gleichzeitig keine Toleranz für islamistischen Extremismus zulässt. Unsere Devise ist seit der Gründung von Asyl in Not vor 40 Jahren: Wir vertreten keine Verfolger und wir sind parteiisch mit unseren Klienten und Klientinnen. Und 90 Prozent unserer Klienten fliehen vor Islamisten.
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie herausfinden, dass Menschen, die sich an Sie mit der Bitte um Vertretung im Asylverfahren wenden, selbst, wie Sie es formulieren, Verfolger sind?
Wir hatten zum Beispiel 2016 die wahnsinnig bizarre Situation, dass im Zug der Nachwehen des vermeintlichen Putschversuchs der Bewegung von Fethullah Gülen gegen das türkische Regime unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan – zuvor
hatten die beiden jahrelang kooperiert – plötzlich Gülen-Anhänger vor unserer Türe standen und um Hilfe baten. Bis vor Kurzem hatten sie von uns vertretene Kurden und Kurdinnen verfolgt, nun waren sie selbst zu Verfolgten geworden. Diese Menschen haben wir abgewiesen.
In diesem Fall lag durch die Zugehörigkeit zur Gülen-Bewegung die politische Ideologie dieser Menschen auf der Hand. Sie vertreten allerdings Geflüchtete aus verschiedensten Ländern. Wie leicht oder schwer ist es hier, grundsätzlich herauszufinden, ob jemand selbst extremistisch eingestellt ist?
Das bereitet uns keine Schwierigkeiten. Wichtig ist hier, über entsprechende Expertise zu verfügen. Man muss Codes erkennen, man muss Kenntnisse über das Land haben. Wir haben zudem die Erfahrung gemacht, dass Islamisten und Gewalttäter – sie sind so gut wie immer Männer – meist sehr offen zu ihren Haltungen stehen.
Wie viel Prozent der Menschen, die sich an Sie wenden, identifizieren Sie als ideologisch problematisch?
Der Anteil ist verschwindend gering. Solche Fälle bewegen sich pro Jahr im einstelligen Bereich.
Wir haben viel zu lange mit viel zu ungenauen, übergeneralisierenden Begriffen und Konzepten und auch lange intellektuell unehrlich gearbeitet
Sie übernehmen dann die Vertretung dieser Personen nicht. Melden Sie sie aber auch den Behörden?
Nein. Wir arbeiten nicht mit der Polizei zusammen, auch nicht in unserer Gewaltberatung. Dafür gibt es anerkannte Gewaltschutzzentren. Wir melden den Behörden auch nichts zu Radikalisierung. Der Grund ist, dass wir zu dem Zeitpunkt, wo wir das feststellen, auch die Daten dieser Menschen noch gar nicht erhoben haben. Solche Dinge kristallisieren sich so gut wie immer schon im Erstgespräch heraus. Im Idealfall ist in den ersten 15 Minuten klar, wer wo steht.
Dazu ist es aber natürlich nötig, dass die Mitarbeiter entsprechend in der Gesprächsführung geschult wurden. Genau darauflegen wir großen Wert. Man muss außerdem über die Herkunftsländer von Geflüchteten gut Bescheid wissen. Und gibt es Unklarheiten, braucht es Nachrecherche.
Aber ja, ich kenne die Geschichten von Islamisten, die versucht haben, sich Aufenthaltstitel beim Bundesamt für Asyl zu erschleichen. Ich denke, dass dies sehr gut möglich ist in einem Umfeld, in dem sich die Beratenden nicht gut auskennen. Es war gerade nach 2015 sicher auch in einigen NGOs die Realität, dass da sehr oberflächlich gearbeitet wurde. Ich kann mir das bei uns nicht vorstellen. Wir legen sehr viel Wert auf Expertise.
Asyl in Not bezieht auch immer wieder Stellung in aktuellen Diskursen. Sie kritisieren in einem Beitrag für das eben erschienene Buch „Denialism. Antisemitismus und sexualisierte Gewalt aus feministischer Perspektive“ (Verbrecher Verlag), dass es nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 aus linker Perspektive große Probleme gibt, diesen Terror zu kritisieren. Warum ist das Ihrer Einschätzung nach so?
Ich argumentiere, dass wir vor allem in einem akademischen, in einem aktivistischen, in einem künstlerischen Setting viel zu lange mit viel zu ungenauen, übergeneralisierenden Begriffen und Konzepten und auch lange intellektuell unehrlich gearbeitet haben. Ich glaube, dass unser Verständnis von Rassismus und Rassismuskritik grundlegend geändert werden muss, back to the roots, hin zu einer Kritik an der Struktur, weniger konzentriert auf die Auswirkungen von Rassismus. Und hin zu einer Kritik der Entstehungsbedingungen und einer Analyse der Ist-Situation. Es gibt nicht einen Rassismus, es gibt mehrere Rassismen. Rassismus in Wien 2026 ist anders als in Chicago 1980 und in London in den 1960er-Jahren. Hier die Spezifika herauszuarbeiten, ist eigentlich die Aufgabe von sowohl Aktivisten als auch Intellektuellen.
Wir sind in eine falsche Dichotomie von Unterdrückern und Unterdrückten gelangt und haben ein sehr vereinfachtes Bild von gut und böse, grausam und unschuldig. Und das ist im Ergebnis dann wahnsinnig antisemitismusoffen. In diesem sehr beschränkten Denken können Unterdrückte nicht auch als Unterdrücker gesehen werden. Wir geben also allen, die einmal unterdrückt worden sind, einen Freifahrtschein. Damit wird dann die Unterdrückung durch Panarabisten oder Pantürken – das sind Ideologien, die sich auf Nationalismus stützen – komplett unsichtbar gemacht. Mit einer funktionierenden Rassismusanalyse wäre das anders, die Debatte würde versachlicht und Menschen müssten sich da auch nicht so emotional hineinhängen.
Gerade in der NGO-Szene, die sich für Geflüchtete engagiert, beruft man sich gerne auf die postkoloniale Theorie. Im Fokus ist dann die Kritik an der Diskriminierung von Personengruppen, während Kritik an demokratiefeindlichen Ideologien, die es auch seitens zugewanderter Menschen gibt, ausgeklammert wird. Wie erklären Sie das?
Ich kann nur mutmaßen. Ich denke, die gute alte Erziehung zur Mündigkeit ist verloren gegangen. Es werden US-Kontexte einfach eins zu eins auf europäische umgelegt, die aber gar nicht passen. Auch die Black-and-White-Konnotationen funktionieren so nicht. In den USA verweist black auf einen historischen Hintergrund, auf eine einheitliche Unterdrückungsgeschichte. Das kann man nicht auf Österreich umlegen.
Ich sehe aber auch ein großes Stück intellektueller Unehrlichkeit. Ich gehe zurück zu unseren Erfahrungen bei Asyl in Not. Man sagt ja immer, dass diese langwierigen Textanalysen nicht mehr funktionieren. Wir erleben aber junge Aktivisten und Aktivistinnen, die zu uns kommen und sagen, genau diese Herangehensweise habe ich gesucht. Es gibt Leute, die sich mit Dingen tiefer auseinandersetzen möchten. Aber ich kann nicht verleugnen, dass wir hier vor einer großen Herausforderung stehen.
Ich heiße grundsätzlich die Zuspitzung von Widersprüchen willkommen

Wie begegnen andere NGOs Asyl in Not, wenn Sie solche Dinge formulieren?
Wir sehen, wie bestehende solidarische Bündnisse zerfallen. Und zwar weniger, weil wir seit dem 7. Oktober derart eindeutige Statements verfasst hätten, sondern weil wir nicht eindeutig genug Position bezogen haben im Sinn des simplen Schwarz-Weiß-Schemas. Wobei man hier auch unterscheiden muss: Bei den alten, etablierten NGOs, wie etwa der Caritas, spürt man die Tendenz hin zu einer gewissen Verstaatlichung der Strukturen, da nimmt man überhaupt Abstand von politischem Aktivismus.
Ich spreche also von den zivilgesellschaftlichen Gruppen, die sich vor allem seit der Fluchtbewegung von 2015 gebildet haben. Und da kam der Vorwurf, dass wir keine Position zu Israel und Palästina beziehen, was auch zu einer spürbaren Isolierung geführt hat, was uns aber nicht weiter belastet. Ich heiße grundsätzlich die Zuspitzung von Widersprüchen willkommen. Je deutlicher es ist, wer wo steht, desto leichter ist es für uns, uns auf unsere Arbeit zu konzentrieren.
Wurde jemals von Ihnen eingemahnt, zur Situation in einem anderen Krisenherd Position zu beziehen?
Nein, weder zum Sudan beispielsweise noch zum Kongo. Dabei ist genau das auch Teil unserer Arbeit: Wir machen Veranstaltungen zum Kongo, zum Sudan, aber auch zu Antisemitismus. Dafür braucht es aber dann auch immer die entsprechende Expertise. Und leider beobachte ich hier, dass es offenbar vor allem an den Unis keine so große Lobby für die Interessen der sudanesischen Bevölkerung gibt wie für die Interessen der palästinensischen Bevölkerung. Oder die Projektion dessen, was die palästinensische Bevölkerung darstellen soll, denn im Grund geht es ja um nichts anderes als um Antisemitismus.
Nun ist Asyl in Not grundsätzlich gar keine Organisation, die sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben hat. Dennoch kommen Sie zu diesem Befund. Warum tun sich andere NGOs, die Geflüchtete begleiten, so schwer, Antisemitismus zu erkennen?
Man muss genau hinschauen. Die Islamisten, die pro-palästinensische Demonstrationen organisieren und dort ‚Khaybar, Khaybar yā Yahūd, Muhammad saya’ūd‘ rufen – das bedeutet ‚Chaibar, Chaibar, ja Jud, Mohammed wird zurückkehren‘ und Chaibar referiert dabei auf die Schlacht von Khaybar, mit der Mohammeds Armee die jüdisch geprägte Stadt einnahm –, sind dieselben, die uns und unsere Klienten und Klientinnen verfolgen.
Vielen Aktivisten und Aktivistinnen ist das offenbar nicht klar. An dem Punkt, wo man versteht, dass man selbst betroffen ist, an dem Punkt, an dem die österreichische Gesellschaft verstehen wird, dass sie selbst betroffen ist, ist eine natürliche Folge, entsprechend Haltung zu beziehen. Wir warten auf diesen Tag und arbeiten darauf hin.
Asyl in Not ...
... wurde 1985 als Unterstützungskomitee für politisch Verfolgte Ausländer und Ausländerinnen gegründet, basierend auf eine Selbstorganisation iranischer Geflüchteter. Seitdem haben sich sowohl die Herkunft von Geflüchteten als auch das Recht in Österreich immer wieder verändert, sagt „Asyl in Not“-Vorsitzende Kübra Atasoy.
Die NGO stehe allerdings wie vor 40 Jahren sowohl für den Kampf gegen Rassismus als auch für den Kampf gegen Islamismus. Ein kleines Team von derzeit fünf angestellten Mitarbeitern führt im Jahr an die 2.000 Beratungsgespräche. Seit der Fluchtbewegung von 2015 kümmert sich Asyl in Not wie viele andere NGOs in diesem Bereich vor allem um Menschen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak.
Aktuell betreut die NGO zudem auch viele Kurden und Kurdinnen, die aus der Türkei geflüchtet sind, sowie Personen aus Westafrika sowie Zentral- und Ostafrika. Für 2026 hat sich das Team um Atasoy vorgenommen, einen Kassasturz zu machen und für Asyl in Not eine neue Struktur zu erarbeiten. Dabei soll die politische Arbeit wieder in den Vordergrund rücken. „Wir wollen nicht immer nur auf politische Ausnahmezustände reagieren“, sagt Atasoy.

Steckbrief
Kübra Atasoy
Kübra Atasoy, geb. 1991 in Wien, ist seit 2021 Vorsitzende von Asyl in Not. Die Sprachwissenschafterin engagiert sich seit ihrer Jugend politisch. Sie war zunächst in der Aktion Kritischer Schüler_innen (AKS) aktiv, während des Studiums dann beim Verband Sozialistischer Student_innen (VSStÖ). Von 2011 bis 2013 hatte sie den Vorsitz der Österreichischen Hochschüler_innenschaft (ÖH) an der Universität Wien inne. Für Asyl in Not arbeitet sie seit 2013.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.







