Der Favorit auf die Nachfolge von Keir Starmer ist ein Mann mit Wurzeln in zwei sehr unterschiedlichen Metropolregionen Nordenglands: Burnham ist halb Manchester, halb Merseyside – auch politisch eine spannende Mischung.
Auf dem Höhepunkt der Covid-19-Pandemie bezeichneten Journalisten aus London Andy Burnham halb im Scherz als „König des Nordens“. Doch der Norden Englands ist größer und vielfältiger, als es für Hauptstädter oft den Anschein hat. Burnham, der erst kürzlich durch einen triumphalen Sieg in der Nachwahl von Makerfield Labour-Abgeordneter wurde und nun Keir Starmer als Premierminister ablösen will, ist nicht einfach nur ein Nordengländer.
Man sollte ihn eher als Kind zweier großer Metropolen des Nordens betrachten, die räumlich recht nah beieinanderliegen, aber stark unterschiedliche Kulturen haben. Burnham, der zwischen diesen beiden Orten aufgewachsen ist, trägt beide in sich.
Mancunianischer Pragmatismus
Die offensichtlichere Metropole ist Greater Manchester, wo Herr Burnham zwischen 2001 und 2017 Abgeordneter und später Bürgermeister war. Das hartnäckige und nicht ganz unzutreffende Klischee über Manchester lautet, dass seine Einwohner pragmatisch und geschäftstüchtig sind. „Wenn man die Engländer für eine reine Nation von Ladenbesitzern hält“, schrieb der Manchester Guardian im Jahr 1857, „dann steht Manchester wohl immer an der Kassa.“
Als Burnham 2017 Bürgermeister wurde, hatten Manchesters Führungskräfte die Künste des Kompromisses und der Geschäftstüchtigkeit bereits perfektioniert. Drei Männer – Graham Stringer, der den Stadtrat von Manchester leitete und nun Abgeordneter ist; Richard Leese, der ihm als Ratsvorsitzender nachfolgte; und Howard Bernstein, der Verwaltungschef des Stadtrats – hatten begonnen, die gesamte Metropolregion zu einer wirtschaftlichen und politischen Einheit zu verschmelzen.
Obwohl nur jeder Fünfte der 2,9 Millionen Einwohner des Großraums Manchester in der Stadt Manchester selbst lebt, ließen sich die Politiker in den anderen neun Städten und Stadtbezirken, aus denen sich die Metropolregion zusammensetzt, davon überzeugen, lokale Identitäten und Forderungen zurückzustellen und sich hinter die Marke „Manchester“ zu stellen. Sie akzeptierten, dass das, was gut für Manchester war, auch gut für sie war.


Wahlsieg. Nach seinem Sieg bei der Nachwahl in Makerfield darf Andy Burnham als Abgeordneter für den Labour-Vorsitz kandidieren.
© Getty ImagesBoris und die Busse
Die Führungskräfte dieser Labour-dominierten Metropolregion arbeiteten gerne mit jedem zusammen, der ihnen Vorteile verschaffen konnte. In den 2010er-Jahren verstanden sie sich hervorragend mit dem konservativen Finanzminister George Osborne. „Jedes Mal, wenn irgendein Stadtrat eine kluge Idee für den Haushalt parat hatte, war es Manchester“, sagte er 2016. Burnham machte sich diese Denkschule zu eigen. Als Boris Johnson, konservativer Premierminister von 2019 bis 2022, vage davon zu schwadronieren begann, die Entwicklung ärmerer Regionen Großbritanniens „aufwerten“ zu wollen, erkannte der Bürgermeister eine weitere Chance.
Das Busnetz von Manchester war in den 1980er-Jahren, ebenso wie andere außerhalb Londons, dereguliert und privatisiert worden. Wenn der Metropole mehr Befugnisse und Geld gewährt würden, erklärte Burnham, könnte sie die Kontrolle über die Busse übernehmen und ein integriertes Verkehrssystem nach Londoner Vorbild aufbauen. Die Metropole würde dadurch wohlhabender werden. Es sei, so argumentierte der Bürgermeister 2021 ganz unverhohlen, „der glaubwürdigste Plan zur Aufwertung, der bisher vorgelegt wurde“. Was gut für Manchester war, war somit auch gut für das Land und für Boris Johnson. Einer solchen Bitte konnte der Premierminister nicht widerstehen. Und tat es auch nicht.
Dieser pragmatische, etwas zynische Ansatz hat sich ausgezahlt. Der Großraum Manchester hat viele tiefgreifende Probleme, von Armut bis hin zu schlechten Schulabschlussergebnissen. Doch das Pro-Kopf-BIP in der Metropole ist seit 2000 schneller gewachsen als in Großbritannien insgesamt. Die Übernahme des Bussystems scheint funktioniert zu haben: Im ersten Jahr stieg die Zahl der Fahrten um zwölf Prozent. Greater Manchester hat sich deutlich besser geschlagen als etwa die Metropolregion um Birmingham. Und auch besser als die andere große Metropole im Norden, die Burnhams politischen Ansatz zu inspirieren scheint: Merseyside.
Eine Prise Revolution
Diese Metropole hat die unbezähmbare, raue Atmosphäre einer Hafenstadt. Wenn man den Mancunians vorwirft, sie seien immer auf ihren Vorteil bedacht, dann wirft man den Merseysidern vor, sie seien streitlustig. In den 1980er-Jahren stellte sich der linksextrem dominierte Stadtrat von Liverpool entschieden gegen die konservative Regierung in Westminster. Er versuchte, einen rechtswidrigen Haushalt zu verabschieden, in dem die Ausgaben die Einnahmen überstiegen, und drohte damit, die städtischen Beschäftigten zu entlassen, sollte die Regierung keine Finanzhilfe leisten. Die Rebellion endete mit einer demütigenden Niederlage.
Burnham verbindet seine Familie und der Fußball mit Merseyside. Er ist Fan von Everton, einem Verein aus Liverpool, und hat sich für die Opfer der Hillsborough-Katastrophe von 1989 eingesetzt. Damals löste die Polizei eine Massenpanik unter den Anhängern des FC Liverpool aus, die 97 Todesopfer forderte. Obwohl Burnham bei Weitem nicht so töricht oder unverantwortlich ist wie die militanten Stadträte der 1980er-Jahre, hat er immer wieder eine Vorliebe für Konfrontationen mit mächtigeren Gegnern gezeigt.
Im Oktober 2020, als die Regierung Städte wie Greater Manchester zu strengen Lockdowns zwang, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen, bestand Burnham darauf, dass die Metropole zusätzliche Mittel benötige, um die Situation zu bewältigen. Als diese nicht kamen, lehnte er sich auf. „So kann man ein Land nicht regieren“, erklärte er im Fernsehen. Die Regierung zermürbe die Menschen, verhalte sich „beschämend“. Er verlor den Machtkampf, gewann aber die Herzen seiner Bürger. Bei der Bürgermeisterwahl 2021 gewann Burnham alle zehn Städte und Stadtbezirke des Großraums Manchester und 67 Prozent der Gesamtstimmen. Bis heute ist er in der Region sehr beliebt.
Mann des Volkes
Für einen Großstadtbürgermeister ist es eine gute Strategie, zwischen Kompromiss und Konfrontation mit Westminster zu variieren. England ist für ein Land seiner Größe finanziell und politisch extrem zentralisiert. Bürgermeister sind erfolgreich, indem sie ihren Bekanntheitsgrad steigern und dann so viel Geld und Macht wie möglich von der Zentralregierung erbetteln oder erpressen.
Außerdem müssen sie alle Kommunalbehörden in ihrem Zuständigkeitsbereich im Zaum halten. Ein Großteil dieser Arbeit vor Ort war schon getan, als Burnham das Amt übernahm. Es ist jedoch sein Verdienst, dass sich die Behörden von Greater Manchester nicht allzu sehr zerstritten haben.
Ein Premier ist kein Bürgermeister
Als Premierminister müsste Burnham ganz anders agieren. Er stünde einem deutlich größeren Apparat vor, und könnte niemanden um Geld bitten. Stattdessen würde er selbst angebettelt, müsste unpopuläre Entscheidungen treffen und gegen heftigen Widerstand überzeugend vertreten. Keir Starmer hat sich als unfähig erwiesen, das zu tun. Burnham ist dem Amtsinhaber in mancher Hinsicht eindeutig überlegen: Er ist weniger steif, charmanter und vermittelt den Eindruck, dass ihm seine Arbeit Spaß macht. Allerdings hat er sich manchmal vor umstrittenen Maßnahmen gescheut. Etwa bei der Umsetzung einer Umweltzone, in der Lenker stark umweltbelastender Fahrzeuge zur Kasse gebeten werden sollten. Seine Eignung für den Spitzenjob hat er noch nicht wirklich bewiesen.
Nun dürfte Burnham seine Chance bekommen. Seit seinem Wahlsieg am Freitag darf er offiziell für den Labour-Vorsitz kandidieren. Noch am selben Tag forderte Burnhams Team Starmer auf, übers Wochenende eine Entscheidung zu treffen. Man hoffe auf eine geordnete Machtübergabe. Eine Kampfabstimmung gegen Burnham hätte Starmer wohl verloren.


Rücktritt. Keir Starmer am vergangenen Montag vor seinem Noch-Amtssitz in der Londoner Downing Street Nr. 10. Schon am 16. Juli könnte sein Nachfolger feststehen – es könnte aber auch deutlich länger dauern.
© APA/AFP/HENRY NICHOLLSAm Montag trat Starmer schließlich vor die Presse: Er habe König Charles über seinen Rücktritt informiert. Ab 9. Juli können Kandidaturen für seine Nachfolge eingereicht werden. Ist Burnham bis 16. Juli der einzige Kandidat, wird er ohne Abstimmung neuer Vorsitzender. Damit ist wohl nicht zu rechnen – spätestens am 1. September, wenn das Parlament aus der Sommerpause zurückkehrt, muss sich Labour aber entschieden haben.
26 Prozent
Mit einem Popularitätswert von 26 Prozent ist Burnham, laut Ipsos-Daten von Anfang Juni, aktuell der beliebteste Labour-Politiker – was viel über seine Partei sagt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.







