DHK Präsident Pötsch, Botschafter Cecere, Keynotesprecher Ardey
©DHK_Marko KovicBeim 9. Deutsch-Österreichischen Technologieforum diskutierten Politik, Forschung und Industrie über Künstliche Intelligenz, neue Geschäftsmodelle und Europas technologische Wettbewerbsfähigkeit. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Innovation unter wachsendem globalem Druck gelingen kann.
Das 9. Deutsch-Österreichische Technologieforum in Wien stand unter dem Leitmotiv, Wachstum durch Technologie, Wissen und Wandel zu gestalten. Veranstaltet wurde das Forum von der Deutschen Handelskammer in Österreich gemeinsam mit Fraunhofer Austria. Rund 190 Gäste nahmen teil, durch die Tec-Night führte Wilfried Sihn, Senior Advisor bei Fraunhofer Austria.
DHK-Präsident Hans Dieter Pötsch eröffnete die Veranstaltung mit einem Appell, Technologie nicht mehr nur als wirtschaftlichen Treiber zu sehen, sondern als geopolitische Infrastruktur. Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit brauche es ein neues Verständnis von Wettbewerbsfähigkeit, sagte Pötsch. Dazu gehöre auch eine Modernisierung des Bildungssystems.
Auch Deutschlands Botschafter in Österreich, Vito Cecere, betonte die strategische Bedeutung zentraler Zukunftsfelder. In Berlin wie in Wien seien Schlüsseltechnologien definiert worden, die künftig gezielt gefördert werden sollen. Dazu zählen Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, Mikroelektronik, Biotechnologie sowie klimaneutrale Energie- und Mobilitätslösungen.
Henriette Spyra, Leiterin der Sektion Innovation und Technologie im Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur, sprach von einem notwendigen Fokus bei Investitionen in digitale Schlüsseltechnologien. Entscheidend sei nicht allein die Höhe der Mittel, sondern deren Wirkung. Zudem verwies sie auf die Rolle von Diversität als Treiber für erfolgreiche Projekte und neue Ideen.
KI als Schlüsseltechnologie der Industrie
Einen Schwerpunkt des Forums bildete die Rolle von KI in der industriellen Entwicklung. Nikolai Ardey, Executive Director der Volkswagen Group Innovation, skizzierte das Auto der Zukunft als intelligenten, kontextsensitiven Raum. Es gehe nicht mehr allein um Sprachsteuerung, sondern um Assistenzsysteme, die Situationen verstehen und eigenständig reagieren.
Nach Einschätzung Ardeys wird dabei die verfügbare Rechenleistung zur zentralen Währung. Was früher die PS gewesen seien, werde künftig die Rechenpower sein. Schon heute sei KI ein wesentlicher Bestandteil moderner Fahrerassistenzsysteme, perspektivisch gehe die Entwicklung jedoch deutlich weiter. Das gesamte Fahrzeug könne künftig KI-basiert gesteuert werden, vom Fahrwerk über den Innenraum bis zur Interaktion mit den Passagieren.
Langfristig ziele die Branche auf sogenannte Automotive Foundation Modelle ab. Diese sollen mit großen Mengen an Fahr- und Sensordaten trainiert werden, um komplexe Aufgaben im autonomen Fahren, in der Simulation und bei der Datenannotation zu übernehmen.
In der anschließenden Podiumsdiskussion sprach Ardey gemeinsam mit Henriette Spyra und Jens Poggenburg von AVL List über Potenziale und Risiken von KI in der Industrie. Dabei ging es auch um eine zentrale Frage vieler Unternehmen: wie neue Technologien von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern akzeptiert werden.


Referenten des Deutsch-Österreichischen Technologieforum 2026
© DHK_Marko KovicVon der Unsicherheit zur Innovation
Sandra Stein, Leiterin Forschungskoordination am Center für Nachhaltige Produktion und Logistik bei Fraunhofer Austria, beschrieb die Gegenwart als besonders innovationsintensive Phase. Unsicherheit führe nicht nur zu Druck, sondern auch zu neuen Lösungen, sagte sie. Als drei große Herausforderungen nannte sie Energie, instabile Lieferketten und Investitionszurückhaltung.
Fraunhofer Austria arbeitet in diesen Feldern unter anderem mit energieoptimierter Produktionsplanung und KI-gestützten Tools zur Analyse von Lieferketten. Ziel ist es, Unternehmen robuster und schneller handlungsfähig zu machen.
Christoph Knogler, Geschäftsführer der KEBA Group, verwies auf das wirtschaftliche Potenzial von KI. Studien zufolge könne die Technologie in den kommenden zehn Jahren das Bruttoinlandsprodukt deutlich steigern und in der Industrie starke Produktivitätseffekte auslösen. Im eigenen Unternehmen setzt KEBA KI bereits konkret ein, etwa bei Prüfprozessen. Dort lasse sich der manuelle Aufwand nach Unternehmensangaben um bis zu 70 Prozent reduzieren.
Unternehmen suchen den Weg in die Praxis
Wie der Übergang von digitaler Transformation zu echter KI-Nutzung gelingen kann, thematisierte Gerhard Dimmler, CTO von Engel Austria. Er formulierte dafür fünf zentrale Schritte: die Anpassung der Organisation, geeignete Schnittstellen, die Weiterentwicklung bestehender Systeme, klare Data Governance und eine schrittweise Einführung von GenAI aus der Praxis heraus. Mit dem Engel Virtual Assistant EVA setzt das Unternehmen bereits auf KI-Unterstützung entlang des gesamten Produktlebenszyklus.
Dass der Anpassungsdruck nicht nur Industriekonzerne betrifft, machte Michael Petschnig, Geschäftsführer von RPM Gebäudemonitoring, deutlich. Auch Handwerksbetriebe müssten sich neu erfinden, sagte er. Gerade im Bau würden Ausschreibungen immer komplexer. Wer große Datenmengen auswerten und nutzbar machen könne, verschaffe sich klare Vorteile.
Georg Schett von Fraunhofer Austria und Franz Zagler von Spar Österreich zeigten, wie datengetriebene Modelle und digitale Zwillinge entlang der Lieferkette neue Potenziale eröffnen. In der Reinigungsbranche wiederum setzt Dr. Sasse Facility Management laut Geschäftsführer Michael Lackner bereits auf humanoide Roboter.
Peter Amend, Global Head of Zeiss Digital Partners, erläuterte, wie generative KI und Advanced Analytics neue datenbasierte Erkenntnisse ermöglichen. Klaus Buchwald, COO von Siltronic, hob die Bedeutung gemeinsamer Strategien und Partnerschaften hervor, um Europa im globalen Chip-Markt als Technologiestandort zu stärken.
Europas Zusammenarbeit als Wettbewerbsfaktor
Zum Abschluss rückte die europäische Perspektive in den Mittelpunkt. Rainhill Freitas, Leiter der Kampfflugzeugproduktion bei Airbus Defence and Space, sprach über gemeinsame europäische Initiativen in sicherheitsrelevanten Industrien. Sie seien nicht nur für die Verteidigungsfähigkeit entscheidend, sondern auch für die technologische Wettbewerbsfähigkeit Europas.
Das Technologieforum machte damit vor allem eines deutlich: KI ist längst mehr als ein Trendthema. Sie wird zunehmend zum strategischen Hebel für Industrie, Forschung und Politik. Die Debatte in Wien zeigte zugleich, dass es dafür nicht nur Investitionen braucht, sondern klare Prioritäten, belastbare Partnerschaften und den Mut, bestehende Strukturen zu verändern.






