ABO

"Unerwünschte Töchter" von Miriam Carbe

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Viel gelobter Debütroman
Vier Frauen, vier Generationen: Margarethe, Marianne, Monika, Miriam. "Unerwünschte Töchter" heißt der Familienroman von Miriam Carbe, in dem sie über Urgroßmutter, Großmutter und Mutter schreibt - und kurz über sich selbst. Es geht vom Bildungsbürgertum Dresdens Ende des 19. Jahrhunderts über alle zeithistorischen Wendungen bis nahe der Gegenwart. Dass Frauen die Hauptrolle spielen, liegt an unfähigen Männern und an Kriegen, die der Familie schmerzhafte Verluste zufügen.

von

"Dass alle Namen mit M beginnen, ist kein Zufall, sondern gewollt dem Umstand entgegengesetzt, dass die Väter den Nachnamen bestimmen. Es sollte die dadurch verschleierte Abstammung hervorheben", schreibt Carbe, die ihren Familiennamen dem Großvater verdankt. NS-Leutnant Alfred Carbe verführt seine Sekretärin und hat gleichzeitig ein Verhältnis mit einer anderen Marianne, deren Mann im Krieg ist. Er ist eines von vielen Beispielen, die immer wieder aufs Neue Begründungen dafür liefern, warum die Frauen der Familie schlecht über das andere Geschlecht denken. Als seine Mitarbeiterin schwanger und er selbst an die Front berufen wird, lässt er sich immerhin zu einer schriftlich festgehaltenen Vaterschaftserklärung überreden, für den Fall dass ihm was passieren sollte. Genauso kommt's. Beim letzten Aufgebot gegen anrückende US-Truppen wird der Offizier, der in den letzten Kriegstagen so manches Todesurteil gegen Deserteure unterzeichnet hat, erschossen. Das Kind, Miriams Mutter Monika, wird seinen Vater nie kennenlernen.

Miriams Vater dagegen macht sich selbst aus dem Staub. Der Student aus Nigeria schläft mit seiner Studienkollegin und ist heilfroh, dass in Monikas Familie Einigkeit darüber herrscht, das dabei entstandene Kind müsse abgetrieben werden, um dem "Mischling" und der Familie Schande zu ersparen und vor einer höchst unsicheren finanziellen Zukunft zu bewahren. Im letzten Moment revoltiert Monika, nimmt den schon fixierten Arzttermin nicht wahr und bringt das Kind zur Welt. "Die ersten drei Jahre meines Lebens wurde ich meiner Urgroßmutter verschwiegen", schreibt Miriam Carbe und legt auch schmerzhaft weiterwirkende Rassismen offen. "Als ich in die Schule kam, musste ich dieser fremden und unheimlichen Frau Briefe schreiben, die dann mit ihren roten Korrekturen und getrockneten Blüten zurückkamen."

Miriam Carbe wurde 1967 geboren, hat heute selbst drei Kinder und lebt als "arte"-Redakteurin in Frankfurt. Die Geschichte der Entstehung ihres Romans liest sich selbst wie erfunden: Grundlage des Buches sind Tagebücher und Aufzeichnungsbände der Frauen ihrer Familie, für die Urgroßmutter Margarethe eigens einen Kirschholzschrank anfertigen ließ, der samt Inhalt an die jeweilige Tochter vererbt wurde. Als sie diesen Erinnerungsschrein mit dem Tod ihrer Mutter erbte, übernahm sie den Schatz als Auftrag, daraus etwas zu machen. "Selten hat uns ein Debütroman quer durch alle Abteilungen so lichterloh entzündet", schreibt Hanser-Verleger Jo Lendle über das Manuskript, das von einer Verlagsmitarbeiterin ins Haus gebracht wurde und binnen kurzem alle begeistert hätte. "Es ist unmöglich, 'Unerwünschte Töchter' zu lesen, ohne über die eigene Familiengeschichte nachzudenken. Und über sie sprechen zu wollen. Die beste Literatur ist die, die Gespräche auslöst", meint er und lädt dazu ein, "diesem Buch zu verfallen".

Das will einem freilich nicht so recht gelingen. Denn das vom Verlag als "episch und epochal" beschriebene "Meisterwerk" entpuppt sich als weitgehend konventionell beschriebene Familiengeschichte, die zwar mit ihrer konsequent weiblichen Perspektive besticht, stilistisch aber keineswegs überzeugt. Mit gelegentlichen Einsprengseln aus dem übernommenen Original-Material werden stark von den jeweiligen Zeitumständen geprägte Frauenschicksale beschrieben, bei denen Männer dennoch eine zentrale Rolle spielen. Das Warten auf den "Richtigen", der Umgang mit Bewerbern, die oft keine lauteren Absichten oder nicht die geeigneten Voraussetzungen zu haben scheinen, die Überlegungen, ob man "zu ihnen aufschauen" oder doch sich "auf Augenhöhe austauschen" möchte, später ihr Versagen als Familienväter - all' das scheint sich regelmäßig zu wiederholen. Auch dass sich die Frauen meist als minderwertig, hässlich oder zweitrangig empfinden und mit ihrer psychischen Labilität den schwachen Männern zu wenig entgegenhalten können, ist ein wiederkehrendes Motiv.

"Unerwünschte Töchter" erzählt mit viel Herz von viel Schmerz, besticht trotz fiktionaler Elemente mit seinem Drang zur Wahrhaftigkeit, bleibt aber meilenweit hinter dem zurück, was Autorinnen (und Autoren) stilistisch auch auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahrzehnten mit mehr oder weniger großem Erfolg versucht haben. Die immer wieder aufs Neue gestarteten Emanzipationsbestrebungen, von denen Miriam Carbe erzählt, hätte man gerne in der Form wiedergefunden. So bleibt der Roman vor allem ein Zeitdokument. Eines allerdings, das ohne Zweifel auf mancher Bestsellerliste landen wird.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Miriam Carbe: "Unerwünschte Töchter", Hanser Verlag, 576 Seiten, 26,80 Euro)

MÜNCHEN - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/Hanser Verlag

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER