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Täglich kommen zahlreiche Touristinnen und Touristen in die Mengstraße und bleiben vor dem weißen Haus mit der markanten Fassade stehen, machen Fotos – und ziehen dann ratlos wieder ab. Beim Informationsschild am Fenster wurde der Zeitpunkt der Wiedereröffnung des Buddenbrookhauses bereits überklebt. 2030 steht dort jetzt auf rotem Grund. Das schmerzt gerade an diesen Tagen. Denn Lübeck feiert 125 Jahre Buddenbrooks nicht nur mit einer großen Ausstellung, sondern auch mit Lesungen und vielen weiteren Aktionen.
Mit der Ausstellung "Family Affairs. 125 Jahre Buddenbrooks" will das Museum im Jubiläumsjahr zeigen, was Familien zusammenhält – im Guten wie im Schlechten – und welche Hoffnungen und Wünsche auf ihnen lasten. Gezeigt wird die Ausstellung ab 29. Oktober im St. Annen-Museum, das gewissermaßen als Ausweichquartier für das Buddenbrookhaus dient. Dargestellt werde das an den zentralen Figuren im Roman, erklärt Heuer. Zum Beispiel an Thomas Buddenbrook, dem Firmenerbe, der durch seine Rolle "wahnsinnig unglücklich" wird. Oder an Toni Buddenbrook, die nicht heiraten darf, wen sie möchte, weil es "standesgemäß" sein soll.
Immer noch könne man unglaublich viel von der Lektüre des Buchs lernen, sagt Heuer. Die wichtigste Botschaft für sie sei: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Man sehe in "Buddenbrooks" das Ringen der Figuren mit Erwartungen der Gesellschaft, der Familie. "Alle versuchen sie, den anderen zu genügen, und alle scheitern sie kolossal damit. Entweder werden sie krank oder verrückt, unglücklich oder sie sterben."
Es ist die Geschichte vom Niedergang einer Kaufmannsfamilie, mit der Thomas Mann auch Lübeck ein literarisches Denkmal setzte. Zum 150. Geburtstag Manns im vergangenen Jahr erinnerte in einem Festakt auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an das Werk, in dem Mann literarisch seiner eigenen Herkunft, seiner Familie und seiner Vaterstadt Lübeck so nahe komme wie später nie mehr.
Der Grund für die Bauverzögerung des Buddenbrookhauses: Nach einem Streit um die Umgestaltung der denkmalgeschützten Kellergewölbe hatte die Lübecker Bürgerschaft den bereits beschlossenen Umbau im Jahr 2023 gestoppt, was eine große Um- und Neuplanung notwendig machte. Das sorgte bundesweit für Schlagzeilen. "Was ist in Lübeck los?", fragten Autoren in den Feuilletons überregionaler Zeitungen.
"Es war wirklich ein Imageschaden. Wir haben das auch daran bemerkt, dass Spender und Stiftungen plötzlich sehr reserviert waren", sagt Heuer rückblickend. Sie hoffe und glaube aber, dass man "die Kurve gekriegt" habe. Auch dadurch, dass Lübeck im vergangenen Jahr den 150. Geburtstag von Thomas Mann so groß gefeiert habe.
Das Buddenbrookhaus ist jetzt komplett entkernt und wird für den Rückbau aller nicht denkmalgeschützten Teile vorbereitet, der im März 2027 beginnen soll. Das Gebäudemanagement der Stadt spricht von einer Wiedereröffnung im Jahr 2031. Weitere Verschiebungen seien zurzeit unwahrscheinlich, aber eben auch nicht auszuschließen.
Das Land wolle den Umbau weiterhin wie geplant mit 19,2 Millionen Euro fördern, erläutert Heuer. Die Gesamtkosten lägen wegen der Umplanungen aber nicht mehr bei 30 Millionen, sondern bei 42 Millionen Euro. Vor allem der Bund finanziere die Maßnahmen des Museums in den Jahren Bauzeit. Heuer: "Ohne dieses Geld stünden wir hier vor der Vollkatastrophe."
Während der langen Schließzeit stehe den Gästen nun der Museumsshop "Buddenbrooks am Markt" offen. Hier sei auch der Ausgangspunkt für literarische Führungen. Heuer: "Unsere Veranstaltungen zu Buddenbrooks sind fast alle ausverkauft. Wir machen Lesungen in der ganzen Stadt. Wir merken einfach, die Stadt schätzt diesen Roman sehr."
Nicht nur in Lübeck ist Thomas Manns Roman auch nach 125 Jahren noch ungemein beliebt. "Nach unserem Kenntnisstand liegt die Schätzung zu den verkauften Exemplaren bei etwa 10 Millionen", sagt Julia Giordano, die Sprecherin des Verlags S. Fischer auf dpa-Anfrage. "Die Resonanz von Presse und Publikum auf alle unsere Neuerscheinungen und Neuausgaben des vergangenen Jubiläumsjahres von Thomas Mann war überwältigend und hat die große Bedeutung des Autors wieder einmal deutlich gemacht", fügt sie hinzu.
