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Leben mit Gesichtsblindheit: "Prosopon" von Anna Felnhofer

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Anna Felnhofer legt ihren zweiten Roman vor
©APA, GERD EGGENBERGER
Viel Lob für ihr "Vermögen, die Dinge in lakonischer Konzentration auszudrücken", erhielt Anna Felnhofer 2023 in Klagenfurt für ihren Text "Fische fangen" von Juror Philipp Tingler. Es sei die "nicht moralisierende Unaufdringlichkeit, die diesen Text zu einem großen Erlebnis macht". Den Bachmann-Preis verpasste die 1984 geborene Wienerin nur um Haaresbreite. Aus dem am Ende mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichneten Text ist nun ein Roman geworden: "Prosopon".

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"Prosopon" ist der zweite Roman der Autorin und Klinischen Psychologin. Felnhofers 2021 erschienener Debütroman "Schnittbild" stand beim Österreichischen Buchpreis auf der Shortlist für den Debütpreis und wurde mit dem Franz-Tumler-Literaturpreis ausgezeichnet. In ihrem Buch "werden diagnostische Verfahren in eine poetische Sprache übersetzt", befand Daniela Strigl damals in ihrer Laudatio. "Auf der Suche nach einer Wirklichkeit, die nie als eindeutige zu haben ist, beschreibt der Roman ohne zu urteilen und verbindet auf faszinierende Weise Analyse und Verständnis für Lebensläufe, die aus der Spur geraten sind." Ganz Ähnliches ließe sich nun auch über "Prosopon" sagen.

"Ein Buch zu lesen schafft ein Erlebnis der Inversion und ermöglicht einen Perspektivenwechsel, das Schlüpfen in eine Rolle", hat Felnhofer vor drei Jahren in einem APA-Interview festgestellt, und dies ermöglicht auch "Prosopon" ohne Zweifel. Der Titel leitet sich von einer klinischen Störung ab, bei der Betroffene große Schwierigkeiten haben, Gesichter zu erkennen und zu unterscheiden. Diese Gesichtsblindheit, medizinisch Prosopagnosie genannt, hat für die Betroffenen etwas Gespenstisches an sich.

"Jedes Mal, wenn er ein Gesicht betrachtete, war da zunächst immer nur ein Mund ohne Gegend", heißt es einmal. "Nichts als Versatzstücke waren sie. Mund, Nase, Augen. Jedes für sich und niemals im Verbund. Ein Mund aber, das wusste er, machte noch keine Person." Auch jene, die von einer an Gesichtsblindheit betroffenen Person angesehen werden, packt bald ein Unbehagen. Es ist ihnen, als würden sie nicht wahrgenommen werden, als sehe ihr Gegenüber durch sie hindurch. Treffend ist auf dem Buchcover daher ein Bubenkopf abgebildet, mit Konturen, Ohren, dunklem Haarschopf, aber ohne Augen, Nasen und Mund: Das Gesicht ist eine wie ausradierte Fläche.

Bei der Lektüre von "Prosopon" denkt man unwillkürlich an Birgit Birnbachers vor wenigen Wochen erschienenen Roman "Sie wollen uns erzählen", in dem ein Bub mit ADHS und seine ebenfalls sprunghaft emotionale Mutter im Mittelpunkt stehen. Wie Birnbacher schafft es auch Felnhofer, eine Welt zu schildern, die aus anderen Wahrnehmungselementen zusammengesetzt wird als wir es gewohnt sind. Und wie bei ihr steht auch eine Eltern-Kind-Beziehung im Zentrum. In "Prosopon" ist es Jakob, der gesichtsblinde Vater, und sein Sohn Finn.

Diese extrem fragile Beziehung zwischen dem lebhaften, ja kaum zu bändigenden Buben und seinem Vater, der trotz aller Bemühungen kaum eine Chance hat, in einer Gruppe von Kindern seinen eigenen Sprössling herauszufinden, wird von Finns Mutter vom Ende her erzählt, von einem Autounfall beim Abholen nach der Schule, der als nie ganz gelöstes tödliches Rätsel über allem schwebt. Jakobs ganze Existenz ist extrem exponiert - und Anna Felnhofer unternimmt auch kaum etwas, die Dinge zu glätten und erträglicher zu machen.

"Prosopon" ist daher keine einfach nacherzählte Lebensgeschichte, und die Zusammenhänge jener von Perspektivenwechseln und Zeitsprüngen geprägten Bruchstücke, in der mehrfach märchenhafte Geschichten eingearbeitet sind, muss sich jeder und jede selbst erarbeiten. Ob sie dann ein großes, gemeinsames Ganzes ergeben, hängt wohl von vielen persönlichen Faktoren ab. Felnhofer schafft damit wohl nicht absichtslos auch in der Lektüreerfahrung ein Abbild dessen, wovon sie erzählt: Wie geht Verbindlichkeit ohne Vertrauen, wie geht Orientierung ohne feste Anhaltspunkte?

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Anna Felnhofer: "Prosopon", Luftschacht Verlag, 260 Seiten, 24 Euro)

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