Vor 18 Jahren verlor Barbara Pachl-Eberhart ihren Mann und ihre Kinder. Der Film „Vier minus drei“ erzählt vom Unvorstellbaren, vom Glück und vom Schmerz. Platz für beides ist entscheidend am Weg zum Glück. Pachl-Eberhart erzählt vom Gelingen.
Davor war Glück für Barbara Pachl-Eberhart die absolute Abwesenheit von Unglück. Ein Zustand, in dem nichts belastet. „Heute ist Glück, wenn ich spüre, dass ich lebendig bin“, sagt die 51-Jährige. „Wenn ich das Gefühl habe, mit allem zurechtzukommen, was mich bewegt und belastet. – Und das Vertrauen darauf, dass sich alles Komplizierte lösen wird.“
Ihr Glücksbegriff hat sich erweitert nach dem Tag, an dem Pachl-Eberhart vor bald 18 Jahren ihren Mann und die beiden gemeinsamen Kinder verloren hat. Auf die Frage nach ihrem Leben heute sagt sie: „Extrem glücklich. Es war ein langer Weg, bis ich mich getraut habe, das zu sagen.“
Das Wetter ist gerade wie damals vor 18 Jahren. Wenn es langsam Frühling werden will, wenn der Himmel blau ist, und es trotz steigender Temperaturen mal wieder schneit, erinnert sich etwas in Barbara Pachl-Eberhart an damals. „Ein Teil von mir liegt dann wieder bei meiner Freundin im Bett und wird mit Thermophor versorgt. Wenn das Wetter wechselt, weiß ich, es kommt eine Zeit, in der ich ein bisschen auf Eierschalen gehe. Dann passe ich gut auf mich auf“, sagt sie.
Wie lässt man das Glück neben dem Schmerz ins Leben? Filmemacher Adrian Goiginger beschreibt in der beeindruckenden Verfilmung von Pachl-Eberharts Bestseller „Vier minus drei“ die ersten Schritte der damals 33-Jährigen im Umgang mit dem Unvorstellbaren: dem Unfall bei einem unbeschrankten Bahnübergang, der ihr Leben mit Mann Heli, dem leidenschaftlichen Clown, und den Kindern Thimo und Fini beendet. Der ihrem Leben als Mutter, als Ehefrau und – etwas später – auch ihrem beruflichen Leben als Clownin ein Ende setzt. Die ihr anhaftende Tragödie verunmöglichte für Außenstehende, den Traumberuf bei den Roten Nasen Clowndoctors weiter auszuüben.
Wie findet man sich wieder, wenn alle Identifikationsflächen wegfallen?


Barbara Pachl-Eberhart im Interview mit News-Redakteurin Lisa-Ulrich Gödel
© Matt Observe„Unser Leben war Freude“
Als ihre heute neunjährige Tochter Erika erstmals nach den Kindern im Fotoalbum fragte, sagte Barbara Pachl-Eberhart, das seien auch ihre Kinder. Eine nächste Nachfrage beantwortete sie mit der Erklärung, sie seien im Himmel. Wenn Erika heute fragt, warum die Mutter nicht mehr traurig sei, sagt sie: „Ich war schon so viel traurig. Jetzt bin ich mehr froh über das, was ich gehabt habe, als über das, was ich verloren habe.“
Ihre Tränen lösten sich bei der Kinopremiere von „Vier minus drei“ im Rahmen der Berlinale beim Abspann. Er verwies darauf, wo sie heute steht: Mutter, seit 2024 in dritter Ehe glücklich verheiratet, erfolgreiche Autorin und Schreibtrainerin. Ihr Mann, der Lyriker und Romanautor Thomas Sommer, hielt ihre Hand. Es waren Tränen über das Verlorene, wie über das Geglückte. „Unser Leben war eines, das sich der Freude zugewandt hat, dem Spaß und dem Lachen. Für mich war das schönste Erbe, unsere Werte zu suchen und weiterzuleben“, sagt Barbara Pachl-Eberhart.
Das Anderssein und sein Trost
Die ersten Jahre nach dem Unfall beschreibt sie nicht als heroischen Marsch durch die Finsternis. „Ich habe mir lange nur beim Leben zugeschaut und versucht, die Vergangenheit festzuhalten, damit ich möglichst nicht spüre, was fehlt“, sagt sie. Die Gefühle kommen in Dosen, die man nehmen kann, hat sie gelernt. Der eigentliche Heilungsprozess sei es, sich immer neu aufs Leben einzulassen, mit allen komplexen Gefühlen.
Er führte auch über das Aufschreiben ihres Wegs im Bestseller „Vier minus drei“. Pachl-Eberhart hat vier weitere Bücher geschrieben und unterstützt als Schreibtrainerin heute Menschen dabei, ihr Leben in Worte zu fassen. Sie hat sich selbst aus der Opferrolle geschrieben. Das Schreiben half, die Deutungshoheit über das Leben zurückzuerlangen. Sie hat erlebt, wie Betroffene nach einem Schicksalsschlag als Leidende wahrgenommen werden.
„Da gibt es ganz natürlich so etwas wie einen Mitleidsbonus. Wenn du plötzlich nicht mehr wie alle anderen bist, hast du nur noch das Anderssein. Du wirst geschont und das ist eine Zeit lang ein Trost“, erklärt sie. Es ist ein unbequemer Gedanke: dass in diesem Anderssein, der Opferrolle, auch ein Gewinn liegen kann. Erlaubt man sich diesen Gedanken, macht er frei für die Frage, ob man das für sich möchte.
„Es gibt Menschen, die in dieser Rolle bleiben, die nicht wieder auf den Lebenszug aufspringen können. Mein Weg war es nicht“, sagt Pachl-Eberhart. Unzählige Stunden Therapie führten zu Erkenntnissen wie dieser. Mit dem überwältigenden Schmerz in Therapie zu gehen, ihn nicht nur in der Familie oder im Freundeskreis zu klären, ist ihr großer Rat an Trauernde.
Die heilsame Art des Schreibens
Erkenntnisse, Gedankengänge, Zusammenhänge hat sie in Folge aufgeschrieben. Es war kein anklagendes Tagebuchschreiben. „Das hat für mich nichts gelöst. Das hat keinen Sinn ergeben“, sagt sie. „Erst, wenn es für mich geordnet und friedlich war, habe ich es niedergeschrieben.“
Der Zugang erinnert daran, wie sie dem Leben als Clowndoctorin begegnet ist. „Wir haben immer gesagt: Wenn wir in ein Zimmer gehen, schauen wir nicht auf das Kranke oder auf das Verletzte. Darauf schauen eh alle anderen. Wir schauen auf das Gesunde, auch wenn wir es manchmal suchen müssen.“
Im Film „Vier minus drei“ sagt Pachl-Eberharts Mann Heli, gespielt von Robert Stadlober: „Ein Clown zeigt dir, dass nicht nur das eine richtig ist.“ Er wirkt wie ein Schlüsselsatz zum Begreifen des Wegs in ein geglücktes Leben. „Er stammt aus der Kultur der indigenen Völker Nordamerikas. Vom sogenannten Gegenteiler-Clown, dem Heyoka“, erklärt Pachl-Eberhart. „Seine Aufgabe ist es, Normen umzudrehen. Er macht das Gegenteil von dem, was alle machen. Dadurch entstehen Möglichkeiten. Gedanklich tut das gut: Sich zu überlegen, wie könnte ich denn noch reagieren? Muss ich nach einem Schicksalsschlag für eine bestimmte Zeit in Sack und Asche versinken? Bedeutet er, ich darf nur mehr weinen?“ Es sind Gedanken, die Räume öffnen.
Liebe klappt nicht, wenn du den schmerzhaften Teil von dir abspaltest. Liebe klappt nur, wenn der Schmerz auch seinen Platz hat

Eine neue Liebe
Vier Monate nach dem Verlust ihrer Familie fand Barbara Pachl-Eberhart mit Schauspieler Ulrich Reinthaller wieder die Liebe. Und erntete von Fremden viel Unverständnis. „Der Schluss wurde gezogen: Wenn sie nicht lange genug trauert, kann die Beziehung nicht so glücklich gewesen sein“, erinnert sie sich. „Dabei sagt die Wissenschaft genau das Gegenteil: Trauerprozesse verlaufen gerade nach glücklichen Beziehungen unkomplizierter als nach problembehafteten Beziehungen.“ Es sei zudem gar nicht selten, dass Trauernde sich rasch wieder verlieben, sagt sie.
Das ist aber nur ein Teil des Gelingens einer neuen Liebe. Der größte Teil liegt darin, dass der Verlust bleiben darf. „Liebe klappt nicht, wenn du den schmerzhaften Teil von dir abspaltest. Liebe klappt nur, wenn der Schmerz auch seinen Platz hat“, erklärt sie. Mit Ulrich Reinthaller, der ihr zweiter Ehemann wurde, sprach sie früh über ihre Wunden – und über seine. „Wir haben uns natürlich übereinander gefreut, aber wir haben nichts weggeschoben und es war keine ständig jubelnde Liebe.“
Gretchenfrage „Kind“
Eingelassen habe sie sich auf den neuen Mann in ihrem Leben, weil sie damals rasch wieder ein Kind wollte, Tochter Fini zurückholen, klärt sie ungeschönt. Der im Film zugespitzt dargestellte One-Night-Stand-Versuch, sei zwar so nicht passiert, erzählt sie, aber der Wunsch sei übermächtig gewesen. „Zuerst habe ich mich sicher aus dem Gedanken heraus geöffnet, dass ich für ein Kind einen Mann brauche. Dann kam der Ulrich. Und ich habe mich verliebt.“
Viel Glück habe sie gehabt mit diesem Mann und seiner Fähigkeit die komplexen Gefühle dieser Zeit mit ihr zu leben, sagt sie. Sie heirateten, obwohl sich Reinthaller gegen eine schnelle Schwangerschaft wehrte. „Die Frage, ob ich nur ein Kind wolle oder wirklich Beziehung, war eine entscheidende Frage zwischen uns. Mir hat sie klargemacht, dass ich diese Beziehung will.“ Eine Entscheidung für die Gegenwart.
Sie ging mit der Erkenntnis einher, dass kein Kind als „wiedergeborenes Kind“ zur Welt kommen sollte. „Ulrich hat damals an einem Theaterabend über Rilke gearbeitet. Der war ein wiedergeborenes Kind: Nach dem Tod seiner Schwester wurde er als Kleinkind in ihre Rolle gedrängt“, erzählt Pachl-Eberhart. „Das wollte ich auf keinen Fall.“
Erika kam 2017 als „riesige, wunderschöne Überraschung“ in die Welt der damals 43-Jährigen: „Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass ich noch fruchtbar bin. Sie ist in mein Leben gehüpft und ich bin wahnsinnig dankbar.“
Das Ringen und das Loslassen
Adrians Goigingers filmische Erzählung über Pachl-Eberharts Erfahrung endet mit einem intensiven langen Bild des verzweifelten Ringens und des erlösenden Loslassens. „Das ist ein aktiver Prozess“, betont Pachl-Eberhart. „Loslassen ist kein magischer Moment. Das passiert nicht plötzlich. Dafür muss man etwas tun.“ Sie beschreibt unzählige kleine Schritte: „Den Wunsch ,Ich will um jeden Preis ein Kind!‘ kann ich erst loslassen, wenn ich überlege, wie könnte ein Leben ohne Kind ausschauen? Es hilft, sich Alternativen auszumalen. Gibt es irgendetwas, was mich zufrieden machen könnte? Meine erste trotzige Antwort war: Bei mir läutet jetzt kein Wecker mehr!“
Wenn du Gefühle zulässt, beginnen sie sich zu verändern. Dann verwandelt sich harte, stechende Traurigkeit in warme, befreiende Tränen
Nächste Schritte führten sie ins Zerlegen des Wunschs: Was bedeutete „ein Kind“ konkret? Lachen, Schmusen, Verwöhnen waren Antworten. Dann die nächsten Fragen: Was davon ist auch anders zu erfüllen? Wo muss ich akzeptieren, dass etwas unwiederbringlich verloren ist?
„Erst, als ich den Verlust konkret benennen konnte – den Geruch eines Kinderkopfs, das Gewicht eines kleinen Körpers im Arm –, habe ich wirklich trauern können. Dann kannst du den Schmerz mit warmen Tränen spüren. Dann gelingt das Befrieden, das Akzeptieren“, sagt sie. Erst mit der Akzeptanz käme das Loslassen.
„Das größte Problem ist gar nicht, dass dich ständig die Gefühle übermannen, sondern, dass du viel zu schnell wieder funktionieren musst und die Gefühle wegräumst. Dann musst du suchen, wie du wieder an sie herankommst“, erinnert sie sich. „Gefühle sind etwas Magisches. Solange du sie wegschiebst, werden sie immer größer. Wenn du sie zulässt, beginnen sie sich zu verändern. Dann verwandelt sich harte, stechende Traurigkeit in warme, befreiende Tränen.“
Zwei Inseln, ein Leben
Ein Bild, das ihr gefällt, stammt aus einem psychologischen Modell: die zwei Inseln der Trauer. Die eine steht für die Vergangenheit, die Erinnerungsarbeit, Weinen und Rückzug. Die andere Insel steht für die Zukunft, den Alltag, die Pläne und neue Beziehungen. Am Anfang, sagt sie, werde man zwischen diesen Inseln hin und her geschleudert. Später lerne man, Brücken zu bauen. Ein gelungener Trauerprozess bestehe darin, selbstbestimmt und „relativ trockenen Fußes“ zwischen ihnen wandern zu können.
Wie in den Tagen, in denen das Wetter wechselt. Dann ist Glück kein Zustand, der Unglück ausradiert. Dann ist der Glücksbegriff gewachsen.
Der Film:
Vier minus drei Filmemacher Adrian Goiginger schuf nach dem autobiografischen Roman von Barbara Pachl-Eberhart ein Drama über Trauer, Erinnerung und die bedingungslose Sehnsucht nach Glück.
Valerie Pachner liefert als Barbara - an der Seite eines großartigen Robert Stadlober als Heli (beide s. o.) - eine Performance von seltener Dichte: präsent im Schmerz, fragil im Glück, würdevoll und pathosfrei.
„Vier minus drei“ ist Preisträger des Label Europa Cinemas 2026 und erreichte Platz 2 des Panorama Publikums-Preises in der Kategorie Spielfilm der Berlinale.
Kinostart: 6. März
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.







