Mit der Welt im Clinch, stellt Wolfgang Grinschgl in seiner Kunst die Individualität infrage: Was steckt hinter Mensch und Persönlichkeit? Seine physiognomische Dekonstruktion schafft Raum zur Interpretation und eröffnet den Blick hinter Fassaden – ein Ergründen menschlicher Topografien jenseits der Oberfläche
Atelierbesuch bei Wolfgang Grinschgl
© VGN | Osama Rasheed
„Mein Traum ist es, die Welt zu verbessern“, übersetzt Wolfgang Grinschgl die vorangegangene Modulation kurzer, prägnanter Silben in fremder Sprache. „Chinesisch“, bestätigt er die Vermutung. 2021 hat er begonnen, die Sprache im Selbststudium zu erlernen – „unglücklich verliebt“, begründet er seine dahingehende Ambition. In eine Chinesin. „Der Versuch des Erlernens der Sprache hat mir dabei geholfen, vom Emotionalen ins Rationale zurückzufinden.“ Ein Anstoß für ein ohnehin lange geplantes Vorhaben – „den Klang der Sprache habe ich immer schon geliebt“, relativiert er. 200 Sätze umfasst sein Repertoire mittlerweile. Zum Bestellen im Restaurant reiche es aber noch nicht. Schmunzelnd fügt er hinzu: „Ich habe mich auf die wirklich wichtigen Sätze fokussiert.“ Und legt sogleich in chinesischer Sprache nach: „Dieses Jahr möchte ich meinen Geburtstag nicht feiern – ist etwa einer davon.“
Doch dahinter steckt Ernsthaftigkeit. Wirklich wohlgefühlt, habe er sich hier, auf dieser Erde, nämlich nie. Von der Welt schockiert, wird die Malerei früh zu Grinschgls sicherem Zufluchtsort – zu einem „mentalen Paradies“. Bis heute ist sie Anker in schweren Zeiten geblieben. „Die Wiedergabe der Realität, wie ich sie sehen will, hatte für mich bereits in Kindheitstagen enormes Potenzial.“ Rasch entwächst er den für Kinder typischen Kritzeleien und entdeckt ein ihm innenwohnendes Talent realistischer Replikation. Die Malerei wird zur treibenden Kraft in seinem Leben.
Kunst als Ausweg
Zunächst erlernt der gebürtige Steirer in der Grazer Ortweinschule den Beruf des Grafik-Designers. „Für das Handwerk bedarf es jedoch der Fähigkeiten eines normalen, vernünftigen Menschen“, leitet er zu seinem persönlichen Resümee über: „Ein solcher bin ich einfach nicht.“ Smalltalk sei kein integraler Bestandteil seines Naturells, für den Job aber obligat. „So habe ich für mich letztlich keinen anderen Ausweg gesehen, als Künstler zu werden.“
Der Illusion, durch die Kunst in einer völlig fremden, vielleicht besseren Welt zu leben, folgt Ernüchterung: „Ich bin immer noch tagtäglich damit beschäftigt, meinen malerischen Zufluchtsort – mein Heiligtum – aufrechtzuerhalten.“ In der Branche und damit am Markt zu partizipieren und folglich bestehen zu können, gleiche einer herkulischen Aufgabe. Es bedarf einer gewissen Durchsetzungskraft, die sich Grinschgl nicht gerade ans Revers heften würde. Dennoch ist die Durchsetzung seines Werks gelungen. „Aus mir unerklärlichen Gründen“, lacht er. „Vielleicht ist es einfach meine unverblümte Ehrlichkeit.“ Eine Ehrlichkeit, die ihn als Person aber auch seine Kunst auszeichnet.


Seine typische Bildästhetik verdankt Grinschgl der Ölmalerei, die aufgrund ihrer malerischen Eigenschaften ein Spannungsfeld zwischen den unterschiedlichen Bild- und Farbebenen erzeugt und damit zum Sinnbild der Vielschichtigkeit des Menschen wird. Der dunkle Raum ist Inkubator seiner Wesen
Der Mensch im Zentrum
Der Geltung wegen zieht Grinschgl, ohne das vorher jemals beabsichtigt zu haben, in die Bundeshauptstadt. „Meine erste kommerzielle Wiener Galerie meinte, es sei wichtig, hier angesiedelt zu sein.“ Sein Stainzer Atelier auf dem Heuboden des Hofs der Familie gibt er indes nicht auf – „mittlerweile verbringe ich auch wieder mehr Zeit auf dem Land“. Eine Auszeit, die es braucht. Die Stadt brenne ihn zu sehr aus. Dabei bekommt man vom Wiener Rauschen in seinem Atelier trotz zentraler Lage kaum etwas mit. Über eine Treppe gelangt man in das Souterrain des imposanten Gründerzeithauses – hinter einer versperrten Türe liegt Grinschgls Wohn- und Wirkungsstätte. Die karge Einrichtung spiegelt wider, dass er die letzten zehn Jahr über nie ernsthaft beabsichtigt hatte, dauerhaft hier sesshaft zu werden.
Hier unten führe er ein recht eigenbrötlerisches Leben. „Das stört mich aber keinesfalls.“ So könne er sich ganz dem widmen, wofür er brennt – die Malerei. Außerdem ist man in Grinschgls Atelier ohnehin eines gewiss nie: allein. Man ist umringt von klein- und großformatigen Leinwänden, die einem im schwach gedimmten Licht vom alten Gemäuer aus entgegenblicken. Im Hintergrund läuft Musik der britischen Indie-Rockband „Lanterns on the Lake“. Stolz zeigt er das Cover des Albums „Versions of us“, das sich nahtlos in die Arbeiten an den Wänden einfügt. „Hat sich auf Instagram ergeben“, erzählt er. Das Vinylcover zeigt ein Gesicht. Denn Grinschgl ist ein Mann der vielen Gesichter. Nicht aufgrund irgendeines vermeintlich stilpluralistischen Zugangs: Seit seinen künstlerischen Anfängen als Kind ist die figurative Menschdarstellung in seinem Œuvre – von thematischen Ausreißern in die Landschaftsmalerei, die er sich trotz aller künstlerischen Stringenz, als eine Art malerischen Ruhepol, herausnimmt – immanent.
Ein Protest gegen das Schöne
Die frühe Ablehnung dieser Welt setzt bei Grinschgl eine künstlerische Genese in Gang: „Ich wollte nie als Mensch auf dieser Welt sein – es war mir verhasst, mich als solcher definieren zu müssen. Das hat in mir eine immerwährende Suche nach menschlicher Variabilität in Gang gesetzt.“ Das Konterfei als Leitmotiv seiner Arbeit, als Ausgangspunkt seines künstlerischen Experiments, war für ihn das Naheliegendste: „Ein Gesicht ist jedem dermaßen geläufig, dass man bereits die kleinste Verzerrung sofort wahrnehmen würde – bei anderen Gegenständen funktioniert das nicht.“ Die sich daraus ergebende menschliche wie künstlerische Grenzenlosigkeit gilt es für ihn auszuloten.
Getrieben von Fragen wie „Was bedeutet es, Mensch zu sein?“ und „Existiere ich als solcher überhaupt wirklich oder ist alles bloß Einbildung?“, ergründet er die übergeordnete Frage nach Individualität – ein Kartografieren menschlicher Topografien. Seine Kunst ist ein Aufbegehren gegen die gesellschaftliche Vorstellung, wie ein Gesicht auszusehen hat. Mittels gestischer Pinselhiebe und verwischter Farbflächen abstrahiert und dekonstruiert Grinschgl die Gegenständlichkeit seines ursprünglichen Motivs und protestiert so gegen das Schöne in der Kunst. Es ist eine Abwehr der im Hochglanz propagierten Normen – hin zu einem intimen, nicht akzeptierten Menschenbildnis. In der Verzerrung seiner Darstellung sucht er abseits vermeintlicher Perfektion, im Undefinierbaren, eine neue Form von Schönheit – Schönheitsfehler sind dabei nicht bloß erlaubt, sondern gewollt.


In seinen weiß-verschleierten Arbeiten exponiert Grinschgl bewusst – er zeigt Verletzlichkeit und die damit einhergehende Zerstörung
Der Blick hinter die Maske
Sie passieren nicht, sie sind geplant: Grinschgls Kunst folgt einem intellektuellen, geradezu philosophischen Ansatz. Durch das Entfernen physiognomischer Gesichtsmerkmale wie Augen, Nase, Ohren und Mund – die bewusste Zerstörung einer Fassade, das Demaskieren – entfremdet er seine Protagonisten. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, handelt es sich dabei um Selbstporträts, die ihm als motivische Grundlage und als Gerüst für den Bildaufbau dienen. „Ich würde es mir nicht anmaßen wollen, andere Menschen zu dekonstruieren und zu entstellen – ich will mein Thema nicht ins Beliebige fortpflanzen.“ Außerdem habe er Angst vor der Verzerrung seiner künstlerischen Grundidee.
Die Verzerrung seiner geheimnisvollen Wesen ist hingegen programmatisch. Von der Gegenständlichkeit ausgehend, abstrahiert er. „Irgendwann erreicht die Abstraktion einen Punkt, der in der figurativen Malerei nicht erreicht werden kann – sie lässt sie hinter sich“, holt er aus. „Im Grunde genommen sind es zwei Pole, die einander widersprechen.“ Die größte Kunst sei es demnach, diese Extremen miteinander zu verschmelzen – sie auf einen Nenner zu bringen. Tut sich im Malprozess Konkretes auf, wird es durch Repetition aufgelöst: „Ein roter Mund ist dann etwa abseits seiner natürlichen Verortung wiederkehrend im Motiv zu erkennen“, erklärt er seinen Zugang. Ähnlich des Prinzips der Zellteilung, die Grundlage allen Lebens.
Auflösung, Leere, Rätsel
Als Inkubator seiner „lebensunfertigen Wesen“ – die sich für den Künstler in einer Art embryonalem Stadium befinden – dient meist der dunkle Bildraum. „Für die Entwicklung des Lebens braucht es ebendiesen Schatten der Dunkelheit – bekäme eine Pflanze etwa zu früh Licht, würde sie sterben.“ Den Gegenpol bilden weiß-verschleierte Arbeiten: „Ich male das Licht bewusst hinein, um durch Exponiertheit die Verletzlichkeit meiner Protagonisten und damit die so angestoßene gesellschaftliche Zerstörung zu thematisieren.“ Wohin sich das Gemalte und damit seine Protagonisten entwickeln, ist während des Schaffensprozesses nicht klar. „Der Ausgang soll offenbleiben, das Unfertige ist gewollt.“
Grinschgl möchte, um die Disruption seiner Gestalten weiter voranzutreiben, künftig ohne Fotovorlage, die bisher dem Aufbau eines Gerüsts diente, malen. „Zu malen ist ein Abenteuer, das umso mehr Freude bereitet, desto mehr man sich von sich selbst und allem anderen entkoppelt.“ Die Realitätsanbindung sei jedoch wichtig gewesen, um „einen Anker in der Realität zu setzen“ und so einen Ausgangspunkt zu schaffen. „Die Loslösung vom konkreten Motiv soll künftig die Auflösung in meinen Bildern fördern.“ Dieses Auflösen der Realität erzeugt Leere in Grinschgls gesichtslosen Gesichtern. Eine Leere, die abseits konkreter Interpretation ein Rätsel aufgibt. „Eine Art Gefäß, in das jeder hineinpassen soll.“ Denn des Rätsels höchst individuelle Lösung liegt in den Augen der jeweiligen Betrachtenden: Es ist die Projektion und Reflexion im Rahmen des Erlebten und damit des Möglichen. Der Beginn einer Suche, die – ebenso wie Grinschgls Bilder – kein Ende kennen soll. „Ich möchte an meine Bilder fesseln und am besten gelingt das, in dem ich deren Ausgang verweigere.“
KUNSTTIPP!
Eine große Auswahl an Werken von Wolfgang Grinschgl ist in der Grazer Galerie Bachlechner zu sehen. Ebenfalls vertreten wird er durch die Galerien artdepot, Roland Puschitz und Michael Kraut.







