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Spitzentöne: Latein – Aufstand gegen die Zwergenpartei

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Heinz Sichrovsky

©Bild: Matt Observe

Freilich gibt es in dieser Woche ebenso Wichtiges wie den beabsichtigten Bildungsabbau des leider zuständigen Ministers. Aber wie die Regionalpolitik dem Salzburger Festspielintendanten Hinterhäuser begegnet, entzieht sich bei Redaktionsschluss meiner Kenntnis. Also einmal noch zum pinken Bildungs-GAU.

Jetzt wollte ich Sie – Ehrenwort – mit Latein endlich in Ruhe lassen (mit meinem Matura-Dreier, unterboten noch durch den Vierer im geliebten Altgriechisch, könnte ich mir das absolut gestatten). Was will man denn mehr, als dass die Gymnasialdirektoren mit der intellektuellen und künstlerischen Elite des Landes einer Meinung sind?

Eine Publikumsumfrage auf der NEOS-Homepage, die mit 91 Prozent die Beibehaltung der Lehrpläne befürwortet hat, wurde vom Bildungsministerium zugunsten einer mit schwammigen Suggestivfragen operierenden Erhebung zum Verschwinden gebracht. Anderswo wäre schon das Anlass genug, den Amtsverbleib des Ministers infrage zu stellen. Aber nun erklärt Wiederkehr im Radio, er werde bestimmt „keinen Rückzieher machen“. Also: nochmals Latein, aber auf den gesellschaftlichen Gesamtbefund hochgerechnet.

Das Thema kommt mir auch insofern gelegen, als ein mindestens so großes schlagend wird, wenn ich im zwangsentschleunigten Druckerzeugnis nicht mehr reagieren kann: Wenn Sie das lesen, wissen Sie vielleicht schon, ob die Salzburger Regionalpolitik den Intendanten Markus Hinterhäuser ernsthaft behelligt hat (ich melde mich am 26. Februar gleich nach der Kuratoriumssitzung digital).

Pendant zu Hinterhäuser

Für Hinterhäuser haben sich zuletzt einige der bedeutendsten Künstler unserer Zeit und Mitglieder des betuchten Fördererkreises erklärt. Womit ich elegant zum Wiederkehr’schen Existenzdilemma zurückschwingen kann. Die Petition der Nobelpreisträger hat die 40.000 überschritten. Unterschreiben Sie trotzdem weiter, in bessere Gesellschaft (die Proponentenliste finden Sie unter der Petition) kann man kaum gelangen.

Umso befremdlicher, ja pubertärer, ist die Kommunikation seitens des Ministers und seiner Fraktion. Die Gymnasialdirektoren erklären Wiederkehrs Absichten für unsinnig? Der Minister wird „keinen Rückzieher machen“, obwohl ihm beide Koalitionspartner – in meinem Newsletter vielzitiert auch der rote Bildungssprecher Himmer – mitgeteilt haben, dass sein Vorhaben in der beabsichtigten Form nicht stattfindet.

Zeitgleich beschimpft der pinke Klubobmann Shetty die Gegner des Unterfangens pauschal als mumifizierte Lehrergewerkschafter. Man muss sich das vorstellen: Der große Shetty hat zwei Nobelpreisträger für Literatur und einen für Physik, Spitzenmediziner, einen Genetiker von Weltrang, die größten Schriftsteller des Landes, den Alt-Bundespräsidenten Fischer und den Altkanzler Vranitzky als Arbeitnehmervertreter identifiziert (abgesehen davon, dass es unverschämt ist, eine Interessenvertretung pauschal zu diffamieren, nicht zu reden von 40.000 Wählern).

Man sieht endlich nicht länger zu, wie eine Zwergenpartei folgenschwer Tatsachen schafft

Was jetzt passieren wird, ist klar: Der Minister hat die Bildungssprecher der Koalitionspartner eingeladen, um „Missverständnisse“ auszuräumen. Sie werden ihm sagen, dass weder der Latein- noch der Fremdsprachenunterricht angerührt wird. Er wird mitteilen, man sei auf gutem Weg, verhandle aber noch etwas. Und dann wird ein Arbeitskreis eingerichtet, an dessen grenzenlos fernem Ende (sofern ein Kreis ein solches überhaupt haben kann) Wiederkehr womöglich gar kein Minister mehr ist.

Denn als sich zuletzt ein Regierungsmitglied mit der eigenen Klientel angelegt hat, war die Amtszeit nach vier Monaten beendet. Mehr zum Schicksal der grünen Kulturstaatssekretärin Lunacek weiß die Suchmaschine Google.

Endlich wird diskutiert

Das Ganze war nichts als ein dilettantischer Versuch des Ministers, sich ein paar Populismuspunkte zu krallen (da gibt es Kompetentere). Aber der Nutzen ist doch unendlich groß, und zwar in zweierlei Hinsicht.

1) ist der beschämende Bildungsabbau, der seit der Jahrtausendwende das humanistische Grundgerüst zugunsten hirnlosen neoliberalen Funktionierens untergräbt, erstmals ein massentaugliches Thema.

Und 2) sehen jetzt viele, auch sehr einflussreiche, Österreicher nicht länger zu, wie eine Zwergenpartei folgenschwer Tatsachen schafft. Deutschland ist das warnende Beispiel.

Finanzminister Lindner (FDP, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Partei des hochgeachteten Hans-Dietrich Genscher) wurde an seinem asozialen Deregulierungsfuror glücklicherweise durch das Ende der Ampelregierung gehindert. Seine Partei ist heute in der Bedeutungslosigkeit versunken (wie hierzulande noch jedes liberale Experiment, schauen wir einmal, wie es dem LiF-Nachfolger nächstens ergeht).

Die NEOS sind nicht überflüssig

Die deutsche Außenministerin Baerbock (Grün, nicht zu verwechseln mit der großen Friedensfraktion der Siebziger-Achtzigerjahre) fuhr in der Ukraine-Krise einen aggressiven Militärkurs. Wer zumindest den Versuch des Verhandelns anmahnte (vor allem führende Intellektuelle und die ikonischen Gründer der Friedensbewegung), wurde als Putin-Knecht desavouiert.

Identische Signale setzt unser pinkes Baerbock-Pendant im Außenministerium. Aber das Verhandeln ist jetzt mehrfache europäische Position – auch Kanzler Stocker befürwortet es plötzlich. Wenn es nur nicht zu spät ist.

Klar können die NEOS bedenkenloser agieren als andere: Sie müssen ja nur ihrem winzigen Wählerpotenzial gefallen, und mehr werden es nicht. Wenn sie aber dann weg sind, so wie einst das LiF? Kein Schaden, meinen Sie? Sie übersehen, dass womöglich bald sämtliche wählbaren Kräfte gemeinsam regieren müssen, um die unwählbare zu verhindern.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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