Seine verstörenden literarischen Befunde über das Aufwachsen im vom Tourismus geplagten Tirol verschafften dem Schriftsteller Norbert Gstrein seine ersten Auszeichnungen. Das war in den Achtzigerjahren. Sein jüngster Roman „Im ersten Licht“ ist ein furioser Blick auf die Gräuel des 20. Jahrhunderts. Ein Gespräch über Schuld, Militarisierung und Bildung.
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Als sein Sohn Adrian alt genug war, um zum Dienst an der Front einberufen zu werden, versetzt ihm der Postbeamte Reiter aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Salzburg den „goldenen Hieb“. Mit der Axt zertrümmert der bekennende Sozialist und Kriegsgegner den Unterschenkel seines Sohnes. Adrian sollte sein Leben lang hinken. Der Plan des Vaters ist aufgegangen. Sein Sohn wird niemals zum Kriegsdienst eingezogen.
Adrian Reiter ist die zentrale Gestalt in Norbert Gstreins jüngstem Roman „Im ersten Licht“. Darin lässt der 64-jährige gebürtige Tiroler das 20. Jahrhundert vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zu Kurt Waldheims Präsidentschaft verstörend zur Literatur werden.
Adrian wird Lehrer für Englisch und Geschichte und lässt zu, dass ein ehemaliger Schüler für „den Führer“ an der Schule Propaganda macht. Was es mit der Schuld der Untätigen auf sich hat, ist nur eine der Fragen, die Gstrein durch seinen Roman stellt.
Ein E-Mail-Chat bringt Klarheit.
Herr Gstrein, sind Menschen, die wie Adrian im Roman nichts tun, um das Unsägliche zu verhindern, genauso schuldig wie die Täter?
Er bleibt lange viel zu untätig. Genauso schuldig wie ein aktiver Täter ist so einer nicht, aber unschuldig würde ich ihn auch nicht nennen. Im Zweiten Weltkrieg ist er ein Mitläufer. Er weiß schon früh von den Verbrechen im Osten, aber er erwacht erst Jahre nach dem Krieg aus seinem Stupor und sagt, dass er sich schämt. Er sagt, er schäme sich, Österreicher zu sein.
Im Roman heißt es, dass Adrians Scham mit den Kavalleristen zu tun habe, die in der Ukraine waren. Das schließt auch Kurt Waldheim ein, der vor 40 Jahren zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Was haben Sie damals empfunden?
Zuerst waren es in meinem Roman Kavalleristen, wie man sie bei Joseph Roth finden kann, ihre Traurigkeit und Lächerlichkeit. Dann war es auch der Kavallerist Kurt Waldheim. Was soll man da empfinden? Von heute aus betrachtet ist es eine Ungeheuerlichkeit, dass man es in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts auch nur für denkbar gehalten hat, sich auf die Waldheim’sche Art aus seiner Verantwortung zu stehlen.
Allein der Versuch, ihn damals mit dem Satz zu verteidigen: „Solange er nicht sechs Juden eigenhändig erwürgt hat, ist alles in Ordnung.“ Es gibt eine Figur in meinem Roman, die sich bis zum Zweiten Weltkrieg viele biografische Stationen mit Waldheim teilt. Ihr Name ist Baumgartner, und dieser Baumgartner erlebt wie Kurt Waldheim den Krieg zuerst an der Westfront, dann im Osten, dann auf dem Balkan und in Griechenland. Auch er ist Kavallerist und also auch darin Waldheim ähnlich. Mit den Kriegsverbrechen ist es dann aber eine andere Sache. Bei Baumgartner ist es ziemlich sicher, dass er daran beteiligt war oder zumindest dabei war, und Kurt Waldheim hat sich ja nicht mehr erinnern können. Baumgartner nimmt sich in den Fünfzigerjahren das Leben, Waldheim wird später Bundespräsident.
Legen Sie damit die Spur zum Reiter Kickl?
Ich lebe in Hamburg, und da ist Herbert Kickl keine zwingende Referenzgröße für mich, schon gar nicht für einen Roman von mir. Aber jetzt, wo Sie die Spur legen, sehe ich auch Herbert Kickl zu Pferde. Wenn Sie einmal damit anfangen, haben Sie auch Putin schnell im Sattel, und ihn auch noch mit nacktem Oberkörper. Worauf ich nicht wenig stolz bin, ist, dass mein Roman es zuwege bringt, sowohl den Kaiser als auch den „Führer“ als auch unseren vergesslichen ehemaligen Herrn Bundespräsidenten zu Pferde zu zeigen.
Halten Sie es für möglich, dass Kickl Kanzler wird?
„Ja“ ist nicht die Antwort, die Sie sich wünschen. Aber wenn Sie mich vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen gefragt hätten, ob ich das, was dort jetzt geschieht, für möglich gehalten hätte, hätte ich sicher Nein gesagt. Nicht diese Unterwanderung und Zerschlagung von fast allem, was eine Gesellschaft zusammenhält. Wir sollten also lieber alles für möglich halten, und das Entscheidende war immer schon und ist jetzt noch mehr, Wahlen zu gewinnen.


Das Buch
„Im ersten Licht“ geschieht das Schreckliche. Soldaten erheben sich aus ihren Schützengräben und werden Ziel der Angriffe. Deserteure werden hingerichtet. Furios erzählt Norbert Gstrein von devastierten Körpern und Seelen aus den Weltkriegen.
Hanser – 28,95 Euro
Im Roman ist immer wieder von der Ukraine die Rede. Hat Sie der Krieg dort dazu inspiriert?
Auf jeden Fall geht es darin auch um Fragen, die sich angesichts des Krieges in der Ukraine ganz aktuell stellen. Was bedeutet es, in den Krieg zu müssen? Wer wird an die Front geschickt, und wer bleibt davon verschont? Kann man überhaupt heil aus einem Krieg zurückkommen, oder ist das eine Erfahrung, die einen für das ganze Leben versehrt? Adrian in meinem Roman sagt, er könne sich Situationen im Krieg vorstellen, in denen er nicht in einem Handbuch nachschlagen würde, welche Arten des Tötens erlaubt seien und welche nicht. Damit ist schon jede Grenze überschritten.
Heute ist ständig von Aufrüstung die Rede. Halten Sie das für richtig?
Das ist gar nicht so sehr die Frage. Die Frage ist doch eher, warum wir nicht merken wollen, dass sich beim Sprechen über den Krieg aus einer Tatsache, die wir für unumstößlich wahr halten, zwingend andere Folgen auftun. Wenn wir sagen, in der Ukraine wird auch unsere Freiheit verteidigt, kommen wir nicht umhin, auch über die eigene Wehrfähigkeit nachzudenken.
Bereitet es Ihnen Sorge, wenn der deutsche Kanzler Merz sagt: „Wir treffen unsere Vorkehrungen für die neue Zeit“?
In dieser Allgemeinheit ist an diesem Satz nichts falsch. Aber wie weit wollen wir mit diesen Vorkehrungen gehen? In den vergangenen Wochen ist da und dort die Frage diskutiert worden, ob Deutschland die Bombe brauche, und damit war die Atombombe gemeint. Sind das dann auch noch Vorkehrungen, oder ist es eine Verrücktheit? Sagen wir, zehn Deutsche Atomsprengköpfe bei vielen tausend amerikanischen und vielen tausend russischen und immer mehr chinesischen. Wie könnte das etwas Gutes zur Folge haben?
Von den Massenmorden der Shoah ist im Roman die Rede. Ist das Ihre Antwort auf den immer stärker werdenden Antisemitismus?
Nein, so arbeite ich nicht. Aber wenn ich bei einem Roman, der sich über das ganze vergangene Jahrhundert erstreckt, nicht auch davon sprechen würde, wäre es eine Leerstelle, die den ganzen Roman verschlucken müsste. Ich bin sehr glücklich über den jungen Körmendy-Speiser und den jungen Wohlgemuth in meinem Roman, beides junge jüdische Herrschaften und auch Kavalleristen, die in den Ersten Weltkrieg ziehen. Von ihnen heißt es, dass sie genau die gleichen Gecken und Dummköpfe und Wiener zu Pferde waren wie so viele andere. Sie verstehen? Sie konnten damals noch all das sein, Juden und Wiener zu Pferde und Dummköpfe. Welche Freiheit wird ihnen damit geschenkt.
Sie können mit einem Milliardär am Tisch sitzen und feststellen, dass er ein Dummkopf ist. In welcher Klasse ist dann er, und in welcher sind Sie?
Die Schwester eines britischen Deserteurs ringt 20 Jahre nach seiner Hinrichtung um dessen Rehabilitierung. Sind Deserteure nicht die wirklichen Helden?
Vielleicht ist er sogar die geheime Hauptfigur des Romans, Teddy Stephen. Er will nicht in den Krieg, geht dann aber doch, weil er sich genötigt fühlt, sich freiwillig zu melden, und findet sich an der Front in Flandern wieder. Die ihn nötigen, sind Frauen, Suffragetten – so viel zum ewigen Vorteil, ein Mann zu sein. Er desertiert, ja, aber auch das tut er nicht freiwillig. Er ist da längst shell-shocked, wie die Engländer sagen, traumatisiert, wie es heute heißt, und dann bleibt auch bei ihm nicht viel von einem Helden übrig.
Adrian leidet unter der unüberwindlichen Kluft zwischen sozialen Schichten. Das ist auch Thema in Robert Menasses aktueller Novelle. Wie kommt es, dass etwas, das man für überwunden hält, heute für die Literatur so relevant ist?
Mein Roman setzt vor dem Ersten Weltkrieg ein, und natürlich hat es da Klassenunterschiede sehr sichtbar gegeben. Der Krieg war dann nivellierend. Das sind Kriege immer, aber sicher lassen sich solche Unterschiede jederzeit wieder hochziehen. Vielleicht ist es heute schwieriger, sie aufrechtzuerhalten, weil Geld und Macht oft leerer und hohler daherkommen. Womöglich idealisiere ich da etwas, aber zu anderen Zeiten waren sie manchmal noch mit etwas anderem verbunden, etwa mit Bildung. Sie können mit einem Milliardär am Tisch sitzen und feststellen, dass er ein Dummkopf ist. In welcher Klasse ist dann er, und in welcher sind Sie?
Was sagen Sie dazu, dass der Bildungsminister nicht nur den Latein-, sondern auch den Fremdsprachenunterricht kürzen will?
Ich weiß nicht, warum ich dabei an Donald Rumsfeld denken muss und sein Reden vom bekannten Unbekannten und vom unbekannten Unbekannten, das unser Nichtwissen ausmacht. Wahrscheinlich ist viel unbekanntes Unbekanntes in den Köpfen, die solche Entscheidungen treffen. Sie können also gar nicht wissen, was sie sich selbst und der Gesellschaft damit wegnehmen. Entschuldigung ist das keine, aber wenigstens vermissen sie nichts, und wenigstens tut es ihnen nicht weh, weil es auch für das Wehtun ein Restwissen braucht.
Donald Rumsfeld
Donald Rumsfeld (1932-2021) war amerikanischer Verteidigungsminister von 1975 bis 1977 in Gerald Fords Amtszeit und von 2001 bis 2006 während George W. Bushs Präsidentschaft.
Die Hauptfigur in ihrem Roman heißt Adrian, wie die in Thomas Manns „Doktor Faustus“. Das kann doch kein Zufall sein, nicht?
Genau so wirft man Germanistinnen einen Knochen zu, und die können danach schnappen und sich freuen. Aber natürlich ist das in der Literatur kein unschuldiger Name. Und was noch mehr darin mitschwingt, ist das Meer. Das ist eine ganz früh eingeführte Klage in meinem Roman: „Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen“, heißt es aus Sicht der damaligen Monarchie. „Wenn uns wenigstens die Adria geblieben wäre. Das Meer hätte uns zu sanfteren Menschen gemacht.“
Ihr Roman lässt auch an Joseph Roth, Robert Musil und Heimito von Doderer denken. Welche Rolle spielen diese Schriftsteller für Sie?
Ich habe versucht, die Welt vor dem Ersten Weltkrieg und die Welt der Zwischenkriegszeit mit ihren Augen zu sehen. Auch der kroatische Autor Miroslav Krleža war von elementarer Bedeutung für meinen Roman, sein unversöhnlicher Blick auf die damalige Monarchie.
Was aber, wenn diese Anspielungen immer weniger verstehen, weil Ihnen die literarische Bildung fehlt?
Sie müssen nicht jede Anspielung in einem Roman verstehen. Es macht natürlich zusätzlich Freude, aber notwendig ist es nicht. Das gilt ja bei jedem Blick in die Welt genauso: Je mehr sie wissen, umso mehr sehen sie auch.
Wie in einigen Ihrer Romane bilden Sie sich selbst als Schriftsteller ab. Sie schildern eine Begegnung mit Ihrer Hauptfigur. Ist das autobiografisch?
Ja, Adrian geht im Jahr 1988 zu einer Lesung in Salzburg, und es deutet vieles darauf hin, dass ich der Autor bin, der dort aus seinem ersten Buch vorliest. Es geht darin um das Aufwachsen in den Bergen, und Adrian ist nicht sehr beeindruckt von dem Vorgelesenen. Er denkt daran, was Österreich einmal war, wie viel Welt das einmal beinhaltet hat, und sagt, dass diese heutigen Kleingeister wenig Ahnung davon haben. Kein schönes Kompliment für mich, das mir eine eigene Figur da macht. Ich räche mich an ihr, indem ich sie am Ende des Romans einsam in ein Zimmer verbanne.
In den 1980er-Jahren war das Aufwachsen in der Provinz in der österreichischen Literatur eines der angesagtesten Themen. Jetzt sind es die jüngste Vergangenheit und das Leben im Ausland. Was zeigt uns das?
Es kann nur gut sein, dass die österreichische Literatur vielfältiger und wieder urbaner geworden ist. Über eine schreckliche Kindheit in den Bergen oder auf dem flachen Land können sie ein paar Mal erzählen, aber dann ist es irgendwann auch wieder gut. Bis dann natürlich doch wieder jemand kommt und sagt: „Es mag der alte Mief sein, aber hört mir zu, denn so wie ich es erzähle, hat es noch keiner erzählt.“
Was haben Sie empfunden, als Sie sich selbst im Roman geschildert haben?
Ich habe mich als jungen Mann beschrieben, 27 Jahre alt, mit meinem ersten Buch in der Hand, und das ist eine ziemlich triumphale und gleichzeitig eine ziemlich peinliche Situation.
Wie hat sich Ihr Blick auf die Welt durch den Roman verändert?
Meine Sehnsucht nach England, die schon vorher sehr groß war, ist noch größer geworden.
Trotz Brexit?
Sicher nicht wegen des Brexit. Aber mein England ist ja nicht dieses England. Mein England ist das England von Virginia Woolf. Dem Roman ist als Motto ein Satz aus ihren Tagebüchern vorangestellt: „Außerdem bin ich sehr glücklich, wenn ich über die Downs (Hügellandschaft an der englischen Südküste, Anm.) gehe.“ Ich könnte Tage und Tage nur über die Downs gehen.

Steckbrief
Norbert Gstrein
Norbert Gstrein wurde am 3. Juni 1961 in Tirol als Sohn eines Hoteliers und Skischulleiters geboren. Er studierte Mathematik in Innsbruck, Erlangen und Stanford. Seinen literarischen Durchbruch verschaffte ihm 1988 die Erzählung „Einer“. Der Uwe-Johnson-Preis, der Österreichische Buchpreis 2019 und der Thomas-Mann-Preis 2021 sind nur einige der Würdigungen seiner Arbeit. Norbert Gstrein lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Hamburg.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.






