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Grischka Voss und die Schule des Schmerzes

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©Rainer Iglar

Seit Oktober unterzieht sich die Schauspielerin Grischka Voss, 56, mehrmals pro Woche den radikalen Herausforderungen der Marina Abramović-Retrospektive in der Albertina modern (Künstlerhaus). Noch bis 1. März überwindet sie Barrieren des Schmerzes und der Selbstentblößung. Nun spricht sie über das Erfahrene.

Gegen viertel drei belebt sich das Aufkommen um den großen Saal. Manche nehmen gleich vor dem mannshohen weißen Rechteck mit dem zentral montierten Fahrradsattel Aufstellung. Andere drücken sich verlegen um das große Video im Nebenraum. Es zeigt die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović, mit ihren 79 Jahren Inhaberin einer riesigen Parzelle in der Kulturgeschichte, beim empathischen Dozieren, vielfach nackt und in bedrohlicher Ausgesetztheit.

Jetzt aber führen das Werk ihre Enkel weiter, und das Herz der publikumsmagnetischen Wiener Ausstellung in der Albertina-Dependance im Künstlerhaus sind die Performances. 400 aus mehreren Kontinenten haben sich beworben, zwölf wurden ausgewählt und einem an die Grenzen gehenden Vorbereitungslehrgang unterworfen.

Entrückt über den Köpfen

Es wird 14 Uhr 30, Zeit für „Luminosity“. Die Schauspielerin Grischka Voss teilt im weißen Bademantel die Menge und nimmt vor dem Rechteck Aufstellung. Ein paar Augenblicke der Konzentration, dann legt sie den Bademantel ab, ersteigt nackt eine fahrbare Treppe, rückt sich auf den Fahrradsattel und verharrt von da ab bewegungslos, im labilen Gleichgewicht, hoch über den Köpfen, die Beine gestreckt, die Arme seitlich in der Waagrechten.

Die Treppe wird entfernt, weißes Licht erfasst die Gestalt. Eine halbe Stunde wird der einer Kreuzigung ähnliche Vorgang dauern, dabei tun einem Arme und Unterleib schon nach einer Minute vom Zusehen weh. Der Raum ist jetzt dicht gefüllt, und das Frappante ist die Verwandlung der Frau auf dem Gestell. Grischka Voss ist 56, eine namhafte Schauspielerin, die mit selbst geschriebenen und inszenierten Programmen durch das Land zieht.

Deren Grundton war stets exzessive, bizarre Unrast. Unter dem Titel „Bulletproof“ hat sie sich über weibliche Intimität verbreitet. „F*ing Hot!“, 2023 uraufgeführt und nach wie vor auf Tournee, thematisiert explizit die Wechseljahre und operiert nicht zuletzt mit kalkulierter Hässlichkeit. Und jetzt?

Lächelt über den Köpfen eine entrückte Schönheit. Nach zehn Minuten, wenn die Pose nicht mehr haltbar ist, wandern die Arme über den Kopf, später nach unten. Die Wand wird dabei nie berührt. Nach 30 Minuten applaudieren die Verbliebenen, es ist vorbei.

Vaters Schatten verblasst

Grischka, geborene Christina, Voss kennt man seit den Achtzigerjahren, als ihr Vater, der Epochemacher Gert Voss, wie ein Atomblitz das Burgtheater erhellt hat. Es hätte nur eines Wortes von ihm bedurft und sie wäre in jedem Ensemble des Sprachraums willkommen gewesen. Aber diese Art Unfreiheit wäre für sie nie infrage gekommen, sagt sie.

Der Vater ist, man glaubt es nicht, schon vor zwölf Jahren verstorben. Der Gigantenschatten hat sich schnell verflüchtigt. Früher, erzählt die Tochter, habe sie jeder auf den Vater angesprochen. Jetzt rührt es sie, wenn noch eine alte Dame nach allfälliger Verwandtschaft mit dem Zweijahrhunderteschauspieler fragt. Traurig zu beobachten sei die Flüchtigkeit der Schauspielerei. „Wenn man auch noch in erster Linie Bühnenschauspieler war, ist man irgendwann gestorben.“

Es ist 15 Uhr 30. Zwei, die einander eine Ewigkeit kennen, haben sich nach dem Auftritt zum Gespräch im nahen Café Museum verabredet. Grischka Voss ist dick gegen die Februarkälte vermummt. Ein merkwürdiger Moment sei das, sich in der Garderobe wieder anzuziehen. Während der insgesamt vier Performances – die Akteure absolvieren im Turnus jede – interagiert man oft auch nackt mit den anderen. Aber nachher zieht man sich voreinander schnellstmöglich wieder an: Ist das Theaterkostüm der Nacktheit abgelegt, kommt gleich die Scham zurück.

Workshop als Grenzerfahrung

Deren Bekämpfung war Gegenstand eines einwöchigen, an Grenzen gehenden Vorbereitungslehrgangs im Salzburgischen. Die Telefone wurden abgegeben, man wusste ab sofort keine Uhrzeit mehr. Das war erst verstörend und wurde dann ein glückliches Exil aus der dauernden hysterischen Verfügbarkeit. Man musste schweigen, bekam nichts zu essen, durchwanderte über Stunden in Zeitlupe den Wald. Die beim Baden im See trainierte Nacktheit war bald kein Thema mehr.

„Luminosity“, seit Ausstellungseröffnung am 10. Oktober von ihr zweimal die Woche durchgeführt, sei körperlich am herausforderndsten. Oft stelle sie sich nachher selbst zur Rede: „Das waren jetzt 30 Minuten, warum bin ich so fertig? Normalerweise performe ich zwei oder drei Stunden auf der Bühne!“

Aber hier sei es die Unbeweglichkeit, die irrsinnige mentale Konzentration, die nie nachlassen darf. Zugleich mobilisiere man aber ungeheure Energien: „Du bist so weit oben, es gibt nur dich und das Licht. Also hat es viel mit Glauben zu tun, mit Einsamkeit und der Frage: Wer bin ich? Ich bete da oben auch viel.“ Das Schlimmste sei, die Arme horizontal zu halten. Aber gerade den Zustand versucht sie jedes Mal länger zu ertragen. Wie ein Extremsportler denke sie da. Und das entrückte Lächeln? „Ich versuche, den Menschen, die da unten stehen und mir zuschauen, viel Liebe zu schicken, weil wir im Moment in einer extrem harten Zeit leben.“

Aggressionen nicht spüren

Auf ganz andere Art herausfordernd ist „Imponderabilia“: Eine Frau und ein Mann stehen einander im Eingang nackt gegenüber, so nah, dass sich die Besucher durch sie hindurchdrängen müssen. Die Akteure haben vorher mit sexuellen Übergriffen gerechnet. Aber außer ein paar obszönen Geräuschen ist nichts dergleichen vorgefallen. Dafür kommen vehemente Aggressionen, vor allem älterer Männer, die schreiend Durchgang fordern, während einander die Akteure eine Stunde in die Augen sehen und nicht reagieren dürfen. Einer habe sie am Nacken gepackt und gegen den Partner gestoßen, erzählt Grischka Voss.

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Imponderabilia. Die Akteure stehen im Eingang so nahe beisammen, dass sich die Besucher durchzwängen müssen. Ältere Männer reagieren wütend.

 © Rainer Iglar

Gegen sexuelle Attacken würde sie sich wehren, kommt sie auf den Sinn des Ganzen, mit dem Marina Abramović seit den Siebzigerjahren die Kunstwelt aufmischt: „Meine Generation ist mit Übergriffen und Missbrauch groß geworden. Das schien zum Leben dazuzugehören. Meistens wurde man für hysterisch erklärt. Wir haben gelernt, damit irgendwie zu leben. Aber jetzt, als ältere Frau, bin ich an einem Punkt, wo ich mir das nicht mehr gefallen lasse, egal, wie es rüberkommt. Ich bin“, kommt sie auf das da gewonnene Lebensmotto, „nicht hier, um zu gefallen“.

Da gibt es andere Prioritäten. Schauspielerinnen jenseits der 40 stürzen in ein tiefes Loch zwischen den Fächern. Als Performerin ist man da freier, aber dafür reicht der Erlös nicht zum Leben mit dem gerade beim Zivildienst beschäftigten Sohn. Das Abramović-Spektaculum geht nach Berlin weiter, aber dort werden die Mitwirkenden autonom ausgewählt.

Theaterförderung der Stadt Wien für das nächste eigene Projekt? Abgelehnt. Jetzt hofft sie auf ein Dramatikerstipendium des Bundes.

Denn sonst, so hält sie final fest, werde zwar ständig längeres Arbeiten für alle angemahnt. Als Frau von 56 Jahren allerdings sei sie sogar für einen korrektheitstechnisch vorbildlichen 20Stunden-­Job bei Greenpeace zu alt befunden worden.

Steckbrief

Marina Abramović

Geboren 1946 in eine Belgrader Partisanenfamilie, studierte Kunst und wurde seit den Siebzigerjahren zur bahnbrechenden Performance-Künstlerin. Ihr Thema ist der Frauenkörper, der vom Objekt zum Subjekt radikaler Provokation wurde. Ihre Performances reichten bis zur Selbstverletzung, als sie sich dem Publikum unbeweglich zum Gebrauch auslieferte und dafür u. a. Messer und ein Beil anbot.

Steckbrief

Grischka Voss

Geboren 1969 in Braunschweig, Tochter des Schauspielers Gert Voss, der das Burgtheater prägte. Sie ist Schauspielerin und Performerin, lebt in Wien und hat einen Sohn.
Termine: grischka-voss.com

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.

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