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Peter Marquant: „Sich selbst zu überraschen, ist das Schwierigste überhaupt“

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©Patrick Schuster

Mittels gestisch gesetzter Farbbalken, lasierend-fluider Farbflächen und grafischer Formationen eröffnet Peter Marquant ein farbexpressives Spannungsfeld zwischen Gesehenem und Empfundenem. Mit dem Ziel, im Abstrakten das Konkrete zu bewahren.

Atelierbesuch bei Peter Marquant

© VGN | Osama Rasheed

„Der ist in Wien tatsächlich ein bisserl arm dran“, deutet Peter Marquant auf den elf Kilo schweren „Quietscherl“. „Gell“, ruft er rhetorisch fragend in Richtung des rot-weißen Katers, der sich unweit des provisorischen Ateliertischs in einem mannsgroßen Katzenbett lethargisch seinem Schicksal zu ergeben scheint. „Bis Ende März muss er noch durchhalten.“ Dann geht es zurück nach Mallorca. Im Gegensatz zu seinem Stubentiger hat sich der Künstler mit der Tristesse des Wiener Winters arrangiert. „Ich fühle mich eigentlich immer dort am wohlsten, wo ich gerade bin“, zeigt er sich pragmatisch. Ein wenig Sehnsucht schwingt dennoch mit: Immerhin ist die Balearen­insel seit 1987 Marquants Lebensmittelpunkt – rund drei Viertel des Jahres verbringt er seither am Mittelmeer.

Früher habe er insbesondere die Winter gerne auf Mallorca verbracht. „Witterungsflucht“, so seine Begründung mit Verweis auf die milderen Temperaturen vor Ort. Mit fortschreitendem Alter habe er den Vorteil der beheizten Wiener Wirkungsstätte in der Praterstraße, die Marquant seit Ende der 70er-Jahre mietet, aber immer mehr zu schätzen gelernt. Die an seine Finca angrenzende Scheune, die ihm auf Mallorca als Atelier dient, hat noch nicht einmal einen Holzofen. „Und man wird schließlich nicht jünger.“

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Kater "Quietscherl" im Atelier

 © Patrick Schuster

Sehnsucht nach Süden

Jung war der heute 71-Jährige, als er erstmals nach Mallorca reiste. „Da muss ich um die 20 gewesen sein“, sinniert er bei einem Achterl Côtes du Rhône im Dämmerlicht der tief hängenden Pendelleuchte. „Meine Mutter hatte die ­Reise damals gewonnen und den Preis an meinen Halbbruder und mich abgetreten.“ Für den Künstler, der damals noch an seinen Anfängen stand, eine wegweisende Erfahrung künstlerischer Natur. Sie ebnet expressiver Farbigkeit – deren Komposition heute die Spannung seiner Arbeiten ausmacht – den Weg in die bis dato düstere, von jugendlicher Melancholie gezeichnete Palette Marquants. Auch damals war es gerade Winter: „Die Farbigkeit der Natur war im Licht der mallorquinischen Wintersonne etwas ganz Besonderes – ein intensiver Nuancenreichtum, den ich so nicht kannte“, schwärmt er.

Zehn Jahre später kehrt er wieder, um für mehrere Wochen seinen Kommilitonen und Freund Gottfried Mairwöger – 2003 verstorben – zu besuchen. Gemeinsam malt man – von der Landschaft inspiriert und losgelöst von impressio­nistischer Absicht – „en plein air“. Das Inselfieber hatte ihn endgültig infiziert. Marquant sucht nach einer Dependance im Süden und findet nebenbei die große Liebe. Seit Ende der 80er-Jahre ist er mit der mallorquinischen Künstlerin Jose­fina Pino liiert. „Fluch und Segen“, schmunzelt er. „Einerseits beflügelt man sich gegenseitig, andererseits ist sie auch meine strengste Kritikerin.“ Aber das sei okay: „In meiner Malerei mache ich ohnehin, was ich will.“

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Farbfelder. Marquants assoziationsfreie Farbschichtungen eröffnen spannungsgeladene Räume – sie loten die Parameter reiner Malerei aus

 © Beigestellt

Vom Anfang der Abstraktion

Und das seit seinem 17. Lebensjahr. Die Graphische bricht er seinerzeit noch während des ersten Jahres ab. „Das war einfach nicht, was ich mir erträumt hatte“, blickt Marquant zurück. Obwohl er durch seinen Vater, der in einer Galerie arbeitete, früh in die Kunstszene eingeführt wurde, wächst erst jetzt der wahrhaftige Wunsch, Künstler zu werden. Sein innerer Drang nach freiem Arbeiten führt den damals 16-Jährigen, der an der Seite seines Künstlergroßvaters bereits früh zum Pinsel griff und etwa Granitformationen im Waldviertel malte, schließlich an die Akademie. Streng genommen zu jung und damit „zu unreif“, schafft er es dennoch als außerordentlicher Schüler in Josef Mikls Malereiklasse. Nach einem Jahr der Bewährungsprobe wird Marquant schließlich zur Inskription zugelassen und studiert fortan bei Wolfgang Hollegha. Eine Zeit, die ihn neben technischer Finesse vor allem Ernsthaftigkeit lehrt und ihn im Sehen schult. Letzteres sei essenziell. „Der Hollegha hat immer gesagt: ‚Schaut’s genau!‘“, erinnert sich dessen einstiger Schüler. Wichtig sei es dabei, den Blick abwechselnd nach außen, aber eben auch nach innen zu richten. „Das bewusste Sehen verändert deine Wahrnehmung und damit auch dich grundlegend – irgendwann schlenderst du durch die Landschaft und siehst plötzlich lauter Monets und Turners.“

Dass ihm die Abstraktion als Narrativ ins akademische Stammbuch geschrieben ist, verwundert in Anbetracht seines Studiums kaum. Dabei malt Marquant gerade während seiner Anfangszeit gegenständlich: „Um mich von meinen Lehrmeistern abzugrenzen, aber auch, um eine Basis für das Ab­strakte zu schaffen – letztlich ist das Konkrete immer Ausgangspunkt der Abstraktion.“ Erst mit dem Umzug nach Mallorca – mit dem er seine Erfolge mit seiner damaligen Wiener Galerie, die ihn in Basel und auf der ARCOmadrid zeigte, aufs Spiel setzt – lässt er den heimischen Kunstmarkt und die Gegenständlichkeit hinter sich. „Auf der Insel kennt man weder Hollegha noch Mikl – somit konnte ich mich ohne den Stempel der Epigonalität ganz der Abstraktion widmen.“ Eine künstlerische Revolu­tion, „der krampfhafte Versuch, etwas Neues zu erfinden“, war ohnedies nie Marquants Absicht: „Dass man hier etwa Rothko verortet“, deutet er auch seine bunten Farbfelder, „oder in diesen krakeligen Kringeln Twombly’eskes sieht, ist vollkommen in Ordnung. Selbst ein Picasso und ein Van Gogh haben bereits vorhandene Elemente aufgegriffen und sich nicht vor Einflüssen anderer verschlossen.“

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Figuration. Die abstrahierten Motive Marquants sind häufig Dialog mit der Natur Mallorcas – Abstraktes trifft auf Konkretes

 © Beigestellt

Das Konkrete im Unkonkreten

Als rein abstrakter Maler würde sich Marquant – seiner abstrahierenden, konstruktivistischen Bildsprache, die oftmals einfach die Parameter der Malerei auszuloten scheint, zum Trotz – nicht bezeichnen. Und das nicht bloß, weil in seinen Farbkompositionen von Zeit zu Zeit immer wieder auch figura­tive Elemente hervortreten. „Zunächst stellt sich mir die grundlegende Frage nach der Definition der Abstraktion“, holt er aus. „Für mich ist im Grunde jedes Bild abstrakt – selbst ein Gegenständliches, weil es die Dreidimensionalität auf eine zweidimensionale Fläche bannt.“ In seiner Malerei, in der er Gegenständliches in Ungegenständliches transformiert und Gesehenes auf Empfundenes trifft, schätze er vor allem die Freiheit, nicht an das Gegenständliche gebunden zu sein. Dennoch bewahrt er sich in seiner abstrakten Arbeit einen Rest an Konkretheit: „Ich möchte, dass Betrachtende eine konkrete Stimmung wahrnehmen und sich dadurch Räume öffnen –, dass sie die für mich logische Anordnung nachvollziehen sowie die Zufriedenheit und Spannung, die ich beim Betrachten empfinde, ebenso spüren können.“ Dabei gehe es gar nicht um das offensichtlich Wahrnehmbare. „Ähnlich wie in der Musik, die für mich ebenso etwas Abstraktes ist“, zieht er den Vergleich zu seiner Malerei. „Die Emotion, die sie auslöst, entsteht oft erst durch ihre Zwischentöne.“

Statt auf akustische Nuancen setzt Marquant dazu auf mehr oder wenig bewusste Farbsetzung. „Mein Malprozess ist meist ein intuitiver, emotionaler.“ Nicht selten baut er dabei auf „verpatzten Bildern“ auf. „Andernfalls setzt man einfach einen ersten Fleck oder einen Strich und schaut, was im Prozess passiert – das Bild sagt einem meist ziemlich genau, was im nächsten Schritt zu tun ist.“ Seine Malerei ist stets Reaktion auf das, was er gerade vor sich am Bildträger sieht. Das Unmittelbare seiner Motive hingegen, die häufig aus dem ­Dialog mit der Natur resultieren oder architektonische Konstruktionen interpretieren, hat an Bedeutung verloren. „Der Großteil entsteht im Kopf – Gefühlssache“, plädiert er. Außerdem sei der Zufall ein steter, willkommener Begleiter. Um ihn bewusst herauszufordern, skizziert er heute – statt mit Tusche und Bleistift – mit Computer und Maus: „Dabei hast du kaum Kontrolle über die Linienführung.“ Die digitalen Ergebnisse sind mögliche Entwürfe seiner analogen Malerei.

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 © Patrick Schuster

Sprunghaftes mit Wiedererkennung

Diese sei im Allgemeinen weit weniger verkopft, als man vermuten möchte. „Das zwanghafte, intellektuelle Suchen nach etwas, das es vielleicht gar nicht gibt, ist nichts für mich.“ Zu limitierend: „Ich knüpfe zwar meist dort an, wo ich – so es mir gelingt – gut geendet habe, bin für stringentes Suchen aber thematisch und im Prozess viel zu sprunghaft“, beschreibt er seinen experimentellen Zugang, der über die Jahre ein vielschichtiges Œuvre unterschiedlichster Bildzyklen zutage gefördert hat. Allzu Repetitives – oder gar eine Art „künstlerisches Logo“ – versucht Marquant tunlichst zu vermeiden. „Laufe ich Gefahr, muss ich mich zu einem gewissen Grad neu erfinden und umdenken“, mahnt er. So hat er sich etwa von Tusche, Acryl und mallorquinischem Sand über Ölfarben letztlich die Leimfarbe erschlossen. Nicht bloß aus gesundheitlichen Gründen: „Ich schätze sie vor allem aufgrund ihrer Qualität – die matte, leuchtende Ästhetik erinnert an reines Pigment.“ Außerdem entspricht deren schnell trocknende Eigenschaft seinem Gemüt: „Meine Ungeduld geht mit einem zügigen Malvorgang einher“, schmunzelt er. Für das Anmischen nehme er sich notgedrungen Zeit. „Die Farbe muss letztlich stimmen – sie steuert das Empfinden und darf keinesfalls zu gewaltsam sein.“

Einen „Marquant“ solle man – trotz aller Sprunghaftigkeit – aber dennoch als solchen erkennen. „Meinem künstlerischen Hauptstrang bleibe ich treu – hie und da etwas abzukommen und auszureißen, nehme ich mir aber sehr wohl heraus.“ Diese Freiheit ist es, die an der Malerei fasziniert: „Es gibt keine endgültige Bildvorstellung und somit kaum Grenzen – im Idealfall gelingt einem doch irgendwann etwas, das man selbst so noch nie gesehen hat. Sich selbst zu überraschen, ist das Schwierigste überhaupt!“

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