Ein feines, der Literatur verpflichtetes Wiener Theater schließt, aber ein anderes ist gerettet. Dabei haben Alexander Waechter und Gernot Kranner gemeinsam, dass sie ohne Subvention arbeiten mussten bzw. müssen. Und: Noch einmal zu Latein.
Das wird ein trauriger Tag, aber auch einer der schönen Erinnerungen. Ich schaue sicher vorbei, wenn der Schauspieler und Impresario Alexander Waechter am Samstag (21. Februar, ab 14 Uhr) sein Theater franzjosefskai21 schließt. Vielleicht sehe ich Sie dort? Es gibt Souvenirs zu erwerben, auch jenseits derjenigen, die unsereins schon in der Herzensvitrine mit den sentimentalen Nippes verwahrt hat.
Theater franzjosefskai21
Abschied mit Alexander Waechter und Flohmarkt am 21. Februar 2026, 14 bis 19 Uhr.
Beim Aufgang U-Bahn Schwedenplatz.
Stellen Sie sich vor: Da investiert ein veritabler Star (und wäre es nur Mundls Albtraum-Eidam Franzi, das Nudlaug) seine Abfertigung nach einem großen Berufsleben nicht in ein Häuschen an der Peripherie. Sondern in eine kaputte 50-Plätze-Pawlatschen.
Der liebenswerte Titanenimitator Herbert Lederer hatte dort 36 Jahre lang solistisch die Weltliteratur durchwütet (nie vergesse ich die Folter der Langeweile, als er mit staubender Puderperücke im Festsaal des Wasagymnasiums Mozart-Briefe rezitierte). Aber er war ein Idealist, und als er 2006 erschöpft aufgab, verfiel der kleine Theaterraum.
Autorentheater nannte man das, ehe leider andere Prioritäten schlagend wurden
Bis im Frühjahr 2014 Alexander Waechter zulangte, einer aus der bedeutenden jüdisch-aristokratischen Familie, die sein Onkel Eberhard in die Kulturgeschichte eingeschrieben hat. 750 Vorstellungen in 15 Eigenproduktionen hat Alexander Waechter seither gestemmt, alle solistisch, alle in eigener Regie, alle leidenschaftlich dem Text verpflichtet. Kafka und Schnitzler, Karl Valentin und Adolf Hitler als zweit- erwerblicher Dichterfürst, Jaroslav Hasek, Joseph Roth, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, die ihm die Rechte für eine kleine Uraufführung einräumte: Autorentheater nannte man das, ehe leider andere Prioritäten schlagend wurden.
Subvention? Hat er nie bekommen, und ich werde jetzt nicht in die Falle laufen, ihn gegen andere, die immer etwas bekommen, auszuspielen. Auch ist über den Grund seines Abschieds nichts bekannt. Dass einem mit 77 Jahren, trotz hochprofessioneller Hilfe, die Verantwortungslasten eines Einmanntheaters schwer werden, wäre nachvollziehbar.
Waechter geht, Kranner kommt
Aber das Faktum mit der Subvention bleibt, und es wird in Kürze wieder schlagend. Zum Jahresende 2025 nämlich hat die verdiente Michaela Ehrenstein die Leitung der Freien Bühne Wieden zurückgelegt. Die große Diseuse Topsy Küppers hat dort vor einem Jahrtausend regiert, wieder und wieder mit dem frivolen und doch zeitgeschichtsschweren Solo „Heute Abend Lola Blau“ ihres unfriedlich Geschiedenen Georg Kreisler. Jetzt drohte, nach der Verwüstung der Kammeroper durch die Wiener Nomenklatura, der nächsten Bühne ein stiller Tod.
Freie Bühne Wieden: Eröffnungsfest
Freie Bühne Wieden, Wiedner Hauptstraße 60b. Eröffnungsfest am 26. Februar 2026. 10 Uhr Flohmarkt, 16 Uhr Kindermaskenbasteln, 17 Uhr Nachmittagstee, 19 Uhr Gala der Legenden.
Ab 27. Februar: „Heute Abend Lola Blau“, Gastspiel aus Liechtenstein mit Giulia Jahn.
Ab 1. Mai: „Bezahlt wird nicht“ von Dario Fo als jung besetzte Eigenproduktion.
Der Widerstand kommt diesfalls vom Charakterschauspieler, Opern- und Musicalsänger, Regisseur und Impresario Gernot Kranner. Er war eine unverwechselbare, sehr populäre Erscheinung an der Volksoper, ehe die neue Direktorin dort ans Ensembleholzen ging.
Jetzt übernimmt er die Freie Bühne, fünf Tage, nachdem Waechter adieu sagt. Sie erraten es schon: Die Subvention hat sich mit Kranners Vorgängerin empfohlen. Das wollen wir uns so nicht gefallen lassen: Kranner beginnt am 26. Februar um 10 Uhr mit einem Flohmarkt. Um 17 Uhr ist jeder Spender, und könnte er auch nur 15 Euro erübrigen, zum Afternoon Tea eingeladen, und um 19 Uhr treten Legenden auf, unter ihnen Chris Lohner und Günter Tolar.
Der Generationenwechsel erfolgt umgehend, denn ab sofort geht es um Junge aller Disziplinen, die dem 63-jährigen Kranner aufgefallen sind.
Und nochmals Latein
Bildungsminister Wiederkehr kann derweil – einmal geht das Thema noch – dem Kommunikationsdesaster nicht mehr entkommen, seit er die Axt gegen den Latein- und den Fremdsprachenunterricht zu schwingen begann. Er hatte bloß im Vorbeischuhplatteln den Volksholzhackerbuben geben wollen, da fuhren ihm die besten Köpfe in die Parade. Die Petition der Nobelpreisträger (HIER können Sie sie unterzeichnen) ist in den zwei Wochen seit ihrer Verabschiedung nicht erlahmt. Damit sie die interessanten 40.000 erreicht, braucht es Ihre Hilfe. Unterschreiben Sie bitte!
Wobei schon jetzt Irreversibles in Gang gesetzt wurde: nämlich der Aufstand gegen den Zerstörungskampf, den die Ausbildung gegen die Bildung führt. Das Thema war bis Redaktionsschluss nie aus dem Fokus geraten: Dem Kurier-Blattaufmacher folgten „ZiB 2“, „Mittagsjournal“ und Printmedien bis zur Seite eins der Süddeutschen. Allein im Standard meldeten sich die Autoren Vea Kaiser und Thomas Raab, die Philosophin Lisz Hirn und der Kritiker Ronald Pohl umfänglich zu Wort.
Die ÖVP im Nacken
Als Wiederkehr das Thema wegzudribbeln gedachte, indem er eine Art Avatar der unsäglichen Gesamtschule in die Medien warf, hatte er endlich auch die ÖVP bis zum Kanzler im Nacken.
Noch interessanter erscheint mir diesbezüglich der schwarze Generalsekretär und Bildungssprecher Nico Marchetti, der die Sache zu der seinen macht. Er ist 35 Jahre alt, so alt wie der NEOS-Mann Wiederkehr. Er hat seinen Lebenspartner geheiratet – nicht, dass das von Belang wäre, aber es schärft das Profil eines weltoffenen, wertkonservativen Intellektuellen. So einen sollte naturgemäß Wiederkehr darstellen. Aber dastehen tut er als neoliberaler Bildungsfeind in Opposition zur Elite.
Auch der Schlenkerer Richtung Populismus scheint überschaubar geglückt: 94 Prozent der von der Zeitung „heute“ zum Klicken animierten Leser erklärten Latein für prioritär. Und durften sich die NEOS vor Ausbruch der Debatte in der Sonntagsfrage noch stabiler acht bis neun Prozent erfreuen, so haben sie es aktuell, wohl in Tateinheit mit der Ablehnung der Stocker’schen Volksbefragung, auf sieben geschafft.
Sollte sich der Bildungsminister nun noch der Illusion hingeben, die Sache wäre auszusitzen, wissen diejenigen, die das nicht wollen, wohin sie sich wenden. Die Auswahl ist gigantisch.
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.






