Wer Zukunft gestalten will, kann nur Optimist sein, sagt Österreichs international gefeierter Grafikdesigner Stefan Sagmeister. Seine Projekte durchbrechen die Grenze zwischen Kunst und Design und widmen sich seit sieben Jahren dem Blick auf das Gelungene in der Welt. - Diese war nie besser als heute, sagt er anlässlich der Überreichung des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien.
Wenn Sie zurückblicken: Was hat Sie die jahrzehntelange Beschäftigung mit Glück und Schönheit gelehrt?
Es gab Substanzielles, das ich von Beginn an über Glück wusste. Weil ich es zwar wusste, aber nicht verinnerlicht hatte, blieb es wirkungslos. Deshalb funktionieren auch Selbsthilfebücher nicht: Das Lesen eines Buches durchdringt das Leben nicht nachhaltig genug.
Die Verinnerlichung hat bei mir nach acht Jahren Beschäftigung mit dem Thema Glück stattgefunden. Dabei geht es um die Erkenntnis des Psychologen Jonathan Haidt, dass man dem Glück nicht nachjagen kann.
Man kann aber versuchen, seine Beziehungen – von der Familie bis zu Bekanntschaften – zu vertiefen und sich für etwas zu engagieren, das größer ist als man selbst. Wenn man das tut, stellt sich Glück indirekt ein.
Was bedeutet das konkret im Alltag?
Mir ist irgendwann aufgefallen, dass es mir schon über lange Zeit sehr gut ging. Als ich nachgedacht habe, warum, ist klar geworden: Projekte wie „Beauty“ haben meine Arbeit auf eine andere Ebene gehoben.
Ich habe kaum noch kommerzielle Aufträge angenommen und mich auf etwas konzentriert, das größer war als ich selbst. Meine Sensibilität für schöne Dinge wurde geschärft.
Gleichzeitig sind neue Beziehungen entstanden, wie die Freundschaft mit dem Wiener Psychologen Helmut Leder. All das hat mein Leben positiv beeinflusst.
Seit einigen Jahren arbeiten Sie an Projekten wie „Now is better“*, die zeigen, dass die Welt heute besser ist als früher. Warum ist Ihnen diese Botschaft so wichtig?
Weil viele Menschen überzeugt sind, dass die Welt immer schlechter wird, obwohl die Datenlage das genaue Gegenteil zeigt. Ich sehe das im eigenen Umfeld. Viele meiner Freunde meinen, die Welt ist ganz miserabel und wird immer schlechter.
Laut einer weltweiten Umfrage unter 15- bis 25-Jährigen glaubt mehr als die Hälfte, die Menschheit werde zu ihren Lebzeiten untergehen. Diese Haltung führt zu Angst und Lähmung, und solche Menschen engagieren sich wenig für reale Probleme wie Klimawandel oder Artensterben.
„Now is better“:
Die Idee wurde 2014 geboren, als Sagmeister Praxisstipendiat der Villa Massimo in Rom war und ein Anwalt im Gespräch behauptete, die Zahl liberaler Demokratien in der Welt würde abnehmen. Sagmeisters Recherchen zeigten, dass dies nicht stimmte, 2019 setzte er das erste Projekt „Now is better“ um.
Ein Grund für diese Haltung ist unsere Medienlogik: Empörung verbreitet sich am schnellsten. Katastrophen passieren plötzlich und verbreiten sich medial rasch.
Fortschritt geschieht langsam und passt schlecht in kurze Nachrichtenzyklen. Deshalb sehen wir nur den negativen Ausschnitt der Gegenwart. Für mich als Kommunikationsdesigner ist dieses Thema unglaublich spannend.
Die Welt war nie besser als jetzt. Das erkennt man aber erst durch den Blick auf eine lange Zeitspanne von hundert Jahren oder mehr
Sie wollen negativen Gedanken also bewusst gegensteuern?
Gesellschaftliche Veränderungen entstehen durch eine Mischung aus negativer und positiver Rückmeldung. Momentan überwiegt aber das Negative. Wenn wir etwas verbessern wollen, müssen wir erkennen, was bereits funktioniert und wo Fortschritte erzielt wurden.
Sonst entsteht leicht der Eindruck, früher sei alles besser gewesen und genau auf diesem Gefühl bauen politische Parolen wie „Make America Great Again“ auf. Amerika war nie besser als heute. Die Welt war nie besser als jetzt.
Das erkennt man aber erst durch den Blick auf eine lange Zeitspanne von hundert Jahren oder mehr. Wenn ich die Welt nur in dieser Sekunde betrachte, schaut sie immer miserabel aus.
Ihre Arbeit – auch zuvor „Happy“ oder „Beauty“ – wird von einem starken Optimismus getragen. Woher kommt der?
Zum Teil ist er angeboren, nehme ich an. Es gibt eine Tonbandaufnahme von mir als Achtjährigem und selbst da klinge ich erstaunlich optimistisch. Aber Optimismus ist auch rational.
Wenn ich ein Problem mit einer 50-prozentigen Erfolgschance lösen soll, dann kann ich die Lösungschance auf 60 Prozent steigern, wenn ich mit positivem Elan daran arbeite. Eine Journalistin vom Forbes-Magazin hat mir erzählt, dass die Top-CEOs der Fortune 500 Companies alle optimistisch sind.
Und es gibt ein weiteres Argument vom Intellektuellen Kevin Kelly: Alle großen Innovationen der Menschheit wurden von Leuten erfunden, die optimistisch waren. Wer Zukunft gestalten will, kann nur Optimist sein.
Sie leben seit 1993 in New York und blicken mit Distanz auf Österreich. Was sollten wir über Österreich erkennen?
Ich bin häufig in Österreich, auch bei meiner Familie in Bregenz. Ich weiß, dass vieles kritisiert wird. Wie ich es sehe, steht Österreich ausgezeichnet da. Viele Indikatoren – Lebensqualität oder Wohnbau – sind im internationalen Vergleich sehr gut.
In Wien gibt es Möglichkeiten, Wohnungen zu kaufen um Summen, von denen man in Städten wie New York nur träumen kann. Aber da sind wir wieder bei den Medien: Ich habe den Eindruck, viele Journalisten gehen automatisch ins Negative, weil es im Negativen einfacher ist, interessant zu sein.
Ich wage hier den Vergleich zu einem Designer, der behauptet, es gehe nur um Funktionalität. Das halte ich für Faulheit. Denn: Einen ergonomisch funktionalen Stuhl zu gestalten, ist einfach. Wirklich schwierig wird es erst, wenn etwas funktional und schön sein soll und gegen Jahrhunderte Designgeschichte antritt. Auch einen interessanten und zugleich konstruktiven Artikel zu schreiben, ist schwieriger als eine negative Story.
Sie gelten als Meister der Sabbaticals. Alle sieben Jahre nehmen Sie eine Auszeit, zuletzt 2025. Wie geht man an so eine Pause heran, damit sie auch etwas bewirkt?
Die größte Hürde ist die Angst. Vor meinem ersten Sabbatical im Jahr 2000 hatte ich Horrorszenarien im Kopf. Das war sieben Jahre nach der Gründung des Designstudios in New York.
Ich fürchtete, alle Kunden zu verlieren. Ich hatte Angst, dass meine Eltern es für unprofessionell halten, die waren selbst Kleinunternehmer mit einem Kleidergeschäft.
Die dritte Sorge war, dass ich in meiner Branche als unprofessionell gelte, wenn ich am Höhepunkt des ersten Internetbooms zusperre.
Wie haben Sie die Ängste bezwungen?
Es war eine Notwendigkeit: Ich habe damals gespürt, dass durch die Wiederholung die Qualität meiner Arbeit schlechter wird. Mein Hauptmotiv war immer schon, meine Arbeit so gut wie möglich zu machen.
Ohne radikale Pause wäre ich in einen Teufelskreis geraten: schlechtere Arbeit, es geht mir schlechter, noch schlechtere Arbeit. Ich habe das Gefühl gehabt, wenn ich nichts dagegen tue, geht alles den Bach runter. Danach hat sich herausgestellt, dass keine einzige meiner Ängste wahr geworden ist.
Haben Sie einen Plan gemacht, damit das Sabbatical Ihre Erwartungen auch erfüllt – und es nicht nur faule Monate am Strand werden?
Würde ich gerne faul am Strand liegen, wäre das auch erlaubt gewesen. Das ist nur gar nicht interessant für mich. In Bali war ich nach acht Monaten zum ersten Mal am Strand. Ich habe zuerst versucht, keinen Plan zu haben.
Das hat überhaupt nicht funktioniert, weil ich ständig beschäftigt war, aber nichts Relevantes zustande kam. Also habe ich in meinen Notizen nachgesehen, worüber ich mich immer beschwert habe: Dinge, die ich gerne machen würde, aber nie Zeit dafür hatte. Daraus entstand eine Liste, die ich wie einen Stundenplan organisiert habe, danach habe ich gearbeitet.
Nach drei, vier Monaten geht es dann ohne Liste, das weiß ich jetzt. Bis dahin haben sich Projekte entwickelt, gewisse Dinge funktionieren, andere fallen weg. Dann trägt sich das Sabbatical selbst.
Hat sich durch Erfahrung und Routine von über vier Jahrzehnten Ihr kreativer Prozess verändert?
Meine Arbeit ist jetzt anders. Durch die ersten drei Sabbaticals ist mein Leben zum Sabbatical geworden, weil wir seit vielen Jahren keine kommerziellen Arbeiten mehr machen.
Früher war der Prozess sehr klar: Man hatte einen Auftrag, entwickelte viele Ideen, wählte die beste aus und setzte sie präzise um. Heute arbeite ich viel freier, mit historischen Bildern und Daten, einem Langzeit-Thema wie Projekten zur besseren Welt.
Ein Projekt kann von einer Farbe, einer Komposition oder einem Bildimpuls ausgehen. Der Prozess entfaltet sich Schritt für Schritt – ähnlich wie bei einer Band im Studio, wo ein Song aus einer Basslinie oder einer Textzeile entstehen kann.
Als junger Designer war ich sehr Ideen-versessen, die Ausführung, die Form, die Komposition dienten nur der Idee. Jetzt halte ich die formale Ausführung für viel entscheidender.
Eine berühmte Episode aus Ihrer Anfangszeit ist die provokante Postkarte zur Eröffnung Ihres Studios in New York: Sie posierten darauf nackt. Welche Rolle spielte Selbstvermarktung für Ihren Erfolg?
Das brauchte auch Mut von mir. Meine damalige Freundin hat gesagt: Du wirst den einzigen Kunden verlieren, den du hast, wenn du das machst.
Zwei Monate später war ich bei dem Kunden im Büro und das Einzige, das dort an der Wand gehangen ist, war die Postkarte mit einem Post-it. Darauf hat der Kunde geschrieben: „The only risk is not to take any risks.“ Für diesen Kunden haben wir dann vier große Aufträge umgesetzt.
Die Einladung, die vielleicht 300 Dollar gekostet hat, wurde in Designmagazinen auf der ganzen Welt abgedruckt und ist viral gegangen, lange bevor es diesen Begriff gab. Aber so etwas lässt sich kaum planen. Da gehört immer auch eine Portion Glück dazu.
Ist Glück tatsächlich eine Größenordnung auf Ihrem Karriereweg?
Ja, absolut. Es gab einige entscheidende Momente, die ganz anders hätten ausgehen können. Nach dem Studium wollte ich zum Beispiel gar nicht unbedingt nach New York. An der Hochschule für angewandte Kunst hing zufällig ein Poster mit Stipendien für die USA. Ich habe mich eher spontan beworben.
Damals habe ich mich sehr gestresst gefühlt und wollte mir beweisen, dass ich nicht zu beschäftigt bin, dieses Formular auszufüllen. Auch später gab es viele Momente, die anders hätten laufen können und die zu meinen Gunsten waren. Als ich im ersten Sabbatical beschlossen habe, keine Albumcover mehr zu gestalten und ein Jahr später die Plattenindustrie zusammengebrochen ist.
Oder jetzt: Meine Entscheidung, keine kommerziellen Arbeiten mehr zu machen, sondern historische Bilder neu zu gestalten, kurz bevor die KI meine Branche durcheinanderwirbelt. Das war keine Strategie. Das war Glück.
Wo hat dieser glückliche Weg begonnen? Sie waren Musiker in einer Band, haben bei einer Zeitung geschrieben. Wann wussten Sie: Design ist mein Weg?
Das hat sich bei der kleinen Jugendzeitung in Vorarlberg gezeigt. Ich habe Texte geschrieben, aber auch Layouts gemacht und dann wurde ein Plakat gebraucht, also habe ich es gemacht.
Das hat mich noch mehr fasziniert, als Zeitung-Machen: Du gestaltest ein Plakat für ein Musikfestival und dann kommen 400 Leute. Diese unmittelbare Wirkung hat mich gepackt. Mir war auch durch die Band klar, dass es ein Beruf sein kann, Albumcover zu gestalten. Und meine Bands waren sehr schlecht. Also habe ich Grafik studiert.
Sie haben viele ikonische Albumcover gestaltet. Muss man sich bewusst von der Nostalgie des eigenen Erfolgs lösen, um relevant zu bleiben?
Weniger von der Nostalgie. Mich hat eher die Angst vor Wiederholung getrieben. Das 46. Albumcover zu gestalten, ist einfach nicht mehr so interessant wie das erste. Zur Eröffnung der aktuellen Ausstellung in New York* hat jemand drei Lou-Reed-Albumcover mitgebracht, die wir gestaltet haben.
Aktuelle Ausstellung
„I Look Like This“ zeigt in der New Yorker Galerie Thomas Erben bis 11. April 2026 Selbstporträts von Sagmeister der letzten 30 Jahre. Ab 15. Oktober 2026 läuft seine nächste Schau in La Gaîté Lyrique in Paris.
Ich muss zugeben, an eines habe ich mich kaum mehr erinnert. Ich bin nicht wahnsinnig nostalgisch. Einmal habe ich einen retrospektiven Vortrag über meine Arbeit zusammengestellt und gemerkt: Den zu halten, interessiert mich am wenigsten.
Für die Studierenden an der School of Visual Arts habe ich ihn einmal gehalten, okay. Spannender finde ich aktuelle Projekte.
Sie haben lange an der School of Visual Arts unterrichtet. Was wollten Sie den Studierenden im Kern mitgeben?
Meine Klasse hieß „How to touch someone’s heart with design“. Die Aufgabe war, mit Gestaltung emotionale Wirkung zu erzeugen und diese Wirkung musste man nachweisen.
Die erste Aufgabe war, einer Person, die man nicht kennt, etwas zu übergeben und zu sehen, ob man diese Person im Herz berühren konnte. Die zweite Aufgabe war, dasselbe bei einer größeren Personengruppe und dann einer größeren Zielgruppe zu erreichen.
Es ging darum, die Sprache des Designs für etwas Emotionales einzusetzen. Das ist visuell schwieriger als zum Beispiel mit Musik, aber machbar. Wir hatten bei den Vorführungen in der Klasse über die Jahre oft Tränen beim Zielpublikum.
Sie lieben Listen und eine sehr frühe Liste trägt den Titel „Dinge, die ich im Leben gemacht haben möchte“*. Sie haben alle Punkte darauf bereits abgehakt. Welche Eigenschaft braucht es, damit das gelingt?
Beharrlichkeit. Man muss dabeibleiben und darf sich von einem Nein nicht abschrecken lassen.
Ich bin nicht perfekt, aber phasenweise sehr beharrlich. Ganz konkret ist es wichtig, einen Weg zu finden, der einen oft an diese Liste erinnert.
Sagmeisters Liste „Dinge, die ich im Leben gemacht haben möchte“:
Eigenes Designstudio eröffnen, Sex mit zwei Frauen, in engem Kontakt mit meiner Mutter stehen, eine tolle Freundin finden, ein Jahr ohne Kundenprojekte, mit dem Truck durch Sibirien fahren, nach Sri Lanka ziehen (wurde Bali), das Herz von Menschen mit Grafikdesign berühren.
Eine Liste, die man zu Neujahr schreibt und danach nie wieder ansieht, funktioniert nicht. Ich arbeite mit wöchentlichen und monatlichen Checkups, bei denen ich benote, was ich mir vorgenommen habe.
Diese Methode habe ich von Benjamin Franklin übernommen. Dadurch ist viel wahrscheinlicher, dass ich Dinge umsetze, die ich gerne machen möchte.
Schöne Welt: Sagmeisters Arbeiten
Seit 2019 arbeitet Sagmeister an Projekten über langfristiges Denken: Mit „Beautiful Numbers“, „Now is better“ oder „Better and better“ und dem Buch „Heute ist besser“ stellt er sich gegen die Sichtweise, dass die Welt aufgrund vieler Krisen außer Kontrolle gerät:
Wählt man die langfristige Perspektive, zeigt sich, dass fast jeder Aspekt des menschlichen Lebens besser ist als früher: Weniger Menschen hungern oder sterben in Kriegen und Naturkatastrophen, mehr Menschen leben in Demokratien und sie leben länger als je zuvor.
Vor 200 Jahren konnten neun von zehn Menschen weder lesen noch schreiben, heute ist es einer von zehn. Die Spanische Grippe tötete rund 45 Millionen Menschen, Aids/HIV etwa 30 Millionen. Während Covid-19 verloren drei Millionen ihr Leben.
Kunst, Statistik und historische Fakten rücken in Sagmeisters Werk die Behauptung, wir lebten in „beispiellosen Zeiten“, in eine andere Perspektive. Ziel der Visualisierungen ist, daran zu erinnern, dass Nachrichten nur Ausschläge in einer insgesamt stabilen Welt sind.
Steckbrief
Stefan Sagmeister
Stefan Sagmeister, 63, geboren in Bregenz, schloss 1986 sein Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien ab und erwarb am Pratt Institute in New York als Fulbright-Stipendiat einen Abschluss. Er arbeitete für die Werbeagentur Leo Burnett in Hongkong und gründete 1993 in New York sein Designstudio. Seine Albumcover für Lou Reed, Talking Heads oder die Rolling Stones schrieben Designgeschichte, er arbeitete u. a. für Levi's, das Guggenheim Museum und schuf international beachtete Projekte wie „Happy“ oder „Beauty“. Seine Arbeiten befinden sich u. a. in den Sammlungen des MoMA in New York, des Philadelphia Museum of Art, des Art Institute of Chicago, des San Francisco Museum of Modern Art. Am 19. 3. erhält er das Goldene Verdienstzeichens des Landes Wien.







