ABO

Zu Besuch bei der Bischöfin von Oberösterreich

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
13 min
Artikelbild

Christine Mayr-Lumetzberger

©Matt Observe

Seit drei Jahrzehnten kämpft Christine Mayr-Lumetzberger für die Gleichstellung von Frauen in der römisch-katholischen Kirche. Dafür brach sie sogar das Kirchenrecht. Ein Besuch bei einer, die es sich nie leicht und anderen oft schwer gemacht hat.

„Othmar, hörst du uns“? Christine Mayr-Lumetzberger steht zwischen den Kirchenbänken und klemmt ihr Handy in ein Stativ, die Kamera ist auf sie gerichtet. Othmar, ein treuer Zuhörer aus dem norddeutschen Bremerhaven, ruft „Ja“ in sein Handy. Es kann losgehen. Mayr-Lumetzberger tritt hinter den Altar, drückt mehrmals auf den Knopf eines CD-Players, doch der will nicht so wie sie. Das Klicken, das bis nach hinten hallt, mischt sich in das Videorauschen von Othmar in Bremerhaven. Als die Musik schließlich losgeht, lächelt Mayr-Lumetzberger ihre Gäste stolz an. „Ich beginne den Gottesdienst heute mit Musik, weil es uns guttut, einen guten Ton zu hören.“

Christine Mayr-Lumetzberger sagt, sie sei katholische Priesterin und Bischöfin. 2002 wurde die 70-Jährige mit sechs anderen Frauen* auf einem Schiff zwischen Passau und Linz erst zur Priesterin und später zur Bischöfin geweiht.

Die katholische Kirche sieht das anders, denn: Die Priesterinnenweihe verstößt gegen das Kirchenrecht, laut dem nur ein getaufter Mann „die heilige Ordination gültig empfängt“. Kurz nach der Priesterinnenweihe belegte der Vatikan sie mit der höchsten kirchenrechtlichen Strafe, die der Vatikan aussprechen kann und exkommunizierte sie. Das hält die zierliche Persona non grata mit kurzen grauen Haaren und silbernem Kreuzschmuck aber nicht davon ab, Paare zu trauen, Kinder zu taufen und Predigten zu halten.

Keine Messe ohne Predigt

Predigten hält sie auch einmal im Monat, wie heute, in der Prema Kirche in Gramastetten bei Linz. Dafür tauscht sie die Daunenweste gegen eine dunkelviolette Kasel* mit bunten Planeten und Sternen darauf, um ihren Hals liegt der weiße Priesterkragen und auf ihren Schultern eine gelb-violette Stola, passend zur Fastenzeit.

Die fünf Glasfenster hinter ihr zeigen Symbole der fünf Weltreligionen, denen die kleine Kapelle geweiht ist. Statt eines Kreuzes ziert eine goldene Lotusblume die Kirchturmspitze. Bis auf Äußerlichkeiten unterscheidet sich der Gottesdienst kaum von jenen männlicher Priester: Erst Lesungen, dann die Predigt, der Wein im Kelch und leere Plätze auf den Bänken.

Mein Grundsatz ist: Grabe, wo du stehst

Christine Mayr-Lumetzberger

Die Bischöfin hat viele Meter für ihre Sache gemacht. Die Verbindung zur Religion hat sie schon als Kind gespürt. „Es gibt Menschen, die sind irrsinnig musikalisch, die haben ein Musik-Gen. Ich habe das Gottes-Gen“, sagt sie. Nach der Schule trat sie dem Orden der Benediktinerinnen bei. Damals zeigte sich bereits: Die willensstarke Frau hält sich nicht an kirchliche Konventionen. Sie verließ den Orden, arbeitete als Religionslehrerin, bis sie einen geschiedenen Mann heiratete und das Fach wechseln musste, so berichtet es Die Presse.

Tiefe Gräben

All das stünde einer Laufbahn als Pfarrerin nicht im Wege – in der evangelischen Kirche. Doch was ihr Leben um einiges einfacher gemacht hätte, war keine Option für Mayr-Lumetzberger: „Ich habe keine ökumenischen Einschränkungen. Aber die evangelische Kirche hat ihre Hausaufgaben erledigt“, sagt sie. „Ich lege mich nicht in ein gemachtes Bett, wenn es hier etwas zu arbeiten gibt.“ Sie arbeitet, indem sie homosexuelle Paare segnet oder Geschiedene. Indem sie Menschen ein Ohr leiht, die längst aus der Kirche ausgetreten sind. Und, indem sie die Institution Kirche seit über zwei Jahrzehnten an ihre Hausaufgaben erinnert. „Mein Grundsatz ist: Grabe, wo du stehst.“

Doch die Gräben sind tief. Darüber kann auch das optimistisch gestimmte Gemüt der Oberösterreicherin nicht hinwegtäuschen: Strukturell sind Frauen in der römisch-katholischen Kirche in Österreich nach wie vor schlechter gestellt, weiterhin von allen Weiheämtern ausgeschlossen und Führungspositionen den Männern vorbehalten. Der Kampf gegen diese Schlechterstellung, das weiß Mayr-Lumetzberger, war für einige ihrer Weggefährtinnen nicht immer einfach. „Eine persönliche Empfindlichkeit darfst du nicht haben.“

Am Anfang dachte sie noch, der Kampf wäre schneller ausgefochten. Aber gegen das ideologische Bollwerk der 2.000-jährigen Geschichte der Kirche kommt eine Gruppe widerständischer Frauen nicht so schnell an. Für die Männer in Rom bedeute die Gleichstellung Konkurrenz und nicht weniger als ein Ende der Seilschaften. „Frauen sind ein unglaub­licher Störfaktor“, sagt sie. Mittlerweile ist der Störfaktor laut Mayr-Lumetzberger weltweit rund 300 Priesterinnen und Bischöfinnen* stark. Doch: Genügt das für eine Revolution?

Bedeutungsverlust mit Ansage

An schönen Tagen reicht der Blick vom Vedahof weit hinunter ins Tal. Dieser Sonntag im März ist keiner davon. Margarete und ihr Partner stehen im grauen Nebel. Bis der Gottesdienst in der Prema Kirche beginnt, dauert es noch. Das Paar kennt die Bischöfin schon seit Jahren, seitdem kommen sie einmal im Monat zum Gottesdienst. Jedes Mal, erzählt Margarete, lädt sie Bekannte aus dem Ort ein, auch zu kommen. Bisher vergeblich. Margarete kommt trotzdem – oder gerade deswegen. „Ich finde, die Kirche muss sich weiterentwickeln“, sagt sie und setzt sich ganz vorn auf die Kirchenbank.

2024 hat die katholische Kirche in Österreich einen historischen Tiefpunkt erreicht und erstmals die Mehrheit der Menschen mit Bekenntnis verloren. Einige würden sagen, sie hat sie vergrault. Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von Enthüllungen der Missbrauchsskandale und gesellschaftlichem Bedeutungsverlust der Kirche, vor allem bei Jüngeren. Von denen fehlt auch in der Prema Kirche jede Spur. Sieben der acht Gläubigen sind im Pensionsalter. Die Zukunft, die sieht anders aus.

Bild

Mayr-Lumetzberger hält einmal pro Monat eine Messe in der Prema Kirche am Vedahof in Oberösterreich. Unter den Besuchern sind auch zwei Pudel

 © Matt Observe
Bild

Dass der Kulturwandel, für den Mayr-Lumetzberger seit Jahrzehnten kämpft, weder nach Rom noch in viele Gemeinden durchgedrungen zu sein scheint, beeindruckt die Priesterin kaum. „Man muss den Finger draufhalten und sagen: noch nicht fertig, weitermachen“, findet die Bischöfin. Sie vertraut der Macht der stetigen Veränderung, die in kleinen Schritten erfolgt. Was sind schon 20 Jahre im Vergleich zur Kirchengeschichte? „1994 hat Papst Johannes Paul II. ein Dokument* herausgegeben, das verbot, über die Frauenweihe zu sprechen.

Heute redet sogar der Papst darüber“, sagt sie. Auch wenn die Frauenweihe zurzeit undenkbar ist – die Aussagen in Rom gelten nur für heute, nicht für morgen, davon ist die Bischöfin überzeugt. Ein Grund für ihren Optimismus und ein Zeichen dafür, dass auch die katholische Kirche nicht frei von Progressivität ist, sei die Wahl von Josef Grünwidl zum Wiener Erzbischof. Der Weinviertler gilt als pastoral erfahren und ist dafür bekannt, bei Themen wie dem Zölibat und der Rolle der Frauen vergleichsweise liberale Positionen zu vertreten.

Resilienz und Pädagogik

Seit nunmehr knapp 30 Jahren kämpft Christine Mayr-Lumetzberger schon für Veränderung, für sich und das Recht der anderen. Wie ein Mensch derart viel Leidenschaft für eine Institution entwickeln kann, die bisher vor allem damit beschäftigt war, die Irrelevanz des eigenen Tuns zu betonen, das löst sie an diesem Sonntag allerdings nicht auf. Keck und kantig antwortet sie auf Fragen zum Ursprung ihrer Resilienz immer das Gleiche: „Ich bin Sonderpädagogin.“ Momente, in denen alles zu viel und sie zu wenig wurde, kennt sie jedoch auch: „Dann muss ich irgendetwas Angenehmes dazwischen machen. Duschen zum Beispiel.“

Ansonsten gibt Mayr-Lumetzberger gern das Bild der unaufhaltsamen Pionierin, einer, die es früher und vor allem besser wusste als die Männer in teuren Roben und hohen Sesseln. Mayr-Lumetzberger weiß, dass es Männer gibt, die jederzeit gut informiert sind über ihr Tun, ihre Aussagen und Wirkkraft. Wie weit sie gehen kann, weiß sie auch. Denn für ihre Mission braucht sie vielleicht nicht alle, aber einige auf ihrer Seite. Ohne Taktik und Berechnung funktioniert das nicht.

Ein letztes Mal an diesem Tag kämpft Mayr-Lumetzberger mit dem CD-Player. Sie spendet Segen, beendet den Gottesdienst und entlässt die Gäste an den gedeckten Tisch im Haus gegenüber. Die katholische Reform geht durch den Magen und bringt an diesem Sonntag Menschen zusammen, die ihn sonst vielleicht allein im Wohnzimmer verbracht hätten. Mayr-Lumetzberger setzt sich zu ihnen, reicht die Käseplatte, fragt nach, hört zu. Die Männer im Vatikan, die all das nicht anerkennen möchten, sind weit weg vom Vedahof. Diese kleine Gruppe am runden Tisch wirkt wie ihre große Familie. Und auch wie einer der Gründe, warum sie den Kampf gegen Windmühlen noch nicht aufgegeben hat. Hier, zwischen Brot und Käse, hat Mayr-Lumetzberger den Überblick, alles im Griff und vor allem den Eindruck – große Veränderungen beginnen im Kleinen. Obwohl der Gottesdienst vorbei ist, beginnt ihre eigentliche Arbeit erst jetzt.

Steckbrief

Christine Mayr-Lumetzberger

Christine Mayr-Lumetzberger wurde 1956 in Linz geboren. Nach dem Lehramtsstudium der Sonderpädagogik arbeitete sie als Lehrerin. International bekannt wurde sie durch ihren Einsatz für die Frauenordination in der römisch-katholischen Kirche. Ihre Priesterinnenweihe im Jahr 2002 und die geheime Weihe zur Bischöfin 2003 werden vom Heiligen Stuhl nicht anerkannt und führten zu ihrer Exkommunikation. Mayr-Lumetzberger ist in ihrer Pension ehrenamtlich als Bischöfin tätig.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER