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Marc Elsberg über Artensterben und Klimawandel

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Bestseller-Autor Marc Elsberg lehrt uns in seinem neuen Roman „Eden“ das Gruseln vor jenen Klimaproblemen, zu denen wir alle beitragen. Im Interview erklärt er, was jeder Einzelne gegen Erderwärmung und Artensterben tun kann, warum man die Aufforderung dazu aber an Politik und Wirtschaftsbosse richten sollte. Und er erklärt, warum uns ein indischer Geier eine Lehre sein muss.

Sie beschreiben in Ihrem Roman „Eden“, wie eine Kaskade von Einzelkrisen – zu warme Meere, Planktonsterben, Sojamissernten etc. – zu einem Systemkollaps führt. Wie nahe sind wir an so einem Szenario?

Natürlich ist das ein dramaturgischer Kniff. Einzelne Krisen bekommt man leichter in den Griff, aber wir haben schon gesehen, dass Dinge parallel und vor allem global auftreten können. Planktonverlust* gibt es regional immer wieder, doch was, wenn es global in großem Maßstab wegbricht?

Sojamissernten gab es in Südamerika in kleinerem Maßstab, aber wenn auf einmal 50 Prozent der Ernte wegfallen, haben wir das Szenario, dass Bauern die Tiere kommerziell einträglich schnell genug auf Schlachtgewicht bringen können. Wie nahe wir an einem solchen Szenario sind, weiß ich nicht. Wüsste ich es, würde ich vielleicht reagieren, wie der Victor Brennar im Buch, der auf solche Katastrophen wettet.

Aber Sie hätten nichts zu essen.

Die Reichen haben immer etwas zu essen. Das ist ja das Problem.

Es gibt auch den Influencer Linus, der die Katastrophe aufhalten will.

Zum Glück. Und nicht nur ihn. Da sind auch noch die junge Biologin Sarah, Piero Manzano, den meine Leserschaft schon aus „Blackout“ kennt, und viele andere.

Wie gut sind unsere Möglichkeiten gegenzusteuern?

Die menschliche Spezies ist wahnsinnig gut darin, Probleme zu lösen, wenn sie will. In der Bankenkrise 2008/2009 waren im Handumdrehen Billiarden da, um die Banken zu retten. In der Pandemie gab es binnen eines Jahres einen Impfstoff. Man muss nur wollen.

Und wer will nicht? Ist es ein Politikversagen?

Definitiv. Politik und Wirtschaft. Da gibt es nichts zu beschönigen: Feigheit, Unfähigkeit, sorry, wenn man das so hart sagt. Dabei waren wir schon auf besseren Wegen. In den 1990er-Jahren hat die ÖVP von ökosozialer Marktwirtschaft geredet.

Das Wort verwendet sie immer noch.

Aber sie liefert nicht.

Ich erlebe in Österreich immer noch Leute, die die Lage nicht ernst genug nehmen, sich selbst belügen oder sehr gut im Verdrängen sind

Marc Elsberg

Wir waren in der Klimapolitik schon weiter. Heute sehen wir Rückschritte.

Momentan erleben wir unschöne Rückschritte, ich bin aber dennoch nicht ganz pessimistisch. Obwohl die Trumps dieser Welt versuchen, alles zurückzudrehen – welcher US-Bundesstaat installiert derzeit am meisten erneuerbare Energie? Texas, ein zutiefst republikanischer Staat. Oder: China, das lange als Ausrede beim Kampf gegen Treibhausgasemissionen gedient hat, legt ein unfassbares Tempo vor und reduziert womöglich bereits CO2 – Jahre, bevor es geplant war. Wir sehen bei Wahlen – etwa in Baden-Württemberg oder in Manchester – grüne Erfolge.

Sind Menschen weiter als Politiker?

Nur teilweise. Ich erlebe in Österreich immer noch Leute, die die Lage nicht ernst genug nehmen, sich selbst belügen oder sehr gut im Verdrängen sind.

Den Schweizern und den Westösterreichern fallen ihre Berggipfel auf den Kopf. Ich wäre da in Panik

Marc Elsberg
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Das liegt auch daran, dass nicht jeder den Klimawandel gleich stark spürt.

Deswegen funktionieren Szenarien, wie ich sie im Buch beschreibe, so gut: Sie schaffen Betroffenheit bei den Leserinnen und Lesern. Das Versteppen des Amazonasgebiets und eine anschließend kollabierte Sojaernte in Südamerika haben sehr wohl Auswirkungen auf dich! Überdüngung, die Böden kaputt macht, hat sehr wohl Auswirkungen auf uns! Bei einem Thriller-Autor gibt es kilometerhohe Staubstürme in Berlin. Wer ein bisschen recherchiert, sieht: Das ist keine Fantasie.

In Deutschland gab es Staubstürme, die Menschen das Leben kosteten. Aber leider: Für viele Leute ist das nicht einmal einsichtig, wenn etwas passiert. Den Schweizern und den Westösterreichern fallen ihre Berggipfel auf den Kopf. Ich wäre da in Panik. Man erinnere sich an die Flut vor zwei Jahren in Niederösterreich. Sieht irgendjemand Konsequenzen? Nope.

Was macht das mit Ihnen, diese Informationen zu haben? Werden Sie ungeduldiger, enttäuschter?

Man ärgert sich über die Politik. Es werden unnötig viele Chancen vergeben. Andererseits weiß ich, wo etwas weitergeht – selbst bei uns, obwohl das manche behindern. Diese Leute werden halt am Ende als Verlierer oder als tragische Figuren in die Geschichtsbücher eingehen. Ich bin jedenfalls nicht pessimistisch. Was bleibt mir anderes übrig?

Was kann der Einzelne tun? Auf den CO2-Fußabdruck* zu schauen, hilft ja nur bedingt – vor allem, weil der auf einer PR-Kampagne von BP beruht.

Darum ist meine Standardantwort: Fragen Sie das nicht mich, sondern die Leute an den großen Hebeln. Den Chef der OMV, den Bundeskanzler, den Chef von Arab Aramco. Natürlich kann der Einzelne auch etwas tun. Gegen die Klimakrise und gegen den Biodiversitätsverlust wäre eine weitgehend pflanzenbasierte Ernährung ein Riesenhebel. Aber das einfachste Mittel wäre, alle fünf Jahre das Kreuz bei der Partei zu machen, die sich darum kümmert. Dummerweise ist das in Österreich im Augenblick nur eine. Das wäre ein geringer Aufwand und hätte eine ziemlich große Wirkung.

Diese eine Partei hält in Umfragen nur bei 10, 11 Prozent.

Und die Partei, die am drastischsten gegen die Wand fährt, bei bald 40.

Warum ist das so?

Wir Menschen sind nun einmal bequem. Gewohnheiten zu ändern, ist schwierig. In einem funktionierenden, statischen System sind sie ja gut. Gewohnheiten sparen Energie, weil man automatisch Dinge macht und nicht nachdenken muss. Blöd ist nur, wenn sich das System rundherum ändert und Gewohnheiten nicht mehr nützlich, sondern schädlich sind. Sie zu ändern, erfordert aber Energie. Darum findet man tausend Ausreden, um das nicht tun zu müssen.

Da ist eine Partei, die verspricht, dass man sich nicht ändern muss, im Vorteil?

Genau. Dazu kommt noch das Problem mit dem Confirmation Bias. Wir hören lieber Menschen zu, die uns bestätigen, statt jemandem, der uns anstrengt.

Das Umweltministerium ist seit Jahrzehnten – mit einer kurzen Ausnahme unter Türkis-Grün – in der Hand des jeweiligen Landwirtschaftsministers. Meist heißt das: eines Agrarlobbyisten.

Das ist absurd.

Inzwischen wissen wir sehr viel mehr darüber, wie man Dinge wirklich besser machen könnte. In Wahrheit ist alles ein Kommunikationsproblem

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Landwirtschaft und Umwelt müssten kein Widerspruch sein.

Ist es aber in der Realpolitik, weil diese Agrarlobbyisten von der falschen Seite kommen. Würden sie eine vernünftige Landwirtschaft vertreten, wäre es sogar gut, wenn beide in einer Hand wären. Aber die kommen leider aus der alten Betonierer-Petrochemie-Ecke. Aber ich sollte mit meinen Formulierungen vorsichtiger sein, was ich leider nicht bin. Was ich gerade gesagt habe, ist eine Kränkung für Leute, die über Jahrzehnte ein System aufgebaut haben, und jetzt sagt man ihnen, es ist nicht gut.

Wahrscheinlich sollte man eher sagen: Warum hast du vor 30 Jahren diesen Beruf ergriffen? Um die Welt besser zu machen. Mach das wieder. Aber akzeptiere, dass wir inzwischen sehr viel mehr darüber wissen, wie man Dinge wirklich besser machen könnte. In Wahrheit ist alles ein Kommunikationsproblem.

Wir neigen dazu, KI und soziale Medien zu verteufeln. Im Buch haben sie konstruktiven Nutzen im Kampf gegen jene, die sich an der Katastrophe bereichern. Würde das im echten Leben gelingen?

Der Hauptfigur im Buch gelingt es, einen neuen Ton und Stil in die Kommunikation zu diesem Thema zu bringen. Ein bisschen weniger Zeigefinger, ein bisschen weniger Moralisieren. Eher unterhaltsam, indem er ein junges Zwerghippo instrumentalisiert. Süße, junge Tierchen funktionieren ja gut zur Emotionalisierung.

Was ich im Buch eher behaupte, als beweisen kann, ist, dass man so aus seinen Filterblasen herauskommt und jene erreicht, die es für einen Haltungs- und Handlungswechsel braucht. In der Realität wäre das nicht so einfach. Da haben die Leute, die die Algorithmen basteln, ihre Finger drauf. Grundsätzlich: KI und soziale Medien sind wie ein Hammer. Ich kann damit ein Haus bauen oder Menschen den Schädel einschlagen.

Das Buch

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Das Buch

Sie haben früher in der Werbung gearbeitet. Würde es Sie reizen, eine positive Kampagne zu machen oder zu unterstützen?

Na ja, ich habe eine im Buch gemacht.

Und im echten Leben?

Ich weiß nicht, ob ich noch den Nerv dafür hätte, ehrlich gestanden. Ich glaube, ich schreibe inzwischen lieber Bücher.

Was sagen Sie jemandem, der nach der Katastrophe in Ihrem Buch Ängste hat?

Mach was! Mach etwas, damit du besser schlafen kannst. Gegen das Gefühl der Machtlosigkeit hilft, Selbstwirksamkeit zu üben. Indem man zum Beispiel sagt, ich nehme Fleisch nur noch als Beilage. Wer mein Buch gelesen hat, wird vielleicht auch Lachs und Garnelen nicht mehr essen wollen. Dann lass es halt! Man kann köstlich essen, ohne diese Zutaten.

Es beruhigt, wenn man etwas tut.

Je mehr es tun, desto mehr bewegt es tatsächlich. Das kann aber auch skurrile Züge annehmen. Zu Beginn des Ukrainekriegs haben Leute geglaubt, sie können russische Soldaten verwirren, wenn sie irgendetwas in Google eingeben.

Der Zug fährt in die richtige Richtung. Noch zu langsam

Marc Elsberg

Ich habe meine Heizung auf 18 Grad zurückgedreht – auch eine Form der Selbstwirksamkeit.

Habe ich auch gemacht und das hat wohl mehr Sinn. So setzt man Schritt um Schritt, und es sind auch welche dabei, die für das Gesamte wirksam sind. So passiert Veränderung. Wir wissen, dass es in einer Gesellschaft nicht 50 Prozent braucht, um etwas zu ändern, sondern es kippt viel früher. Das sieht man beim Umbau von Energiesystemen in vielen Ländern.

Der Zug fährt in die richtige Richtung. Noch zu langsam. Aber auch ein Herr Trump wird ihn nicht aufhalten. Auch wenn vieles furchtbar und ärgerlich ist, muss man sich vor Augen halten: Europa reduziert seinen CO2Ausstoß seit Jahrzehnten. Nicht schnell genug, aber es tut sich etwas. Es wäre gut, wenn man das auch beim Biodiversitätsverlust hinbekäme. Da ist die Situation so kritisch wie beim Klima.

Es fällt nur weniger auf, wenn ein Käfer ausstirbt.

In Indien sind Ende der 1990er-Jahre 95 Prozent der Geierpopulationen ausgestorben, weil sie von Diclofenac*, das in der Viehzucht verwendet wurde, vergiftet wurden.

In der Folge gab es mehr Ratten und Straßenhunde, dadurch immer mehr Tollwutfälle. Allein in den Jahren 2000 bis 2005 sind laut einer Studie rund eine halbe Million Menschen in Indien nur deshalb an Tollwut gestorben. In Rechenmodellen wird einem indischen Menschenleben ein Wert von etwa 665.000 Dollar zugeordnet. Wir reden also von einem Schaden von 60 bis 70 Milliarden Dollar pro Jahr.

Die Frage ist: Was wird unser Geier sein?

Steckbrief

Marc Elsberg

Der österreichische Autor begann zunächst, Industriedesign in Wien zu studieren, wechselte aber bald als Strategieberater und Kreativdirektor in die Werbung. Seinen ersten Roman schrieb er 2000 noch unter seinem bürgerlichen Namen Marcus Rafelsberger. Den ersten Bestseller lieferte er dann unter dem Künstlernamen Marc Elsberg. Der Wissenschaftsthriller „Black out“ erschien 2012 und handelt von einem großflächigen Stromausfall und dessen Folgen. Weitere Werke: „Zero“, „Helix“, „Gier“, „Der Fall des Präsidenten“ und „Celsius“

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