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Assistierter Suizid: Sterben statt Therapie?

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Autonomie wird zum obersten Prinzip erklärt. Aber was, wenn die Fähigkeit dazu bröckelt? Einer 25-jährigen Frau, die als traumatisiert galt und die nach einem Suizidversuch gelähmt war, wurde in Spanien ein assistierter Suizid behördlich genehmigt und medizinisch ermöglicht.

Zunächst drängt sich die Frage auf, warum es nicht gelungen ist, diese junge Frau trotz aller therapeutischen Möglichkeiten von ihrem Sterbewunsch abzubringen. Welche Unterstützung wurde ihr konkret angeboten? Und welche Wirkung hatten die erwählten Maßnahmen tatsächlich? Wie wurden sie von ihr angenommen – und an welchem Punkt schließlich beendet? Können alle erdenklichen Ressourcen ausgeschöpft worden sein, ehe man als Gesellschaft einen Todeswunsch nicht nur akzeptiert, sondern bei seiner Umsetzung behilflich ist?

Verantwortung

Wir leben in einer Zeit, wo Autonomie ganz, ganz groß geschrieben wird. Aber auch in einer Zeit des Wertewandels. Die Orientierung geht uns langsam verloren. Jeder kann sich sein eigenes Wertesystem zurechtbasteln. Unser Recht auf Autonomie soll in einer aufgeklärten Gesellschaft sicherstellen, dauerhaft selbstbestimmt zu bleiben. Schaut man genauer hin, wird eins dabei vergessen: dass die Voraussetzung ein ganzes Bündel von Fähigkeiten ist. Um die Autonomiefähigkeit festzustellen, sind u. a. folgende Fragen zentral: Kann sich die Person ein realistisches Bild von ihrer Situation machen? Kann sie überhaupt die Verantwortung für ihr Leben tragen? Oder: Ist sie so von Leid überflutet, dass sie wie umnebelt agiert – ohne Blick auf das, was noch möglich ist?

Todeswunsch

Der Wunsch zu sterben, ist ernst zu nehmen; Betroffene benötigen Soforthilfe. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: Schwere existenzielle Ausnahmezustände, akute oder chronische Traumata können die Urteilsfähigkeit empfindlich einschränken. Ein Todeswunsch geht häufig auf einen psychischen Ausnahmezustand zurück, nicht zwingend auf eine stabile, freie Willensbildung.

Respekt

Hier hakt die Respektfalle ein: Immer mehr neigt unsere Gesellschaft dazu, einen Todeswunsch als freie Willensentscheidung hochzuhalten –, anstatt sich weiterhin um die Unterstützung im Leben zu bemühen. Ist eine Person in einer existenziellen Krise in ihrer Fähigkeit, zu ihrem eigenen Besten zu entscheiden, eingeschränkt, ist sie nicht vollständig autonom. Der Respekt vor der Autonomie greift nicht, wenn die Voraussetzungen dazu fehlen, ethisch gerechtfertigt als vollständig selbstbestimmungsfähig zu gelten.

Pseudolösung

Die Entscheidung zu sterben, stellt bei kritischem Hinschauen eine Pseudolösung dar. Für Betroffene bedeutet es gleichwohl austherapiert und eben hoffnungslos zu sein. Man kann diese Freiheit der Wahl auch anders sehen: Vermeintlich reif, abgeklärt und lösungsorientiert ist ein Mensch der Hilflosigkeit seiner Helfer müde. Er trifft den Entschluss, sein Leben zu beenden. Mit der letzten Hilfestellung, wie einem behördlich erlaubten assistierten Suizid, wird aber grundsätzlich nichts gelöst, nur ein Leben beendet.

Trauma-Folgen

Nach traumatischen Ereignissen wie Missbrauch kann es zu schweren Depressionserkrankungen kommen. Damit verbunden sind Phänomene wie das Wiedererleben des Traumas, innere Leere, emotionale Betäubung, Selbstwert- und Kontrollverlust. Nach Gewalterfahrungen entwickeln Betroffene häufig depressive Symptome, die als „-losigkeitssymptome“ bezeichnet werden. Dazu zählen Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Antriebsund Hoffnungslosigkeit. Traumatherapie und stabile Beziehungen können langfristig zu mehr Lebensqualität verhelfen. Eine voreilige Festschreibung auf Aussichtslosigkeit widerspricht dem klinischen Erfahrungswissen.

Prognose-Dilemma

Psychische Entwicklungen sind dynamisch und nicht zuverlässig vorhersagbar. Die Vorhersage, ein Zustand sei „aussichtslos“, ist besonders problematisch. Gerade bei jungen Menschen besteht ein hohes neurobiologisches Veränderungspotenzial. Die Persönlichkeitsentwicklung ist nicht abgeschlossen.

Teufelskreis des Versagens

Häufig entsteht auch in einer Psychotherapie, die nicht unmittelbar wirkt, bei Klienten ein Gefühl des Versagens und der Eindruck, aufgegeben zu werden und am besten gar nicht mehr da zu sein, um sich und die Gesellschaft zu entlasten. Hier wäre Aufklärung über die Wirkung von Psychotherapie zu betreiben, um den Erwartungsdruck zu reduzieren und die prozesshafte Wirksamkeit verstehbar zu machen. Und zu klären, dass es in diesem oft jahrelangen Behandlungsprozess nicht linear vorangeht, sondern vorübergehend Verschlechterungen und Phasen der Stagnation dazugehören.

Hilflose Helfer

Soziale Systeme nehmen sich aus der Verantwortung und ermöglichen Sterben statt Therapie. Was für ein Bekenntnis des Scheiterns! Die Verantwortung für das Scheitern wird somit dem Opfer zurückgegeben, nach dem Motto: Wir dürfen eine Person nicht im Leben begleiten, wenn sie sterben will. Mehr noch: Wir müssen ihren Wunsch respektieren und ihr bei der Umsetzung behilflich sein. Scheinbar mildtätig – aber wohl auch, um nicht länger unter Zugzwang zu stehen, als Gesellschaft Lösungen zu finden und um nicht verantwortlich für das kollektive Versagen zu sein.

Ethische Dimension

Aus ethischer Sicht bewegt sich unsere Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Schutz. Das Recht auf Selbstbestimmung ist zu würdigen. Gleichviel muss berücksichtigt werden, dass Autonomie gerade in schweren psychischen Krisen nicht uneingeschränkt vorausgesetzt werden kann. In solchen Situationen ist dem Schutzgedanken Priorität einzuräumen. Eine gesellschaftliche Normalisierung des assistierten Suizids bei Menschen mit psychischen Erkrankungen birgt erhebliche Risiken in sich. Sie kann Normen und Werte in einer Weise verschieben, die subtil Druck erzeugt: Menschen können sich verpflichtet fühlen, die Gesellschaft durch ihren selbst gewählten Tod zu entlasten. Personen in psychischen Krisen würden nicht nur sich selbst aufgeben, sondern liefen Gefahr, auch gesellschaftlich aufgegeben zu werden.

Fazit: Wurde alles getan?

Die zentrale ethische Frage lautet daher nicht, ob ein Mensch sterben darf, sondern ob ein Zustand erreicht wurde, in dem mit Gewissheit gesagt werden kann: „Es wurde alles getan – nichts hat geholfen. Auch in Zukunft wird nichts und kann nichts mehr helfen.“ Der Arzt und Anthropologe Viktor von Weizsäcker betrachtete Krisen als entscheidende Zeiten des Umbruchs und der Veränderung. Allerdings ist das immer erst nachträglich erkennbar, wenn man die Krise überlebt hat.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.

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