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Wenn Führungskräfte die Kontrolle verlieren

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Die Enthüllungen um einen Ex-Generaldirektor ergeben widersprüchliche Narrative. Warum intime Chats und Fotos uns überhaupt beschäftigen, und weshalb Führungskräfte dermaßen die Kontrolle verlieren, sehen wir uns näher an.

Zu dieser ausufernden öffentlichen Debatte gebe ich meine Einschätzung, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber mit kritischem Blick auf mögliche dahinterstehende psychologische Mechanismen.

Ohnmacht

Menschen reagieren auf Skandale um Führungspersönlichkeiten in aller Regel widersprüchlich. Sie verhalten sich unklar, meist ambivalent – zwischen energischer Abwehr: „Interessiert mich nicht!“ und emotionaler Teilhabe: „Wie kann man nur …!“ Diese innere Spannung erhöht dabei die Betroffenheit. Der Ekel vor intimen Chats und Fotos bindet da rüber hinaus paradoxerweise die Aufmerksamkeit.

Damit erklärt sich die Reichweite solcher Inhalte. Ein „gefallener Engel“ erscheint schnell als Symptomträger eines krankenden Systems, das die Schlechten von den Guten trennen will. Der befleckte „Saubermann“ spiegelt aber auch unsere kollektive Ohnmacht wider: Das zunehmende Scheitern einer märchenhaften Verblendungen anhängenden Gesellschaft, Himmel und Hölle noch zu unterscheiden.

Kollektive Empörung

Eigentlich sollte es uns nichts angehen, was ein noch so hochrangiger Mensch privat auf seinem Handy textet und welche Bilddaten er verschickt. Er verschwand ja im aktuellen Fall eh flugs von der beruflichen Bildfläche. Sein Verhalten wird aber umso mehr öffentlich seziert. Und paradox, aber wahr: Wut und Empörung binden die Aufmerksamkeit.

Feindbilder entlasten eine reizüberflutete, psychisch erschöpfte Gesellschaft. Nicht zu vergessen, sie entlasten sogar sehr! Bieten Projektionsflächen für aufgestaute Frustration: Einer, an den geglaubt wurde, hat auf einmal keine weiße Weste mehr. Die ist befleckt, er ist schuldig.

Aber eben nur solange Mediendebatten die Wut zugleich anfeuern und abkühlen. Man wartet dann ja schon wie unter Adrenalin: Was kommt wieder an Neuigkeiten über den Missetäter in die Schlagzeilen? Empörende Updates tragen dabei weniger zur Aufklärung bei und beruhigen vielmehr das kollektive Gewissen.

Verunsicherung

Wir bewegen uns längst in einem Ohnmachtsgefälle: Je stärker Beziehungen digitalisiert und entmenschlicht werden, desto größer wird das Bedürfnis nach Halt. Der öffentliche Voyeurismus macht einen Schneeballeffekt wahrscheinlich: Wer wird als Nächstes aufgedeckt? Ganze Institutionen geraten unter Druck.

Aus eigener Erfahrung kenne ich die starren Hierarchien in Vorzeigeorganisationen, die gesellschaftliche Werte schaffen. Dort kann man sich Skandale weder leisten noch sie verhindern. Sie bringen ein ohnehin fragiles Wertesystem noch weiter ins Straucheln.

Die blank liegende Ohnmacht eines Mächtigen führt zur kollektiven Verunsicherung ebenso wie zu Schadenfreude. Der in Machtapparaturen steckende „Wurm“ zeigt den zunehmenden Realitätsverlust dieser Orte, wo moralisch nichts anbrennen darf, es aber umso mehr menschelt.

Idealisierung

Wir geraten in einen heftigen inneren Konflikt, wenn ein Mächtiger „den Heiligenschein“ abgeben muss. Durch die unaufhaltsame Säkularisierung orientieren wir uns an Systemen, die wie Pilgerorte soziale Werte vermitteln. Ethik und Integrität werden im Verhaltenskodex für die dort werkenden neuen Götter gleichsam selbstredend vorausgesetzt. Das erhöht das Risiko von Idealisierung und Abwertung.

Der Haken daran: Tugendhaftigkeit lässt sich weder verordnen noch institutionalisieren. Psychologisch ist der Verfall der Sitten mit einer hohen Selbstüberschätzung von Führungspersonen erklärbar. Das ist keine Entschuldigung, aber eines von mehreren möglichen Erklärungsmodellen.

Anspruchshaltung

Gesetzt den Fall, ein Mann sendet an eine Frau von seinem Smartphone einvernehmlich Fotos seines Geschlechtsteils, dann kann das eine extravagante Erweiterung des Sextings sein. Kommen seine Dickpics hingegen unerwünscht, ist das wohl Ausdruck eines verborgenen Machtanspruchs. Der Sender priorisiert seinen triebhaften Impuls gegenüber möglichen negativen Folgewirkungen.

Hier mag es wohl eher um Macht und Provokation gehen und nicht um erotische Annäherung. Grenzüberschreitungen werden offenbar ausgeblendet und in Kauf genommen. Gut möglich, dass ein Mann vollkommen unreflektiert davon ausgeht, eine Frau mit diesem erzwungenen Anblick für sich zu gewinnen, auf eine archaische Art zu beeindrucken. Oder gar Nähe und Vertraulichkeit zu schaffen. Wer oben ist, agiert – wer unten ist, muss reagieren. Dabei entsteht Unsicherheit. Wenn Autoritäten fallen, fallen stabile Orientierungspunkte.

Selbstbezogenheit

Manch Führungsperson neigt zu Überzeugungen in der Art, dass Regeln für ihn oder sie nicht oder weniger gelten. Das geschieht nicht bewusst, sondern geht oftmals mit der Rolle einher. Ein Manager nimmt ein Nein möglicherweise nicht ernst. Er ist es gewöhnt, sich durchzusetzen – im Sog des Erfolgsanspruchs: um auf keinen Fall abgelehnt oder übergangen zu werden.

Oxytocin, Dopamin und Adrenalin werden in solchen Situationen ausgeschüttet. Die subjektive Begierde wird als bedeutungsvoll wahrgenommen. Leistungsdruck wie im Business führt zum Eroberungsrausch. So kommt es zur Eskalation. Salopp gesagt, setzt mithin die rationale Kontrolle aus. Dabei bleibt die Fremdwahrnehmung weitgehend ausgeblendet oder stark verzerrt.

Macht

Digitale Kommunikation senkt die Hemmschwelle. Und Vorsicht: Texte und Fotos erschaffen in Sekundenbruchteilen eine irreversible Realität. Die räumliche Distanz beim Texten reduziert die unmittelbare soziale Korrektur. Die Aktion geschieht eben nicht auf Augenhöhe, sondern in einem narzisstischen Gefälle der Macht.

Dadurch verstärken sich Rollenverwirrung und Erwartungsdruck. Digitale Kommuni­kation wirkt nicht klärend, sie feuert den Konflikt an. Wer als Führungsperson daran gewöhnt ist, zu entscheiden, rechnet eher damit, dass andere sich anpassen. Die Grenze zwischen Rolle und Mensch verschwimmt.

Vorläufiges Fazit

Sind das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit einmal erschüttert, ist nicht nur die Fassade einsturzgefährdet. Die Integrität einer Führungskraft ist dahin. Sobald einer „Dreck am Stecken“ hat, hilft offensichtlich nur noch seine sofortige Entfernung. In einer Organisation, die Meinung macht, Einfluss und Macht hat, ist Verantwortung ein Muss.

Doch wie im Märchen beginnt alles mit Erzählungen: Es war einmal ein Edelmann, der gegen Drachen kämpfte und eine Königstochter und ein Königreich mit Tugendhaftigkeit gewinnen konnte. Am wichtigsten dabei ist die märchenhafte weiße Weste, die keine Flecken hat. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2026 erschienen.

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