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Love Bombing: Zu viel, zu schnell, zu nah

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Arno sieht in Miriam die Chance seines Lebens. Nachdem der Witwer sie als Arzt gerettet hat, als sie akut in der Notaufnahme war, überschwemmt er sie mit Liebesnachrichten. Allerdings erkennt er sein „Love Bombing“ nicht.

An eine Frau wie Miriam hätte sich Arno unter normalen Umständen nicht herangewagt. Sie sei ihm in einem Ausnahmezustand begegnet, worauf sein Beschützerinstinkt motiviert worden sei und sein Antrieb, alles zu geben. Dass das Love Bombing ist, wenn man als Arzt einer Patientin hinterherjagt, ihr das Du-Wort anbietet und Zukunftspläne schmiedet, schon beim nächsten Treffen, nachdem der Befund erleichternd war, und von Heirat spricht, sieht Arno nicht. Was hätte er – verwitwet – anderes tun sollen, als die vermeintliche Traumfrau vor ihm stand.

Eine typische Konstellation: Starker, einsamer Mann trifft augenblicklich schwache, verletzliche Frau. Und häufig sind es hierarchisch übergeordnete Personen. Ebenso können auch Chefinnen in männlichen Mitarbeitern begehrenswerte Wesen erkennen, die sie retten können. Das Ding ist: Hier ist in Wahrheit keiner stark. Beide tauchen von Angst getrieben in die Beziehung ein.

Beziehungsängste

Menschen wie Arno überspielen ihre erfahrungsbedingte Bindungs- und Verlustangst durch ihre soziale Rolle als Verantwortungsträger, Helfer oder Retter. Durch den Rollenschutz wagt er sich überhaupt an die Vorstellung heran, Miriam gerecht zu werden.

Minderwertigkeitskomplex

Hinter vordergründiger Dominanz und Stärke schwelen oft Selbstzweifel. Durch Überkompensation dieser meist unbewussten Selbstunsicherheit, die sich in Arnos Fall auf seinen Wert als Mann bezieht, kommt es zu abrupten Vorstößen und einer regelrechten Vereinnahmung des Liebesobjekts.

Selbstwert-Booster

Menschen wie Miriam empfinden es als Aufwertung, das Interesse von Helden wie Arno zu wecken und vermögen häufig die soziale Rolle des Retters von diesem Menschen nicht zu trennen. Aus einem Gefühl der Unterlegenheit und Bedürftigkeit entsteht Bindung, ohne zu bemerken, dass dabei ein angstbedingter Unterwerfungsreflex einsetzt. Die Person wird nicht um ihrer selbst willen begehrt. Ihre Grenzüberschreitungen werden paradoxerweise nur aus einem verzweifelten Sicherheitsbedürfnis heraus toleriert.

Pseudobeziehung

Zwischen Arno und Miriam entsteht eine vorübergehende Beziehung. Sie ist aber nicht reif und real, da sie von ihrer Bedürftigkeit und seiner Kontrolle lebt. Sobald sie nicht mehr bedürftig ist und er sie nicht mehr kontrollieren kann, fliegt die Täuschung auf. Und dann bekommt Arno es mit Bindungsangst zu tun.

Rückzug

Love Bombing entsteht somit meist aus Sehnsucht nach (kontrollierter) Nähe und Angst vor Verlust. Folgerichtig ziehen sich beide zurück, als sie erkennen, wie wenig vereinbar sie in Wahrheit sind. Enttäuschung und Frustration lösen den Liebestraum ab. Weder aus Bedürftigkeit noch Kontrollzwang sollten zwischenmenschliche Beziehungen eingegangen werden. Wichtig ist, die eigene Angst zu kennen und zu bewältigen, um überhaupt beziehungs- und bindungsfähig zu sein. Dann braucht es weder Dominanz noch Unterwerfung. Aber schlichtweg Gleichwertigkeit auf einer Vertrauensbasis.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.

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