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Fawning: Der Bambi-Reflex der Liebe

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

In Stresssituationen neigen wir zu typischen Reaktionen: „Fight“, „Flight“ oder „Freeze“. Wir kämpfen, fliehen und erstarren auch in sozialen Beziehungen, im Beruf bei Überforderung ebenso wie in der Liebe. „Fawning“ als Unterwerfung ist ein vierter Reaktionsmodus.

Larena ist mit allem einverstanden, was Anton will. In Wahrheit unterdrückt sie auch beim Sex ihre Wünsche und schweigt, um Konflikte zu vermeiden.

Wenn sie „fawnt“, will sie Anton glücklich machen. Neuartige Allüren, die Anton im Glauben entwickelt hat, Larena sei ebenso neugierig darauf wie er, behagen ihr nicht. Sie leidet im Stillen, konsumiert gegen den Kummer Alkohol und gibt vor, dass alles in Ordnung wäre. Sie würde Anton nie ins Gesicht sagen, dass sie keine Lust auf Sex hat, es ihr zu oft und zu wenig zärtlich ist. Und dass sie sich nur für ihn aufopfert, aber nichts oder höchstens Ekel (vor sich selbst, die das zulässt) empfindet. Und merkt Anton was davon? Nein!

Die vom Bambi-Reflex erfassten Menschen bringen es in ihrer Überangepasstheit mithin zu echten Höchstleistungen. Auch in einer intensiven Psychotherapie ist Larena nur unter innerem Widerstand zu der Erkenntnis zu bringen, sich selbst durchwegs zu verleugnen. Die Fawning betreibenden Menschen haben folgende Erkennungsmerkmale:

Konfliktvermeidung

Bambi ist süß, harmlos und lieb. Ebenso wollen Menschen sich durch Fawning klein machen, beschwichtigen, sich anpassen, um Reibung und Aggression aus dem Weg zu gehen.

Überlebensstrategie

Beim Bambi-Reflex, oder Fawning, geht es nicht bloß darum, anderen zu gefallen und beliebt zu sein. Dieses Verhaltensmuster kommt von frühkindlichen Prägungen. Personen wie Larena waren schon als Kinder Ersatztherapeutinnen ihrer psychisch strauchelnden ersten Bezugspersonen. Nur dann durften sie sein und wurden gesehen, wenn sie dienlich waren. Es ging nie um sie, sie erfuhren sich als Mittel zum Zweck und nicht als eigenständige Personen, die Wünsche haben und Grenzen zeigen dürfen.

Arbeitsleben

Der Bambi-Reflex führt im Beruf oft zum Ausgebrannt-Sein, weil sich Betroffene automatisiert ausnutzen lassen. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur gesunden Grenze und – ganz banal gesagt – zu spüren, aber vor allem zu sagen: Jetzt reicht’s! Stopp! Hier ist meine Grenze (der Belastbarkeit). Sie sind in einen toxischen Altruismus hineingeraten, aus dem sie schwerlich herausfinden. Dienlich zu sein, haftet ihnen wie ein Gütesiegel an. Es ist die alleinige Daseinsberechtigung.

Überanpassung

Fawning wirkt meist wie angenehme Zurückhaltung, resultiert jedoch aus Angst. Fast immer liegt diesem Verhalten eine oder mehrere seelische Erschütterungen zugrunde. Ein häufiges Trauma ist das Nicht-Gesehen-Werden. Daraus wiederum entsteht ein überangepasstes Verhalten, das „People-Pleasing“.

Was kann man gegen den Bambi-Reflex tun?

Werden Sie als betroffene Person vom Bambi zum Sechzehnender und tragen Ihre Erfahrung stolz wie ein Hirsch sein Geweih.

Hören Sie auf, Ihr eigenes Empfinden zu sabotieren und stehen Sie zu Ihrem Wesen, das sich immer verstecken musste, um bestehen zu können. Eine Trauma bezogene Psychotherapie oder ein Coaching können dabei helfen, Selbstwert und Selbstbewusstsein aufzubauen und das Gefühl, in tausend Stücke zu zerfallen, wenn man aus dem Versteck kommt, ablösen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.

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