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Warum sich Opfer von Übergriffen oft spät outen

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Warum reden sie nicht schon viel früher? Opfer von Übergriffen outen sich über das, was ihnen angetan wurde, wenn überhaupt, häufig erst Jahre oder Jahrzehnte später. Das geschieht nicht aus Willkür, sondern folgt grundlegenden psychologischen Prinzipien.

Zunächst einmal muss ein grenzüberschreitendes Verhalten für Betroffene klar identifizierbar sein. Oft stellt sich hier bei jenen, die eben diesen „Opfer-Status“ so gar nicht für sich akzeptieren wollen, die schambesetzte Frage der Schuld: Womit wir schon beim ersten psychologischen Prinzip der Schuld-Umkehr angelangt sind. Noch in den Achtziger-, Neunzigerjahren war durchaus etabliert, Frauen in aller Öffentlichkeit abzuwerten, als heißen Feger, geile Puppe und noch weitaus schlimmer zu bezeichnen.

Man fasste das damals fast notgedrungen als Zeichen der Sichtbarkeit auf, fühlte sich dabei aber schlecht, was ich aus meiner Zeit als Jungliteratin im Kulturbetrieb bestätigen kann, und auch darüber geschwiegen habe, um kein Opfer zu sein. Und um von der gefürchteten, auch juristischen Macht – durch ihren Status, ihre Prominenz, ihr Alter und ihr soziales Netzwerk – abgesicherter Männer nicht ausgelöscht zu werden. Auch Frauen in Machtpositionen können Grenzen überschreiten, wobei das bei Männern sozio­kulturell bedingt häufiger vorkommt.

Wegschau-Kultur

Geoutet wurden die am laufenden Band erlittenen Übergriffe und Sexualisierungen damals weitaus seltener als heute, weil das Macho-Gehabe gesellschaftlich geduldet, und man ja als Frau anscheinend immer „selbst schuld“ war. Hätte man sich dem – meist hierarchisch übergeordneten, mächtigen, meist älteren – Mann nicht naiv anvertraut oder sich nicht „einladend“ benommen, wäre es ja nicht so weit gekommen. So, stark vereinfacht, war die damalige Denke.

Quidproquo-Denken

Jede Art der Förderung oder Geschäftspartnerschaft führte unausgesprochen zum Erwartungsdruck einer Gegenleistung. Meinungsmacher, Manager, Politiker, Menschen, die man aus den Medien kannte und es ihnen nie zugetraut hätte, zeigten irgendwann ihr wahres Gesicht, wohl wissend, dass sie kaum mit Konsequenzen zu rechnen hatten.

Schweigekultur

Im persönlichen Nahbereich, aber auch gegenüber berufenen ­Meinungsmachern öffnete ich mich über erlebte Grenzüberschreitungen punktuell. Und erfuhr dasselbe Schicksal wie meine Klientinnen und Klienten: Es wird wohl zugehört, betroffen geschaut, aber nicht gehandelt. Weil es „eben passiert“ und „ja eh schon geschehen ist“. Niemand will sich anpatzen, insbesondere wenn die übergriffige Person gesellschaftlich angesehen ist. Keiner reagiert. Die Tendenz zum Totschweigen blanker Tatsachen überwiegt, weil das für Eingeweihte bequemer ist.

Schamregulation

In meiner Arbeit zeigt sich, dass Scham zudem einer der zentralsten Hindernisfaktoren ist. Betroffene neigen dazu, grenzüberschreitendes Verhalten zunächst geheim zu halten oder gar nicht als solches zu erkennen. Und dann liegen für Außenstehende bei späten Outings Motive nahe, wie Kalkül, taktische Planung, Profitgier. Warum denn auch nicht früher, gleich nach dem Vorfall? Erst wenn sich die Schamgrenze verschiebt – durch Persönlichkeitswachstum, ein zunehmendes Selbstbewusstsein und zeitliche Distanz von psychisch erschütternden Geschehnissen wird Reden möglich. Oder auch durch Veränderung von außen, wenn sich soziale Normen verändern, Missbrauch und Grenzüberschreitungen mit mehr Achtsamkeit begegnet wird.

Kognitive Dissonanz

Wenn real Erlebtes, Selbstbild und Verhalten in krassem Widerspruch sind, baut sich unglaublich viel innere Spannung auf. Übergriffe werden lange Zeit relativiert, umgedeutet und verdrängt. Erst wenn die Verdrängungsmechanismen nicht mehr tragen, kann es zum gleichsam nachträglichen Realitätscheck und zur Offenlegung kommen.

Verzögerte Integration

Erschütternde Erfahrungen können zunächst nicht in die eigene Wirklichkeit integriert werden. Ein Gefühl, wie fragmentiert, also innerlich zertrümmert zu sein, bedingt eine schnelle Abspaltung des Erlebnisses. Betroffene betrachten sich selbst wie jemand anderes, der oder dem das widerfuhr. Und sind lange Zeit nicht in der Lage, ein gesundes Selbstmitgefühl zu entwickeln, weil, ja weil die Integration zu bedrohlich erscheint. Somit wird lang, lang so getan, als wäre nichts geschehen.

Systemische Abhängigkeit

Ein weiterer häufiger Grund von zeitverzögerten Outings sind Beziehungen, Abhängigkeitsverhältnisse und ­Hierarchien. Ein Outing kann die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen gefährden. Wie beim bekannten Stockholm-Syndrom ziehen es Opfer von Grenzüberschreitungen aus Angst, ausgeschlossen, allein gelassen, beschuldigt und abgewertet zu werden, vor zu schweigen. Oder solidarisieren sich sogar mit ihrem Aggressor, insbesondere wenn es eine hierarchisch übergeordnete Person oder eine Person in einer angesehenen sozialen Rolle ist. Ähnlich wie bei Kindern, die nach Misshandlungen dennoch loyal zu den verantwortlichen Bezugspersonen stehen.

Intermittierende Verstärkung

Beständige emotionale Wechselbäder wirken stabilisierend auf Bezugssysteme, wenn abwechselnd Anerkennung und dann wieder Verunsicherung erfahren wird. Ähnlich wie beim Spielautomaten das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird und Betroffene trotz eines drohenden schlimmen Endes genau auf diesen einen Glücksmoment hoffen, harren Opfer von Grenzüberschreitungen oftmals in toxischen Beziehungen aus. Und argumentieren vor sich selbst, dass es die Person, der Chef, die Kollegin, nicht so gemeint haben könne, weil ja er oder sie auch das und das für einen getan habe. Menschen glauben sich oft lange Zeit, fast wie betäubt, „im Schlechten geborgen“, auch wenn das innerlich längst nicht mehr stimmig sind. Das Outing wird erst möglich, wenn sich das System ändert oder zusammenbricht.

Umcodierung

Aufwertung, Interesse und Kooperation können in Beziehungskonstellationen umschlagen, in denen implizit Verfügbarkeit eingefordert wird. Eine ursprünglich klar definierte – zum Beispiel: Geschäftsbeziehung – verliert ihre gleichwertige Ebene. Sie wird nachträglich umcodiert, ein Phänomen, das für Betroffene oft erst spät als Übergriff erkennbar wird.

Versagen

Es geht hier um nicht mehr, aber auch nicht weniger als um die Menschenwürde. Betroffene sexueller Gewalt berichten häufig von dem Gefühl der Erniedrigung. Warum dann kein Flucht- oder Abwehrreflex möglich war, können sie sich nicht erklären. Sie lasten es sich als Versagen an. Dabei sind Opfer von Grenz­überschreitungen oft nicht in der Lage, die Stressbewältigungsreaktionen der Flucht oder des Angriffs, in dem Fall der Abgrenzung rechtzeitig anzuwenden. Sie geraten ungewollt in einen stressbedingten Freeze-Modus. Sie „frieren ein“. Aber nicht im Einverständnis mit der Tat, sondern im Schock oder in der Überforderung, wie um ihr Überleben zu sichern. Nachträglich wird das oft als persönliches Versagen gedeutet und hindert viele daran, sich selbst als Leidtragende zu respektieren.

Macht

Outings können oft erst erfolgen, wenn sich Machtverhältnisse verschieben und Abhängigkeiten aufheben. Sobald neue Autonomie, aber auch neues Bewusstsein entsteht.

Erschöpfung

Abwehr ist keine grenzenlos haltbare Strategie. Irgendwann kommt es zur psychischen Erschöpfung. Wie bei einem Dammbruch kann dann posttraumatisch, also: nach der seelischen Erschütterung, erst Jahre oder Jahrzehnte später der Impuls kommen, darüber zu sprechen.

Kipppunkt-Phänomen

Unerwartet wird auch nach der Erfahrung von Grenzüberschreitungen irgendwann ein innerer oder äußerer Kipppunkt erreicht. Und plötzlich können das bisherige Selbstbild, das System und der Umgang mit lang verdrängt gehaltenen Übergriffen nicht mehr stabil gehalten werden.

Rollenumkehr

Erst wenn der Kipppunkt erreicht ist, kann man sich als Opfer zu erkennen geben und muss sich nicht mehr anpassen, tarnen und verstecken, um nicht nochmals abgewertet und verletzt zu werden, oder gar selbst auf der Anklagebank zu landen. Häufig fürchten sich Betroffene genau davor am meisten: Nicht glaubhaft zu sein, nicht ernst genommen zu werden, unlauterer Motive beschuldigt und für immer stigmatisiert zu werden als Drama-Person. Nachträglich – so spät noch! – um Aufmerksamkeit heischend, rachsüchtig oder einen Nutzen aus der Opferrolle ziehend.

Narrative Rekonstruktion

Menschen benötigen ein Narrativ, in das sie die Wahrheit einbetten können. Oft entstehen diese Erzählungen erst nachträglich und rückblickend. Das Outing ist dann zentrales Element der neu erzählten persönlichen Geschichte.

Überkorrektur

Wir leben in einer Epoche der Überkorrektur, nachdem viel zu lang weggeschaut wurde. Die gesellschaftlich aufgeheizte, jetzt radikale Stimmung führt dazu, in Verdacht geratene Personen unverzüglich sozial zu demontieren, wie um historischen Raubbau an Frauen mit einem Rundumschlag wiedergutzumachen, Fairness und Gerechtigkeit schnellstens herzustellen. Das lädt zum Trittbrettfahren ein. Genau in dieser Grauzone liegt die Gefahr und erfordert zunehmend differenzierten und methodischen Aufklärungs- und Handlungsbedarf innerhalb von bestehenden Machtstrukturen. Das Pendel darf nicht zwischen Idealisierung und Abwertung schwingen. Das manifestiert nur eine selbstgefällige dualistische Gesellschaft der Guten und der Schlechten, wo am Ende selten die Wahrheit ans Licht kommt, sondern Radikalisierung und Instrumentalisierung zunehmen können. Doch frei nach Ingeborg Bachmann ist die Wahrheit dem Menschen zumutbar.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.

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