ABO

Samuel Koch: „Innerer Friede sticht körperliche Gesundheit“

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
11 min
Artikelbild

Samuel Koch

©Gerhard Fibi

10. Dezember 2010 in Düsseldorf: Eine „Wetten, dass..?"-Folge endet katastrophal, ein junger Kunstturner stürzt und ist seither querschnittgelähmt. Heute ist Samuel Koch ein glücklicher Mensch, Ehemann, Vater und erfolgreicher Schauspieler. In der Josefstadt las er Peter Turrinis verstörenden Monolog „Endlich Schluss“.

Dieser verheerende Salto, ausgeführt am 4. Dezember 2010 im Düsseldorfer ISS-Dome über ein fahrendes Auto, ist mitten in den Frohsinnsgewissheiten der deutschen Unterhaltungsindustrie gelandet. In den Sprungstiefeln stand ein Dreiundzwanzigjähriger, am Steuer saß sein Vater. Drei ihm entgegenkommende Autos hatte der avancierte Kunstturner Samuel Koch schon übersprungen. Am vierten scheiterte er, und als er zu sich kam, war er querschnittgelähmt.

Thomas Gottschalk zog sich daraufhin aus dem Format „Wetten, dass..?“ zurück, und was nachher kam, war nicht der Rede wert. Anders das Leben von Samuel Koch: Er hat 2014 sein Schauspielstudium beendet und rückt als Protagonist einer gefeierten Münchner „Wallenstein“-Produktion demnächst zum Berliner Theatertreffen ein. Und, noch viel besser: Er ist verheiratet und wurde im Dezember Vater eines Sohns.

Am 31. März las er an der Josefstadt Peter Turrinis hoch emotionalen Monolog „Endlich Schluss“.

Herr Koch, lassen Sie uns mit dem fatalen Tag im Dezember 2010 beginnen. Hatten Sie da das Gefühl einer ungeheuren Ungerechtigkeit? Einer ausweglosen Verzweiflung?

Die Verzweiflung hat sich eher eingeschlichen, ich war zunächst eher rettend naiv. Als ich wieder zu mir gekommen bin, hat mir keiner direkt ins Gesicht gesagt: Du wirst nie wieder laufen können, du wirst nie wieder selbstständig leben, alle Wünsche, alle Träume sind zerplatzt. Das hat mir die harte Konfrontation erspart. Also dachte ich, super, jetzt beginnt ein Jahr Reha, ich habe Herausforderungen immer geliebt, ich werde das schon schaffen, wird schon kein Fehler gewesen sein und alles seinen Sinn haben. Wahrscheinlich auch durch die Opiate bedingt, unter denen ich im Spital gestanden hatte.

Dann habe ich langsam, von Tag zu Tag, gemerkt, dass das keiner der üblichen Sportunfälle war. Ein Ungerechtigkeitsgefühl habe ich nur bedingt gehabt, weil mir schnell klar war: Trotz aller meiner Widerstände war es meine Entscheidung, bei „Wetten, dass..?“ anzutreten. Ich hatte mehrfach abgesagt, weil ich gerade mein Schauspielstudium begonnen hatte und meine Kunstturn-Trainer von solchen Sachen nicht begeistert waren. Aber dann bin ich eben doch angetreten.

Ich akzeptiere den Ist-Zustand bis heute nicht, aber ich versuche, in dem Zustand zufrieden zu sein

Samuel Koch

Und als Sie dann definitiv wussten, wie viel jetzt verloren ist?

Das war irgendwann in der Rehabilitationszeit, durch einen Satz, der mir eines Morgens zugefallen war: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Und dann dachte ich: Mein ganzes Herz hatte an körperliche Wiederherstellung und physischer Unversehrtheit gehangen, und dann war mir klar, dass es Wichtigeres geben muss als Gesundheit, auch wenn das anders propagiert wird und Gesundheit ein großer Segen ist. Ich musste mich entscheiden, im Hier und Jetzt mit dem Status quo zufrieden zu sein, was aber nie bedeutet hat, mich zufriedenzugeben. Ich akzeptiere den Ist-Zustand bis heute nicht, aber ich versuche, in dem Zustand zufrieden zu sein.

Haben Sie Hoffnung auf Besserung?

Ich glaube an den Fortschritt der Medizin. Ich würde ich ja nicht die Rückenmarkforschung als Botschafter unterstützen, wenn ich nicht die Hoffnung hätte, dass es irgendwann wie bei den einst tödlichen Grippeviren sein wird: Letzte Woche warst du noch querschnittgelähmt, jetzt bist du wieder ganz der Alte, weil man es geschafft hat, die wenigen Millimeter unterbrochenes Nervengewebe im Rückenmark mit Strom zu überbrücken. Ob das noch während meiner Lebenszeit der Fall ist, werden wir sehen. Aber es soll mich nicht abhalten von der Zufriedenheit in der Gegenwart. Ich meine, krank und zufrieden sein ist besser als gesund und unzufrieden.

Ich habe mittlerweile wunderbare, faszinierende, tolle Menschen erlebt, sterbenskrank, mit den heftigsten Diagnosen. Eine gute Freundin von mir wurde in Vietnam mit Agent Orange vergiftet. Sie ist versteinert, immer mehr Gliedmaßen sollten ihr amputiert werden, das Gesicht hat sich komplett zurückgebildet. Aber wann immer man aus ihrem Krankenzimmer rauskam, erlebten alle so einen Frieden, mit dem sie einen angesteckt hatte. Vor ihrem Tod konnte sie nicht mehr tippen, sondern nur noch elektronische Postkarten schicken. Aber sie beschrieb mir die Wunderschönheit des Frühlings und ihre Dankbarkeit dafür. Und das ist nur eins von mittlerweile 100 Beispielen, dass ein innerer Friede, eine Gesundheit im Geist, die körperliche Gesundheit sticht.

Nun haben Sie in der Josefstadt den Turrini-Text „Endlich Schluss“* gelesen, in dem ein zum Selbstmord Entschlossener Zahl für Zahl bis zum Suizid herunterzählt. Das ist doch ein Text der Hoffnungslosigkeit?

Nun ja, die Hoffnung blitzt schon ab und zu durch! Es gibt zum Beispiel eine Sequenz, wo er nach einem trostlosen Selbstmordversuch im Bett liegt und sich schon aus seinem Körper hinausbewegt, während seine Seele vom Schrank zusieht, wie ihn der Priester, die Frau und der Sohn verabschieden. Aber dann springt er herunter, ruft ihnen hinterher und entschließt sich, noch einmal weiterzuleben.

Haben Sie mit Peter Turrini gesprochen?

Ja, ich hatte eine szenische Lesung im Stift Melk bei den Tagen der Transformation, Turrini war anwesend, und wir haben uns davor und danach kurz ausgetauscht. Es war eine für mich sehr kostbare Begegnung, und ich würde die Lesung auch gern zu einer Inszenierung ausbauen.

Wenn Sie heute erleben, wie Thomas Gottschalk, der alt und nicht mehr in bester Verfassung ist, in Medien und Foren verspottet wird – spüren Sie da womöglich eine heimliche Genugtuung, so radikal, wie seine Show in Ihr Leben eingegriffen hat?

Genugtuung sagen Sie? Nein, davon bin ich weit entfernt! Ich habe mich schon damals, als er mich im Krankenhaus besucht hat, bei ihm entschuldigt, dass ich ihn in mein Unvermögen hineingezogen und quasi seine Karriere beendet habe. Er hatte ja nach dem Unglück beschlossen, die Sendung aufzugeben. Diesem großen Teil seines Vermächtnisses so einen düsteren Schatten verliehen zu haben, tut mir unendlich leid.

Und wie heute der Mob über Menschen herzieht, das gehört zu den wenigen Dingen, die mich wütend machen. Da werden Meinungen gemacht, ohne sich Meinungen zu bilden, ohne die Hintergründe zu kennen, ohne die Schmerzen der anderen zu verstehen, ohne den Kontext der Schmerzen zu kennen, letztlich ohne die Person wirklich zu kennen. Und es geht ja immer weiter so. Die um sich greifende Gnadenlosigkeit bringt mich in Wallung – egal, ob es sich um geopolitische Konflikte oder das undifferenzierte Fertigmachen von Menschen handelt.

Blurred image background

Wallenstein an den Münchner Kammerspielen. Sieben Stunden Schiller mit Samuel Koch, Regie: Jan-Christoph Gockel

 © Armin Smailovic

Das Mittelmaß erhebt sich gegen die Außerordentlichen, nicht?

Das haben Sie interessant ausgedrückt, wie viele Leute die Welle der Mittelmäßigkeit reiten, um ihrer eigenen vermeintlichen Bedeutungslosigkeit zu entfliehen. Die sich in ein Klagen, Jammern und Wüten flüchten, ohne tatsächlich zu leiden, statt sich an denen ein Beispiel zu nehmen, die leiden, ohne zu klagen.

Lassen Sie uns zuletzt auf die erfreuliche Gegenwart kommen. Sie sind verheiratet, haben einen vier Monate alten Buben, sind im Ensemble der Münchner Kammerspiele …

… ja, ich spiele den Wallenstein, wir sind zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Aber die Familie mit dem kleinen Sohn, das ist wahrhaftige Freude. Ein Erlebnis ohnegleichen.

Steckbrief

Samuel Koch

Geboren am 28. September 1987 in Neuwied, Rheinland Pfalz, war seit seinem sechsten Lebensjahr Geräteturner, zuletzt in der Regionalliga. Im Oktober 2010 begann er ein Schauspielstudium. Zwei Monate später verunglückte er während einer „Wetten, dass..?"-Sendung in Düsseldorf. 2014 bestand er die Schauspielprüfung, heute steht er im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Er ist mit der Schauspielerin Sarah Elena Timpe verheiratet. Im Dezember kam der Sohn zur Welt.

samuel-koch.com

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER