ABO

Spitzentöne: Causa Festspiele – die ÖVP ist tot

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
8 min
Artikelbild

Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Dem Kuratorium der Salzburger Festspiele ist es gelungen, eine zehn Jahre dauernde Glückssträhne zu guillotinieren. Selten war die Kulturpolitik derart miserabel besetzt. Der neue Intendant soll tunlichst schon vor dem Sommer feststehen. Die Entscheidungsträger bereiten Sorgen.

Das Schlimmste an der Situation ist klarerweise das Debakel, dem die Salzburger Festspiele von kulturpolitischen Dilettanten in der Geiselhaft von Intriganten und Eigeninteressenten überantwortet wurden. Es gab zu diesem Vorgehen schlicht keinen Anlass: Der jeden Kundigen erheiternde Vorwand – Fristenläufe bei der Ernennung der Schauspieldirektion – war zuletzt nicht einmal mehr Gegenstand der Debatte. Aber Markus Hinterhäuser geht im September 2026, nach zehn inspirierenden Jahren. Deren Aura hatte damit zu tun, dass hier aus künstlerischer und intellektueller Innensicht und nicht von Dramaturgen und Castingdirektoren programmiert wurde.

Hinterhäuser muss weichen, weil er ein „Ultimatum“ des politisch besetzten Kuratoriums (Bund, Land, Stadt Salzburg) nicht beantwortet hat. Man muss sich das vergegenwärtigen: Erst wurde sein bis mindestens 2029 laufender Ver trag gebrochen, weil er zu wenig „Wohl verhalten“ gezeigt habe.

Dennoch wollte man ihm auf dem Gnadenweg ein Jahr bis 2027 gewähren, nicht ohne ihn bei dieser Gelegenheit mittels „Ultimatum“ zu pressen, auf zwei Jahresgehälter zu verzichten. Nun geht die Sache vor das Arbeitsgericht. Der kommende, letzte Sommer verspricht noch eine letzte Steigerung, und nicht nur, weil Hinterhäuser die Theatersparte selbst notprogrammiert hat.

Die Besetzungen (Asmik Grigorian und Elina Garanca beim Überfliegen der Fachgrenzen) sind Delikatessen im Fünfhauben-Segment. Und Messiaens „Saint François“ war einer der ersten Triumphe unter Hinterhäusersvisionärem Vorvorvorvorgänger Mortier.

Die Macht der Amateure

Aber erzählen Sie das Politikern, die sich mit solch geschlossener Inkompetenz zuletzt in den Gestalten der Kunstministerin Gehrer (ÖVP), der Landeshauptfrau Burgstaller und des Stadtbürgermeisters Schaden (beide SPÖ) an den Festspielen versuchen durften! Damals wurden die Festspiele in einem neun Jahre dauernden Chaos aus Verlegenheitslösungen, vorzeitigen Abgängen und Interimsintendanzen versenkt, weil der hervorragende Intendant Peter Ruzicka in ein parteipolitisches Dilettantenbizepsmessen geraten war.

Als Hinterhäuser 2016 übernahm, waren die Festspiele in elendem Zustand, während Gehrer, Burgstaller und Schaden in den Tiefen teils gerichtsnotorischen Versagens verschwunden waren. Damit bin ich endlich beim Zweit schlimmsten des obwaltenden Skandals: Es ist vollkommen gleichgültig, ob in zwei Jahren Karoline Edtstadler (ÖVP) oder ihre aktuelle Stellvertreterin Marlene Svazek (FPÖ) die Salzburger Landtagswahl gewinnt. Sollte die blaue Dame bis dahin nicht als Kickl-Avatar das Kanzleramt besetzen, wäre sie als Landeshauptfrau kein wesentlich größeres Malheur als die Amtsinhaberin.

Die alte ÖVP ist tot

Nicht nur, aber erst recht, gilt das für die Kunst. Denn die große, alte, bürgerliche ÖVP, auf deren oft beschmunzelten Wertkonservativismus man sich verlassen konnte, existiert spätestens seit Sebastian Kurz und seinem Kunstvizekanzler Blümel nicht mehr. Als Hinterhäuser 2016 ins Amt trat, war der kunstaffine, in der guten Tradition verankerte Wilfried Haslauer Landeshauptmann. Unter seiner Führung wurde der Intendantenvertrag zuletzt auch verlängert.

Das Mittelmaß, das sich lang nur beim Himmelvater beschweren konnte, hat jetzt sein Instrument

Mit Haslauer entschied das die kompetente Staatssekretärin Mayer, die vom nicht so kompetenten Vizekanzler Kogler in Ruhe gelassen wurde. Jetzt haben wir die Kurz’schen Rest bestände und den Kunstvizekanzler Babler, dessen rote Emissäre im Kuratorium krachend versagt haben. Wenn die Sache nicht noch schlimmer war: Wie mir Sepp Schellhorn andeutet, wird zwecks Linderung der Babler’schen Kulturbudgetnot der verbindlich unterschriebene Umbau des Festspielbezirks um 100 Millionen heruntergefahren.

So etwas geht nicht ohne Gegenleistung an die Provinzpolitik, die sich Hinterhäusers längst hatte entledigen wollen. Über das verweigerte „Wohlverhalten“ des Intendanten wollen wir uns nächstens unterhalten: Das Mittelmaß, das sich für seine Minderbemittelung bisher nur beim Himmelvater beschweren konnte, findet jetzt bei mediokren Politikern und in Radauforen Gehör. Der Feind ist die Elite, der die Kunst ungerechterweise vorbehalten sein muss. Das an sich nützliche, aber massenhaft missbrauchte Werkzeug nennt sich im Soziologen-Pidgin „Compliance“.

Und jetzt?

Was jetzt geschieht, wollen Sie wissen?

Bis zum Sommer soll der neue Intendant gefunden sein. Wenn er will, wird es wohl zumindest interimistisch Nikolaus Bachler. Der Intendant der Osterfestspiele scheint mir der Einzige, der sich im Umbau-Chaos zurechtfinden könnte. Seine Vizedirektorin an der Burg war übrigens Karin Bergmann, um deren wünschenswerte Bestellung zur Schauspielchefin sich der aktuelle Tumult entzündet hat. Der gottlob vom Krebs genesene, vielfach Festspiel-nobilitierte Dirigent Franz Welser-Möst verlässt just 2027 das Cleveland Orchestra.

An der Seite eines Managers (etwa des länger forcierten Konzerthaus-Intendanten Naske) wäre er eine Option. Der Regisseur Barrie Kosky verantwortete gelungene Mozart-Inszenierungen an der Staatsoper. Als Intendant der krisendevastierten Komischen Oper Berlin stand er allerdings für politisch aufsässige Unterhaltung aus dem Geist des Widerstands in der alten DDR.

Matthias Schulz (Zürich) und Elisabeth Sobotka (Berlin), beide Österreich-erfahren und hoch qualifiziert? Müssten nach einem bzw. zwei Jahren bedeutende Häuser aufgeben, was ihnen als unelegant ausgelegt würde. Bleiben Dauerreiter auf dem Intendantenkarussell des Immer gleichen wie Serge Dorny, dzt. München. Vertagen wir uns jetzt lieber, bis ich mehr weiß.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.

KolumnenKunst & Kultur

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER