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Spitzentöne: Das Elend der österreichischen Kulturpolitik

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Heinz Sichrovsky

©Bild: Matt Observe

Infolge Intriganz und Ahnungslosigkeit wurden die Salzburger Festspiele aus einer Blütezeit in eine tiefe Krise gestürzt. Anlass genug, um über den Zustand der einst markanten Kulturpolitik der Republik und der Länder nachzudenken.

Mit welcher Blutgrätsche der Bauerntheater-Shakespeare ob der Salzach endet, wäre auch bei erstrecktem Redaktionsschluss nicht zu prognostizieren. Das Kuratorium der Salzburger Festspiele hat das ihm anvertraute Kulturgut ohne belastbaren Anlass aus einer Blütezeit in eine tiefe Krise befördert. Der Vertrag des Intendanten Markus Hinterhäuser soll willkürlich von 2031 auf 2027 verkürzt werden, die Sache geht wohl vor Gericht. Mögen die Schuldigen den Intendanten mitten in der Finanzkrise mit Geld zuschütten müssen und den Rechnungshof nicht mehr vom Hals bekommen.

Was ich von der Situation halte, habe ich unmittelbar nach der Kuratoriumssitzung vom 26. Februar via News.at und ORF bekanntgegeben. Die Tage danach waren von Briefen und Anrufen im Mehrdutzend blockiert, nachdem ich die Wochenenden davor nicht minder betörend mit der Latein-Debatte zubringen durfte (man bringt ja gern etwas weiter). Was denn eigentlich geschehen sei, wollten viele wissen, und auch hier verweise ich auf meine Analyse vom 26. Februar.

Vertiefendes und noch Beunruhigenderes finden Sie in meinem dieswöchigen Interview mit Staatsekretär Sepp Schellhorn angedeutet. Am Ende war das ganze schändliche Prozedere bloß das Resultat eines Gemauschels zwischen Bund und Land Salzburg? Weil speziell der Bund den schon paktierten Umbau des Festspielbezirks massiv zurückfahren will, um die Millionen für anderes zu verwenden?

Hilflos gegen Ohrenbläser

Nun sollen 100 Millionen – ein Viertel – einbehalten werden, von denen angeblich 70 an Babler und 30 an Landeshauptfrau Edtstadler gehen. Hat Babler deshalb weder die von ihm entsandte Kunst-Sektionschefin noch den Salzburger SPÖ-Bürgermeister noch den Bundestheater-Chef Kircher mit klaren Anweisungen zugunsten Hinterhäusers in die Sitzung entsandt? Dabei hätte es einer Position jenseits der Provinzumtriebe bedurft: Hinterhäusers Strahlkraft war regionalen Intriganten und Eigeninteressenten innerhalb und außerhalb des Festspielkosmos längst im Weg. Schon als 2024 sein Vertrag zur Verlängerung anstand, haben sogar mich Lobbyisten und Ohrenbläser überrannt.

Der Unterschied war freilich riesig: Damals entschieden der souveräne, gebildete und informierte Landeshauptmann Haslauer und Kunst-Staatssekretärin Andrea Mayer, in deren Expertise sich der ressortzuständige Vizekanzler Kogler nicht einmischte. Heute hingegen? Mangelhaft eingearbeitete politische Sachamateure sind Schmeichlern und Zuträgern wehrlos ausgeliefert.

Schlimme Zeiten für die Kultur

Das bringt mich auf ein übergeordnetes Dilemma: den elenden Zustand der österreichischen Kulturpolitik, in den Ländern wie im Bund. In der Steiermark gibt der blaue Landeshauptmann auch diesbezüglich den Horrorclown in Lederhosen. In Kärnten zieht sich der Kulturreferent Landeshauptmann Peter Kaiser Ende März zurück, und ich gestatte mir ein dezentes Präventivgrauen. Im Burgenland hat das verfeinerte Gendarmenohr des Landeshauptmanns erfolgreich gegen die Haydn-Tage und für die Plattmachung der Operettenwelthauptstadt Mörbisch votiert.

Niederösterreich ist noch die Ausnahme, hier verwaltet Johanna Mikl-Leitner das strahlende Erbe des Kulturfürsten Erwin Pröll.

Und in Wien? Die nicht abkühlen wollende Sehnsucht der Kulturstadträtin Kaup-Hasler nach den goldenen Jugendtagen beim steirischen herbst 2006 ff. hat uns schaurige personelle Fehlbesetzungen eingebracht. Mit der Inschachhaltung der Konsequenzen sind jetzt die Nachfolger Milo Rau (Festwochen) und Jan Philip Gloger teils ermutigend ausgelastet. Das ist immerhin etwas. Dafür wird das Opernhaus an der Wienzeile drangsaliert und die wunderbare Taschenoper für Kinder abgedreht.

Wir sind heute, Beschönigen hilft nicht, kulturpolitisch ganz weit unten angelangt

Es gab aber in der Steiermark einst den ikonischen ÖVP-Kulturpolitiker Hanns Koren, in Niederösterreich Erwin Pröll, im Burgenland den unterschätzten späteren Kanzler Sinowatz, in Wien die multipel richtungweisende Stadträtin Ursula Pasterk unter ihrem hyper- energetischen Vorgänger Helmut Zilk, dann den leidenschaftlichen Kulturgroßbürger Peter Marboe.

Vom Bund nicht zu reden. Hilde Hawlicek hielt gegen das Geschrei einer ganzen von Sumpern übervölkerten Welt zum Burgtheaterdirektor Peymann. Rudolf Scholten war der Maßstabsetzer anno Vranitzky (er berät jetzt Babler, ich hätte mir von ihm mehr erwartet), Franz Morak der markante und entscheidungssichere Staatssekretär anno Schüssel. Auch Josef Ostermayer und Thomas Drozda verkörperten Sachverstand und Freude an der Aufgabe.

Weit unten angelangt

Heute sind wir, Beschönigungen helfen nicht, ganz weit unten angelangt. Ja, Schellhorn, der den großen, unglücklichen Schriftsteller Thomas Glavinic mäzenatisch vor dem Existenzverlust bewahrt und mit seinen Stipendien auch andere Notlagen gemildert hat: Der wäre ein Kunststaatssekretär. Oder Alexander Wrabetz, der beim ORF mit der Weltelite der Kunst Verträge geschlossen und den Kultursender ORF III gegründet hat (notabene als Austrianer wünsche ich Rapid den Verbleib in der Meistergruppe).

Interessant auch, wie sich die Kulturpublizistik entwickelt hat. Presse, Kurier, Krone und andere halten noch. Da amtieren kundige Enthusiasten.

Anderswo ist das nicht so, und zum Weinen ist die Befindlichkeit mancher Regionalmedien, die sich das Terrain aufteilen. Entweder als provinzpolitische Symbionten oder als intrigante Platzzwerghirsche (Tragulus Salzburgiensis). Das war nicht immer so.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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