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Salzburger Festspiele: Schellhorn ortet von Provinzpolitik verursachten Scherbenhaufen

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Sepp Schellhorn

©APA-Images / laif / Helena Lea Manhartsberger

Als einziger maßgeblicher Politiker äußert sich Staatssekretär Sepp Schellhorn, Landessprecher der Salzburger NEOS, in der erforderlichen Schärfe zum Skandal um die Festspiele. Interessant: Der Umbau des Festspielbezirks scheint infolge schwarz-roter Geheimaktivitäten massiv beschränkt zu werden.

Die Salzburger Festspiele wurden vom politisch besetzten Kuratorium (mehr auf der nächsten Seite) in eine sinnlose Krise gestürzt: Der Vertrag von Intendant Markus Hinterhäuser soll ohne belastbaren Anlass von 2031 auf 2027 verkürzt werden. Der Salzburger Sepp Schellhorn, Staatssekretär der Bundesregierung, stellt alarmierende Diagnosen.

Herr Staatssekretär, wie kommentieren Sie die Ereignisse in Salzburg?

Die Politik hat ihre Provinzialität bewiesen. Sie hat gemeint, in etwas eingreifen zu müssen, was die künstlerische Freiheit und auch die rechtlichen Belange der Geschäftsordnung betrifft. Ich gehe davon aus, dass man hier vor allem aus parteipolitischen Motiven agiert hat. Die Landeshauptfrau von der ÖVP matcht sich mit der Landeshauptfrau-Stellvertreterin von der FPÖ um die Deutungshoheit in Volks- und Leitkultur.

Eine Art Wettbewerb, wie tief man agieren kann?

Der scheint nicht ausgeschlossen. Wir haben das schon vorletztes Jahr erlebt, als Kickl die Festspiele als Inzuchtpartie beschimpft hat. Und der Eindruck verstärkt sich dauernd: Die Hochkultur stört, weil sie die Hirne aufreißt und die Menschen an die Zukunft denken lässt. Deshalb bin ich sehr erbost darüber, dass das Kuratorium jetzt derart eingegriffen hat. Weltgeltung entsteht durch Freiheit, nicht durch politische Schelte, weil man zu wenig „Wohlverhalten“ gezeigt hat.

Und was jetzt?

Was hier angerichtet wurde, ist ein Scherbenhaufen. Und ich glaube nicht, dass die Politik einen Plan B hat, wie sie diesen Scherbenhaufen aufräumen will, wobei da ja viel zusammenspielt. Es gibt zum Beispiel keine Leitfigur mehr, wie sie die Präsidentin Rabl-Stadler war, die stark nach außen agiert hat. Wobei die Wiederbestellung oder Neubesetzung der Präsidentschaft derzeit vollkommen offen ist.

Soll Frau Hammer denn wiederbestellt werden? Es gibt da sehr unterschiedliche Meinungen.

Das weiß ich nicht. Ich habe mich allerdings schon gewundert, dass sie bei der Horrornummer, die da während der Kuratoriumssitzung abgelaufen ist, öffentlich nicht präsent war. Aus welchen Gründen auch immer.

Was steht noch auf dem Spiel?

Zunächst die große Herausforderung des Umbaus, der jetzt wackelt und den man stark einschränken will. Das macht mir große Sorgen, weil man da erfahrene Leute braucht, die auch Salzburg gut kennen.

Alle an höchster Qualität und künstlerischen Sternstunden Interessierten sollen Markus Hinterhäuser unterstützen. Für zahllose Besucher in aller Welt sind seine Arbeitsergebnisse eine Tankstelle, an der man sich mit Inspiration, Trost, Freude und höchster Energie aufladen kann

André Heller

Hört man richtig, dass von den Umbaukosten von 400 Millionen ein Viertel wegfällt?

Das habe ich auch gehört. Man versucht angeblich, auf Beraterebene des Bundesministers und Vizekanzlers abzuspecken, um mit den frei werdenden Mitteln andere Dinge zu finanzieren. Das ist besonders schwierig, weil man die bereits zugesagten, noch unter Landeshauptmann Haslauer ausverhandelten Budgetmittel dringend braucht: zum Beispiel für den Umbau der Werkstätten, der Arbeitsplätze für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch für den künstlerischen Bereich.

Die Häuser sind in schlechtem Zustand, die Sitzplätze entsprechen nicht mehr den Anforderungen. Vielleicht klingt der Vergleich ein bisschen übertrieben, aber wir haben erlebt, wie man die Eurofighter darauf minimiert hat, dass sie sich prinzipiell in die Luft erheben können. Nur unsere Verteidigung können sie nicht mehr bewerkstelligen. So müssen auch die Häuser der Festspiele vor der Provinzialität beschützt werden: vor solchen Vögeln, die nur fliegen, aber das hohe Gut Kultur nicht verteidigen können.

Die eingesparten 100 Millionen kommen übrigens nicht nur dem Bund zugute. Auch die Frau Landeshauptfrau will einen Teil vom Kuchen, um die Pflege zu finanzieren. Die ist natürlich besonders wichtig, aber man darf sie nicht fahrlässig gegen die Kultur ausspielen. Man vergisst auch, was die Festspiele an Steuergeld zurückspielen. Ich glaube, dem Herrn Bürgermeister und der Frau Landeshauptfrau ist gar nicht bewusst, was sie da anrichten.

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Markus Hinterhäuser

 © Franz Neumayr

Das Kuratorium hat seine Befugnisse doch möglicherweise überschritten. Muss es da nicht Klagen und Anzeigen geben?

Ich bin kein Jurist, aber das wird sich der Intendant wohl überlegen, weil ja auch seine Vertragsfristen bis 2031 mit einer beidseitigen Ausstiegsklausel im Jahr 2029 festgelegt sind. Das muss und wird wohl auch arbeitsrechtlich geklärt werden. Aber das ist ja nicht das Wesentliche. Man muss sich das in der Praxis vorstellen: Ein Festspielprogramm neu aufzusetzen, während die Planungen bis 2029 schon teilweise stehen!

Und wie stellt man sich das vor?

Diese Ahnungslosigkeit und Provinzialität erfüllt mich ja gerade mit Sorge. Im Vorjahr hat die Landeshauptfrau ein Interview gegeben, in dem sie sagte, man könnte genauso den Faistenauer „Jedermann“ auf den Domplatz stellen. Ohne diesem schätzenswerten Amateurtheaterverein nahetreten zu wollen, scheint mir das doch nicht das Ziel der Festspiele zu sein.

Auch das klingt nach einem Inferioritätsmatch mit der FPÖ.

Es geht um Zuspitzung der beiden Parteien im Landtagswahlkampf für 2028. Ich finde Tradition gut, denn traditionelle Blasmusikkapellen sind wichtig, nicht nur für das ländliche soziale Leben, sondern auch als Talente-Pool für die großen Orchester. Ich finde auch einen Peitschenverein und Schützenvereine wichtig. Nur sagen die nichts für die Zukunft aus. Und um die zu erkunden, sollten Kunst und Kultur in ihrer größtmöglichen Freiheit wichtig sein, unbehelligt von der Politik.

Und warum hat man vom Kunstvizekanzler tagelang nichts gehört, und auch dann äußerst Unbestimmtes?

Das mag Strategie sein. Ich glaube aber, dass ein Kulturministerium, das immerhin einen Kuratoriumsposten besetzt, um seine Strahlkraft im künstlerischen Bereich wissen muss. Auch dem Finanzministerium, das ebenfalls einen Kuratoriumsplatz hält, muss die wirtschaftliche Kraft der Festspiele bewusst sein. Hier wurde grob fahrlässig gehandelt. Die Politik hat sich in die Kunst, die künstlerische Freiheit und die von der Geschäftsordnung gesicherte Gestaltungsfreiheit des Intendanten eingemischt.

Auch der SPÖ-Bürgermeister scheint ein etwas unbedarfter, dafür sehr direkter Geselle zu sein, nicht?

Auch das macht mir Sorgen. Man hat da nicht nur den Bock zum Gärtner gemacht, sondern auch den Herrn Bürgermeister vorausgeschickt, damit er vor der Kuratoriumssitzung eskaliert und den wilden Mann spielt.

Um von den Plänen zur Einschränkung des Umbaus abzulenken? Oder weil Intriganten innerhalb und außerhalb der Festspiele erfolgreich ihre Arbeit getan haben?

Das kann ich nur vermuten. Aber der wilde Mann muss auch irgendeinen Plan haben. Und hier habe ich große Sorgen, nicht nur um die Bürger von Salzburg, auch um die Exzellenz der Festspiele.

Was ich dazu zu sagen hätte, ist nicht druckreif. Wie sag ich’s meinem Kinde? Die Politik soll sich aus der Kunst heraushalten, auch wenn sie durch zwei liebliche Damen, denen künstlerische Freiheit und auch Freiheit solo gewiß über alles geht, verkörpert wird

Elfriede Jelinek

Und seine Äußerung „netter Versuch“ zu einer Solidaritätserklärung führender Intellektueller für Hinterhäuser, unter ihnen zwei Nobelpreisträger?

Das ist ein Schlag ins Gesicht der Kunst- und Kulturschaffenden. Und es zeigt gerade das Bild, das ich meine. Man kann nicht einen Schauspielchef ausschreiben wie einen Küchenchef. Und man kann einen Intendanten nicht behandeln, als hätte der Küchenchef einen Silberlöffel gestohlen.

Was ist denn überhaupt mit der heimischen Kulturpolitik los? Fehlt es nicht deutlich an Sachkunde, Empathie und Emphase?

Ja, das ist das Schwierige. Jedenfalls erkenne ich nicht mehr das, was zwischen 1960 und 2000 möglich und richtig war, als vielfach die SPÖ die Schienen der Kulturpolitik gelegt hat. Natürlich gibt es budgetäre Zwänge, das muss man dem Bundesminister schon zugestehen. Aber die Kultur sollte dort Brücken bauen, wo die Politik mit Worten versagt. Deshalb sollten wir nicht nur die Festspiele beschützen, sondern die Zuschüsse auch valorisieren. So wie es der Bundestheater-Generaldirektor Kircher auch für seine Häuser verlangt hat. Und da geht es nicht nur um Wien.

Sie kommen gerade aus Ghana, wo Sie im Rahmen der Afrika-Strategie des Außenministeriums Zusammenarbeit in Kunst- und Kulturfragen verhandelt haben. Ist das nicht ein Luxus, während es bei uns brennt?

Es ist sogar ganz wichtig, dass es da nicht nur um Migration und um wirtschaftliche Hilfe, sondern auch um den kulturellen Austausch geht. Wir brauchen auch die Sicht von außen auf Österreich. Und Kunst und Kultur ist die leichteste Form, um Diplomatie beweisen zu können und in den diplomatischen Dialog zu treten. Da haben wir echt viel geschaffen.

Es gibt ja kein Haus oder kein Kulturforum, das dort einen festen Sitz hat, sondern wir haben uns fast in einer Guerilla-Aktion auf verschiedene Orte verstreut. Die Entscheidung wurde schon unter Schallenberg getroffen, und jetzt ist vor allem eines mit diesem Kulturforum geschaffen worden: dass wir über den Tellerrand hinausschauen können und die Augen und Ohren für Afrika öffnen. Das ist ein echter Mehrwert für die österreichische Gesellschaft. Dabei rede ich noch gar nicht von dem wichtigen Wirtschaftsraum.

Lassen Sie uns mit der Latein-Debatte schließen. Da haben Ihr Bildungsminister und Ihr Klubobmann drei Nobelpreisträger und 100 Spitzenintellektuelle abgekanzelt.

Ich hatte nie Latein, aber ich bin im Austausch mit Vea Kaiser, die hier sehr protestiert hat. Ich verstehe das, glaube aber, dass es verkürzt dargelegt wurde. Latein würde ja nicht gestrichen, sondern gekürzt. Ich weiß, dass es Basis für vieles ist, wichtig für unser Denken, für das Weiterkommen der Gesellschaft. Es darf aber nicht sein, dass es hier Denkverbote gibt. Wir müssen uns auch mit den modernen digitalen Instrumenten auseinandersetzen.

Erinnern Sie sich noch an die Diskussion um die tägliche Turnstunde? Die ist nie gekommen, weil sich die Interessenvertreter gewehrt haben. Wir können aber die Stundenanzahl nicht nach oben schrauben, insofern halte ich Wiederkehr für einen guten Bildungsminister. Lasst uns also erst einmal, so wie es auch in Kunst und Kultur dringend nötig wäre, trefflich diskutieren. Wir werden zu einer Lösung finden, ohne dass Latein beeinträchtigt wird.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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