Ein Autor für Millionen: Martin Suter, 77, zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart
©EVA MANHARTVor 35 Jahren veröffentlichte der damals praktizierende Schweizer Werbefachmann Martin Suter seine ersten „Business Class“-Kolumnen über Menschen in Chefetagen. Heute erreicht er mit seinen Romanen ein Millionenpublikum. Seine Satiren publizierte er auf seiner eigenen Website und jetzt als Buch. Ein Gespräch über Bosse, die Tragödie Work-Life-Balance, Frauen in Führungspositionen und Aufrüstung in Europa.
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Herr Suter, bei der Lektüre Ihrer „Business-Kolumnen“ fragt man sich, wie die Wirtschaft überhaupt funktionieren kann, wenn sich die Leute in den Führungspositionen nur um sich selbst kümmern.
Dieser Eindruck ist nicht ganz falsch. Ich glaube schon, dass das Wohlergehen einer Firma nur ein Abfallprodukt der Bemühungen der Manager, sich um sich selbst zu kümmern, ist. Aber das ist Satire, und ich überspitze das. Natürlich gibt es viele Firmen, die funktionieren. Schein und Sein ist für mich ein wichtiges Thema und das ist in der Businesswelt sehr dankbar. Deswegen sind auch Homeoffice und Zoom-Gespräche bei Managern nicht beliebt, da ist der Schein viel zu nahe am Sein, weil man da plötzlich ins Wohnzimmer sieht.
Manager? In einer Ihrer Kolumnen schreiben Sie, das sei ein veralteter Begriff. Heute brauche man Führungspersönlichkeiten, Leader. Heißt das, dass die Menschen autoritätshöriger geworden sind, dass sie unbedingt Führer brauchen?
Begriffe sind ja immer wieder Modeerscheinungen, das sind Trends. Einmal sind die Hierarchien flacher und dann sind sie wieder spitz. Ich weiß gar nicht, was im Moment gerade angesagt ist und ob man heute noch Manager sagt. Das ist vielleicht wirklich ein bisschen ein altmodischer Begriff, aber es ist immer das Gleiche, sie sind die Bosse, oder? Früher waren es die Adeligen, und über die hat man sich auch wunderbar lustig machen können.
Die Bosse, von denen Sie erzählen, verdienen das Geld, das ihre Ehefrauen für Kleider ausgeben. Solche Familienbilder kennt man aus Filmen der 1950er-Jahre. Entwickelt sich die Gesellschaft zurück?
Ich war zweimal bei Treffen von Führungspersönlichkeiten eingeladen, wo die Chefposten alle mit Frauen besetzt waren. Einmal in Frankreich mit meinem Taschenbuchverleger. Da waren die sechs führenden Personen alle Frauen, kein Mann war da zu sehen. Das zweite war in Mailand bei Montblanc. Auch da waren alle wichtigen Persönlichkeiten Frauen. Das ist auch viel angenehmer, denn Frauen haben naturgemäß nicht so einen Hang zum Gockel und arbeiten auch nicht so stark gegeneinander.
Ich habe immer ein bisschen eine Scheu davor gehabt, mich über Frauen lustig zu machen
Kann es sein, dass Sie Damen mit einem milderen Blick ansehen als Männer?
Ja, natürlich. Man will sich ja bei Frauen nicht unbeliebt machen.
In Ihren Kolumnen stellen Sie Männer immer wieder so dar, als würden viele überhaupt nicht mitbekommen, wenn man sich über sie lustig macht. Ist das ein Erfahrungswert?
Das ist ja auch so. Aber wahrscheinlich haben Sie recht, ich habe immer ein bisschen eine Scheu davor gehabt, mich über Frauen lustig zu machen. Ich habe bemerkt, dass ich eine gewisse Beißhemmung hatte. Trotzdem kommen in einigen Kolumnen auch Frauen in Führungspositionen vor, aber das war zu einer Zeit, als diese das Gefühl hatten, sie müssen noch tougher sein und sich noch klischierter benehmen als Männer. Aber das ist jetzt nicht mehr so. Es hat sich vieles geändert. Aber die, über die man sich eben lustig machen kann, sind Männer. Frauen sind die ironischen und die etwas spöttischen, die dieses Karrieredenken nicht so ernst nehmen. Im wirklichen Leben aber begeben sich Frauen auf sanfte Art immer mehr an die Spitze. Und das empfinde ich als sehr angenehm.
Was ist mit diesen Influencerinnen, die das Leben als Hausfrau propagieren?
Das sind Gegenbewegungen. Wenn Sie sich jetzt die neue amerikanische Regierung ansehen, finden Sie einige Frauen in Spitzenpositionen. Die sind nicht gerade gute Werbeträgerinnen für ihr Geschlecht. Aber ich lerne keine Hausmütterchen kennen. Die Frauen, von denen ich spreche, sind alle selbstbewusste und eben ein bisschen coolere, etwas entspanntere Menschen, für die der Beruf nicht das Wichtigste ist. Die haben auch andere Ziele. Deswegen machen sie vielleicht den vorgesetzten Männern Angst, weil sie wissen, es gibt noch etwas anderes als die Karriere.
Ist das nicht diese Work-Life-über die Sie in Ihren Kolumnen Balance, herziehen?
Wenn man das nicht lustig betrachtet, ist es eine Tragödie. Ich meine die Ansicht, dass es zwischen Arbeit und Leben einen Unterschied gibt. Das Leben ist Arbeit und die Arbeit ist Leben. Das kann man nicht trennen. Wenn man das aber trennen will, dann heißt das, dass etwas an der Arbeit nicht stimmt. Denn die Arbeit müsste etwas sein, das man gerne tut. Sie und ich sind privilegiert. Wir können von dem leben, was wir am liebsten tun. Wenn man sieben Stunden schläft, dann hat man schon mal von den 24 Stunden einen großen Teil weg. Und dann arbeitet man noch acht, dann sind schon 15 Stunden des Tages weg. Dann bleiben noch neun Stunden und das ist dann das Leben, oder? Das ist gar nicht so viel. Das darf nicht so sein. Man muss sich auch freuen. Man muss die Arbeit zu einem schönen Teil des Lebens machen, sonst hat die Wirtschaft ein Problem. Ich finde, man muss sich schon fragen, ob es denn immer Faulheit ist, wenn die Leute nicht gern arbeiten oder ob es nicht an der Gestaltung der Arbeit liegt.
Wie soll man denn Fließbandarbeit in einer Fabrik angenehm gestalten?
Das ist sehr schwierig. Aber man muss sich darauf freuen können, dass man die Kollegen wiedersieht, dass man mit ihnen Scherze machen kann.
Was ist mit der Künstlichen Intelligenz? Erleichtert die das Arbeitsleben oder ist sie eine Gefahr?
Das ist schon für die meisten Leute, auch für mich, etwas Unerwartetes. Die hat sich sehr schnell entwickelt. Man steht immer noch so ein bisschen staunend und auch ratlos dem gegenüber. In sehr vielen Bereichen ist die Künstliche Intelligenz sehr nützlich. Sie kann Arbeiten erledigen, die nicht gerade Spaß machen. Verschiedene Jobs hat sie schon überflüssig gemacht, also Routinearbeiten erledigt sie schon. Problematisch wird es sein, wenn die Menschen das nicht mehr merken. Ich werde oft gefragt, wie lange dauert es noch, bis die Künstliche Intelligenz den nächsten Suter schreibt?
Wie lang?
Mir hat jemand ein paar Seiten geschickt. Da habe ich schon gemerkt, dass die Künstliche Intelligenz meine Romane ein bisschen studiert hat. Aber es reicht nicht, kurze Sätze zu machen. Man muss dann schon wissen, welches Wort man für welche Situation verwendet. Das sind Kleinigkeiten, die kann die KI nicht, denn menschliche Intelligenz ist nicht so mechanisch, dass sie das immer alles gleich macht. Aber ich glaube, die Chance der menschlichen Intelligenz ist, dass sie über das Repetitive, das Nivellierte hinausgeht.
Ihre Ironie wird eine KI nicht so leicht imitieren können. Etwa, wie Sie über das Gendern schreiben, treiben Sie es auf die Spitze. Haben Sie Bedenken, dass diese Bestrebungen die Sprache ruinieren?
Als ob man damit ein Problem lösen würde. Das war schon bei dieser lächerlichen Sprachreform so.
Meinen Sie die Rechtschreibreform vor 30 Jahren?
Genau. Aber das Gendern ist schon ein Ärgernis. Ich habe das bei meiner Tochter in der Schule gesehen und jetzt im Studium. Die Frage, was bin ich für ein Gender, also Geschlecht, wird unglaublich wichtig genommen. Ich habe mir die damals nicht gestellt. Aber Revolutionen oder Reformen brauchen ihre Extreme und ihre Guillotinen. Ich glaube, es hat sich ein bisschen gelegt. Zum Glück bin ich in einem Alter, wo man mir nachsieht, wenn ich nicht gendern lerne. Aber für die Sprache ist es nicht gut. Meine Frau war sehr emanzipiert und sehr selbstbewusst. Aber sie hat sich unglaublich über das Gendern aufgeregt. Sie hat sich immer miteinbezogen gefühlt, wenn man zum Beispiel „die Leser“ gesagt hat. Am Abstimmungstag über die Armee hörte ich wie eine Politikerin sagte, Mitgliederinnen und Mitglieder. Da hätte mich fast der Schlag getroffen.
Das Bestreben nach Macht ist die widerlichste Eigenschaft der Menschen
Wäre der Umgang mit dem Gendern anders, wenn die Leute Latein gelernt hätten? Gibt es noch Latein in der Schweiz?
Ja, aber nicht an allen Schulen. Ich habe Latein und Griechisch gehabt, da ich in der humanistischen Abteilung war. Dafür kann ich gerade addieren und ein bisschen dividieren. Man hat immer gesagt, Latein sei wichtig für Fremdsprachen. Als Schüler war mir das nicht so wichtig. Aber jetzt bin ich gerade dabei, Italienisch zu lernen. Latein hilft mir dabei schon sehr.
Sie haben vorhin von einer Abstimmung über die Abschaffung der Armee gesprochen. Sie haben doch selbst einmal eine Kampagne für die Abschaffung des Heeres unterstützt. Wäre das nicht die beste Antwort auf das allgemeine Aufrüsten in Europa?
Das war eine wunderbare Idee. Wenn das alle tun würden, dann hätten wir ein paar Probleme gelöst. Aber offenbar sind die Menschen nicht so gebaut. Ich weiß nicht, ob ich heute noch so engagiert für die Abschaffung der Armee wäre wie damals.
Warum nicht?
Man muss sich verteidigen können, sonst ist man ausgeliefert. Viele Menschen, und das sind wiederum meistens Männer, wollen Macht. Das Bestreben nach Macht ist die widerlichste Eigenschaft der Menschen. Offenbar kann man das nicht ausrotten. Also muss man sich dagegen wehren.
Der erfolgreichste Schweizer Olympionike Franjo von Allmen* heißt wie Ihr Serien-Ermittler von Allmen ...
Ja, es hat mich gefreut. Ich habe auch auf meiner Website* einen Beitrag gemacht und bin der Frage nachgegangen, ob die beiden verwandt sind.
Franjo von Allmen:
Der 24-jährige Schweizer Skirennläufer konnte bei den Olympischen Spielen in Italien 2026 drei Goldmedaillen in den Disziplinen Abfahrt, Super G und in der Team-Kombination verbuchen. 2011 erfand Martin Suter den Hochstapler und Serienermittler Johann Friedrich von Allmen. Einige seiner sieben Fälle wurden mit Heino Ferch verfilmt.
Website:
Der Schriftsteller betreibt seine eigene Website: www.martin-suter.com
Abonnenten können mit ihm bei einem „Poesie-Ping-Pong“ um die Wette dichten.
Wäre das nicht ein Anlass für einen neuen Fall für von Allmen?
Der muss da ein bisschen warten, der war jetzt kürzlich dran. Als Nächstes schreibe ich erst einmal einen neuen Roman.
Sie wurden an einem 29. Februar geboren. Den gibt es in diesem Jahr nicht. Ihre Frau, die auch zu dieser Zeit Geburtstag hatte, verstarb vor zwei Jahren. Spüren Sie an solchen Tagen den Verlust nicht noch stärker? Wie gehen Sie damit um?
Meine Frau hatte am 1. März Geburtstag. Da mache ich ein großes Fest, sie wäre in diesem Jahr 75. Den Geburtstag kann man doch feiern, oder? Man kann ja auch den Geburtstag von Goethe feiern. Warum nicht den von meiner Frau?
Steckbrief
Martin Suter
Martin Suter wurde am 29. Februar 1948 als Sohn eines Ingenieurs in Zürich geboren. Mit 26 Jahren wurde er Creative Director der Werbeagentur GGK, gründete eine eigene Agentur und wurde Präsident des Art Directors Club in der Schweiz. In den Neunzigerjahren zog er sich aus dem Werbebusiness zurück und begann zu schreiben. Sein erster Roman, „Small World“, verschaffte ihm einen Platz auf den Bestsellerlisten. 2022 fertigte André Schäfer die Dokumentation „Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit“. Er lebt mit seiner Tochter in Zürich.
Das Buch


Was geschieht, wenn Männer in Führungspositionen ihren Schein nicht mehr wahren können, ergründet Martin Suter in seinen Kolumnen „Business Class“. Seine scharfsinnigen Befunde sammelt er in „Können Sie mich sehen?“.
Diogenes, € 26,80
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.







