Mit „Iris“ legt Laura Freudenthaler einen radikalen Roman über Begehren, Macht und Hexenbilder vor – und spielt bewusst mit autobiografischen Spuren.
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Das Szenario ist in Erinnerung geblieben: Der autoren- und jurorenseitig aus diversen Wohnzimmern übertragene Corona-Bachmannbewerb 2020 schien seine Königin gefunden zu haben. Die Salzburgerin Laura Freudenthaler, heute 42, begeisterte mit dem Umwelttext „Der heißeste Sommer“.
Die Schriftstellerin Julya Rabinowich und der unterzeichnende News-Mensch saßen als Beobachter für ORF III auf einem Baum im Garten des Landesstudios. Im virenzerstreuenden Frühsommerwind waren sie sich mit der Welt einig: Das hier ist der Siegertext! Doch dann taktierten einige der abwesenden Juroren ihre Kandidaten beschämend immer höher hinauf, bis die Favoritin am Ende mit dem 4. Platz abgefunden wurde. Die Umweltgeschichte wurde drei Jahre später zum preisgekrönten dystopischen Fulminanzroman „Arson“.
Und jetzt ist etwas noch Aufregenderes erschienen. „Iris“ ist eine an die Substanz gehende Beziehungsgeschichte: Eine junge Autorin, rastlos zu Auftritten durch Europa unterwegs, ist einem strauchelnden Fotografen auch sadomasochistisch verbunden. Die Geschichte der Hexenverbrennungen lässt sie nicht los, am Ende mengt sich ein Kindheitsalbtraum in die Ereignisse ...
Ist das gar ein autobiografisches Buch? „Diesmal habe ich die Frage wirklich provoziert“, räumt Laura Freudenthaler ein. „Ich bin Schriftstellerin und schreibe entlang meiner Erfahrungen. Ich habe ja nichts anderes. Der autobiografische Anteil ist, dass das Schreiben und das Leben einander begleiten und dass ich, während ich lebe, schreibe und während ich schreibe, lebe.“
Figur und Autorin seien zu weit auseinandergeschrieben, um Verwechslungen fürchten zu müssen.
Weibliche Erschöpfung
Kennt sie denn den hier dominierenden Zustand der Erschöpfung? Und gibt es eine Art weiblicher Erschöpfung, die sich von der männlichen unterscheiden lässt? Wo doch der Verlag Jung und Jung das Buch in den „Kanon feministischer Literatur“ eingeschrieben hat, Augenhoch mit Bachmann, Jelinek und Marlen Haushofer? Männliche Erschöpfung zu beschreiben, sehe sie sich unberufen, antwortet sie und fährt mit einem listigen Schlenkerer fort: „Die spezifische Erschöpfung der Schriftstellerin liegt nicht zuletzt darin, dass wir viel mehr nach dem Autobiografischen gefragt werden als die Männer.“
Das sitzt. Bitte um Präzisierung! „Auf Frauenkörper und die Empfindungen von Frauen wird anders zugegriffen. Es ist eine andere Körpererfahrung, als Frau auf die Bühne zu gehen und sich einem Publikum auszusetzen. Und die Einschreibungen in den Frauenkörper“, fährt sie fort, „schreiben sich dann bei einem schreibenden Frauenkörper auch heraus.“
Woher die Obsession der Heldin für Hexenverfolgungen bis in die USA? Die genauen Anleitungen zur Folter, die da nachzulesen seien, hätten verblüffende Ähnlichkeiten zu heutigem pornografischem Material der sadomasochistischen Unterabteilung. Aber auch zu harten Vergewaltigungsfantasien, einem nicht unwesentlichen Teil im Kanon weiblicher Obsessionen. „Es gibt diese Fantasien“, bestätigt sie, „und sie zu lesen, kann sehr irritierend sein. Offenbar haben sich die Praktiken der Hexenverfolgungen so in den Frauenkörper eingeschrieben, dass sie Teil des Frauenkörpers und der Frauenpsyche geworden sind.“
Ein Nebensatz des Buches streift auch die drohende Kürzung staatlicher Kulturförderung. „Wir gehen insgesamt in ein Unglück, wenn die Rüstungsausgaben erhöht und die Ausgaben für Kunst reduziert werden“, bestätigt sie, wie immer beherzigenswert.
Das Buch


Laura Freudenthalers „Iris“ ist ein irritierendes Frauenporträt: Eine Schriftstellerin und ihre sexuellen Obsessionen durchwandern die Welt.
Jung und Jung, € 25,-
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.







