Dass Klaus Albrecht Schröder nach maßstabsetzenden Jahrzehnten in der Albertina die Ruhe nicht lang genießen würde, war ausgemacht. Jetzt amtiert er im Auge des Sturms: Das Wiener Aktionismus-Museum wird am 24. März auf doppelter Ausstellungsfläche mit einer Ausstellung zum frühesten Hermann Nitsch wiedereröffnet.
Die Wetten unterschieden sich nur in Nuancen: ein Jahr? Kürzer? Variante zwei hat gewonnen: Acht Monate nach seinem Abschied aus der Generaldirektion der Albertina gab Klaus Albrecht Schröder den nächsten beruflichen Schritt bekannt. Mit 1. September 2025, so erfuhr die beeindruckte Kunstwelt, übernehme er das Wiener Aktionismus-Museum.
Er schloss es gleich, um es mit der ihm eigenen Entscheidungsvehemenz auf die doppelte Ausstellungs- und die fünffache Hängefläche zu erweitern. Fenster werden vermauert und anderweitig genutzte Räume umgewidmet, Klima-, Sicherheits- und Beleuchtungstechnik auf den letzten Stand gebracht. Wozu? „Weil die kritische Masse gefehlt hat, um entsprechend wahrgenommen werden zu können. Das ist ein Status, den man heute von einem Museum in der Bundeshauptstadt Wien erwarten können muss.“
Die Baustelle in der Weihburggasse ist in dröhnendem Vollbetrieb, kaum vorstellbar, dass hier am 24. März eröffnet wird. Aber alles ist im Plan, erläutert, euphorisch zwischen Staubfontänen, der Museumschef. Er verweist auf eine neun Meter lange Wand in Eingangsnähe. Hier wird eine Pretiose der jüngeren österreichischen Kunstgeschichte ihren Platz finden, der Beitrag des 24-jährigen Hermann Nitsch zur „Blutorgel“-Performance in Otto Muehls Perinet-Keller im 20. Bezirk. Nitsch, Muehl und Adolf Frohner ließen sich hier im Juni 1962 drei Tage einmauern und erfanden dabei quasi den Wiener Aktionismus, der dann machtvoll Geschichte schrieb.
Wiener Aktionismus
1962 fand sich eine Gruppe junger Männer zur Zertrümmerung der durch die Nazis korrumpierten Kunst zusammen. Günter Brus, Hermann Nitsch, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler waren die Protagonisten. Den Namen erfand Peter Weibel.
Nitschs Beitrag, eine Leihgabe aus Leipzig, ist ein Glanzstück von Schröders Wiedereröffnungsausstellung. Sie gilt auf den gesamten 800 Qudratmetern Ausstellungsfläche dem wenig erschlossenen Frühestwerk des 2022 verstorbenen Nitsch. Dessen erste Versuche betrafen die heute unbekannten Rinnbilder. „Ganz leise, sanft, sacht rinnt hier das Rot herunter, und dagegen entwickelt er dann wie eine explosive Kraft die Schüttbilder. 1962 beginnen die ersten Aktionen“, skizziert Schröder den Ausstellungsaufbau. „Es geht weiter zu den Reliktbildern, einem Minimalismus mit Menstruationsbinden, Pflastern, Papiertaschentüchen. Alle drei Hygieneartikel wurden erst 1920 erfunden und kommen in Österreich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Gebrauch. Alle drei zeichnet aus, dass sie den Schleim der Nase, die Wunde, das Blut beseitigen sollen. Das Verdrängte, das Tabuisierte tritt hier in den Vordergrund.“
Ohne Subvention
Das Museum ist zur Gänze unsubventioniert und gehört sechs Gesellschaftern aus der exklusiven Sammlerszene. Der Bestand ist identisch mit 15.000 Exponaten der Sammlung von Muehls Kommune Friedrichshof, die vom radikalen gesellschaftspolitischen Experiment schmerzhaft entgleist ist.
Im restaurierten Bauernhof bei Parndorf im Burgenland sollte die soziale und sexuelle Freiheit verwirklicht werden. Das Experiment endete 1991 mit der Verurteilung Muehls zu sieben Jahren Haft wegen Unzucht mit Minderjährigen und Verstoßes gegen das Suchtgiftgesetz. Er saß die Strafe atypischerweise bis zum letzten Tag ab.
Nach längeren Debatten wird Schröder Muehls Werk künftig in neue Konstellationen setzen. Am Beginn steht die Einordnung: „Der Friedrichshof wird von vielen falsch eingeschätzt. Als 1970 Otto Muehl im Sinne der psychotherapeutischen Großtheorie von Wilhelm Reich und seinen Schülern eine Kommune gründet, in der das Gemeinschaftseigentum etabliert und freie Sexualität betrieben wird, soll mit aktionsanalytischen Organisationen die gesellschaftliche Neurose bekämpft werden.
In der burgenländischen Einschicht entstand ein wirtschaftlich prosperierendes Unternehmen. Als Muehl wegen Beischlafs mit einer Minderjährigen verurteilt wurde, ging alles ins Gemeinschaftseigentum über.
Nun bereitet Schröder für Herbst eine Ausstellung mit Muehls Serie „Unfälle im Haushalt“ aus den Achtzigern vor: eine malerisch brillante Serie von Großformten gegen das Diktum der Reagan-Thatcher-Epoche, die Gefahr lauere nicht beim NATO-Doppelbeschluss, nicht bei der atomaren Aufrüstung, sondern daheim in der rutschgefährlichen Badewanne und bei der von der Wand stürzenden Schwarzwälder Uhr.


Aus der Jugend: Otto Muehl, Günther Brus und Hermann Nitsch in früher Stomlinienform.
© kunst-dokumentation.comPlädoyer für einen großen Künstler
Mit Muehls Lebensgeschichte wird die Ausstellung bloß im biografischen Begleitmaterial konnotiert. Leben und Werk seien streng zu trennen, fordert Schröder. Daher die Entscheidung, Muehls Werk in Ausschnitten zu zeigen, bei denen das Werk nicht aufschreie und nach Selbstbestrafung rufe. So wenig wie neben jedem Werk Caravaggios und Cellinis die kriminellen Untaten der Meister vermerkt seien, würde dieses Recht auch Muehl zugestanden.
Sein dreistufiges Plädoyer für das Werk eines höchstbedeutenden Malers verdient es, im Originalton wiedergegeben zu werden.
„Das eine ist: Ich halte das Ganze für eine Vernebelungsaktion. Wenn man den zeithistorischen Horizont dieser Tat sieht, erkennt man, dass in den 70erund noch mehr in den 80er-Jahren die neu gegründete Grüne Partei und linke Flügel der SPD die Senkung des Schutzalters von Minderjährigen auf zwölf Jahre wollten. Das war ein großes Bestreben im Zuge der sexuellen Revolution. Das zweite“, kommt er auf den zum Teil menschenverachtend grausamen wissenschaftlichen Standard von damals, „waren die therapeutischen Theorien à la Wilhelm Reich: dass wir die Neurose nur durch das Ausleben des Trieblebens hemmen können. Es gehört dringend aufgearbeitet, welchen riesigen Schaden diese Großtheorien in der Psychotherapie angerichtet haben.“
Das Museum
Das Wiener Aktionismus-Museum wurde im Februar 2024 eröffnet. Es ist privat und unsubventioniert und speist sich aus den unschätzbaren Beständen der Kommune Friedrichshof bei Parndorf im Burgenland (heute ein blühendes Unternehmen mit Kindergarten und Schule, drei Fremdsprachen obligat).
Im September 2025 übernahm Klaus Albrecht Schröder die Geschäftsführung. Die erfolgreiche Gründungsdirektorin Julia Moebus-Puck, eine namhafte Nitsch-Expertin, ist weiter zentral tätig und hat die aktuelle Ausstellung kuratiert.
Und schließlich: „Otto Muehl wurde eingesperrt und musste die Strafe trotz guter Führung bis zum letzten Tag absitzen. Wie wir alle wissen, haben dieselben Mädchen mit anderen Kommunenmitgliedern genauso geschlafen, und die Buben mit den Mädchen und den Frauen. Hier gibt es viele Mittäter und Mittäterinnen, und immer haben die Frauen ausgesucht, wer mit wem schlafen durfte. Es ist eine Vernebelung, zu glauben, dass es nur einen Schuldigen gab.“
In absehbarer Zeit soll das Thema im Museum interdisziplinär aufgearbeitet werden, mit Fachleuten zum Kommunenwesen und zu den Psychotherapien der Achtzigerjahre, ein überfälliges Unternehmen.
Und die Zukunft
Ein Vorschlaghammer kollidiert ohrenfolternd mit einer widerstrebenden Wand, die nicht aufgeben will. Schröder holt seinen Mantel aus dem gegen Staubattacken verrammelten Büro im ersten Stock. Am 24. März ist alles fertig, versichert er. Im Herbst, nach dem Abbau der Nitsch-Ausstellung, wird auch die ständige Schausammlung zugänglich sein.
Es wird dann eng mit den zentralen Einrichtungen des Wiener Aktionismus kooperiert werden, der Nitsch Foundation und dem ikonischen Bestand des Schlosses Prinzendorf, dem Nitsch-Museum in Mistelbach und dem Bruseum in Graz, das dem 2024 verstorbenen Giganten Günter Brus zugedacht ist und vom Volkslandeshauptmann offensiv bekämpft wurde. Hier entsteht aus Schutt und Lärm eine Art Festung der Qualität gegen Zensoren aller ideologischen Ausrichtungen.

Steckbrief
Klaus Albrecht Schröder
Am 15. September 1955 in Linz geboren, studierte er in Wien Kunstgeschichte. Er war Kabinettchef der Kulturstadträtin Ursula Pasterk, wurde Leiter des heutigen Bank Austria Kunstforums und dann der Albertina, die er nach der Wiedereröffnung 2003 mit Blockbustern zum Blühen brachte. Als Leihgabe übernahm er die Sammlung Batliner und wird die Sammlung Essl im Künstlerhaus verwalten. Seit September 2025 Geschäftsführer des Aktionismus-Museums. Lebt verheiratet in Wien.







