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Spitzentöne: Heinz Sichrovsky gegen Journalisten als Komplizen des Salzburger Festspielskandals

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Journalisten als Komplizen politischer Inkompetenz werden zum Problem: Eine mit anonymen Albernheiten befütterte „Spiegel“-Geschichte hat die Salzburger Festspiele endgültig beschädigt. Das Verfahren hat seit einigen Jahren Methode.

Jetzt haben uns die Investigativkapazunder vom „Spiegel“ aber die Augen über das Grauen hinter den Salzburger Festspielkulissen geöffnet! Stellen Sie sich vor: Einer „anonymen Quelle“ zufolge hat der mittlerweile zwangsbeurlaubte Intendant Hinterhäuser nicht nur Leute „angeschrien“, sondern sei auch noch „aus den Räumen“ gerannt! Ob das nun so war oder nicht, spätestens jetzt bin ich Ihnen die Triggerwarnung schuldig, ehe Sie unter der anonymen Enthüllungswucht psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen: Hinterhäuser sei anschließend sogar zurückgekommen, um weiterzubrüllen!

Man will sich die Folgen gar nicht ausmalen, wenn er NICHT zurückgekommen wäre, sondern vor der Tür weitergebrüllt hätte: Womöglich hätte dann das Inferno der ausverkauften, weltweit akklamierten Festspielprogramme noch bis zum regulären Vertragsende 2031 angehalten! So ist das halt im Leben: Einmal zur Unzeit auf den Fersen umgedreht, und es braucht beileibe kein Fass, um einen anonymen Tropf zum Über laufen zu bringen.

Wir erleben dieses Nichtigkeitenbombardement seit Längerem: Josefstadt- Direktor Föttinger, der anno Corona unter Selbstbeschädigung wie ein Löwe hinter seiner armutsbedrohten Belegschaft gestanden ist, hat „beim Proben gebrüllt“. Maria Happels Assistentin hat „Studierende“ des Reinhardt- Seminars „zum Weinen gebracht“. Deshalb ist die große Schauspielerin dort nicht mehr Direktorin, öffnet ihren früheren Zöglingen aber weiter über die Festspiele von Reichenau den Weg in die Karrieren.

Mehr Beispiele? Die anonyme Kampagne gegen den Intendanten des Theaters der Jugend. Oder die substanzlose „Spiegel“-Denunziation, die den großen Filmregisseur Ulrich Seidl gottlob nicht beschädigen konnte.

Und wieder in Tränen

Jetzt erwischt es gerade den Direktor des Kunsthistorischen, Jonathan Fine, ohne dass ich die Stichhaltigkeit der Vorwürfe beurteilen könnte. Ich kenne ihn kaum, nur als Gestalter eines interessanten Programms. Aber dass die ihm unter stellte Chefin von Schloss Ambras beim Telefonat mit ihm in Tränen ausgebrochen ist, würde ich nie zum Thema ernsthafter Berichterstattung machen. Nicht einmal, wenn die verursachenden Differenzen über die Höhe ihrer Abfertigung dereinst ausgeräumt sind.

Die Chefin meldete sich zumindest namentlich. Aber in der überwiegenden Zahl der Fälle ist es das anonyme Mittel maß, das sich unter dem Schutz der miss brauchten Meinungsfreiheit an Heraus ragenden schadlos hält.

Und gern zitiere ich meine weise Freundin Erika Pluhar, die zum Thema Reinhardt-Seminar und weit drumherum meinte: Ein mit Kunst Befasster, der nicht wöchentlich in Tränen ausbricht, weil er befürchtet, den radikalen Qualitätskriterien nicht gewachsen zu sein, soll lieber Yogalehrer werden.

Ein Festspielpolitbüro aus absolutistischem Provinzlertum und hinterhältiger Wiener Wurschtigkeit stiftet Unheil

Provinz und Wiener Heimtücke

Die entscheidende Frage ist, auf welche Seite sich die zuständigen Politiker und Medienleute begeben. In der Causa Hinterhäuser war die Trennlinie klar. Der Großteil der hiesigen Presse war sich mit Peter Kümmel von der „Zeit“ einig: Die vom politisch besetzten Festspielkuratorium angemahnte „Wohlverhaltensklausel“ taugt nicht einmal zur Satire. Hinterhäusers enormes Können wurde geltend gemacht. Und in der Tat konnte ihm nicht viel mehr vorgeworfen werden, als dass er dem von absolutistischem Provinzlertum und hinterhältiger Wiener Wurschtigkeit getriebenen Politbüro nicht unterwürfig genug begegnet ist.

Dass er irgendwelche Fristen bei der Bestellung der Schauspieldirektorin nicht eingehalten hätte, war zuletzt nicht ein mal mehr Gegenstand der Erörterung. Sollte er aber seine branchenüblichen Gespräche mit der höchstqualifizierten Karin Bergmann tatsächlich Mitgliedern des Kuratoriums gemeldet haben, wird das auch im sich anbahnenden Rechtsstreit ein Thema sein. Und sonst? Der verheerende „Jedermann“ wurde durch einen international gefeierten ersetzt, weil Direktorium und Kuratorium Obstipationsgefahr für den Goldesel festgestellt hatten. Die entlassene, jetzt besonders laute Schauspielchefin Davydova hat 2024 das konfuseste Spartenprogramm meiner jahrzehntelangen Erinnerung vorgelegt.

Es blieb wirklich kein anderer Tot schläger übrig, als via „Spiegel“ anonym feststellen zu lassen, dass Hinterhäuser in „die Räume“ zurückgerannt ist und dort gebrüllt hat.

Zeit der Dilettanten

Denn dass es um die (für eine ganze Stadt existenzsichernde) Qualität geht, ist lang kein Thema mehr: Was es mit Kunst auf sich hat, könnte der nach rückenden Politikergeneration rätselhafter nicht sein. Fatal und exemplarisch erhebt da in der Gestalt der Salzburger Landeshauptfrau Edtstadler die Familie Kurz das Haupt aus dem wohl verdienten Orkus.

Und die Medien? Sind, wie zuvor angemerkt, gespalten. Fachliche Mindestausstattung wird auch hier zusehends zur Einsparungsmaterie: Mehrere als Kritiker verkleidete Kollegen haben zuletzt 2024 Schwafellawinen über Milo Raus deplorablen Festwochen „Titus“ abgelassen und dabei die Erwähnung des Orchesters und des Dirigenten vergessen.

Zu allem Unheil schließen sich Medien, die sich von „Klicks“ ernähren, mit sonst branchenweit geächteten Krawall-Bloggern kurz. Auch deshalb ist es schlimm, dass sich die ÖVP durch die Neoliberalen von der Verhängung der Klarnamenpflicht abbringen ließ. Der an gebetete Markt würde sonst manches regeln, was unsereinen in die Resignation treibt.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.

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