Bizets musikalisch betörendes Exotikum „Die Perlenfischer“ beschließt die Saison der Wiener Staatsoper. Dort wartet man mit klopfendem Herzen auf das Resultat, denn der Regisseur Ersan Mondtag ist für das Höchstmögliche vorgesehen: Er wird Wagners „Ring“ inszenieren, darf darüber nicht sprechen und sagt doch alles.
Unter den Finessen, die der Journalistenberuf bereithält, ist diese eine der charmantesten, zugleich herausforderndsten: Man sitzt einem allseits begehrten Gesprächspartner gegenüber und weiß über ihn Spektakuläres, das andere nicht wissen. Das er allerdings nicht einmal bestätigen darf, von Kommentierung ganz zu schweigen. Und drei Viertelstunden später ist doch alles gesagt, weil der Gesprächspartner solch ein intellektuelles Kaliber ist, dass er im Kleinen das Ganze aufrufen kann.
Also sitzt man in einer kargen Künstlergarderobe der Wiener Staatsoper dem deutschen Regisseur und Bühnenbildner Ersan Mondtag, 39, gegenüber und spricht mit ihm über die bevorstehende Premiere der selten gespielten „Perlenfischer“ von Georges Bizet.
Mit klopfendem Herzen
Dabei weiß man, dass das Gegenüber gerade in die Champions League des Berufs aufbricht. In der Staatsoper blickt man dem Gelingen am 14. Mai mit klopfendem Herzen entgegen: Mondtag muss hier in der übernächsten Saison das Höchstmögliche bestehen, Wagners vierteiligen „Ring“ in der konkurrenzlosen Konstellation mit Christian Thielemann am Pult, Lise Davidsen als Brünnhilde und Michael Volle als Wotan.
Das konnte man hier und anderswo schon angedeutet finden. Aber „Parsifal“ mit Thielemann in Bayreuth? Die jüdischste aller Opern, Schönbergs „Moses und Aron“, in München, ein Grenzgang für den 1987 in Westberlin geborenen Ersan Aygün? Das ist neu.
Die Musik sprechen lassen
Vorerst tritt er in einer anderen Spielklasse an, obwohl Bizets 1863 uraufgeführte „Perlenfischer“ unter Kennern musikalisch oft höher veranschlagt werden als seine „Carmen“. Aber das Libretto! Was sich da zwischen der Standesvertretung der Ceylonesischen Perlentaucher und der Tempeltänzerin Leila abspielt, trotzt jeder Inhaltsangabe.
Was also tun? Die Musik sprechen lassen! In Zeiten überdrehender Regieambitionen hört man die Antwort nicht oft. „Ich lasse mich komplett auf die Musik ein. Die gesamte Bilddramaturgie, jeder Stimmungswechsel ist aus der Partitur begründet. So entsteht für den Betrachter eine viel organischere Bewegung, weil das nicht über den Intellekt, sondern über die Sinnlichkeit läuft. Aber so arbeite ich ohnehin immer. Nur bin ich in diesem Fall dazu gezwungen.“
Im marmornen Konsumtempel
Ansonsten gilt es, dem Libretto Zeitlosigkeiten abzutrotzen. Die Perlenfischerei, ein lebensgefährlich ausbeuterisches Gewerbe von früher, findet ihr Äquivalent in der Textilindustrie der Dritten Welt. Deren Produkte werden der Elite nicht im hinduistischen Tempel, sondern im kapitalistischen Konsumtempel angeboten, einem Einkaufszentrum aus weißem Marmor. Inmitten steht, anfangs nackt, eine bühnenhohe Schaufensterpuppe. Wenn das Dorf der Armen brennt, kann man die Ereignisse im Shoppingtempel bequem per Liveübertragung verfolgen.
Man wird Mondtag da in seiner Kernkompetenz als Gesamtkünstler, Regisseur und Ausstatter begegnen: In monumentalen, oft als Gothic- und Comic-artig bezeichneten Bühnenlandschaften kämpfen bedrängte Menschen, deren Schicksale ins Herz schneiden.


Die Perlenfischer. George Bizets musikalisch reizvolles Exotikum kommt am 14. Mai 2026 an der Staatsoper zur Premiere. Ersan Mondtag inszeniert, Daniele Rustoni dirigiert. Kristina Mkhitaryan, Juan Diego Flórez und Ludovic Tézier singen.
© Staatsoper / Michael PöhnDie Schauspielerin Maria Happel, mit der Mondtag an der Burg Sibylle Bergs gequälten Zwitter Toto erarbeitete, bestätigt das: Das grotesk adjustierte Neutrum als leidendes Menschenwesen in erdrückende DDR-Welten zu stellen, sei ihr gelungen, weil ihr der Regisseur das Höchste an Vertrauen und Eigenverantwortung geschenkt habe.
Nun wird Mondtag nicht müde, seine Protagonistin Kristina Mkhitaryan zu bewundern, die im Todesmarsch über die endlose Rolltreppe alle Stadien erspielt: Angst, gefolgt von Panik, dem Akzeptieren des Unabwendbaren. Endlich das Warten, erschossen zu werden. Und dann die Begnadigung mit dem folgenden Zusammenbruch, wenn die Anspannung in sich zusammenbricht. Eigentlich, sagt Mondtag, müsste Leila an dieser Stelle urinieren, doch so weit gehe man nicht. Sein Ziel sei erreicht, wenn sich die Sänger ganz auf die Musik einlassen, mehr noch: ihrer inneren Musik vertrauen.
Sehnsuchtsarchipel Wagner
Bizets finales Flammeninferno ist schon nah am Wagner’schen „Ring“. So wie die „Perlenfischer“ den Schritt des Regisseurs von den Raritäten – Schreker und Kurt Weill sind schon erfolgreich bestanden – ins große romantische Fach bezeichnen.
Den Sehnsuchtsarchipel Wagner, an dem sich auch Bizet abgearbeitet hat, stellt er gar nicht in Abrede. Das „Parsifal“-Vorspiel unter Thielemann begleitet ihn durch lange Spaziergänge.
Und Thomas Köcks „Ring“-Zertrümmerung, ein Auftragswerk der Berliner Volksbühne? Ein Cancel-Ritual gegen Wagner sei das gewesen, sagt Mondtag, der 2021 die Uraufführung inszenierte. „Mein Blick auf Wagner ist ein anderer.“ Nämlich? Wagner sei ihm erst spät begegnet, obwohl er ihn unwissend lebenslang kannte: Die Filmmusiken der Kindheit seien ja in ihrer breitwandigen Banalität nichts anderes gewesen als schlechte Wagner-Kopien. Und wie einen das Original dann überwältige!
Ich mag es, Pathos zu erzeugen, Leute zu verführen und Bild-Illusionstheater zu machen
„Ich glaube an die Romantik“
Wäre es nach ihm gegangen, hätte es den Umweg über die Opernraritäten nicht gebraucht. Aber als junger Exot musste man eben warten. Eine „Salome“ in Gent vor zwei Jahren hat ihm dann das Tor ins erste Fach aufgestoßen. „Da ging meine gesamte Bildsprache, mein Pathos richtig auf. Ich bin jemand, der stark in der Romantik verortet ist. Meine Sicht ist nicht: jetzt kommen die schweren Schinken, sondern jetzt kommt das Natürliche rein. Was andere kitschig nennen, nenne ich organisch. Ich mag es, Pathos zu erzeugen, Leute zu verführen und Bild-Illusionstheater zu machen. Ob bei Bizet, Strauss oder Wagner: Ich glaube an die Romantik.“
Nun kann man zumindest Teilen des Wiener Publikums viel erzählen, wenn ihm das Gebotene zu avantgardistisch erscheint, hilft kein Argumentieren. „Man kann nur machen, was man für richtig hält“, erwidert er. „Ich denke nicht, dass es mit dem Publikum einen Konflikt gibt. Ich arbeite im Grund konventionell, weil ich das Werk und das Publikum ernst nehme. Ich bin keiner, der dekonstruiert und im weißen Anzug nach rechts zeigt, um Emotion als intellektuelles Konzept vorzuführen. Ich bin jemand, der die Emotion ausführt, und dahingehend sehr konservativ.“
Der nächste Schritte ins große Repertoire
Im Salzburger Sommer wird man ihn beim nächsten Schritt ins große Repertoire beobachten können. Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“, aufregend mit Elīna Garanča besetzt, wird nicht im Haus eines Wiener Neureichen spielen wie die Rahmenhandlung. Auch nicht auf einer wüsten Insel wie das Opernwerk, das im Auftrag des Parvenus auf dessen Party grausam entstellt wird.
Sondern auf dem Mars, der metaphorisch und emblematisch präzise die Abgehobenheit der Geschehnisse wiedergibt: Man schreibt 2100, die Erde ist unbewohnbar, und eine Gruppe sehr reicher Leute hat sich auf dem Mars eine Station gebaut, vor deren Riesenausguck Natur simuliert wird. Von der verrotteten Erde wird ein Komponist eingeflogen, der mit Sängern und Tänzern das Unterhaltungsprogramm gestaltet.
Assoziationen zu Bezos oder Musk seien nicht abwegig, räumt Mondtag ein. Nie aber verfiele er in den verführerischen Trott direkter Tagessatire mit realen Politikervisagen.
Bekenntnis zu Hinterhäuser
Die Salzburger „Ariadne“ entsteht inmitten einer irrationalen Situation: Markus Hinterhäuser, der mit den Festspielen zehn Jahre lang Maßstäbe gesetzt hat, fiel einer Machtdemonstration von Provinzpolitikern zum Opfer.
Die „Ariadne“ hat man erfunden, als man 2024 gemeinsam die Biennale von Venedig eröffnete, wo Mondtag in seiner Eigenschaft als bildender Künstler tätig wurde. Und jetzt? „Das ist Markus’ Projekt, und es ist für mich ein großer Verlust, es ohne ihn zu machen. Gleichzeitig ist es auch mein Debüt in Salzburg, das kommt mir vor wie eine Einschulung ohne Eltern. Was im Hintergrund erzählt wird“, fährt er fort, „möchte ich weder kommentieren noch relativieren. Aber dass Salzburg eine Schlangengrube ist, habe ich schon gehört, und wenn man sieht, was da passiert ist, kriegt man Angst.“
Pläne für Weiteres, von denen man hört? „Wenn Markus weg ist, habe ich keine Grundlage mehr, dort weiterzuarbeiten. Mich hat jetzt ja auch keiner gefragt. Ich habe null Verständnis dafür, kurz vor dem Probenbeginn den für die Mitwirkenden so wichtigen künstlerischen Leiter abzusägen. Der Schaden ist irreparabel.“
Der teuflische Hass auf Juden
Das Gespräch erreicht die grundlegenden Fragen, deren Beantwortung man nicht mehr unterbricht. Der irre Antisemitismus von allen Seiten?
„Der Antisemitismus ist immer da. Es gibt nur Zeiten, wo die Decke, die ihn einhegt, brüchig wird, und dann fließt das Gas raus. Das ist wie Atommüll. Einmal hergestellt, ist er einfach da und geht nicht mehr weg. Auch wenn man einmal eine Idee kultiviert hat, wird man sie nicht mehr los. Und wenn jetzt alles brüchig wird, wenn rechte Ideen blühen und die Demokratie infrage gestellt wird, bricht alles heraus.“
Lässt sich die Demokratie denn noch stabilisieren? „Ich weiß es nicht. Hoffnung müssen wir immer haben, aber momentan gibt es keine Bereitschaft, die wirtschaftliche Ungleichheit grundsätzlich neu zu denken. Das wird die Demokratie mittelfristig nicht überleben. Denn das größte Problem ist nicht, dass jeder von uns Rechte hat oder dass irgendwelche Menschen sich als Frauen definieren oder dass Männer mit Männern schlafen. Das sind bloß die Kulturkampfthemen, mit denen Menschen geködert werden.“
Das grundsätzliche Problem ist, dass Menschen um ihre Rente und ihre Wohnungen Angst haben
Und weiter: „Das grundsätzliche Problem ist, dass Menschen um ihre Rente und ihre Wohnungen Angst haben. Und dann gibt es Leute, die sagen, das sind die Ausländer, das sind die Drag-Queens. Dabei ist es einfach das Kapital, das bei bestimmten Leuten maßlos wächst. Elon Musk ist jetzt Billionär, zur Corona-Zeit hat sich sein Vermögen innerhalb von zwei Jahren, von 200 auf 600 Milliarden verdreifacht. Da kann man schon in Zorn kommen, wenn gleichzeitig Menschen zusehen müssen, ob sie sich die allerbilligsten Supermärkte noch leisten können. Wenn man das nicht löst, brauchst du keine Rechte, keine Wahlfreiheit mehr, weil das an deine Existenz geht.“
Selbst das konservativste Kulturpublikum werde dann unter der Hässlichkeit und Kleingeistigkeit des Rücksturzes in das Übelste an Geschichte leiden. „Die Deutschen haben ja nicht allein die Juden umgebracht, sie haben sich auch selbst vernichtet. Viele Juden waren die bürgerliche Mitte Deutschlands, die Künstler, die Denker, die Komponisten. Die Deutschen haben ihr eigenes Kapital zerstört, sich selbst. Und sie haben geschafft, so zu tun, als ob sie etwas Fremdes zerstört hätten.“
Und die Physiker
Wäre ein etwas hellerer Schluss ins Auge zu fassen? Ja, Dürrenmatts „Physiker“, die er in der kommenden Saison an der Burg inszeniert. Ein aufgelassener Bahnhof aus den 20er-Jahren, der als Irrenhaus genutzt wird, ist Mondtags Schauplatz, Dürrenmatts Gespenster, die sich für die Koryphäen der Physik halten, gehen dort um, keiner weiß, wer Mensch und wer Roboter ist.
„Ich freue mich auf die Arbeit“, sagt Maria Happel, die neben Mavie Hörbiger als Einstein und Bibiana Beglau als Möbius den falschen Newton spielt.
Ganz unsererseits, möchte man da mit gebotener Vorsicht erwidern.

Steckbrief
Ersan Mondtag
Ersan Mondtag, geboren 1987 in West-Berlin als Ersan Aygün in eine türkische Gastarbeiterfamilie, wechselte von der Hauptschule ins Gymnasium und kam im Verlauf eines Schüleraustauschs in Washington mit der Kultur in Berührung.
Die Ausbildung an der Münchner Falkenberg-Schule brach er ab und gründete eine Performance-Gruppe. „Aygün“ ist das türkische Wort für Mondtag. Unter diesem Namen kam er über Frankfurt und Dortmund an erste deutsche Sprechbühnen. Er versteht sich auch als bildender Künstler und seine Inszenierungen als Gesamtkunstwerke. Er lebt in Berlin.








