Florentina Holzinger und der österreichische Beitrag zur Kunstbiennale von Venedig sind ein internationaler Mega-Erfolg und ein nationaler Boulevard-Skandal. Viel mehr muss man über das Land und die Kunst nicht wissen. Vieles war schon immer so und alles ist ein bisschen schlimmer.
Die perfekte Definition von Wahnsinn, habe ich irgendwann irgendwo gelesen, geht so: Immer dasselbe tun und sich wundern, dass sich die Ergebnisse nicht ändern. Einstein habe das gesagt, wurde mir in diesem Zusammenhang versichert, und das ist auch möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich.
Einen Beleg für Einsteins Autorschaft gibt es nicht, und die Tatsache, dass der Spruch erst in den 80er-Jahren populär wurde – naturgemäß in der Coachingbranche, der unerschöpflichen Quelle des Banalen –, spricht eher dagegen. Man kennt für diesen Vorgang im Englischen einen eigenen Begriff: „Churchillian drift“, also die Neigung, jeden klugen, originellen oder sarkastischen Spruch, von dem man nicht mehr sagen kann, wer ihn zuerst verwendet hat, dem großen Premierminister und Literaturnobelpreisträger zuzuschreiben.
Wenn einem Churchill nicht einfällt, kann man natürlich auch vermuten, das Zitat sei von Oscar Wilde – oder eben Albert Einstein. Letzterer soll auch gesagt haben: „Gott würfelt nicht.“ Das stimmt immerhin fast und sinngemäß, hat aber ein viel charmanteres Original: Einstein schrieb Mitte der 20er-Jahren, als er seine Probleme mit der Akzeptanz der Quantentheorie und der Rolle des Zufalls im Bauprinzip der Natur hatte, einem deutschen Physikerkollegen: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der Alte nicht würfelt.“ Einstein nannte Gott „den Alten“, und das finde ich schön.
Kohelet und „Heute“
Nun ist es aber so, dass der Alte zu dem Doch-nicht-Einstein-Spruch vom Wahnsinn der Wiederholung auch eine Art biblisches Pendant hat anfertigen lassen, und das finden wir bei Kohelet, dem Richard David Precht des Alten Testaments. „Was geschehen ist“, heißt es dort, „wird wieder geschehen, was getan wurde, wird wieder getan – es gibt nichts Neues unter der Sonne.“
Jeder von uns weiß, dass einen das wahnsinnig machen kann, und insofern hätte Einstein schon recht gehabt, wenn er die Definition des Wahnsinns so formuliert hätte, wie es dann jemand anderer gemacht hat. Wir erleben, dass viele Dinge sich in einer Art Endlosschleife bewegen, und das macht manche Menschen wahnsinnig, aber andere beruhigt es in einer fast metaphysisch zu nennenden Art.
Wie vor 40 Jahren
Ich gehöre manchmal zu den einen und manchmal zu den anderen. Gerade eben habe ich jedenfalls besonders stark das Gefühl, dass ich fast alles, was ich in der Sphäre des Öffentlichen wahrnehme, schon einmal wahrgenommen habe, und zwar vor ziemlich genau 40 Jahren.
Kurt Waldheim konnte sich nur unscharf erinnern, was er als Wehrmachtsoffizier auf dem Südbalkan gemacht hat (spricht das für die Quantentheorie?), Jörg Haider kaperte die gerade erst von der Altnazi- zur Honoratiorenpartei gewordene FPÖ mit seiner „Buberlpartie“ und machte sie zur Urkraft des europäischen Rechtspopulismus. Boulevard, Kirche und Jahreskartenbesitzer des Kunsthistorischen Museums bekamen Schnappatmung, wenn sie Berichte über das „Orgien Mysterien Theater“ des Hermann Nitsch lesen mussten.
So viel Champagner kann man gar nicht trinken, wie man auf dieses Geschäftsmodell pissen möchte
An sich ist das alles gesellschaftlich mehrfach durchgespielt: Die Aktion „Kunst und Revolution“, die Günter Brus, Otto Muehl, Peter Weibel und Oswald Wiener im Juni 1968 im Hörsaal 1 durchführten, wurde seinerzeit von der Kronen Zeitung zur „Uni-Ferkelei“ geadelt, heute schreibt oe24 über „Bablers Urin-Pool“.
Ein bisschen neu ist vielleicht, dass die öffentliche Erregung nicht mehr auf weit verbreitete Moralvorstellungen zugreifen muss oder kann, weil inzwischen ohnehin alles ein bisschen egal ist.
Ein bisschen neu ist vielleicht auch, dass Figuren wie Eva Dichand, Gründerin und Miteigentümerin des Boulevard-Mediums Heute, Ehefrau des Kronen Zeitung-Besitzers, Herausgeberin eines Kunstmagazins und Geldgeberin jener Organisation, die für die Auswahl der österreichischen Biennale-Künstler verantwortlich ist, die ewige Wiederkehr des Gleichen auch elegant monetarisieren können: Die Erregung, die Dichands sogenannte Medien erzeugen, vermehrt das Geld, das sie in den Gegenstand der Erregung investieren kann. Um es aktivistisch zu formulieren: So viel Champagner kann man gar nicht trinken, wie man auf dieses Geschäftsmodell pissen möchte.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.







