Generationen von Opernregisseuren versuchten sich vergeblich an der „Zauberflöte“. Jetzt nimmt sich Startenor Rolando Villazón Mozarts beliebteste und von Regisseuren gefürchtetste Oper für die Salzburger Mozartwoche vor. Seit 2017 ist er dort Intendant. Ein Gespräch über Oper in düsteren Zeiten, Künstlerboykotte, Sparmaßnahmen und das Defizit, das durch den Umbau des Festspielbezirks droht.
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Herr Villazón, „Die Zauberflöte“* erzählt vom Sieg des Lichts über die Nacht. Vermitteln Sie mit Ihrer Inszenierung Hoffnung in diesen bedrohlichen Zeiten?
„Die Zauberflöte“ ist ein Märchen für Kinder und für Erwachsene und die schönste Musik überhaupt. Künstler, Künstlerinnen, das Publikum, jeder, der in diese Welt von Mozart eintritt, auch ich, stellt sich da viele Fragen. Und das ist das Wichtigste in der Kunst. In unserer Inszenierung ist ein wichtiger Aspekt, wie wir in der Kunst Trost finden und die Inspiration weiterzuleben. Ich sage immer Kunst, Humor und Liebe, diese Trias bringt uns immer weiter. „Die Zauberflöte“, wie kaum eine andere Oper, enthält diese drei Elemente. Natürlich könnte man sagen, dass das besonders gut in unsere so schwierigen Zeiten passt.
Die Zauberflöte
Die Zauberflöte (KV 620) entstand 1791, wenige Monate vor Mozarts Tod. Prinz Tamino soll Pamina, die Tochter der Königin der Nacht, von ihrem Entführer Sarastro befreien. Der Vogelhändler Papageno begleitet ihn. Zum Schutz erhält Tamino eine Zauberflöte. Als er auf Sarastro trifft, erkennt er in ihm einen gerechten Herrscher. Tamino und Pamina ziehen nach bestandener Prüfung in Sarastros Sonnenreich ein. Papageno fällt durch alle Prüfungen, findet am Ende aber seine Papagena.
In Salzburg singen Franz-Josef Selig (Sarastro), Kathryn Lewek (Königin der Nacht) Magnus Dietrich (Tamino) Emily Pogorelc (Pamina) Theodore Platt (Papageno). Roberto González-Monjas dirigiert das Mozarteumorchester. Regie: Rolando Villazón. Premiere am 23. Jänner 2026.
Inspirierte Sie diese ständige Bedrohung, wie der Krieg in der Ukraine, diese Oper jetzt ins Programm zu nehmen?
Wir können und sollen uns der Realität und ihren Herausforderungen stellen. Wie jedes Jahr ist unser Kompass bei der Programmation Mozart. Wir haben dieses Programm zweieinhalb Jahre im Voraus geplant. 2026 feiern wir 270 Jahre Mozart und 70 Jahre Mozartwoche. 1756 hatte Mozart noch nichts vorzuweisen, außer, dass er geboren wurde. 1791 schließt sich der Kreis mit seinem Tod am 5. Dezember. Da wurde Mozart für die Ewigkeit geboren. So kamen wir auf das Motto „Lux aeterna“.
Aber, um nochmal auf Ihre Frage zurückzukommen: Natürlich können und sollen wir Künstler nicht die Augen vor der Welt verschließen. 2028 zum Beispiel kommt die Dirigentin Oksana Lyniv zurück zu uns. Ich freue mich natürlich, ihr und ihrer starken Stimme gegen den russischen Angriffskrieg eine Plattform zu geben, aber sie kommt in erster Linie, weil sie eine große Musikerin ist. Egal, woran wir glauben, welchem politischem Spektrum wir angehören und was unsere Lebensphilosophie ist, in der Kunst können wir alle zusammenkommen. Das müssen wir uns bewahren. Wenn ich zum Beispiel in der Mozartwoche sagen würde, wer meine Ansicht nicht mit mir teilt, gehört nicht zu unserem Festival, wäre das nicht korrekt.
Was aber, wenn einer Ihrer Künstler das nicht so sieht? Oksana Lyniv weigerte sich bei den Wiener Festwochen im selben Programm wie der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis aufzutreten. Er wurde daraufhin ausgeladen. Wie würden Sie in so einem Fall entscheiden?
Ich würde mir das in jedem Einzelfall sehr genau überlegen. Bei uns muss Oksana diese Entscheidung nicht treffen, da Teodor Currentzis bei uns nicht dirigiert.
Kommen wir auf „Die Zauberflöte“ zurück. Wie zeigen Sie den Mohren Monostatos? Den Sänger als Schwarzen zu schminken, ist ja heute verpönt.
Bei uns im Mozarteum arbeiten die wissenschaftliche und die künstlerische Abteilung zusammen. Es wird ein paar Änderungen im Text geben. Er heißt in meiner Inszenierung Manostatos. So hatte ihn Mozart selbst genannt. Der Begriff „Mohr“ wird bei uns nicht benutzt. Es gibt diese und andere Änderungen, weil die Lesart des Stücks, für die wir uns entschieden habe, diese verlangt. Und für diese Lesart haben wir uns sehr bewusst entschieden.
Abgesehen davon erzählen wir die Geschichte eins zu eins wie Schikaneder. Der Ausgangspunkt ist ein Artikel in der „Musikalischen Allgemeinen“ aus dem Jahr 1798, wo davon berichtet wird, wie sich Mozart in den letzten Tagen seines Lebens eine Vorstellung der „Zauberflöte“ imaginierte. Ich bin übrigens absolut dafür, dass wir über die Dinge, die heute problematisch sind, sprechen – man sollte aber nicht einfach alles unserer modernen Welt anpassen. Ein konkretes Beispiel: Ich lese immer zum Jahresende „Don Quijote“ von Cervantes. Da gibt es ganz wunderbare Passagen, auch moderne, sogar feministische Elemente, aber auch rassistische und antisemitische.
Ich bin übrigens absolut dafür, dass wir über die Dinge, die heute problematisch sind, sprechen – man sollte aber nicht einfach alles unserer modernen Welt anpassen.
Ich würde davon aber nie auch nur ein Wort ändern. Denn das alles gab es im 17. Jahrhundert. Wir müssen darüber sprechen und erklären, warum das damals schon problematisch war und heute absolut nicht mehr geht. Aber die Literatur umschreiben, Rassismus, alles Misogyne löschen, weil wir die Weltliteratur an die heutige Zeit anpassen wollen, wäre nicht der richtige Weg. Dann würden wir so tun, als hätte es das alles in der Vergangenheit nicht gegeben, dann würden wir auch die Opfer auslöschen und die Kämpfe, die für etwas wie die Gleichberechtigung von Frauen geführt wurden und die heute noch weitergeführt werden müssen, weil es für die Gleichstellung noch viel zu tun gibt.
Was ist mit den frauenverachtenden Passagen in der „Zauberflöte“?
Das wird nicht geändert, aber durch die Inszenierung kommentiert. Das Publikum wird dies entdecken. Ich habe mich gefragt, wie schaffe ich es, dass Kinder, junge Menschen, aber auch Erwachsene, nach meiner Inszenierung diese Oper wieder sehen möchten. Die große Herausforderung bei der Inszenierung dieser Oper ist, eine Balance zwischen den ernsten Passagen und den Elementen der Commedia dell’arte zu finden.
Legt man zu viel Wert auf den Tiefgang, hat man keine Zeit mehr für die lustigen Passagen. Wenn man sich aber nur auf diese konzentriert, wird die Aufführung sehr leicht oberflächlich. Diesen Ausgleich hat das Genie Mozart wunderbar in der Musik geschafft. Diese Überraschung, wenn plötzlich in der Feuer-Wasser-Probe diese protestantische Musik inspiriert von Bach anklingt. Oder auch Paminas so bewegende Arie. Da sind wir in einer anderen Welt. Von einer Sekunde auf die andere führt uns Mozart zu den wichtigsten Fragen des Lebens.
„Die Zauberflöte“ ist doch auch eine Freimaurer-Oper.
Diese Elemente sind präsent, aber nicht überpräsent. In meiner Inszenierung spielt alles in Mozarts Zimmer. Dieser Raum ist inspiriert von Mark Rothko. Der amerikanische Maler war ein großer Mozart-Fan. Wenn er malte, hörte er immer wieder „Die Zauberflöte“. Harald Thor hat nach dessen Ästhetik unser Bühnenbild gestaltet. Und Mozart ist während der gesamten Aufführung auf der Bühne.
Werden Sie den selbst darstellen? Wäre das nicht naheliegend, dass Sie den selbst darstellen?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben einen wunderbaren Schauspieler, der verkörpert Mozart. Auch Konstanze und die beiden Söhne der Mozarts sind hie und da dabei.
Was sagen Sie dazu, dass man ständig Frauen ans Dirigentenpult fordert. Wie wichtig ist Ihnen dieses Gerede um die Quote?
Unsere Dirigentinnen, wie in diesem Jahr Karina Canellakis und Christina Pluhar, sind da, weil sie gut dirigieren und fantastische Musikerinnen sind, nicht weil sie Frauen sind. Aber: Jahrhundertelang durften Frauen diesen Beruf nicht ausüben oder wurden systematisch diskriminiert. Deshalb haben wir eine Verantwortung, dieses Ungleichgewicht aktiv zu ändern. Ich würde keine Dirigentin engagieren, nur weil sie eine Frau ist, aber ich möchte und werde immer Dirigentinnen in meinem Festival haben.
„Orfeo son io“:


Die CD
Rolando Villazón ergründet mit Christina Pluhar am Pult ihrer Originalklangformation „L’Arpeggiata“ den Orpheus-Mythos. Mit Werken von Monteverdi, Carlos Gardel und Luiz Bonfá.
Deutsche Grammophon
Der Held in Ihrem Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ kann nicht klären, ob er Tenor oder Bariton ist. Sind diese Unterscheidungen heute noch wichtig? Weltstars tauschen bei den Salzburger Festspielen* ihre Fächer. Elīna Garanča singt die Ariadne, eine Sopranpartie, und Asmik Grigorian die Carmen. Was ist da los?
Maria Callas hat auch Mezzo-Rollen gesungen. Das ist nicht neu. Es gibt Rollen wie den Pelléas oder den Orfeo, die ich beide singe, und die sowohl von Tenören als auch von Baritonen gesungen werden. Ende des Jahres singe ich wieder Papageno an der Metropolitan Opera in New York. Beim ersten Mal haben die Leute gefragt, ist er Bariton? Aber ich werde nie ein Bariton, ich werde nie den Rigoletto singen. Auch in New York steht bei meinem Namen Rolando Villazón, Tenor. Wenn ich Garanča und Grigorian höre, dann erlebe ich zwei wunderbare, intelligente und ernsthafte Künstlerinnen mit höchster Integrität. Ich bin mir also sicher, dass sie diese Entscheidungen sehr bewusst getroffen haben, und freue mich, sie in diesen Rollen zu hören.
Salzburger Festspiele
Die konkurrenzlose Mezzosopranistin Elīna Garanča singt erstmals Richard Strauss’ Ariadne, eine fordernde Sopranrolle („Ariadne auf Naxos“, ab 2. August 2026). Die führende Sopranistin Asmik Grigorian verkörpert dafür Bizets Carmen, eine klassische Mezzo-Partie (ab 26. Juli 2026).
Früher haben Sänger ihre neuen Rollen in kleinen Häusern ausprobiert, ist das heute egal, weil sowieso überall alles mit dem Handy aufgenommen wird?
Meine Generation ist die letzte, die am Anfang ihrer Karriere noch ein paar Jahre hatte, wo sie nur von Dirigenten, Managern, Intendanten und Kritikern beurteilt wurden. Was in den 1980er-Jahren in Cafés oder an Stammtischen diskutiert wurde, wird heute über YouTube oder in Blogs millionenfach verbreitet.
Die sozialen Medien stärken auch die Macht des Mobs. Aus Angst vor Protesten sagte ein Festival das Konzert mit dem israelischen Dirigenten Lahav Shani ab. Hätten Sie gedacht, dass jüdische Künstler Auftrittsverbote bekommen?
Das ist eine komplexe Situation. Aber: Ich liebe Lahav. Er ist ein großartiger Dirigent. Er ist oft bei uns in der Mozartwoche aufgetreten und ich freue mich sehr, wenn er in Zukunft wieder bei uns ist. Grundsätzlich glaube ich nicht an kollektive Bestrafung. Ich bin kein Politiker, aber man kann gegen eine Regierung sein und trotzdem das Volk eines Landes umarmen. Ich möchte niemanden für die schrecklichen Handlungen seiner oder ihrer Regierung verantwortlich machen. Aber wenn jemand eine solche Regierung aktiv unterstützt und Propaganda verbreitet, dann möchte ich diesen Künstler oder diese Künstlerin nicht einladen.
Würden Sie auch Anna Netrebko engagieren?
Diese Frage stellt sich nicht, denn sie singt keinen Mozart mehr.
Ihr Vertrag bei der Mozartwoche läuft bis 2028. Wäre es für Sie eine Option, ein großes Opernhaus zu leiten? Oder ein anderes, ein größeres Festival?
Ich habe jetzt einen Vertrag bis 2028, mal sehen, was passiert. Ehrlich gesagt war es nie mein Ziel, Intendant zu werden. Als ich 2017 das Angebot bekam, die künstlerische Leitung der Mozartwoche zu übernehmen, habe ich lange überlegt. Seit ich diese angenommen habe, liebe ich es, hier Intendant zu sein. Ich erlebe gerade die schönste Zeit meines Sängerlebens. Diese Position erlaubt mir, auch wenn es sehr viel Arbeit ist, meine Karriere als Sänger, die das Zentrum meines Tuns ist, weiterzuführen.
Ihre Aufgabe wird aber alles andere als leichter. Sind Sie nicht auch von Budgetkürzungen betroffen?
Unsere größte Schwierigkeit ist, dass wir nur sehr gering subventioniert sind. Der größte Teil unseres Budgets kommt von dem, was wir durch den Kartenverkauf einnehmen und von unseren Förderern und Sponsoren. Wir brauchen immer eine Auslastung von mindestens 85 Prozent, was wir glücklicherweise immer übertreffen.
Trotzdem muss ich für eine Produktion wie „Die Zauberflöte“ Sponsoren finden. Wir haben auch kein eigenes Opernhaus, das heißt, wir müssen das Festspielhaus von den Salzburger Festspielen anmieten. Das ist nicht billig. Wir können auch keine Spitzengagen zahlen wie große, subventionierte Häuser. Aber es ist ein Prestige, bei der Mozartwoche aufzutreten und daher wollen Künstler zu uns kommen.
Mozartwoche: herausragende Konzerte
Adam Fischer eröffnet am Pult des Danish Chamber Orchestra mit Werken von Monteverdi, Händel und Mozart (22. Jänner 2026).
Pierre Laurent Aimard (Klavier) gastiert bei der Camerata Salzburg, (24. Jänner 2026).
Die Wiener Philharmoniker führen mit der Dirigentin Karina Canellakis Werke von Mozart, Mendelssohn und Beethoven auf (22. Jänner 2026), Daniel Ottensamer ist mit Mozarts Klarinettenkonzert zu hören. Magdalena Kožená singt Berlioz’ „Les nuits d’été“, Robin Ticciati dirigiert (28. Jänner 2026). Pianist Igor Levit führt Mozarts Klavierkonzert in C-Dur, KV 467, auf, Adam Fischer dirigiert (31. Jänner 2026)
Ist es in diesen Zeiten, wo ständig von allen Seiten ein Krieg droht, nicht noch schwieriger, Sponsoren zu finden?
Ja natürlich. Aber ich freue mich über alle unsere privaten Förderer. Unser großes Glück ist Mozart. Wenn ich frage, wer ist der beste Komponist, werden manche Bach oder Beethoven nennen. Aber wenn ich frage, wer ist der beliebteste Komponist? Ist die Antwort eindeutig: Wolfgang Amadé Mozart. Und für ihn geben die Leute gern etwas her. Es ist momentan schwieriger mit den großen Firmen, das spüren wir alle. Deshalb bin ich umso dankbarer für unsere Großsponsoren.
Sind Sie auch vom Umbau des Festspielhauses betroffen?
Das macht uns natürlich große Schwierigkeiten. Wenn das Große Festspielhaus geschlossen ist, verkaufen wir um 1.000 Karten weniger pro Konzert, was dort stattgefunden hätte. Das betrifft vor allem die Konzerte der Wiener Philharmoniker. Das bringt uns ein großes Defizit. Ich kann dann keine großen Opernproduktionen machen. Schon in diesem Jahr müssen wir einen externen Raum für unsere Proben für die „Zauberflöte“ anmieten.
Wenn man mit Schwierigkeiten konfrontiert ist, muss man überlegen, welche Richtung man einschlägt. Man muss sich der Verantwortung stellen. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als Corona ausgebrochen ist. Da haben wir viel gelernt. Wenn Schwierigkeiten auftreten, bringt es nichts, paralysiert dazustehen und zu sagen, okay, dann können wir das nicht machen. Man muss sich fragen: Was können wir machen und wie können wir es machen? Da muss man kreativ sein, und ich liebe es, kreativ zu sein.

Steckbrief
Rolando Villazón
wurde am 22.2.1972 in Mexico-City geboren. Der Urenkel einer österreichisch-jüdischen Migrantin lernte bereits als Schüler Deutsch. Seit 1999 gastiert er an den bedeutendsten Opernhäusern wie der Pariser Bastille, der Metropolitan Opera in New York und der Wiener Staatsoper. 2005 verschaffte ihm und Anna Netrebko Willy Deckers „Traviata“-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen weltweite Bekanntheit. Seit 2017 ist er künstlerischer Leiter der Mozartwoche. Rolando Villazón ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 03/2026 erschienen.







