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Clemens J. Setz: „Als wären wir Erzähler eine Vorform der KI …“

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Clemens J. Setz

©Judith Stehlik / Suhrkamp Verlag

Der Schriftsteller Clemens J. Setz über seinen Band mit Erzählungen, „Mein Leben als Noiseband“, seinen „Lehrmeister“, den Avantgarde-Komponisten John Cage, Aktionismus und KI.

Herr Setz, den Büchner-Preis, die bedeutendste Auszeichnung in der deutschsprachigen Literatur haben Sie bereits, jetzt folgt der Große Österreichische Staatspreis. Was ist dieser Preis für Sie?

Ich bin sehr froh darüber – vor allem wenn ich die vorherigen Preisträgerinnen und Preisträger betrachte, darunter mein großes Vorbild Josef Winkler, dessen Werk eines der Initialerlebnisse in meiner Jugend war, der erste starke Ruck an der Angel, wo man merkt: Ah, da am Ende der Leine hängt gar kein Fisch, sondern ein Leviathan, der einen ins Meer reißen wird, für immer. Und genau das ist dann auch glücklicherweise geschehen.  

In der Titelerzählung „Mein Leben als Noiseband“ schildern Sie, wie blind wir für Verbrechen sein können, die in unserer nächsten Umgebung, sogar von Freunden, begangen werden. Nur die kleine Tochter des Erzählers will dem Unhold wehtun. Zeigen Sie damit, dass Kinder weitsichtiger sind als Erwachsene oder ist das eine Hommage an Ihre Tochter?

Die Geschichte enthält sehr viel Autobiographisches. Das heißt aber nicht, dass alles so passiert ist. Alles ist verwandelt. Ohne meine Tochter wäre sie jedoch nicht entstanden. 

Inwiefern? 

Die Urgeschichte, also der Hintergrund basiert irgendwie auf einer Formel. Es gibt akustische Einschlafhilfen, die nennt man White Noise, das ist eine Art Rauschen, das soll angeblich die Geräuschkulisse im Mutterbauch nachahmen, und das macht das müde.

Das heißt, die liebliche Kinderwelt klingt wie bestimmte Noisetracks, wo Leute in einer provokanten, gewaltreichen Bühnenshow an die Grenzen gehen. Da berühren einander dieses häusliche Szenario von müden Eltern an der Wiege eines Kindes und diese „Black Metal“-Welt, die an den Wiener Aktionismus erinnert. Das ist ein kraftvolles Bild. Ich würde das so ein bisschen wie eine Tanzaufforderung von Gott sehen. 

Was hat es mit dieser Noise-Musik auf sich, gibt es diese in Graz so, wie sie diese schildern?

Die gibt es tatsächlich, aber keine spezielle Grazer Noise-Szene. Aber es gibt Auftrittsmöglichkeiten. Diese Musik ist tatsächlich eine meiner bizarren Vorlieben, ich mache sie aber nicht selbst. Ich schätze dieses Totale, wie im Genre Power Electronics. Da gibt es weder Harmonik, noch Rhythmik, nur reinen, dissonanten Klang, der mich sehr ergreifen kann.

Ihre Erzählung wirkt total durchkomponiert. Sie erwähnen auch John Cage. Hat Sie dieser Komponist der Avantgarde inspiriert?

Er ist mein großer Lehrmeister. Aber nicht wirklich mein persönlicher Lehrmeister. Was andere Leute oft als Personal Trainer oder Coaches bezeichnen, ist Cage für mich. Was er sagte, sehe ich als interessante Lektion. Ich wollte sogar mal ein Buch über ihn schreiben, eine Biografie. Er ist für mich wie ein Magnet. Sein Leben war ab einem gewissen Zeitpunkt wie ein Zen-Kunststück. Er war so extrem wie Wittgenstein. Cage hat sich sehr an Schönberg orientiert. Über ihn wird es von mir einmal ein kleines Buch geben. Kleine kurze Anekdoten, ich bin gerade dabei, sie zu sammeln.

Ich bin in meinem Leben einigen echten Psychopathen begegnet. Glücklicherweise war ich nicht durch die Umstände oder sonst irgendwelche Faktoren dazu verpflichtet, meinen Kontakt mit ihnen aufrechtzuerhalten

Clemens J. Setz

Die Musik von John Cage interessiert heute nicht mehr viele, aber ich höre sie gern. Seine Schriften, seine Philosophie sind bei ihm eine separate Kunst. Man könnte dieses Phänomen mit dem von Thomas Bernhard vergleichen. Manche mögen die grimmige Strenge seiner Romane nicht, aber seine Interviews, vor allem die fürs Fernsehen lieben sie. Diese waren für Bernhard so eine Art Nebenkunst. Das ist auch so bei Cage. Seine Tagebücher würde ich gerne übersetzen. Viele lieben ihn, weil er das Verständnis von Musik emanzipiert hat. Es geht ums Initiieren eines Prozesses, von dem man sich dann überrollen lässt. Das sind Naturgewalten, die man so nicht geplant hat.

Ließe sich das nicht auch auf Ihr Schreiben umlegen? Ihre Geschichten muten wie solche Kompositionen an und das seit Ihrem frühen Roman „Frequenzen“ und jetzt diese Erzählungen, die menschliche Abgründe aufreißen. Überwältigen Sie sich damit nicht manchmal selbst?

Dieser frühe Roman von mir ist tatsächlich ein Beispiel dafür, wie eine Geschichte überlaufen kann, wie das Wasser in einer Badewanne. Ich hatte damals einfach noch nicht das Handwerk, um eine so mehrstöckige, komplexe Geschichte zu schreiben. 

Musik spielt offensichtlich für Sie eine Rolle. Haben Sie schon jemals daran gedacht, ein Opernlibretto zu schreiben?

Ich hatte sogar schon eine zaghafte Idee dafür. Das mag jetzt auf den ersten Blick albern klingen. Die Figuren wären jene, die in Spam-Mails auftreten, der Prinz aus Nigeria, der krebskranken Millionär aus Amerika, die einem Millionen Euro überweisen wollen, der Penisvergrößerer. Alle möglichen Leute, die einem unnützes Service anbieten wollen.

Aber ich glaube, da braucht man zuerst die Musik, denn wenn ein Libretto zu sehr eigenständig für sich lebt, ist etwas falsch. Es darf nicht in Konkurrenz zur Musik stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob das heute noch funktionieren würde, wie im Barock, als Metastasio seine genialen Libretti mit viel Wortwitz geschrieben hat. Er war fast so etwas wie ein Shakespeare für die Musik.

In Ihrem Erzählband schildern Sie einen Psychopathen, kennen Sie solche Leute aus dem wirklichen Leben?

Ja, ich bin in meinem Leben einigen echten Psychopathen begegnet. Glücklicherweise war ich nicht durch die Umstände oder sonst irgendwelche Faktoren dazu verpflichtet, meinen Kontakt mit ihnen aufrechtzuerhalten. 

Sie verglichen zuvor Noisebands mit den Wiener Aktionisten. Eine Ihrer Figuren sagt einmal, „machen wir so etwas wie Aktionismus“. Wie sehen Sie den Wiener Aktionismus heute?

Selbstverletztendes Verhalten in der Kunst gab es immer schon. Vielleicht wirkt das wie etwas Uraltes, wie Mysterienspiele. Deren Prinzip ist eigentlich uralt. Aber in den 1960er Jahren hatte es etwas Frisches, Neues, Provokantes. Zumindest bei den politischen Aktionen. Vielleicht hat das etwas mit der generellen Amnesie nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun, dass plötzlich uralte Dinge wieder neu gewirkt haben. Aber als Praxis, so wie sie es gemacht haben, war es teilweise wirklich ziemlich interessant durchdacht.

In der Provokation gibt ja dann auch späte Erben, wie Christoph Schlingensief zum Beispiel. Aber es gibt ja auch so etwas wie ein Ungestüm der Jugend, das so viel neu erfindet, was es schon längst gab. Etwas, dass man seine eigenen Fäkalien verkauft. Das hat auch Piero Manzoni gemacht. Es gibt immer einen Vorgänger. Trotzdem waren sie so vorgängerlos wie unerhört, ich würde sie eine witzige Mischung aus traditionsverhaftet und total hergebeamt aus dem Nichts nennen.

Im September widmet das Aktionismus Museum in Wien Otto Mühl eine Ausstellung. Es gibt bereits Einwände. Wie sehen Sie das?

Solange Opfer aus dieser Kommune noch leben oder noch immer nicht wirklich gehört werden, fehlt so einer Ausstellung die Berechtigung. Man könnte sagen, es gibt Künstler, die haben viel ärgere Verbrecher begangen, warum sollte man deren Kunst nicht anschauen? Ich verstehe das Argument. Aber es gibt so viele andere, warum zeigt man ausgerechnete diese Kunst?

Aber niemand Vernünftiger würde sagen, das gehört verboten. Das meine ich auch nicht. Ich sehe so eine Ausstellung als Zynismus. Ich habe den Eindruck, man zeigt diese Arbeiten nur, weil man dann hofft, dass es einen Skandal gibt und deswegen Zulauf und Aufmerksamkeit für ein Museum erwartet. Und gegen diese Art von Zynismus bin ich, denn es gibt schon genug Zynismus in der Politik und sonst auch. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Opfer. Das Museum bekommt seine Publicity, aber ich finde es unnötig. Ich halte es für eine furchtbar schlechte Idee.

Wo sind für Sie beim Schreiben die Grenzen des Erträglichen?

Ich denke, die bringt jeder Mensch selbst mit. Ich zum Beispiel ertrage mein früheres Ich nicht. Es ist mir in einem extremen Maße peinlich. Seine Schwäche, seine Feigheit, seine krasse Verlogenheit. Aber unter den kontrollierten Bedingungen einer Erzählung kann man z. B. so ein früheres Ich durchaus genau und mit ruhiger Seele studieren. 

Direkte Anrufe werden heute sogar als unhöflich angesehen. Sie schreiben auch darüber. Wie gehen Sie mit diesem Phänomen um?

Ich geh fast nie ran. 

In einer Szene schildern Sie ein Paar, das die Rettung anrufen will, als es Hilferufe hört, aber davon ablässt, als es bemerkt, dass die Rufe aus einem Seniorenheim kommen. Wie darf man das interpretieren?

Das hab ich mal genau so erlebt, neben einem Seniorenheim in Graz (Eggenberg). Es war so schlimm, weil die erste Reaktion genau richtig war – oh Gott, da ruft jemand um Hilfe, man muss etwas tun – und dann das Begreifen: Ah, okay, die Schreie kommen aus einem offenen Fenster einer betreuten Seniorenresidenz. Ah okay, na dann. – Eine komplett wahnsinnige Logik, aber in dem Augenblick geschah sie genau so. Ich schäme mich total dafür. 

Viele ihrer Figuren leben in ihrem eigenen Kosmos, wie im wirklichen Leben fehlt ihnen die Fähigkeit, darüberhinaus zu denken. Wie kommt das, wenn die meisten ständig übers Internet in andere Welten reisen? 

Oder über Bücher in andere Welten. Vermutlich bin ich einfach nur neidisch auf das Internet, dass es Menschen so vorzüglich hypnotisieren kann. Mein Metier, dieses alte Handwerk des Geschichtenerzählens, versucht ja genau das auch, seit Jahrhunderten. „Lies weiter, lies weiter, blick nicht weg …“ Daran ist schon was Teuflisches. Als wären wir Erzähler irgendwie eine primitiv-analoge Vorform der heute alle Aufmerksamkeit virtuos absaugenden KI. 

Steckbrief

Clemens J. Setz

geboren
15.11.1982
Geburtsort
Graz

Clemens J. Setz wurde am 15. November 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik und Germanistik studierte. Seine Romane und Erzählungen verschafften ihm 2021 den Büchner-Preis, 2023 den Österreichischen Buchpreis. Als Dramatiker war Setz 2017 und 2019 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Am 21. Oktober 2026 wird ihm der Große Österreichische Staatspreis verliehen. Setz lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Wien.

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