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Peter Baldinger: „Ich bin ein grenzenloser Realist“

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©Patrick Schuster

Zwischen Schein und Sein stellt sich Peter Baldinger in seiner Malerei den Fragen nach Wahrheit und Bedeutung von Individualität. Ein permanenter Grenzgang zwischen realem Abbild und Abstraktion, der durch motivische „Verunklärung“ zum kritischen Hinterfragen animiert.

Atelierbesuch bei Peter Baldinger

© VGN | Osama Rasheed

„Gasthof zum guten Tropfen“ – prangt der eiserne Schriftzug an der biedermeiergelben Fassade des Hauses vis-à-vis des Schlosses im bescheidenen Örtchen Niederfladnitz. Die etwas in die Jahre gekommenen Lettern verraten, dass der Betrieb oberhalb des Manhartsbergs – geografisch im Waldviertel gelegen, politisch dem Weinviertel zugehörig – seit Längerem stillgelegt ist. „Die mussten aber unbedingt dranbleiben“, prostet Peter Baldinger mit einem Achterl Weiß aus der Region zu. Schließlich war es ebendiese Inschrift, die ihn vor gut zwölf Jahren überhaupt erst hierher geführt hatte.

„Dieser Hortus conclusus hat schließlich das Übrige beigetragen – hier, umringt vom Eigenheim, ist man völlig für sich“, deutet er auf den begrünten Innenhof. Die Entscheidung für ein Landdomizil war letzten Endes aber eine pragmatische. Nicht etwa die Romantisierung entschleunigender Stadtflucht, wie sie in Künstlerkreisen fast schon zum guten Ton gehört. Ganz im Gegenteil: Dass Wien in gerade einmal einer Autostunde erreichbar ist, war im Entscheidungsprozess ausschlaggebend. „Ich brauche die Stadt wie die Luft zum Atmen“, hält Baldinger fest. „Das kulturelle Umfeld ist für die persönliche Erweiterung essenziell.“ Nebenher brauche es als Künstler aber vor allem eines: Platz. „Und der ist im Regelfall teuer – wenn du aber suchst, wo eigentlich alle weg wollen, wird das Kleinod leistbar.“ Mit vereinter Familienkraft gelingt über zwei Jahre die Revitalisierung des verfallenen Hofs. Zehn Jahre später ist der Umbau immer noch nicht abgeschlossen: „In einem alten Haus wird dir immer ein Teil auf den Schädel fallen – das macht es aber auch erst so richtig charmant.“

Künstler auf Umwegen

Die alten Gasträume im Erdgeschoß dienen Baldinger als Atelier. Dabei entstammt der Künstler ursprünglich einer völlig anderen Zunft: Als Salzburger Lokalreporter berichtete der gebürtige Linzer während der 90er-Jahre für eine große österreichische Tageszeitung. „Die Kluft zwischen Erlebtem und Geschildertem wurde mir persönlich zu groß“, begründet er seinen Bruch mit der Branche. Nicht etwa aufgrund irgendwelcher Lügen: „Wegen der inhaltlichen Verknappung – das Runterbrechen von Schicksalen auf wenige Zeilen oder der abgedruckte Zuschnitt einer ursprünglich als Panorama aufgenommenen Fotografie.“ Die Wahrheit würde damit nie vollumfänglich transportiert.

Nach etwa fünf Jahren hängt er den Journalismus an den Nagel. Der Drang nach künstlerischer Entfaltung, der ihm seit frühen Kindheitstagen innewohnt, wird indes immer stärker. „Stapelweise Papier und Buntstifte waren mir immer schon lieber als jeder Ball dieser Welt“, erinnert er sich. Von seiner Großmutter gefördert, beginnt er früh, den Blick aus deren Haus im Salzkammergut festzuhalten – er malt Holunderbüsche und zeichnet Hühner. Die Abbildung der Realität, die sich mit fortschreitendem Alter präzisiert, legt den Grundstein seiner künstlerischen Genese und damit seines vielschichtigen Œuvres. Vor bürgerlichem Hintergrund entscheidet er sich nach seinem Schulabschluss zunächst für das Studium des Bühnenbildners am Mozarteum in Salzburg. „Die angewandte Ausübung des Kunstberufs kalmiert das Elternhaus“, scherzt er. Ihn selbst widert sie an: „Und zwar dermaßen, dass ich nach zwei Semestern abgebrochen habe.“

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Unidentified. Losgelöst von Physiognomie zeigt Baldinger anhand von Hinterköpfen Facetten der Wiedererkennbarkeit abseits des Antlitzes

 © Atelier Baldinger/Privatsammlung Wien/Courtesy Galerie Lukas Feichtnertner

Ein Appell zu hinterfragen

Fortan ist das künstlerische Studium ein autodidaktisches – in Museen und Büchern ergründet Baldinger das Werk und die Technik Alter Meister und arbeitet sich so bis zur Gegenwartskunst vor. Die Darstellung der menschlichen Gestalt wird, unabhängig vom formalen Zugang, zur künstlerischen Konstante seines Schaffens. Über seine journalistische Tätigkeit formt sich letztlich sein Narrativ: „Das war zu einer Zeit, zu der die Digitalisierung so richtig Fahrt aufgenommen hat“, schwelgt der Künstler in Erinnerungen. „Die seit der Moderne förmlich explodierende Informationsflut wurde rasant stärker – um im inflationären Bildermeer den Durchblick zu bewahren, ist kritisches Hinterfragen heute essenzieller denn je. Eine Kehrseite der digitalisierten Medaille.“ Ein Bild sei demnach immer bloß ein Ausschnitt der Realität und damit ein Teil der ursprünglichen Wahrheit, besinnt er sich auf seine Zeit als Reporter. Die Geschichte rund um das Dargestellte gehe verloren. „In der medialen Wiedergabe werde dieser Ursprung häufig noch weiter beschnitten.“

In seiner Malerei forciert Baldinger die kritische Auseinandersetzung mit Inhalten – durch die malerische Verunklärung seiner Motive möchte er mit Rezipierenden in Dialog treten und einen Denkprozess in Gang setzen: „Mir geht es darum, zu einem zweiten, kritischen Blick aufzufordern, ehe man ein Urteil fällt.“ Seine Malerei sei jedoch kein Bestreben nach absoluter Wahrheit: „Sonst wäre ich Missionar.“

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Diffusions. Die Hommage an Ingres’ „Die Badende“ ist eine durch Kathedralglas forcierte Auflösung des Motivs

 © Atelier Baldinger/Privatsammlung Wien/Courtesy Galerie Lukas Feichtnertner

Zwischen Schein und Sein

Obwohl seine Arbeit einem klaren Konzept, einer grundlegenden Idee, folgt, ist sie keinesfalls der Konzeptkunst zuzuordnen – zu wichtig sei die ästhetische Ausführung. „Das habe ich ohnehin nie ganz nachvollziehen können, zumal es keine Kunst ohne Konzept geben kann. Sie würde damit bedeutungslos.“ Im Konzeptuellen läge somit der Ursprung seiner seriellen Arbeit. Darin stellt er sich zwischen Schein und Sein den Fragen nach Wahrheit und Individuum. Die beobachtete, medientypische Austauschbarkeit von Letzterem wird zur treibenden Kraft im Œuvre: Zunächst beginnt Baldinger, Menschen zu porträtieren – von hinten. Seine Hinterkopfbilder der Serie „unidentified“ suggerieren in monochromer, realistischer Darstellung Dokumentarisches – ein motivisches Rudiment aus seinen Tagen als Gerichts­reporter. Mit der Serie reüssiert der Künstler in Washington. In der „Wash­ington Post“ schreibt ein Kritiker: Baldinger male „mugshots“ ohne „mug“ – ohne Gesicht. „Unser Gesicht ist evolutionstechnisch designt, um zu kommu­nizieren“, führt der Künstler aus. „Als Informationsträger ist das Antlitz eines Menschen zur Abbildung eines Individuums kunsthistorisch tief verwurzelt.“ Damit bricht er bewusst: „Ich möchte die Wiedererkennbarkeit eines Menschen aufzeigen – unabhängig von physiognomischen Merkmalen.“ Denn selbst losgelöst davon seien wir imstande, vertraute Personen anhand anderer Facetten wiederzuerkennen. Etwa aufgrund deren Gangbilds, Gestik oder eben auf Basis der Erscheinung dessen Hinterhaupts.

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low_res_moonman. Distanz und das Zusammenkneifen der Augen interpolieren Baldingers Extrapolation – an der Grenze zur Wiedererkennbarkeit – zu einem nachvollziehbaren Abbild

 © Atelier Baldinger/Privatsammlung Wien/Courtesy Galerie Lukas Feichtnertner

Auflösung der Physiognomie

Mit fortschreitender Genese wendet sich das Motiv dem Maler zu – damit beginnt er die Auflösung physiognomischer Merkmale. Die Idee zu Serien wie etwa „diffusions“ kam Baldinger nach der Geburt seines Sohns: „Auf dem Spitalsflur wartend, habe ich Personen durch eine Riffelglasscheibe beobachtet. Ohne diese zu kennen, wusste ich immer genau, ob gleich die Primaria oder ein Patient die Türe öffnen wird.“

Im folgenden Kunstexperiment mit Riffel- und Kathedralglas dekonstruiert Baldinger seinen Beobachtungen folgend und von den Resultaten der Lichtbrechung ausgehend. In Manier der Pointillisten des Postimpressionismus löst der Künstler sein Motiv in Farbflächen und -punkte auf und widersetzt sich so der durch Rasterung normierten und optimierten, medialen Personendarstellung. Durch diese individuelle Beobachtung erschafft er eine neue Wahrheit der Porträtierten und generiert eine neue Authentizität. Das Spannende: „Bekannte Personen erkennst du selbst in dieser, durch hohen Abstraktionsgrad entfremdeten Wiedergabe – anhand deines Erfahrungsschatzes komplettiert das Gehirn Gezeigtes.“

Fortan wird Baldingers Kunst zu einem permanenten Grenzgang zwischen den Polen des gegenständlichen Abbilds der Wirklichkeit und der Abstraktion. „Ich bin ein grenzenloser Realist“, hält er fest. „Im Grunde sind es abstrakte Bilder, die dennoch Reales zeigen – das Abstrahieren liegt in der Natur der Sache; in der Beobachtung des Entstehungsprozesses.“ Letzterer ist in seinem Falle ein stetes Oszillieren zwischen Digitalem und Analogem.

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Installation. Baldingers Arbeiten im Danubiana Meulensteen Art Museum in der Nähe von Bratislava

 © beigestellt, Peter Baldinger

Grenze zur Wiedererkennbarkeit

Seinem erkenntnisbasierten Zugang folgend geht er in seiner „low resolutions“-­Serie noch einen Schritt weiter: Während sich in unserer digitalisierten Welt Bildpunkte stetig verdichten, reduziert er in einem bewussten Akt der Entschleunigung auf das Wesentliche. „Die fortschreitende Auflösung des Motivs ist ein Bestreben, die Wiedererkennbarkeit malerisch an ihre untere Grenze zu bringen“, so der Künstler. Durch bewusste Extrapolation schafft er das genaue Gegenteil digitalen Fortschritts: Baldinger reduziert den Bildinhalt porträtierter Personen auf gerade einmal 10x8 Pixel, auf 80 farbige Quadrate und schafft so – in vollständiger Loslösung von jeglicher Physiognomie – eine dennoch wiedererkennbare Darstellung. „Und wieder ist es das Gehirn, das den Datensatz zu einem nachvollziehbaren Abbild interpoliert.“

Die Motive seiner Malerei findet der Künstler in seinem unmittelbaren Umfeld – „das können Bekannte gleichermaßen wie Abbildungen in Printmedien oder kunsthistorische Ikonen wie etwa Goyas ‚Erschießung der Aufständischen‘ sein“. Dabei könne sich ein und dasselbe Motiv in den unterschiedlichen formalen Äußerungen wiederholen. Auch vom technischen Aspekt aus sei motivische Redundanz nicht ausgeschlossen: „Wenn die Malerei beginnt, ist jedes Medium zulässig – die Möglichkeiten ge­hören genutzt“, so Baldinger. Dabei verlange jedes Motiv, abhängig von seinem Format, nach seiner Technik. Daraus resultiert ein breites Spektrum, das von Pastellfarbe über Eitempera bis hin zur Ölmalerei reicht. „Es ist die Ästhetik der unterschiedlichen Ergebnisse, die mich fasziniert.“ Ob Betrachtende darin letzten Endes Abstraktes oder ein reales Abbild sehen, ist Baldinger gleichgültig: „Alles ist erlaubt – am Ende ist ein Bild ein Bild.“

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