Ein querer Querschnitt durch Franz Lehárs Operette an der Volksoper.
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Auf Youtube kann man Klassiker der Weltliteratur im Schnelldurchlauf auf Kurzvideos abrufen. Die Figuren sind von Playmobilfiguren dargestellt, die Inhalte werden einfach erklärt. Das ist vergnüglich anzusehen, wer Deutsch lernen will, kann davon profitieren und bekommt auch Literaturunterricht dazu. Hinter „Sommers Weltliteratur to go“, so der Titel dieses Formats“ steht der Reclam Verlag.
Das Konzept, das sich Steef de Jong für Franz Lehárs späte Operette „Der Zarewitsch“ an der Volksoper ausgedacht hat, erinnert an solche Videos. Er zeigt das Geschehen auf einer Großleinwand, setzt aber keine Playmobil-Figuren ein, sondern Zeichnungen. Diese Bilder werden vom Ensemble auf der Bühne mit einfachen Mitteln zum Laufen gebracht, die auf eine Großleinwand projiziert werden. Mit simplen Klappbildern werden da Kutschen, Autos und ein Zug bewegt.


Steef de Jong (Regie, Bearbeitung, Bühne, Kostüm), Ensemble
De Jong verlegt die Geschichte vom heiratsunwilligen Zarensohn in den Märchenstaat Kussland. Das geht nicht auf. Denn er orientiert sich mehr am Stück von Gabriele Zapolska, das der Operette zugrunde liegt. Bei ihr interessiert sich der Zaren-Sohn mehr für Männer. Daher wird er mit jemandem verkuppelt, den er zunächst für einen jungen Mann hält. Tatsächlich ist es eine junge Frau, die ihn die Liebe lehrt.
Auch bei de Jong will der Zarewitsch nichts von Frauen wissen, bis er auf die vermeintliche Sängerin Sonja trifft. Die aber ist ein junger Mann. Die beiden verlieben sich ineinander und fliehen nach Neapel. Als der Zarewitsch nach dem Tod des Zaren sein Erbe antreten und den Staat übernehmen muss, trennt er sich von seinem unstandesgemäßen Partner. Auch bei Lehár gibt es kein Happy End. Das aber wäre doch in einem Kussland naheliegend.


Hedwig Ritter (Sonja / Kautschukoff), Martin Enenkel (Iwan), David Kerber (Der Zarewitsch), Juliette Khalil (Mascha)
© barbara palffy.volksoper wienDurch die Reduktion auf animierte Bilderbuch-Figuren distanziert sich die Produktion von allem, was klassische Operette zu dem macht, was sie ist. David Kerber muss vor allem als Märchenerzähler auftreten. Man hört ihm gerne zu, wenn er vom Zarewitsch erzählt, aber der Wechsel vom Sprechen zum Gesang überfordert ihn, was nicht nur seinem „Wolgalied“ anzumerken ist. Hedwig Ritter intoniert die Sonja solide. Juliette Khalil und Martin Enenkel agieren dagegen mit Drive wie aus der wirklichen Operettenwelt. Der Chor der Volksoper singt aus den Logen, was einen gewissen Effekt hat.
Alfred Eschwé setzt am Pult des Volksopernorchesters auf Transparenz und vermittelt so am intensivsten die Emotionen dieser Musik.








