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Michel Friedman: „Sage keiner, er habe es nicht gewusst“

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Michel Friedman

©Nicci Kuhn

In den Sonntagsfragen Österreichs und Deutschlands führen die rechten Parteien. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September ist ein Sieg der AfD möglich. Schon vor Monaten warnte der Intellektuelle Michel Friedman, ein ehemaliger CDU-Politiker, in seinem Essay „Mensch“ vor dem Niedergang der Demokratie. Anlässlich des Festivals „Fremde Erde" sprach er in Wien über Komponisten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. News traf den Sohn von Holocaust-Überlebenden zum Gespräch über Frieden, Freiheit, „gekoscherte Rechte“ und lebenslangen Schmerz.

Herr Friedman, Sie nennen sich in ihrem jüngsten Buch „Mensch“ einen verzweifelten Demokraten. Ist Ihre Verzweiflung in den vergangenen Monaten größer geworden?

Ja, wie denn auch nicht? Die Gründe der Verzweiflung, nämlich dass die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte mehr und mehr gefährdet sind, haben sich verstärkt. Nimmt man die Situation in den Vereinigten Staaten von Amerika, erleben wir einen wirren, vulgären, menschenverachtenden, unter Kontrollverlust agierenden Präsidenten. Gleichzeitig ist aber festzuhalten, dass der brutale, völkerrechtswidrige Krieg Russlands gegenüber der Ukraine nach wie vor stattfindet, dass nach wie vor Zivilisten in der Ukraine zielgerecht von Putin umgebracht werden und dass die Europäische Union in einer deprimierenden Hilflosigkeit darauf reagiert.

Ein Land wie Österreich erlaubt sich da, sich hinter einer Neutralität zu verstecken. Als ob man neutral sein kann, wenn vor der Tür ein völkerrechtswidriger Krieg in Europa stattfindet. Wenn dieser vom Kriegstreiber Russland erfolgreich beendet wird, steht Österreich genauso in dessen Visier wie andere europäische und baltische Länder. Denn der Hass ist nie satt, Gewalt hat einen unstillbaren Hunger.

Nichts deutet darauf hin, dass Putin Österreich angreifen würde.

Da stellt sich doch die Frage der Positionierung im 21. Jahrhundert, in der die größten geostrategischen Veränderungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs stattfinden, dass nämlich nach den Äußerungen von Präsident Xi, Präsident Putin, aber auch von Präsident Trump der Stärkere eine Neuordnung der gesamten Welt bestimmt. Wird die Europäische Union wie beim Euro von ihren Mitgliedsländern verlangen können, nationale Souveränität in diese Organisation zu übertragen, dann ist jetzt die Stunde der Wahrheit gekommen, nämlich die Frage zu stellen, wie sichert man im Verteidigungsfall die europäischen Grenzen? Also durch eine europäische Armee. Schon ist die Neutralität vorbei, wäre man Teil einer solchen.

Heißt das, dass Österreich Soldaten in die Ukraine schicken soll?

Nein! Österreich muss erst mal für sich selbst sorgen. Wer verteidigt Österreich, wenn es kein NATO-Staat ist? Wer Deutschland? Wer verteidigt Holland, wer Belgien? Also betrachten Sie es nicht als österreichisches Thema. Wenn ich Menschenrechtsverletzungen erlebe, dann erwarte ich von allen demokratischen Regierungen, dass sie sich engagieren. Und jetzt kommen wir zu meinem letzten Argument. Ein Land, das den „Führer“ herzlich willkommen geheißen hat, kann sich nicht als neutrales Land aus der Affäre ziehen. Nicht im 21. Jahrhundert.

Wie wäre es mit Frieden schaffen ohne Waffen?

Ich finde, es sollte Frieden geben. Aber sprechen Sie mit den Revolutionsgarden und sagen ihnen, es sollte endlich Frieden geben ohne Waffen, wenn sie einen Davidstern tragen. Wenn Sie den Frieden für die Iraner und die Demokratie fordern. Gehen Sie als Ukrainerin zu Putin und sagen Sie ihm, Putin, ich möchte, dass wir Frieden schaffen. Viel Spaß!

Ich will Österreich ein Kompliment machen, wenn auch ein vergiftetes. Dass die Avantgarde des Rechtsextremismus gekoschert in die erste Regierung in der EU kam, verdanken wir Österreich

Michel Friedman

Wie kommt es, dass über 30 Prozent in Österreich und Deutschland den Rechten ihre Stimmen geben?

Dass diese Tendenzen immer mehr Anhänger und Anhängerinnen, vor allem junge Leute, bekommen, bringt mich zur Verzweiflung. Meine Generation der 70 plus minus, hat doch etwas versprochen. Wir haben von der Tätergeneration etwas gelernt, was wir nicht wiederholen wollen. So entsteht der Satz „nie wieder“. Dann hat man sich versprochen, „wehret den Anfängen“. Ich kann als Kind, dessen Eltern Holo­caust-Überlebende waren, nur sagen, das Versprechen ist gebrochen worden. Sonst wären wir nicht in dieser Situation.

Ich will Österreich ein Kompliment machen, wenn auch ein vergiftetes. Dass die Avantgarde des Rechtsextremismus gekoschert in die erste Regierung in der EU kam, verdanken wir Österreich. Erst 1983 mit Rot-Blau, dann Haider mit Schüssel und dann mit Kurz. Was Deutschland noch nie erlebt hat, haben Sie schon längst hinter sich. Gutes bringt es nicht. Diese Parteien wollen die Verfassung, die Demokratie vernichten. Ich spreche hier nicht als jüdischer Mensch, sondern als Bürger. Wenn man in der Demokratie leben will, dann ist das keine Petitesse, sondern es muss alle Energie aufgewandt werden, sich nicht nur gegen die abzuarbeiten, die die Freiheit und Menschenwürde zerstören wollten, sondern endlich wieder leuchtende Augen, ein gutes Gefühl zu bekommen, wenn man für die Demokratie wirbt. Das tue ich auch mit diesem Buch.

Ist es nicht unvorstellbar, dass jüdische Menschen, etwa der Dirigent Lahav Shani in Gent, daran gehindert werden, ihren Beruf auszuüben? Auch Sie waren von den Boykottmaßnahmen gegen Israel betroffen. Was ist da los?

Das ist Teil meines Problems, dass Menschen wie Sie sich das nicht vorstellen konnten. Ich habe bis heute keinen Tag gelebt, wo ich mir das nicht vorstellen konnte. Denn um mich herum gab es immer Judenhass. Denken Sie doch einfach an Österreich oder Deutschland nach 1945. Wer war denn hier in der Politik? Wer war denn hier in den Gerichten? Wer war denn hier in der Verwaltung, wer an den Universitäten? Wer waren die vielen Lehrer und Lehrerinnen? Gab es nicht ununterbrochen Schändungen auf jüdischen Friedhöfen? Spätestens mit Herrn Haider sind sie nicht mehr gutgläubig, sondern sie werden bösgläubig. Und was passierte dann? Und ich sage noch einmal, die Auseinandersetzung, die stattfindet, ist Diktatur oder Demokratie, Menschenrechte oder Menschenrechte mit Füßen treten.

Aber warum werden die Rechten so stark?

Ich stelle nicht nur die Frage, wie kommt es, dass die Antidemokraten stark sind, sondern, wieso die Demokraten und Demokratinnen so schwach sind. So wie die mit Leidenschaft und Selbstbewusstsein ihre Vernichtungsfantasien überall umsetzen und damit diesen Raum füllen, obwohl sie nicht die meisten sind, würde doch, wenn im selben Raum ein Konzert stattfindet und die Demokraten und Demokratinnen mit genauso viel Selbstbewusstsein, Leidenschaft und Überzeugung ihre Ideen auf diesem Markt präsentieren, die Verhältnisse sich ändern.

Aber ich habe das Gefühl, dass sehr viele Demokraten und Demokratinnen in den letzten Jahren und Jahrzehnten gelangweilt, vielleicht auch gleichgültig sind. Vielleicht glauben sie, es betrifft sie nicht. Jeder weiß, dass in einem autoritären Land die ersten Opfer die Juden sind, vielleicht werden es jetzt Muslime sein, aber am Ende sind alle Menschen dann Opfer der Diktatur.

Wie kann man das ändern?

Wir sind nicht hilflos. Schauen Sie sich Ungarn an. Orbán ist demokratisch abgewählt worden. Wunderbar. Das ist ermutigend. Das letzte Wort ist nicht gesprochen, weil das letzte Wort nie gesprochen wird. Aber es kann sein, wie das in der Geschichte der Menschheit immer so ist, dass ein Kontinent oder Länder, denen es zu lange zu gut ging, nicht nur nicht mehr wertschätzen können, was es bedeutet, ein Dach über dem Kopf zu haben oder in einem Restaurant zu essen oder einen Job zu haben. Es kann auch sein, dass Menschen nicht mehr wertschätzen, was ihre Freiheit und ihre Demokratie wirklich für eine Lebensqualität bedeuten. Ich benutze jetzt bewusst einen Begriff, der nicht moralisch oder ethisch aufgeladen ist, sondern ein ganz egoistischer Begriff ist.

Wie ist mein Leben besser, in Freiheit oder in Unfreiheit? Mit einer autoritären Regierung oder einer demokratischen? Wie ist mein Leben besser, wenn ich mir aussuchen kann, welchen Film ich schaue, in welches Theater ich gehe, welche Zeitung ich lese, dass ich im Internet alles lesen und sehen und auch reinposten kann. Oder wenn ich überhaupt nichts mehr an Kommunikation habe? Da muss ich weder links noch konservativ noch grün noch klug sein. Meine Lebensqualität ist nach meiner Ansicht immer besser in Freiheit. Und das muss man auf dem Markt, also auf den Straßen, unter den Kollegen, in der Familie, bei den Freunden ununterbrochen argumentieren, so wie die andere Seite das auch tut. Das nennt man den Wettbewerb der Ideen. Ich halte uns momentan für außerordentlich müde. Tja, aber sage keiner, er habe es nicht gewusst und sage keiner, ich wasche mir die Hände in Unschuld, denn wir sind freie Menschen.

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 © Berlin Verlag

Wer ebnet Leuten wie Kickl besser den Weg? Die Gleichgültigen oder seine Wähler?

Die Gleichgültigen. Und nennen wir doch noch eine Berufsgruppe, die Opportunisten, die Schleimer, die das Gefühl haben, dort haben sie es besser.

Wir erleben seit einiger Zeit Antisemitismus in drei Varianten, den der Rechten, auch von Linken und von Muslimen. Wenn man den dritten nennt, gerät man in Gefahr, dass man das Gleiche sagt wie die Rechten. Wie entkommt man diesem Dilemma?

Der Antisemitismus ist enthemmter, entschämter, weil es Parteien wie die FPÖ, die AfD, diese Trumps und Vans gibt, die auch beim Ku-Klux-Klan und radikal-religiösen, anti-jüdischen Protestanten geworben haben. Nicht neu ist der linksextremistische Antisemitismus und sehr gefährlich, der von radikalen Muslimen. Die Antizionismusdebatte kenne ich schon seit den 60er-Jahren. Aber um es deutlich zu machen, der rechtsextremistische war immer stärker. Man muss vielleicht noch Folgendes sagen: Der Judenhass ist weder von den Deutschen noch von den Österreichern erfunden worden. Aber Auschwitz ist, von einem Österreicher und von Deutschland umgesetzt, eine historische Realität geworden.

Es gibt nur einen Judenhass. Es ist egal, aus welcher Ideologie der stammt

Michel Friedman

Deswegen ist jedenfalls hier die Situation, was den Judenhass betrifft, immer noch anders zu bewerten als in der restlichen Welt, gerade wenn der von einer rechtsextremistischen Ideologie begleitet wird. Die berechtigte Sorge vor dem Linksextremismus zu relativieren, ist eine Entlastung, weil der nie die Idee der Vernichtung in sich trug. Es ist eine große Gefahr, die jetzt wächst. Neu ist, dass es in unserer Bevölkerung Menschen gibt, die sich aus der islamischen Welt radikalisieren, was aber nicht dazu führt, dass jeder Moslem radikal ist, was die Rechten uns gerne erzählen. Wenn die Rechtsextremen unter dem Deckmantel, sie wollen Juden schützen, Muslime unter Generalverdacht stellen, ist das Hetze.

Es gibt nur einen Judenhass. Es ist egal, aus welcher Ideologie der stammt. Wenn man es bekämpft, dann bekämpfe ich das Phänomen, ich nenne es geistige Brandstiftung, wie diese Menschen verbal Morde begehen. Dass in Österreich eine große Toleranz anzunehmen ist, was das Rechtsextreme angeht, ist, glaube ich, keine Unterstellung. Würde der Rechtsextremismus mit der gleichen Leidenschaft, Intensität und auch rechtlichen Möglichkeit bekämpft werden wie der islamische und der linke Extremismus, dann hätten wir keine Probleme. Wird aber nicht. Und Heuchelei und Doppelmoral mag ich nicht.

Sie beschreiben in dem Buch, wie Sie mit einer Schutzweste vor Publikum in einer Universitätsstadt aufgetreten sind. War das nicht ein unheimlicher Schmerz, dass sowas überhaupt notwendig ist, und wie gehen Sie mit sowas um?

Wenn Sie mein Buch „Fremd“ (Friedman reflektiert sein Leben als Kind von Holocaust-Überlebenden. Das Buch erschien 2022 im Berlin Verlag, Anm.) gelesen haben, wissen Sie, dass mein ganzes Leben dieser Schmerz ist. Und die Frage nach dem Warum? Warum hasst du mich?

Wie können Sie Menschen trotzdem so positiv begegnen?

Wenn ich den Menschen misstraue, misstraue ich auch mir. Ein Leben mit innerem Misstrauen finde ich nicht lebenswert. Wenn ich den Menschen vertraue, vertraue ich auch mir, auch wenn ich mich dabei permanent im Irrtum bewege, ist es das bessere Leben. Wenn ich das sage, ist es ja nicht eine Naivität, sondern wie Sie sehen, eine sehr leidenschaftliche Lebensalltäglichkeit. Ich werde nicht so werden wie die, die vernichten. Ich will Ihnen das sehr offen sagen, und es ist nicht leicht.

Ich weiß, dass ich für die Kickls dieser Welt ein Niemand bin. Aber die Kickls dieser Welt sind für mich ein Jemand. Die Würde des Menschen ist unantastbar, auch für diejenigen, die mich hassen. Ich werde mich für Herrn Kickls Menschenwürde und Menschenrechte eingesetzt haben, obwohl er die Vernichtungsfantasien, was jüdische Menschen angeht, aber auch andere Menschen, verstärkt. Würde ich das so nicht fühlen und denken und aussprechen können, wäre ich auf dem Weg, ein neuer Herr Kickl zu werden. Ansonsten werde ich die Kickls dieser Welt mit allen Möglichkeiten der Vernunft, der Argumente, der Emotion, der Leidenschaft, was die Demokratie an Freiheit des Disputs anbietet, bekämpfen.

Ich halte es für unerträglich, dass der Staat bei rechtsextremistischen Straftaten so langsam reagiert und wie sehr immer wieder nach psychologischen Erklärungen gesucht wird, wenn es um die Rechten geht. Der Bürger ist mündig. Wenn er die ÖVP wählt, sagt jeder, der weiß, was er tut, auch, wenn er die SPÖ oder die Grünen wählt. Nur bei den Rechtsextremen, da wussten die Wähler nicht, wen sie wählen, nämlich den Hass.

Noch ein Wort zur eingangs angesprochenen Verzweiflung, was die Demokratie anlangt. In Ungarn wurde Orbán abgewählt, ändert das etwas an Ihrer Verzweiflung?

Deswegen habe ich ja gesagt, das letzte Wort ist nicht gesprochen. Sie erleben mich als einen depressiven Optimisten.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.

© Nicci Kuhn

Steckbrief

Michel Friedman

geboren
25.06.1956

Michel Friedman wurde am 25. Februar 1956 als Sohn jüdisch-polnischer Emigranten in Paris geboren. Er kam mit seiner Familie 1965 nach Deutschland. Er ist Rechtsanwalt, Philosoph, Publizist und Moderator.

Von 1994 bis 1996 war er Mitglied im Bundesvorstand der CDU, von 2000 bis 2003 stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und Herausgeber der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine sowie von 2001 bis 2003 Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses.

Seit 2016 ist er Honorarprofessor und leitete bis 2022 das von ihm mitbegründete Center for Applied European Studies an der Frankfurt University. Er moderiert die Sendung „Auf ein Wort“ bei der Deutschen Welle. Michel Friedman ist mit der Moderatorin Bärbel Schäfer verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne.

Über die Autoren

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