Der Teddybär mit Koffer und Namensschild ist mehr als eine Kinderbuchikone. Inspiriert von den Kindertransporten jüdischer Kinder nach London, erzählt er von Flucht, Fremdheit und Integration – Themen, die bis heute nachwirken.
Er ist ein ganz normaler Teddybär. Mit einem blauen, typisch englischen Dufflecoat, einem roten Hut, in der Hand einen schäbigen Koffer, der eine weite Reise verrät.
An seinem Hals hängt ein Zettel mit der Bitte: „Please look after this bear“. Erfunden wurde die Figur von Michael Bond, der vor 100 Jahren in Newbury, England, geboren wurde.
10.000 jüdische Kinder
Bond arbeitete nach dem Krieg für die BBC, bevor er als Schriftsteller berühmt wurde. Immer wieder sprach er von seinen Erinnerungen während der Kriegszeit. Er wohnte in der Nähe des Bahnhofs Paddington, wo jüdische Kinder mit den „Kindertransporten“ zwischen November 1938 und September 1939 aus Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei ankamen – ohne ihre Eltern.
Wie Paddington kamen sie mit einem kleinen Koffer und einer Namenstafel um den Hals. 10.000 Kinder konnten so gerettet werden, unter ihnen auch meine 16-jährige Mutter, die aus Prag London erreichte. Ihre Mutter, meine Großmutter, die in Prag zurückblieb, sah sie nie wieder.
Von Peru nach London
Jahre später verarbeitete Bond seine Erinnerung in einer fiktiven Figur mit einer fiktiven Geschichte. Sein Bär kommt aus dem „dunkelsten Peru“ ohne Verwandte nach London und hofft auf Hilfe. Familie Brown, die ihn auf seinem Koffer sitzend in der Bahnhofshalle von Paddington findet, nimmt ihn auf und tut es mit einer Selbstverständlichkeit. Sein engster Freund, Samuel Gruber, ist ein älterer Jude aus Ungarn, der den Nationalsozialisten entkommen konnte.
Das erste Buch erschien im Oktober 1958, „A Bear Called Paddington“, und war sofort ein großer Erfolg. Bis 2017 erschienen laufend neue Abenteuer, mit Übersetzungen in 40 Sprachen. Etwa 35 Millionen Exemplare wurden verkauft, drei Filme produziert und die TV-Puppen-Serie „Paddington“.
Verständnis und Anpassung
Paddington verkörpert das Fremdsein eines Flüchtlings. Aus einer anderen Kultur kommend, stolpert er von einem Missgeschick ins nächste, versteht die Regeln seiner neuen Heimat nicht. Doch seine tollpatschigen „Fehler“ sind liebenswert und von Humor geprägt. Seine Umgebung reagiert mit Geduld und Hilfsbereitschaft.
Langsam findet er seinen Platz in der neuen Kultur, passt sich an, ohne seine Herkunft zu leugnen. In Zeiten hitziger Integrationsdebatten zeigt Paddington einen Weg, wie Fremdheit durch Verständnis, doch auch Bereitschaft zur Anpassung überwunden werden kann.
Paddington und die Queen
Berühmt wurde der kurze Film mit Paddington und Königin Elisabeth II. anlässlich des „Platinum Jubilee“. Die Königin empfängt Paddington zum Nachmittagstee, er schlürft laut, verschüttet etwas Tee, benimmt sich unbeholfen und hilflos, doch die Königin nimmt es mit Humor. Zuletzt gesteht sie ihm, dass sie immer ein Marmeladebrot in ihrer Handtasche trage, so wie Paddington eines in seinem Hut versteckt. Wenige Monate später starb Königin Elisabeth. Für viele Briten war der Sketch ein Abschied.
Meine Mutter wurde von einer Familie Holdich in Falmouth, Cornwall, aufgenommen, die ihr ein Zuhause boten und sie in der lokalen Schule anmeldeten. Nach dem Abitur ging sie nach London, um zu studieren.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 14/2026 erschienen.







