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Pablo Meier-Schomburg: „Ich möchte mit meiner Kunst überraschen“

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Von Bad Ischl über New York bis in die Dominikanische Republik – präsentiert wurde das vielschichtige Œuvre von Pablo Meier-Schomburg bereits vielerorts. Ausgehend vom abstrakten Expressionismus Amerikas, erfindet er sich laufend neu.

Atelierbesuch bei Pablo Meier-Schomburg

© VGN | Osama Rasheed

„Was darf’s denn sein“, fällt der fragende Blick über die für ihn typisch tiefsitzende Brille. Auf den Lippen trägt er das gewohnt freundliche, breite Grinsen – abgesehen davon weißes Jackett, schwarze Hose, rote Krawatte. Von den Wienerinnen und Wienern „Herr Pablo“ genannt, ist Meier-Schomburg längst ebenso Institution wie der Ort, an dem er arbeitet. Als Maître arrangiert er seit zwölf Jahren das Abendgeschäft im „Schwarzen Kameel“. Heute trägt er Schwarz. Man trifft einander in der Anwaltskanzlei von Dr. Christoph Urbanek – fußläufig keine zehn Minuten vom „Kameel“ entfernt. Urbanek ist Stammgast. So hat man einander kennengelernt. „Die Kanzlei ist quasi meine Privatgalerie“, führt Meier-Schomburg durch die imposanten Altbauräumlichkeiten im Herzen der Stadt. An nahezu jeder der hohen Wände hängt seine Kunst. Was viele nicht wissen: Untertags ist das Gastro-Urgestein Künstler. Bis zu 100 Stunden die Woche verbringt er unermüdlich in seinem Atelier.

Der Rundgang ist ein Eintauchen in eine farbexpressive Welt. Dass für all diese abstrakten Arbeiten ein und derselbe Künstler verantwortlich zeichnet, vermag man zunächst nicht glauben. Wie sein Namensvetter Pablo Picasso hat sich auch Meier-Schomburg den Stilpluralismus zu eigen gemacht. „Die Abwechslung erhält den Spaß an der Sache – außerdem möchte ich mit meiner Kunst überraschen. Wenn mir das auch bei meinen Sammlerinnen und Sammlern gelingt, habe ich mein Ziel erreicht.“

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Abstrakt und expressiv. Unter gestischem Körper­einsatz entstehen Meier-Schomburgs Arbeiten, die in ihrer Ästhetik an den abstrakten Expressionismus Amerikas erinnern

 © Raphael Fasching

Von den Anfängen

All die hier gezeigten Bilder stehen zum Verkauf. Bis auf eines. „Das gehört Till Lindemann“, so der Künstler, den eine lose Freundschaft mit dem Rammstein-­Frontman verbindet. Vis-à-vis hängt eine Arbeit, die sich von den anderen deutlich unterscheidet – die konstruktivistisch angeordneten Farbflächen sind Referenz auf Meier-Schomburgs Wurzeln. „Irgendwann greifen alle Künstlerinnen und Künstler Venedig-Motive auf – dort aufgewachsen, komme ich ebenso wenig darum herum“, erklärt er seine künstlerische Interpretation der bunten Häuser Muranos. Seine ersten drei Lebensjahre verbringt der in Lugano geborene Künstler in einer Cabana am Lido di Venezia, ehe es ihn über Paris nach Wien verschlägt. Obwohl er seit mittlerweile 51 Jahren – mit Unterbrechungen – in der Hauptstadt lebt, prägt die italienische Lagunenstadt nach wie vor seinen Heimatbegriff. Sie ist kraftspendender Sehnsuchtsort.

Das Aufwachsen an pittoresken Plätzen mit hoher Kulturdichte hat ihn unweigerlich beeinflusst. Ebenso wie die Tatsache, dass beide seiner Eltern als Grafiker tätig waren. „So bin ich früh mit Kunst in Berührung gekommen“, sinniert er. Ein Moment, der ihm besonders in Erinnerung geblieben ist: „Mit sechs Jahren habe ich mich unter dem Ateliertisch meiner Mutter mit Farbstiften verausgabt – sie hat sich gewundert, warum ich damals so ruhig war“, lacht er. Der Beginn einer immerwährenden Farb­liebe. „Farbe ist für mich essenziell. Meine Bilder sollen eine positive Energie versprühen – das gelingt nur durch Farbigkeit.“ Der Blick auf seine Bilder soll einen hoffnungsvollen Ausblick auf den Tag eröffnen.

Kunst, Gastro, Kunst

Trotz der frühkindlichen Sensibilisierung fällt die Entscheidung zunächst gegen den Kunstbetrieb: „Während meines Studiums an der Wiener Volkshochschule für angewandte Kunst habe ich festgestellt, dass die Auftragskreativität des Grafikberufs für mich zu limitierend ist. Außerdem waren die Fußstapfen meiner Mutter, die internationale Erfolge zu verzeichnen hatte, nicht zu füllen – auf ihrem Level wäre ich zum Scheitern verurteilt gewesen und ein anderes ist nicht infrage gekommen.“ Auch in der Wiener Kunstszene der 80er-Jahre sieht Meier-Schomburg wenig Spielraum. Berufliche Perspektiven und große Freude entdeckt er schließlich in der Gastronomie, die ihm bereits zu Zeiten des Studierens den Lebensunterhalt finanzierte. Sämtliche Ausbildungen holt er nach und etabliert sich rasch zu einer gefragten Größe in der gehobenen Gas­tronomie. Etliche Stationen an den angesagtesten Adressen führen 2014 schließlich ins „Schwarze Kameel“. Die Hälfte seiner Gäste kennt er zumindest beim Nachnamen, die meisten aber beim Vornamen. „Es ist das Persönliche, das ich an meinem Brotberuf so ­schätze.“ Außerdem profitiere er hier von einem einzigartigen Netzwerk, das ihm hilft, sich am Kunstmarkt zu eta­blieren und zu bestehen.

Die Kunst, die er hobbymäßig nebenher immer weiterverfolgt hat, wird spruchreif, als seine Branche 2020 plötzlich vor dem Aus steht: „Als es zu Corona­zeiten geheißen hat, dass ab Samstag alles schließen wird, bin ich kurzerhand in den Künstlerbedarf gefahren und habe um mehrere Tausend Euro Material gekauft.“ Was als Beschäftigungstherapie begonnen hat, nimmt rasch Ernsthaftigkeit an. Mehr als 250 Werke sind seither entstanden. Grund für das exzessive Malen: „Wenn der Gastrostress Teil deines Naturells ist, kannst du nicht anders, als Vollgas zu geben“, schmunzelt er. Außerdem habe die positive Entwicklung eine Rolle gespielt – „die ungeahnte Nachfrage freut mich natürlich sehr“.

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 © Raphael Fasching

Von den Besten lernen

Von Anbeginn seines künstlerischen Schaffens sind es die abstrakten Expressionisten aus Übersee, die faszinieren und inspirieren. Etwaige Epigonalität weist er jedoch von sich, als er vor einem seiner getropften Action-Paintings – wie man sie von Jackson Pollock kennt – steht. „Klar haben mich die Künstlerinnen und Künstler der New Yorker Schule beeinflusst. Kunst entsteht aus Kunst. Es geht darum, sie zu einer ­eigenen Handschrift weiterzuent­wickeln“, verweist er auf die Untermalung und die zentrierte Verdichtung seiner Tropfmalerei.

Sein Malprozess ist meist ein emotional-intuitiver. Die besten Bilder entstehen, wenn im Kopf absolute Leere herrscht; er ganz im Moment ist – „ein tranceartiger Zustand, bei dem ich weder im Gestern noch im Morgen oder Heute bin“. Obwohl er selten konzep­tuell arbeitet, scheinen die Ideen nie auszugehen: „Meist bedingt ein Bild das nächste – während des Malens entstehen oft Skizzen für meine nächsten Arbeiten. Da kann es schnell passieren, dass ein Bild die Ausgangslage für fünf weitere schafft.“ Die Abstraktion begründet dabei seine malerische Kon­stante: „Es begeistert mich, wenn aus anfänglichem Chaos zunehmend Ordnung entsteht.“ Kommt ein Gefühl von Zufriedenheit auf, ist das Ende des Schaffensprozesses in Sicht.

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