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Monster's Paradise: Oper als Widerstand

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Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth

©Manuel Braun

Die Musikwelt blickt nach Hamburg, und das tut dem österreichischen Ego gut: „Monster's Paradise“, eine todernste Opernfarce von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, wird am 1. Februar in der Regie des eben erst angetretenen Intendanten Tobias Kratzer uraufgeführt. Es geht um nichts Geringeres als den Widerstand der Kunst gegen einen Präsidenten, den man in Washington verorten darf.

Dass die Kunst unter Aufbietung aller ihrer Arsenale gegen den Ungeist der Politik vorgeht, ist Routine. Dass aber die Politik quasi mit geschwungener Axt zur Kunst durchbricht, um deren groteskeste Befürchtungen einzulösen: Da braucht es zumindest aufseiten der Kunst eine gewaltige Liga.

Deshalb folgt Donald Trump auch seit neun Jahren grollend den Anweisungen der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Als deren Groteske „Am Königsweg“ 2017 uraufgeführt wurde, hatte Trump gerade zum ersten Mal das Amt des Präsidenten angetreten. Aber der ­entgrenzte Falott auf der Bühne fand im Original bald seinen Meister. Deshalb entstand 2024 unter dem Titel „Endsieg“ die Fortsetzung, kaum dass Trump wiedergewählt worden war. Da trampelte schon ein cartoonhaftes Monstrum die Weltordnung nieder.

Aber dass sich die Weltgeschichte so entwickeln würde, wie es sich jetzt anlässt? „Nein, das habe ich mir nicht vorstellen können, muß ich ehrlich zugeben“, antwortet Elfriede Jelinek in obligat alter Rechtschreibung. Nicht ohne einen zart vergifteten Satz der Zuversicht nachzuschicken: „Und nein, einen Krieg, der uns betrifft, wird es nicht geben. Aber ich irre mich fast immer, was meine Voraussagen betrifft.“

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Herr im Haus. Das Werbesujet der Hamburgischen Staatsoper beweist: Das Monster hat die Hoheit über die Spielzeit übernommen

 © KI/Artist: Manuel Braun

Der Tod des Präsidenten-Monsters

Möge zumindest die letzte Feststellung nicht eintreffen: Denn was am 1. Februar an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wird, ist in seiner Art ein Werk der Ermutigung, der Erlösung aus dem aktuellen Weltverhängnis. Intendant Tobias Kratzer hat „Monster’s Paradise“ als ersten Coup seiner im September begonnenen Amtszeit in Auftrag gegeben. Und das in der höchstmöglichen Konstellation: Die Librettistin Elfriede Jelinek trifft auf die Komponistin Olga Neuwirth, Trägerin höchster Auszeichnungen und von ihrem „langjährigen Fan“ Kratzer mit Grund an der Weltspitze der Avantgarde verortet. Die dritte gemeinsame Arbeit nach 23 Jahren ist eine „Grand Guignol Opera“, nach der Bauart des gleichnamigen historischen Kasperltheaters für Erwachsene.

Die Vampiretten Vampi und Bampi, wohl Avatare Jelineks und Neuwirths, versuchen da, den Untergang der Welt aufzuhalten, verkörpert durch den „König-Präsidenten“. Der König trage eindeutig Trump’sche Züge, bestätigte Elfriede Jelinek, als News im März 2025 das Projekt öffentlich machte. Der Balg erinnere an Jarrys dadaistischen König Ubu, ein „verfressenes, mit dem Besteck auf den Tisch klopfendes böses Kind. Natürlich gibt es in der Literatur Muster für ­solche Monster, die zwar etwas Putziges an sich haben, doch wenn man sie näher anschaut, stockt einem der Atem. Man kann sie nur monströs überzeichnen, obwohl man jemand wie Trump gar nicht karikieren kann“.

Die kreative, unberechenbare Welt der Vampire ist die der Kunst. Sie erhebt sich gegen die Besatzungsmacht der Zombies um den König-Präsidenten. Auf der Seite der Guten kämpft das weise Monster Gorgonzilla, ein Derivat Godzillas, der unglücklichen, weltbeschützenden Ausgeburt eines Atomunfalls.

Am Ende verschlingt Gorgonzilla den Gewaltherrscher, und mit ihm versinkt in einem Flammenmeer die alte Welt. Karl Kraus’ „Letzte Tage“ scheinen sich mit dem Finale des Wagner’schen „Rings“ zu vereinen. Aber Vampi und Bampi segeln aufs Meer hinaus, ins Unendliche. Die Kunst ist stärker als alles.

Olga Neuwirth habe das Libretto zu mehr als der Hälfte mitgeschrieben, sagt Elfriede Jelinek. „Wir haben das immer so gemacht. Nur die Komponistin kann ja wissen, was sie braucht und wo sie was haben will, sie muß ganz nach ihren Vorstellungen arbeiten können.“

Aus dem Libretto

Olga Neuwirth kommentiert selbst

Weshalb es nun Zeit ist, den Kommentar zur Uraufführung in die Hände der Komponistin zu legen. Wie entsteht solch ein musikdramatisches Werk?

„Das ist ein langer Prozess, der in mir brodelt, bis ich alles im Kopf habe, wie ich es mir vorstelle. Dann erst kommt die minutiöse Niederschrift, die so viel Zeit braucht, denn es ist ja jede Nanosekunde ausnotiert bei mir. ,Monster’s Paradise‘ ist eine Multiform. Es beginnt singspielartig und endet beinah oratoriumhaft mit einem Epilog, der die Grenzen des Genres erweitert. Vielleicht im Sinne von Beethoven: durch die Gabe des Zuhörens, das Menschliche, die Würde des Menschen, den Humanismus hervorhebend. Aber diese Ideale sind zerfallen und daher sind bei mir schon seit jeher Instrumente verstimmt, besonders die Klaviere. Aber nicht nur sie. Alles ist im Dazwischen. Mehrdimensionale Klang- und Bildräume, hybride Klänge und unauflösbare Paradoxa.“

Das ist ein langer Prozess, der in mir brodelt, bis ich alles im Kopf habe, wie ich es mir vorstelle

Olga Neuwirth

Hinter den Vampirinnen verborgen

Vampi, hinter der man Elfriede Jelinek vermuten kann, ist ein hoher Sopran, das mögliche Neuwirth’sche Pendant Bampi ein rauer Mezzo. Die beiden Vampirinnen seien von Anfang an mehrere Ichs zugleich, stets auch eine andere, sagt Olga Neuwirth. Der feministische Ansatz, identitätsstiftend für ihr gesamtes Werk, wird hier verankert:

„Als weiblichen Vampiren ermangelt es ihnen eines Spiegelbildes, und genau wegen dieses Mangels lösen sie Irritationen aus. Denn als Frauen wird ihnen in einer patriarchalisch dominierten Welt kein wirklicher Ort zugestanden. Ungehört warnen sie. Sie sehen dem apokalyptischen Treiben der Welt ohnmächtig und hoffnungslos zu und kommentieren wie Statler und Waldorf aus der ,Muppet Show‘. Am Ende spielen sie gemeinsam vierhändig Schubert, auf verstimmten Klavieren, wie eine vierarmige Hydra. Die Vampirinnen sind gequält vom Durchschreiten der Zeit. Am Ende mögen sie nicht nur über den Ozean gegen den Himmel schweben, sondern emporgetragen über unterschiedliche ,sound-color-field‘-Landschaften, zurück in die Poesie der Kindheit.“

Olga Neuwirth selbst hat die Rolle der „goddess“ erfunden, der großen Mutter, die im Video-Format von niemand Geringerem als Charlotte Rampling verkörpert wird.

Lebenslange Freundschaft

Und die lebenslange Geschichte mit der Entdeckerin Elfriede Jelinek?

„Es ist eine Freundschaft, die seit 42 Jahren währt, und das ist keine Selbstverständlichkeit. Und von meiner Seite ist sie natürlich auch geprägt von einer absoluten Bewunderung für dieses Genie der Sprache. Ich bin kein Mensch der Sprache, sonst würde ich mich nicht mit ungreifbaren Klängen ausdrücken, die ja gleich wieder verklingen. Noch dazu haben wir eine ähnliche Art von kindlich-dadaistischem Humor. Humor, um den Alltag zu bewältigen und Humor als Gegenkraft, als ein Überlebensmechanismus. Daraus kann man manchmal auch Kraft ziehen in der tiefsten Verzweiflung. Humor ist auch eine Waffe gegen Mächtige. Despoten hatten immer schon Angst vor Humor.“

Wie konkret ist nun der Anteil Trumps am König-Präsidenten, dem am Ende überfällige Entsorgung zugedacht wird?

„Mir geht es eher um Allgemeines, da ich diesen Namen auch nicht nennen möchte. Aber natürlich habe ich mich mit diesem Menschen (ist er noch einer?) auseinandergesetzt. Hauptsächlich aber klanglich. Wie fast alle Despoten verwendet er einen Tonfall zwischen Zuckerbrot und Peitsche. Die Rhetorik des König-Präsidenten, sein Tonfall, dieser Wechsel zwischen Pathos, blanker Aggression, leisem Säuseln und dramatischem Singsang, mutet oft wie eine Parodie all dessen an.“

„Despoten laufen zu großer Form auf, wenn sie Verhöhnung und Drohung einsetzen können. Sie wollen unterwerfen, nicht kooperieren. Musik, aber auch Theater, kann den bizarren Allmachtsfantasien realer Despoten nichts entgegnen. Die rasanten politischen Entwicklungen weltweit haben auch die ,Zeit analysierende, warnende Kunst‘ längst eingeholt und übertroffen. “

„Daher kann man meiner Meinung nach mit Kunst nur mehr allgemein und völlig überhöht strukturelle Verhaltensweisen von Macht, Gier, Gewalt und Einschüchterung aufzeigen. Strukturen von Macht wiederholen sich ohnehin immer wieder in der Geschichte, das hat uns schon unsere Mutter gelehrt, die Geschichtslehrerin war und uns nahebrachte, wach zu bleiben und sich gegen Angepasstheit, pauschale Behauptungen und Gleichgültigkeit und für Humanität, Menschenwürde und Hinterfragen vorgefertigter Weltsichten zu entscheiden.“

Meiner Meinung nach kann man mit Kunst nur mehr allgemein und völlig überhöht strukturelle Verhaltensweisen von Macht, Gier, Gewalt und Einschüchterung aufzeigen

Elfriede Jelinek

„In Zeiten des Elends“

Aber wie soll sich Kunst gegen die barbarische Realität denn behaupten?

„In Zeiten allgegenwärtigen Elends, blinder Gewalt, Natur- und Umweltkatastrophen kann Kunst-Machen unangemessen oder sogar provokativ erscheinen. Aber es geht um nichts weniger als die Wahrheit des menschlichen Schicksals, das die grundlegenden Themen unserer Freiheit beinhaltet.“

„Was ich vielleicht aus verzweifelter Ohnmacht aber noch kann, ist, in unserer aktuellen düsteren unsicheren Gegenwart zu berühren und sichtbar zu machen. Als ich das Musiktheater im September 2024 in Triest zu schreiben begann, las ich ein Gedicht des Slowenen Srečko Kosovel namens ,Todesekstase‘. So wie bei ihm ist der Bezugspunkt meiner Kunst immer die wirkliche Welt. Vergeblich sucht man bei mir groß entfaltete Idealvorstellungen, Visionen einer zukünftigen Harmonie. Ich wollte mit dieser Oper noch einmal ausdrücken, was ich von der Menschheit halte, da mich Menschen immer schon stark beunruhigt haben und mich daher immer interessierte, was den Menschen erniedrigt und deformiert. Daher hat mich dieses Gedicht, das mit dem Satz beginnt: ,Alles ist Ekstase, Ekstase des Todes!‘ sehr berührt. Es ist für mich das Motto geworden für ,Monster’s Paradise‘. Daher ist diese Oper melancholisch, widerständig, aufsässig und oft auch schrill – alles zugleich. Ein Appell gegen die Entwertung und Entwürdigung des Menschen.“

Vergeblich sucht man bei mir groß entfaltete Idealvorstellungen, Visionen einer zukünftigen Harmonie. Mich interessiert, was Menschen erniedrigt und deformiert

Olga Neuwirth

… und die harte Realität

Die Oper entstand unter denkbar herausfordernden, ja qualvollen Bedingungen: Olga Neuwirths Mutter, eine überragende Person ihres Lebens, lag im Sterben, und dem Klischee, dass Schmerz etwas Kreatives und Kunst ein Therapeutikum sein könnte, kann die Künstlerin nichts abgewinnen.

„Es wird viel zu verschönt gesehen, dass Kunst so heilsam wirken würde. Davon zu leben und daher immer nur Deadlines einhalten zu müssen, auf Knopfdruck kreativ zu sein, auch in solch einschneidenden schmerzvollen Momenten der eigenen Geschichte funktio­nieren zu müssen, nicht trauern zu dürfen, hat absolut nichts mit einem Therapeutikum zu tun.“

„Also muss man lauter werden“

Aber was sich jetzt in Hamburg anbahnt, das könnte, wohlverdientes Glück vorausgesetzt, Heilkräfte mobilisieren. In der Stadt sind kostümierte Monster auf Honorarbasis unterwegs, um Passanten auf das Ereignis einzustimmen. Und die Proben unter dem Meisterregisseur Tobias Kratzer gehen ins Finale. Häufig in Anwesenheit der Komponistin, woraus schon traditionell kreative, dem Resultat zuträgliche Reibung entsteht.

„Es gibt wie immer viel mehr Regieproben als musikalische Proben, trotz einer Oper, wo die Musik im Mittelpunkt stehen sollte. Besonders einer neuen, wo die Musik ja kein Repertoire-Stück ist, und Musiker/innen und Dirigent/innen die Musik noch gar nicht kennen. Aber kaum sagt man was, weil ich weiß, was ich möchte, gilt das als Frau schon als Meckern, oder es wird absichtlich nicht hingehört. Also muss man lauter werden. In den wenigen musikalischen Proben bemühe ich mich, so viel wie möglich dabei zu sein und an Details zu arbeiten, denn wer kennt wohl die Partitur, die Musik besser als die Komponistin, die sie gerade erst verfasst hat, über Monate hinweg, einsam am Schreibtisch sitzend.“

„Es freut mich, dass Tobias Kratzer selbst die Regie führt. Er hat einen Draht zur aktuellen Gesellschaft, denn Kunst sollte für mich stets etwas Essenzielles aussagen. Die Besetzung ist hervorragend und dafür bin ich allen Mitwirkenden sehr dankbar. Und ich bin gerührt, dass die drei beinahe gleichaltrigen ,Göttinnen‘ Elfriede Jelinek, Elisabeth Leonskaja und Charlotte Rampling mich auf der Mission, die ,Welt zu retten‘, unterstützt haben.“

Ihr Wort in goddess’ Ohr.

© Claudia Müller

Steckbrief

Elfriede Jelinek

Geboren am 20. 10. 1946 in Mürzzuschlag, aufgewachsen in Wien, wo sie das Orgelstudium abschloss. Lyrische Versuche, ab 1975 bedeutendste Romanwerke („Die Liebhaberinnen“, „Die Klavierspielerin“, „Lust“ „Kinder der Toten“). Mit ihrem gewaltigen dramatischen Œuvre ist sie eine der einflussreichsten Gestalten des Gegenwartstheaters. 2004 wurde sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Seit dem Ableben ihres Ehemanns, des Komponisten und Informatikers Gottfried Hüngsberg, lebt sie wieder in Wien

© IMAGO / TT

Steckbrief

Olga Neuwirth

Geboren am 4. August 1968 in Graz, der Vater war der namhafte Jazz-Pianist Harry Neuwirth. Frühe Kompositionsworkshops bei Hans Werner Henze und Gerd Kühr, Studien in San Francisco, Wien und Paris. Als Grenzgängerin zwischen Genres, Stilen und Techniken gelangte sie an die Spitze (Siemens-Preis 2022). Sie lebt in Wien, wo sie komponiert und an der Musikuniversität lehrt.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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