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Spitzentöne: Der Blechtrottel als Literaturkritiker

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Heinz Sichrovsky

©Bild: Matt Observe

Eine deutsche KI will angehende Schriftsteller in einem fünfstufigen Verfahren zur Bestseller-Reife drillen. Folgen Sie mir in die Eingeweide des Blechtrottels und der Bildungspolitik. Und erfahren Sie in Spalte drei, wer sich hinter dem Nachwuchsdichter Tom Czlowiek verbirgt.

Weil Verdrängen ja niemanden weiterbringt und man in diesen grenzdarwinistischen Zeiten den Fakten besser ins Auge sieht: Clara Bais wird er keine mehr, der Nachwuchsdichter Tom Czlowiek mit seiner belletristischen Monstrosität „Atemnot“. Viel zu lang das Zeug, deutlichst über dem Bestseller-Median von 102.728 Zeichen. Dafür aber mit viel weniger Sätzen als den empfohlenen 8.917. Das ist kein Paradoxon, sondern hat mit den nicht endenden Satzwürmern zu tun, die der Czlowiek, sollte er sich denn Restchancen auf Publikation ausrechnen, rücksichtslos zerhacken muss.

Überhaupt sollte sich der Czlowiek besser an der oben genannten Clara Bais orientieren: Die hat es schon in frühen Jahren zur Ikone im Pubertätssegment der „New Adult Romance“ gebracht. Ihr Titel „Dort, wo die Sterne im Wasser leuchten“ darf insgesamt als exemplarisch gelten. Alles stimmt da: Die „Vokabular-Exklusivität“ ist vorbildlich gering, während der Czlowiek mit unentzifferbaren Fremdwörtern um sich wirft. Die Verben sind zu wenige, dafür wühlt er in Adjektiven. Und erst der „Sentiment-Verlauf“! Clara Bais hat da alles im Angebot, von „Harmonie“ bis „Drama“. „Atemnot“ dagegen ist schlicht fad, im Fachjargon „sehr hell“ – null Drama, null Schmetterlinge im Bauch.

Wo ist der Bildungspolitiker, der den Wiederaufbau verwüsteten Kulturguts als Vision begreift?

Kein Wunder, dass der Czlowiek mit seinen prognostizierten 1.100 Lesern sogar im kostensparenden Selfpublishing-Verfahren auf einem Defizit sitzenbleiben wird. Während „Dort, wo die Sterne im Wasser leuchten“ mit dem mehr als Zehnfachen rechnen darf.

All dies verrät uns LiSA, die charmante Textsoftware des wegweisenden Start-ups „QualiFiction“. Und die muss es wissen, zeigt sie doch unter erregter Anteilnahme des deutschen Feuilletons keine Bereitschaft zu falscher Bescheidenheit: „Mit der Software LISA lassen sich belletristische Texte innerhalb von 60 Sekunden auf Relevanz vorfiltern. Textinhalt und Besonderheiten werden visualisiert und wirtschaftliche Erfolge mittels Leserpotenzials dargestellt.“

Für 49 Euro pro Texteinheit wird Ihnen so der rote Teppich zum Nobelpreis entrollt. Wobei Sie für Clara Bais gar nichts zahlen müssen, die bekommen Sie als Lehrmaterial für einen gelungenen Romantext gratis.

Wer ist Tom Czlowiek?

Jetzt hab ich zerstreuter Kerl doch glatt vergessen, Ihnen Erhellendes zum grausam in seine Grenzen verwiesenen Tom Czlowiek zukommen zu lassen. Wenn sie Polnisch sprechen, werden Sie eventuell schon auf „Mann“ (Thomas) gekommen sein. Und unter dem Titel „Atemnot“ habe ich der Blechtrottelin ein kompaktes Trumm aus dem Roman „Der Zauberberg“ unterschoben. Mit anderen Worten legt LISA nahe, wie eine Pubertätsdichterin, aber keinesfalls wie Thomas Mann zu schreiben, wenn man Kohle machen will.

Woher der Ungeist kommt

Sie sehen schon, meine Widerstandsaktivitäten gegen die Künstliche Intelligenz radikalisieren sich quasi stündlich. Was sich da nämlich anbahnt, ist die Machtergreifung des Schwachsinns auch im belletristischen Segment. Nicht, dass ich die massenhaft gelesenen „New Adult Romance“-Produkte missbillige. Möge der Literatur nichts Schlimmeres zustoßen als die Schlangen Halbwüchsiger, die sich für einen Clara-Bais-Blick plus Autogramm zwei Mal um die Messehallen in Leipzig und Frankfurt winden. Um die geht es nicht.

Aber dass Literatur insgesamt auf Geheiß eines Blechtrottels auf der Basis statistischer Mittelwerte angefertigt werden könnte, und das unter amüsierter Beobachtung des Feuilletons: Das ist das konsequente Resultat eines noch viel größeren Verhängnisses, das bei uns in den unterirdischen Lehrplänen aus Gehrer-, Schmied- und Heinisch-Hosek-Zeiten wurzelt.

Der Literaturunterricht ist beinahe abgeschafft, die Sprache bürokratisiert und entwertet. Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon über die „Textsorten“ erbost habe, die jetzt an Stelle Kleists, Goethes oder (notabene) Thomas Manns zur Erörterung stehen.

Und wissen Sie, wie eine Schularbeit beschaffen sein muss, um nicht wegen Parameterverfehlung in den Orkus gepunktet zu werden? Gar nicht zu reden von der debilen Zentralmatura? Fast genauso wie ein von LISA zur Marktreife beförderter Literaturhybrid.

Bildungsziel Sprachlosigkeit

Hat ein Proband seine Einlassungen in die vorgeschriebene Wortanzahl – verbindlich mit Leerzeile nach jedem Absatz – geprügelt, so darf er sich trotzdem noch lang nicht auf der Siegerseite wähnen. Hat er nämlich z. B. die Text- sorte „Erörterung“ mit jener der „Meinungsrede“ amalgamiert, oder fließt gar in die „Zusammenfassung“ ein erörterndes Wort ein, so hilft ihm kein Herrgott: Er hat das Thema verfehlt, so gut kann das gar nicht geschrieben sein.

Und damit er vollends auf sprachlos-trotteliges Funktionieren konditioniert wird, finden die Lehrer auch noch seitenlange „Beurteilungshilfen“ im Postfach.

Gar nicht denken darf ich da an die Zeiten, da ich meinen wunderbaren Deutschprofessor Karl Jelusic in pubertärer Ekstase mit uferlosen, kaum entzifferbaren Konvoluten voll des Brecht’schen Zorns erheitert habe.

Wie gern würde man all das einem Bildungspolitiker unterbreiten, der den Wiederaufbau verwüsteten Kulturguts als Vision, nicht als Kapitulation begreift. Aber machen Sie sich diesbezüglich qualifizierte Hoffnungen?

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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