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Spitzentöne: Theaterpreise ohne Wert

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Heinz Sichrovsky

©Bild: Matt Observe

Das Berliner Theatertreffen war einst eine strahlende Leistungsschau. Heute ist es willkürliche Klientel-Bedienung und gleicht damit auch der einst spektakulären Kritiker-Jahresumfrage von „Theater heute“. Auch dem Nestroy-Preis ergeht es ähnlich.

Da wird dauernd über eine angebliche Theaterkrise lamentiert. Dabei wäre ihre Überwindung denkbar einfach: Sie müssen bei Ihrem Antritt als Direktor nur Ihr Haus leerspielen, indem Sie beliebte durch unbekannte Schauspieler ersetzen und infolge Publikumsverweigerung den Anteil der szenischen Aufführungen auf zwischenzeitlich neun pro Monat reduzieren. Weshalb Ihre Subvention endlich Vermietungen, Pop-Konzerten und Schwafeldiskussionen zugutekommt.

Dann haben Sie es geschafft. Zumindest zum Nestroy-Preis (Die besten österreichischen Aufführungen der vorhergehenden Saison werden im September gefeiert, Anm.) bzw. zum Nestroy für Wohlhabende, dem innerhalb der identischen Blase exekutierten Berliner Theatertreffen (Im Mai werden die besten deutschsprachigen Aufführungen der vorhergehenden Saison gezeigt, Anm.).

Beider Resultate hätte ich heuer bis ins Detail prognostizieren können und wäre doch auf meinem Wetteinsatz sitzen geblieben, weil die Quote zu gering war: Der mit Saisonende 24/25 abgegangene Volkstheaterdirektor Kay Voges hat gewonnen, hier wie dort. Nachdem schon 2022 der bis dahin einzige Erfolg seiner Direktionszeit, ein hübscher Jandl-Abend, hysterisch zur Jahressensation hochgejubelt wurde, ist jetzt „Fräulein Else“ dran: das zweite und letzte Beispiel leidlichen Gelingens in einer Serie der Niederlagen.

Eine Blase betreibt trostloses, publikumsabweisendes Klassiker-Häckseln mit Wikipedia-Beitrag

Nicht unverdient wurde die Solistin Julia Riedler im September mit dem Hauptrollen-Nestroy ausgezeichnet. Aber die Regie von Leonie Böhm wäre schon mit dem Trostpreis überdotiert: Das Schnitzler-Solo wurde mit kuchlfeministischen Schwafeltexten gestreckt, am Ende ergriff gar der Lustmolch Dorsday pädagogisch das Wort der Selbstbeknirschung.

Dennoch wird das Malheur nach ekstatischer Nestroy-Anstrudelung nun als einziger österreichischer Beitrag im Mai auch in Berlin gezeigt. Dazu kommen zwei deutsche Koproduktionen mit Milo Raus Festwochen.

Die Schutzmantelmadonna

Der jetzt mit der Flüstertüte verabschiedete Voges wurde unter Kritikerdruck nach fünf deplorablen Volkstheater-Jahren Richtung Köln expediert. Und Rau verkörpert die letzte Chance der Festwochen nach der Debakelintendanz des Belgiers Slagmuylder. Ein Theaterpreis hat aber nicht die Aufgabe, personelle Fehlentscheidungen der Wiener Kulturstadträtin schönzujubeln.

Jetzt wollen Sie wissen, was die Wiener Kulturstadträtin mit dem Berliner Theatertreffen zu tun hat. Überraschenderweise viel: Sie ist eine der letzten Schutzmantelmadonnen des in rasantem Rückzug begriffenen postdramatischen Theaters. Was innovative Genies vor der Jahrtausendwende erfunden haben, wurde seither von Epigonen zum trostlosen, publikumsabweisenden Klassiker-Häckseln mit Wikipedia-Geschwafel abgesenkt.

Hier hat sich eine quasi familiäre Blase etabliert, exemplarisch auch in den Münchner Kammerspielen, die sich Ende der vorigen Saison rühmten, „die 60 Prozent Auslastung geknackt“ zu haben. Deren früherer Intendant Lilienthal wiederum, der die Grenze mühelos nach unten geknackt hatte, konnte nur durch beherztes Einschreiten der Wiener Kulturpublizistik als Festwochenintendant nach Slagmuylder verhindert werden. Sie haben es schon erraten? Die Kammerspiele sind gleich zweifach nach Berlin eingeladen (und Lilienthal übernimmt die schon jetzt desolate Berliner Volksbühne).

Die Blase bestimmt

Ja, aber, fragen Sie jetzt weiter. Die Auszeichnungen und Einladungen vergibt doch nicht die Politik? Doch, weil ja teils die Politik, teils die Blase insgesamt die Jurys besetzt. Deshalb ist das Theatertreffen heute eine unbeachtete Jux-Veranstaltung mit verbindlicher 50-Prozent-Quote für Regisseurinnen (somit als Leistungsschau außer Betrieb wie alles, was einer Quote unterliegt).

Ja, früher! Da hat die Theaterwelt noch mit angehaltenem Atem auf die Einladungsliste nach Berlin gewartet. Peter Zadek, Claus Peymann, Einar Schleef, Andrea Breth, Frank Castorf waren dort die Könige. Mit nicht geringeren Emotionen warteten diese Größten der Großen auf die engst verwandte Kritikerumfrage* des Fachmagazins Theater heute. Gert Voss, zum leuchtendsten aller Beispiele, wurde sechsmal zum Schauspieler des Jahres gewählt und war beim Theatertreffen quasi daheim.

Ahnungslose Juroren

Heute? Gäbe es schon auch in Wien Herausragendes. Aber bei den nach Berlin Eingeladenen finde ich u. a. einen „Hauptmann von Köpenick“ aus Cottbus. Großartig, endlich wieder ein Zuckmayer! Nicht auszuschließen auch, dass die Aufführung tatsächlich herausragend geglückt ist. Voraussetzen würde ich das aber auch nicht, wenn ich mir die Begründung der Jury ansehe: Zuckmayers Geniewerk sei „spätestens seit der Verfilmung mit Heinz Rühmann 1956 an die gehobene Fernsehkomödie verloren, wobei gern mal vergessen wird, dass der Gegenstand, aus dem es sich speist, gar nicht nur lustig ist“. Nur, dass Rühmann da unter der Anleitung des Giganten Helmut Käutner („Die letzte Brücke“) eine in der Schauspielgeschichte rare Dimension des Tragischen erreicht hat.

Wie solch ein Urteil möglich ist? Weil sich auch die scheinbar maßgeblichen Blätter den Großkritiker nicht mehr leisten, der, verehrt und gefürchtet, den Sprachraum vermessen hat. Benjamin Henrichs, Gerhard Stadelmaier, Bernd Sucher wären heute schon aufgrund ihrer Spesenabrechnungen unfinanzierbar. Deshalb vertreten in jeder Theatermetropole einige (oft durchaus kompetente) Kollegen mit Freizeit ihr Revier. Je resoluter, desto spektakulärer die Resultate. So wurde Voges’ leeres Volkstheater 2023 zur zweitbedeutendsten Bühne des Sprachraums gewählt. Mit vier von 45 Jurorenstimmen, drei aus Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 05/2026 erschienen.

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