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Wie Notlügen beim Sex das Beziehungsglück beeinflussen

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Anna gaukelt Marcel schon gewohnheitsmäßig einen Orgasmus vor, damit er sich beim Sex nicht ewig weiter „abrackern“ muss. Das sei allerdings eine Art Notlüge, da sie ihm sonst das Gefühl vermitteln würde, ihr beim Sex nicht gut genug zu sein.

Anna möchte ihrem älteren Partner Marcel die traurige Wahrheit ersparen, dass ihr Liebesleben mit ihrem Ex „deutlich besser“ gewesen sei. Womöglich fühle er sich sonst kritisiert und verlasse sie, oder versuche krampfhaft noch mehr, um sie sexuell zu befriedigen, was schon nervig sei. „Aber sonst passt alles“, beteuert sie. Auch, dass sie ihn keinesfalls damit belasten wolle und sich schon selbst zu helfen wisse. Sie erwähnt Sextoys, in ihrem Fall einen Vibrator „Pocket Rocket“, den sie nach dem Beischlaf mit Marcel auf der Toilette in Betrieb nehme. Der simulierte Höhepunkt falle ihr auch gar nicht schwer – Marcel wirke danach einfach so glücklich und das sei ihr wichtiger als tatsächlich „mit ihm zu kommen“.

Marcel seinerseits vertraut mir in der Paartherapie folgendes Geheimnis an: „Ich konsumiere abends, wenn Anna schläft, Pornos, um mich dabei nochmals zu befriedigen.“ Marcel ist das peinlich, und er ist ratlos. Er fragt sich, weshalb er trotz seines erfüllten Liebeslebens mit Anna zusätzlich Filme konsumiert.

Leben die beiden in einer Pseudobeziehung, wenn niemand die Wahrheit kennt? Keiner will den anderen verletzen und enttäuschen. Sind Lügen Schadensbegrenzung? Ist das ethisch vertretbar?

„Notlügen“

Ethisch vertretbare „Notlügen“ sind es dann (und nur dann), wenn durch die Wahrheit Schaden entsteht. Ein Klassiker wäre die Offenlegung eines einmaligen Seitensprungs in einer monogamen Beziehung. Hier kann Wahrheitsfanatismus mit notorischem Mitteilungsdrang das Ende einer zukunftsreichen Beziehung bedeuten – wenn das Vertrauen baden geht. Daher gilt es, immer abzuwägen, was der Liebe am zuträglichsten ist – nicht nur, was am schnellsten das Gewissen erleichtert.

Individuelles Urteil

Hier ist nur für den Einzelfall individuell zu klären, was angemessen erscheint. Dummerweise sind Generalisierungen nicht möglich und Verhaltensstandards stets nur auf den aktuell vorliegenden Fall anwendbar. Bei vorgespielten Orgasmen kann man jedoch von einem Alarmzeichen ausgehen: Hier wird sexuelles Glück vorgespielt, um den Partner nicht zu verlieren und die Beziehung unter Kontrolle zu halten. Bindungsangst und Kontrollansprüche können verborgene Motive sein.

Parallelleben

Auch heimlicher Konsum von pornografischen Filmen gehört, wenn es dauerhaft geschieht, als Beziehungsthema auf den Tisch. Ansonsten kennt man sich ja gar nicht, solange wesentliche Bedürfnisse nach anderweitiger sexueller Stimulation oder zusätzlichen Quellen der Lust (Pornografie, Sextoys) ohne das Wissen der Partnerin oder des Partners klammheimlich befriedigt werden. Anders ist es überall dort, wo Transparenz herrscht.

Fazit

Wo, wenn nicht im Liebesleben sollten Sie sich buchstäblich nackt und bloß zeigen! Sex ist kein Leistungssport, funktioniert nur mit Nähe und ist eine Frage des Vertrauens. Bindungsfähigkeit und ein offener Dialog bilden das Überlebenselixier jeder langwährenden Partnerschaft. Respekt und Vertrauen bedingen, dass es unmöglich, ja geradezu grotesk wäre, wesentliche Bedürfnisse aus der Partnerschaft auszulagern. Dann handelt es sich nicht um Notlügen, sondern um eine Doppelmoral.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.

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