ABO

Wogrollys Couch: Mathias Glehr und die Bedeutung des Stellungswechsels

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
10 min
Artikelbild

©Foto: beigestellt

Mathias Glehr wollte eigentlich Konzertpianist werden. Nach dem Beginn des Musikstudiums zog es ihn zur Medizin: hier zur Orthopädie und als Handchirurg speziell zu dem, was Konzertpianisten unumstößlich brauchen, zu den Händen. Ob im Arbeitsalltag oder in der Liebe und Sexualität: Es kommt auf den Stellungswechsel an.

Sie kommen gerade von einer Operation, sind aber Musiker.

Ich habe zuerst Klavier- und Musikwissenschaft studiert, aber dann meine Liebe zur Medizin gefunden. Musik ist weiterhin mein Hobby.

Es gibt orthopädische Erkrankungen, die gar nicht mehr so neu sind und mit dem Handygebrauch beziehungsweise mit Laptop und Co zusammenhängen.

Wir haben in unserer heutigen Gesellschaft ganz andere und neue Belastungen für unseren Bewegungsapparat. Zum Beispiel für unseren Nacken, weil wir ständig nach unten schauen. Diese 20 bis 30 Grad nach unten gerichtete, starre Haltung hat es vor zehn Jahren nicht so gegeben, die Menschen verharrten auch nicht so lang in einer bestimmten Haltung. Das Gleiche gilt für unsere Hände. Wir führen minimale und diffizile Bewegungen sehr lang und intensiv aus, wofür unsere Muskulatur eigentlich gar nicht entworfen wurde.

So wie es einen Tennisarm gibt, gibt es ein Handydaumen?

Es gibt ein Handydaumen und einen Handynacken, aber auch einen Laptopnacken. Es kommen immer neue Erkrankungen hinzu. Mit diesen Phänomenen habe ich natürlich speziell als Handchirurg zu tun, wenn Beschwerden im Daumensattelgelenk oder im Daumenbein durch diese Überlastungssyndrome entstehen. Das sehen wir spezifisch gerade bei Videospielen und Tätigkeiten, wo konstant und vermehrt Druck auf dem Daumen liegt. Es gibt Patienten, die sich wirklich ihr Daumensattelgelenk so überlastet haben, dass es irgendwann zu operieren ist.

Welches ist die orthopädisch korrekte oder ratsame Haltungen, wenn man viel am Handy oder Laptop ist?

Es gibt keine Haltung, die universell einsetzbar ist. Am wichtigsten ist, dass wir immer in Bewegung bleiben und dass wir einen Haltungswechsel machen. Natürlich ist es nicht gut, wenn wir in dieser 40-Grad-Position konstant auf den Bildschirm oder das Handy schauen. Wenn wir das Handy mal hochheben oder auf die Seite geben oder einen Drehbildschirm, einen Stehsessel haben, ist das für unseren Bewegungsapparat idealer.

Also genau das Gegenteil von dem, was uns als Kindern beigebracht wurde, nämlich still zu sitzen. Bringt es wirklich was, wenn ich im Büro aufstehe und ein paar Schritte gehe?

Ja, natürlich, die Muskulatur wird wieder entlastet und besser durchblutet. Wenn ich den Nacken bewege, kommt es zu Entlastungen verschiedener Muskelanteile.

Wenn man körperliche Gebrechen hat, bekommt man natürlich auch durch Schmerzen ein ganz anderes Empfinden bei körperlichen Aktivitäten. Gerade dann braucht man Zuneigung und Intimität

Mathias Glehr

Körperliche Probleme wirken sich auch auf die Psyche aus. In Beziehungen wird häufig auf Sex verzichtet, da Schmerzen bei Fehlhaltungen und Fehlstellungen befürchtet werden. Gibt es da eine ideale Haltung dazu?

Natürlich ist der Körper immer als Ganzheit zu betrachten. Das Körperliche wirkt sich auf die Psyche aus und das Psychische auf das Körperliche. Wenn es mir körperlich nicht gut geht, schlägt sich das auf die Psyche nieder, und wenn ich den ganzen Tag unglücklich dreinschaue, werde ich irgendwann unglücklich sein. Bei psychischen Problemen nehme ich eine Schonhaltung ein. Das wirkt sich wiederum auf die Wirbelsäule aus. Zur Frage der Sexualität: Wenn man körperliche Gebrechen hat, bekommt man natürlich auch durch Schmerzen ein ganz anderes Empfinden bei körperlichen Aktivitäten. So leiden die Psyche, die Beziehung und die Sexualität. Gerade dann braucht man Zuneigung und Intimität, viele ziehen sich aber oft zurück.

Das Selbstvertrauen geht verloren, wenn ich das Gefühl habe, meinen eigenen Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Es könnte eine Bandscheibenprotrusion passieren, wenn ich zum Beispiel Sex habe. Wie kann man diese Ängste abbauen, oder sind diese Ängste berechtigt?

Die Angst vor einem weiteren Bandscheibenvorfall erachte ich nach einiger Zeit und nach der Therapie des Bandscheibenvorfalls als eigentlich unbegründet. Man sollte die Patienten dabei unterstützen, die Angst vor solchen wiederkehrenden Ereignissen abzubauen und das Leben zu genießen.

Gibt es Stellungen beim Sex, die für den Bewegungsapparat riskant oder besonders zu empfehlen sind? Wie ist es zum Beispiel mit der Missionarsstellung?

Insgesamt ist aus orthopädischer Sicht zu Stellungswechsel in der Sexualität zu raten, damit es nicht durch allzu monotone Bewegungen zu Überbelastungen kommt. Aber auch andere Dinge sind zu beachten: zum Beispiel sollte bei Schmerzen im Bereich der unteren Wirbelsäule und dortigen Bandscheibenvorfällen vermieden werden, beim Sex allzu sehr in ein Hohlkreuz zu gehen. Nach einer Hüftprothesenoperation würde man in der ersten Zeit die Missionarsstellung nicht empfehlen. Da gibt es andere, bessere Stellungen, bei denen eine Luxation – also ein Herausspringen des Gelenks – vermieden werden kann.

Als Chirurg im Operationssaal haben Sie ja auch nicht die beste Körperhaltung, oder?

Das stimmt, aber dem kann ich entgegenwirken. Also ich mache hier gezielt Ausgleichssport, regelmäßig Physiotherapie und gehe ins Fitnesscenter, um diese Fehlhaltung, die ich den ganzen Tag habe, auszugleichen.

Wogrollys Couch: Das Interview zum Ansehen

Welche Bewegungstipps sind für alle Menschen im Alltag brauchbar?

Was in unserer Zeit sehr häufig ist: Dass die Schulter nach vorne gelagert ist und die Schulter zu weit nach vorne geht. Deswegen bekommen wir Nackenprobleme. Auch der Nacken ist zu sehr nach vorne versetzt. Dem können wir entgegenwirken, wenn wir zum Beispiel im Büro Übungen machen, um die Muskulatur zwischen den Schulterblättern zu aktivieren. Die Brustmuskulatur ein bisschen dehnen, und hier zum Beispiel mit den Armen kreisende Bewegungen nach hinten machen, damit wir die Schulterblätter aus dieser rigiden, starren und nach vorne verlagerten Haltung herausbekommen. Dadurch kommt es zu einer verbesserten Durchblutung der Muskulatur, zum Muskelaufbau und zu einer Verbesserung der ganzen Position.

Was kann man tun, um eine Beziehung frisch zu halten?

Aus orthopädischer Sicht sind gemeinsamer Sport oder Wandern – also generell sportliche Aktivitäten und Bewegung – ganz wichtig, auch für eine Partnerschaft. Viele Bürden sind vermeidbar, wenn man gemeinsam in einer Beziehung aktiv bleibt oder wird. Es ist natürlich leichter, wenn man das zu zweit macht, dann ist man häufig eher motiviert. Wenn man körperlich gemeinsam frisch bleibt, bleibt auch die Beziehung frisch.

Fragen Sie die Leute danach: Kann ich dann nach einer Operation normal Sex machen oder muss ich dann beim Sex aufpassen? Oder traut sich das niemand?

Häufig gibt es hier eine Barriere zwischen Patient und Arzt, solche Dinge anzusprechen. Das Thema wird vermieden. Aber man sollte gerade hier aufklären, dass nach einer Endoprothese, einer großen orthopädischen Operation, nach einiger Zeit alle Bewegungen wieder möglich sind. Klar muss man sich wie nach jeder Operation eine gewisse Zeit schonen. In der Orthopädie empfehlen wir meist sechs Wochen Schonung, damit das Gewebe regenerieren kann, zusammenwachsen, die Prothese im Körper einwachsen kann, und danach ist auch hier meistens alles wieder möglich – bezogen auf Bewegung, Sport und auch auf die Sexualität.

Steckbrief

Mathias Glehr

Mathias Glehr, 48 ist Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Vom Musik- und Klavierstudium stieg er zum Medizinstudium in Graz, Wien und Berlin um. Nach der Facharztausbildung für orthopädische Chirurgie an der Universitätsklinik Graz Leitung der Sektion Revisionschirurgie, Infektchirurgie und Handchirurgie. Österreich-Delegierter der Europäischen Orthopädischen Infektgesellschaft und sportärztlicher Leiter beim Bundesligaverein TSV Hartberg sowie Fachgruppenobmann der Steirischen Gesellschaft für Orthopädie

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 10/2026 erschienen.

Kolumnen

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER