Monika Wogrolly trifft ihren literarischen Kollegen Stefan Griebl alias Franzobel in Graz. Und knüpft dort an, wo zuletzt aufgehört wurde. Sie denken laut über die Liebe, über Beziehungen und über die Kunst des Teilens nach.
Hast du einen Leitsatz?
„Nimm dir nur so viel wie du brauchst, teile und sei dankbar.“ Das war einer der Leitsätze, die ich in Grönland bei den Inughuit aufgeschnappt habe. Der andere ist: „Du darfst am Lauf der Welt teilnehmen, ihn aber nicht verändern.“
Und wonach hast du in Grönland gesucht?
Ich suchte für mein Buch „100 Wörter für Schnee“, wo es um einen Inughuit geht, der vor 100 oder 130 Jahren nach New York gebracht worden ist, sich dort völlig fremd fühlt und schwer zurechtfindet, sich dann aber bemüht, dass er sich dort zurechtfindet, dann menschlich sehr enttäuscht wird von all diesen Leuten, die sich scheinbar um ihn kümmern. Nach Jahren kommt er wirklich zurück nach Grönland und glaubt, das ist jetzt seine Heimat, sein Paradies. Und dann merkt er, er kann die Sprache nicht mehr, er ist nicht in der Lage, auf die Jagd zu gehen, er ist eigentlich gar nicht überlebensfähig.
Das ist eine Geschichte, wie sie vielleicht für sehr viele zutrifft, die immer Sehnsucht haben nach der Heimat, nach dem verlorengegangenen ehemaligen Paradies. Und wenn sie dann dort ankommen, merken sie, sie sind doch entfremdet und eben nicht mehr so zu Hause, wie sie gedacht haben.
Was ist mit der Liebe in der Literatur und im Leben?
Ich bin ein absoluter Beziehungsmensch. Ich habe, seit ich zum Studium nach Wien gegangen bin, eigentlich immer eine Beziehung gehabt. Ich bin total fixiert darauf, in einer Zweierbeziehung zu leben. Ich bin abhängig davon. Ich merke, dass das für mich unglaublich beruhigend, entspannend, inspirierend ist. Ich habe das Glück gehabt, dass ich immer wieder Frauen gefunden habe, die mich inspirieren, die eine unglaubliche Kreativität haben, die meiner Literatur oder mir weiterhelfen. Die mir als Mensch weiterhelfen.
Ich bin draufgekommen, dass meine Freundinnen immer Künstlerinnen sein mussten
Sind die Frauen deine Musen?
Das ist jetzt bereits die dritte Muse. Das ist ein Glück. Ich bin draufgekommen, dass meine Freundinnen immer Künstlerinnen sein mussten. Also ich habe immer wieder mal auch Beziehungen mit sozusagen „normalen Frauen“ gehabt, aber das ist mir immer irgendwie langweilig geworden. Ich habe schon eine gewisse Tendenz zu leicht verrückten Frauen.
Künstlerinnen und Künstler sind leicht verrückt?
Leicht verrückt, also nicht einfach in diesem 0815-Trott, in dem die meisten Menschen sind. Freier im Denken, ein bisschen offener. Wild im Sinne von: nicht so angepasst an Normen.
In Klagenfurt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 1995 sind wir uns erstmals begegnet. Wir sind angetreten, und hast dir den Preis geholt.
Ich glaube, es ist bei diesem Bachmann-Preis immer Glück. Ich glaube nicht, dass ich bei vielen anderen Jury-Zusammensetzungen gewonnen hätte. Hätte es eine andere Jury-Zusammensetzungen gegeben, hättest du vielleicht gewonnen. Das war damals bei mir ein magischer Moment. Ganz viele Leute haben das im Fernsehen gesehen und da höre ich immer noch diese Geschichte: „Ich bin heimgekommen, habe den Fernseher eingeschaltet, da hast du gelesen bei diesem Klagenfurter Literaturwettbewerb und ich habe zu meiner Familie gesagt, „Hör’ dir den an, der gewinnt das. Ich bin überzeugt davon.“
Schreibst du wirklich im Bett?
Ja, ich habe im Bett die entspannteste Körperhaltung. Aber ich habe immer schon im Liegen gelernt oder gelesen …
Liegend gegessen auch, wie im alten Rom?
Ja, auch. Ich bin eben wahnsinnig viel im Bett. Schnitzen ist das einzige, da muss ich wirklich aus dem Bett raus, aber sonst hab ich mir auch schon bestimmte Positionen zurechtgelegt, wo ich schreiben kann. Und vor allem ist es ist schön, weil ich bin ortsunabhängig. Ich brauche kein spezielles Bett, nur irgendein Bett. Zu weich darf es nicht sein, das ist das einzige, weil wenn man sonst so einsinkt, dann kann man natürlich nicht mehr schreiben. Aber wo das ist, ist mir völlig egal. Ich komme irgendwo in eine fremde Stadt und arbeite eigentlich immer. Ich starte früh in den Tag, dann arbeite ich meistens ein paar Stunden und bin dann sozusagen bereit, um in die Welt hinauszugehen.
Kommst du vom dissoziativen Flow wieder zurück zu den Menschen und weg von deinen Figuren?
Auch nicht immer. Es gibt natürlich Phasen, da bin ich wirklich nur im Schreiben und dann gibt es wieder Phasen, da bin ich mehr am Recherchieren.
Ich habe keine speziellen Abartigkeiten. Ich bin mir fast selbst zu normal und trotzdem erfolgreicher Literat
Wogrollys Couch: Das Interview zum Ansehen
Bist du als Mensch schwierig?
Ich glaube, ich habe schon meine blinden Flecken, ich habe meine Verletzungen, meine Wunden, meine Erlebnisse, die mich auch dazu getrieben haben, wegzugehen von Zuhause und Künstler sein zu wollen. Eine Art von Sprachlosigkeit in der Welt, die ich wahrscheinlich wahrgenommen habe und irgendwie bewältigen muss oder auch die eigene Sprachlosigkeit. Aber ich bin jetzt nicht traumatisiert.
Ich glaube, ich bin relativ normal aufgewachsen. Ich habe keine speziellen Abartigkeiten. Ich bin mir fast selbst zu normal und trotzdem erfolgreicher Literat. Ja, das ist eh gefährlich, weil viele Leute würden ja gerne das Leiden haben. Kafka hat immer gekämpft mit seinem Vater und mit seinem Job bei der Versicherung, er hat nie Erfolg gehabt.
Auch in der Liebe nicht.
Er hat sich immer verlobt und dann wieder entlobt und wieder verlobt und wieder entlobt. Jean-Paul übrigens auch, der hat sich, glaube ich, 50 Mal verlobt und wieder entlobt: Heiratsversprechungen Ende nie. Das habe ich alles nicht. Bei mir ist das eigentlich relativ kontinuierlich. Also jetzt gibt es so Brüche wie bei Picasso, vielleicht die rosarote Phase und die blaue Phase. So gibt es bei mir die Carla, die Maxi und jetzt die Ramona. Das sind halt so die großen Phasen, wo ich dann schon merke, dass sich durch diesen anderen Menschen die Literatur verändert.
Bei der Carla war es vielleicht noch ein bisschen infantil, und ist bei der Maxi ein bisschen rationaler geworden. Und bei der Ramona ist wieder ein bisschen von beidem da. Ich habe keine Kindheitstraumata. Meine Eltern waren eigentlich wahnsinnig liebe, nette Menschen, mit schon ein paar Besonderheiten, wie es halt jeder hat, aber im Prinzip doch sehr liebenswerte Menschen, die ich immer noch sehr gern habe. Und insofern gibt es da wenig, wo ich jetzt sagen könnte, das hat mich total traumatisiert.
Spielen Liebe und Sexualität eine Rolle in deinem Leben?
Die Liebe spielt bei allen Menschen eine ganz große Rolle. Das Bedürfnis, geliebt zu werden, ist wahrscheinlich eine Grundmotivation für viele. Und das ist beim Schreiben natürlich dann auch heftig, wenn man weiß, man investiert jetzt in ein Buch drei Jahre Arbeit: Dann will man natürlich gelobt werden dafür.
Und wenn das Lob kommt, ist es sowieso etwas, was man erwartet hat und was man gar nicht so ernst nimmt. Wenn es nicht kommt – und man wird vielleicht im Gegenteil dann noch verrissen und hat irgendwelche Beschimpfungen und Beleidigungen, die man sich dann anhören muss – dann ist das schon ein bisschen was Traumatisierendes. Im Alltagsleben will man akzeptiert werden, um sich in der Welt zurechtzufinden.
Ist Akzeptanz Liebe?
Dass man einen Menschen, genauso wie er ist, akzeptiert, ist schon einmal eine Grundvoraussetzung für die Liebe. Diese elterliche Liebe. Dass man jetzt nicht genervt ist von jemandem, dass jemand einfach gern erwünscht ist. Ob das schon Liebe ist. Aber das ist schon einmal eine Grundvoraussetzung. Partnerschaft, Sexualität ist dann wieder was anderes.
Welchen Rat würdest du den Menschen geben, nachdem du ja ein Langzeitliebender bist?
Es ist hilfreich, wenn am Anfang so etwas wie ein Feuer da ist. Von der ersten Verliebtheitsphase zehrt man schon eine ganze Weile. Das ist etwas Biologisches, was man überhaupt nicht steuern kann. Es passiert einfach. Ich glaube, drei Jahre lang hat man diese Endorphine, die da ausgeschüttet werden, wo auch nichts anderes in der Welt wichtig ist. Vielleicht gibt es ein paar Ausnahmemenschen, die das dauerhaft erleben, aber im Regelfall nimmt es dann ab. Dann lernt man irgendwie andere Aspekte am Zusammensein kennen.

Steckbrief
Franzobel
Franzobel ist ein österreichischer Schriftsteller. 1995 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis. Er war zuletzt für seine historischen Romane mehrfach auf Buchpreis-Long- und Shortlisten. 2017 gewann er für „Das Floß der Medusa“ den Bayerischen Buchpreis. Franzobel ist zudem Preisträger des Arthur-Schnitzler-Preises.
Auch Sie möchten ein Thema vorschlagen? Dann schreiben Sie mir: praxis@wogrollymonika.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 01+02/2026 erschienen.



