Schauspieler Leonardo DiCaprio und Regisseur Paul Thomas Anderson sprechen über den Überlebenskampf des Kinos, ihren oscarreifen Film „One Battle After Another" und lüften eines der bestgehüteten Geheimnisse Hollywoods.
von Jonathan Dean/The Sunday Times/News Licensing
Zuerst erschienen in The Sunday Times am 4.1.2026, übersetzt mit DeepL, mit freundlicher Genehmigung
Leonardo DiCaprio ist nach London gereist, auf einer Art kultivierten Europa Grand Tour des gebildeten Mannes mittleren Alters. Erste Station: Bologna, wegen Radiohead. Die britische Band spielte dort das einzige Mal auf ihrer Tour den Song „Talk Show Host“ aus Baz Luhrmann’s Film „Romeo + Juliet“. Wegen DiCaprio? „Wohl kaum“, sagt er und summt gedankenverloren das Riff. „Moment, ich überlege gerade.“ Ein kurzes Innehalten. „Doch. Ja. Stimmt.“ Von Italien ging es nach Großbritannien zur Peter-Doig-Ausstellung in der Serpentine Gallery und zur Schau von Kerry James Marshall in der Royal Academy.
„Das war großartig“, sagt DiCaprio und lächelt. Er trägt eine elegante schwarze Hose und ein weißes T-Shirt und wirft die Kaffeemaschine in einer Suite des Claridge’s an. „Abgesehen davon? Sehe ich fast nur Restaurants.“
Sorge um die Welt des Kinos
Diese Welt steht in starkem Kontrast zu jener, in der DiCaprio aufgewachsen ist. Eine Gegend von Los Angeles, die heute als angesagt gilt, damals jedoch rau war. „Ein kompromissloses Viertel“, sagt er. Seine Eltern – Comiczeichner George und Sekretärin Irmelin – waren „in jeder Hinsicht des Wortes bohemienhaft“. Sie trennten sich, als ihr Sohn ein Jahr alt war. Die Familie blieb eng verbunden, doch die Kindheit war nicht einfach. Wenn DiCaprio einen Ort zum Entkommen brauchte, ging er an die Ecke Hollywood Boulevard und Sunset, ins Vista Theatre, ein prächtiges Kino aus den 1920er-Jahren, das seine Liebe zum Film entfachte.
Er erinnert sich an das Kino als einen Ort voller Verheißung. Dort entstand der Wunsch, es selbst auf die Leinwand zu schaffen und zu jener „großen modernen Kunstform“ zu gehören. In seinen Teenagerjahren begann er zu schauspielern, zunächst in Werbespots, dann im Film. Mit 19 Jahren wurde er für „What’s Eating Gilbert Grape“ für den Oscar nominiert, es folgten „Romeo + Juliet“, dann „Titanic“.
Und heute? Diese verzauberte Welt des Kinos sei bedroht, sagt DiCaprio, inzwischen 51 Jahre alt. „Alles verändert sich in rasantem Tempo“, meint er mit einem Seufzer. „Wir erleben einen massiven Umbruch. Zuerst verschwanden Dokumentarfilme aus den Kinos. Jetzt bekommen Dramen nur noch ein sehr begrenztes Zeitfenster und die Menschen warten, bis sie sie streamen können. Ich weiß nicht …“ Er schüttelt den Kopf. „Haben die Leute überhaupt noch Lust darauf? Oder werden Kinos zu Nischenorten – so wie Jazzclubs?“
Ich hoffe, dass auch künftig Menschen mit echter Vision einzigartige Filme im Kino zeigen können
Zum Gespräch stößt Paul Thomas Anderson, der Regisseur von Meisterwerken wie „There Will Be Blood“, „The Master“ und dem wohl besten Film des Jahres 2025, „One Battle After Another“, eine eigenwillige Mischung aus großem Blockbuster und Arthouse-Kino. Im Zentrum steht ein gescheiterter Kiffer im Bademantel (DiCaprio), der sich aufmacht, seine Tochter zu retten.
Der Film mäandert, zieht an, lässt wieder nach. Er ist bevölkert von beschädigten Charakteren, getragen von furiosen Verfolgungsjagden, scharfem Witz und tiefer Melancholie. Er erinnert an das amerikanische Kino der 1970er-Jahre. Mit vier Preisen bei den Golden Globes ist der Film großartig in die Award-Saison gestartet, bei der Oscar-Verleihung dürften weitere folgen. Und doch eint Regisseur und Star die Sorge, dass ein derart originelles, zugleich großzügig finanziertes Projekt künftig kaum mehr entstehen wird.
Golden Globes
Die Golden Globes brachten vier Awards für „One Battle After Another“, darunter „Bester Film – Komödie oder Musical“, „Beste Regie“ und „Beste Nebendarstellerin“ (Teyana Taylor“). Das Drama „Hamnet“ von Regisseurin Chloe Zhao reüssierte als „Bestes Filmdrama“ und holte den Preis „Beste Hauptdarstellerin – Drama“ (Jessie Buckley). Wagner Moura wurde „Bester Hauptdarsteller – Drama“ ( „The Secret Agent“). Beste Komödien-Hauptdarstellerin wurde Rose Byrne („If I Had Legs I’d Kick You“), bester Komödien-Hauptdarsteller Timothee Chalamet („Marty Supreme“).
Ärger als Fernsehen und Piraterie
„Das ist ein Nahkampf“, sagt Anderson über den Vormarsch von Netflix und dessen CEO Ted Sarandos, der die Zuschauer aus den Kinos und in Abonnements drängt und für das Kino eine größere Bedrohung darstellt als es Fernsehen, VHS oder Piraterie je waren. „One Battle After Another“ widersetzte sich dem schnellen Geld des Heimkinoverleihs und setzte auf die große Leinwand. Weltweit spielte der Film 204,7 Millionen Dollar ein. Beachtlich für ein nahezu dreistündiges Werk, aber deutlich unter den geschätzten 300 Millionen, die nötig gewesen wären, um die Kosten zu decken. Das Budget soll bei bis zu 175 Millionen Dollar gelegen haben. Produziert wurde der Film von Warner Bros. Damit fiele er letztlich unter den Einfluss von Sarandos.
Am Set von „This Boy’s Life“ gab Regisseur Michael Caton-Jones dem Anfänger DiCaprio einst ein Zitat mit: „Schmerz vergeht – Film bleibt für immer.“ Stimmt das noch? Wie soll ein Film auf Netflix bestehen, wenn er im Algorithmus von Reality-TV und True-Crime-Beliebigkeiten verdrängt wird? „Ich hoffe einfach, dass auch künftig Menschen mit echter Vision die Chance bekommen, etwas Einzigartiges zu schaffen, und dass man diese Filme im Kino sehen kann“, sagt DiCaprio. „Ob das so kommt, wird sich erst zeigen.“
Privat bleibt privat
Im Film wechselt DiCaprio innerhalb einer Szene von Komik zu Paranoia. Mit jener manischen Energie, die seine besten Arbeiten prägt und ihm einen Oscar und drei Golden Globes eingebracht hat. Für beschwingten Small Talk ist er nicht zu haben. Sobald das Gespräch vom Film wegführt, gleicht es dem Versuch, mit einer besonders gutaussehenden Ziegelwand zu sprechen. Bei einem Interview 2013 zitierte ich eine spitze Bemerkung, die George Clooney über ihn gemacht hatte. DiCaprio zog lange an seiner E-Zigarette und sagte nur: „Ich spreche in der Presse nicht über andere Menschen.“
Das ist fair. Es war im Jahr 1994 als er meinte: „Ich habe keine Ahnung, was die Leute von mir denken.“ Viel besser kennt man ihn auch heute nicht. Sobald man versucht, auch nur eine Spur Persönliches anzusprechen – seine Jugend etwa –, beantwortet er einfach eine andere Frage und gerät in einen Monolog über kollektive Arbeitsprozesse beim Filmemachen. Er lässt lieber seine Arbeit sprechen. Sobald die Kamera läuft, ist DiCaprio ganz bei sich.
Der Lionel Messi des Schauspiels
Beinahe hätten DiCaprio und Anderson schon vor 30 Jahren zusammengearbeitet: Der Regisseur bot ihm die Hauptrolle im Porno-Epos „Boogie Nights“ an, die später an Mark Wahlberg ging. DiCaprio bereut es bis heute, abgesagt zu haben. „Ich habe den Soundtrack des Films aufgelegt, bin durch Los Angeles gefahren und habe betrauert, wie sehr ich diesen Film liebe“, sagt er. Das Schicksal wollte es anders: DiCaprio war für „Titanic“ verpflichtet.
In den drei Jahrzehnten seither hat er kaum je einen Fehltritt gemacht. Während seine Teenie-Schwarm-Konkurrenten der 90er-Jahre – George Clooney, Brad Pitt, Johnny Depp – zahlreiche Flops in ihren Filmografien versammeln, findet sich bei DiCaprio kaum ein wirklicher Ausrutscher. „Darüber ließe sich streiten“, protestiert DiCaprio. Ob er diesen Streit gewinnen würde, ist fraglich. Selbst sein schwächstes Werk, das solide, aber uninspirierte J.-Edgar-Hoover-Biopic „J. Edgar“ aus dem Jahr 2011, hat seine Momente.
Anderson pflichtet bei, DiCaprios Filmografie sei geradezu absurd. Er ist der Lionel Messi der Schauspielkunst. „Er hat sich nie darauf eingelassen, einfach irgendeinen Film zu machen“, sagt Anderson.
Ein Dreh nah am echten Leben
Die Zusammenarbeit mit Martin Scorsese, der DiCaprio in sechs Filmen inszenierte, von „Gangs of New York“ bis „The Wolf of Wall Street“, hat eine Art „Qualitätssicherung auf höchstem Niveau“ etabliert. Hinzu kommen die Nicht-Scorsese-Filme: „Catch Me If You Can“, „Inception“, „The Revenant“, „Once Upon a Time in Hollywood“. „Es ist ein bisschen so, als müsste man jemandem erklären, warum man sich verliebt hat“, sagt Anderson auf die Frage, was DiCaprio anders mache als andere. „Zwischendurch spürte ich diesen Stich von Eifersucht. Ich dachte: Quentin (Anm.: Tarantino) hat ihn schon zweimal gehabt! Aber die Idee musste von mir kommen. Ich musste etwas schreiben.“
Für eine Szene von „One Battle After Another“ befand sich DiCaprio in einem Supermarkt voller echter Kundinnen und Kunden. „Die Leute haben Selfies gemacht, es war kontrolliertes Chaos“, sagt DiCaprio. Anderson zuckt mit den Schultern. „Ob Leo da ist oder nicht, spielt irgendwann keine Rolle mehr. Wenn ein Filmteam nur lange genug in einem Supermarkt herumsteht, kommt der Punkt, an dem die Leute sagen: Scheiß drauf, ich will jetzt einkaufen“, ergänzt Anderson. „Es wird langweilig.“
Wenn die Welt brennt – wollen die Menschen dann einen Film sehen, in dem die Welt brennt?
„Aber es ist selten, dass man so Teil eines Prozesses wird“, erzählt DiCaprio. Er meint damit nicht nur die Arbeit mit Laien, sondern auch Andersons Methode, dem Ensemble täglich das gedrehte Material zu zeigen. „Ganz am Anfang meiner Karriere bekam ich manchmal VHS-Kassetten in den Wohnwagen gelegt, aber sonst erlebt man sowas nie.“ Vielleicht fragt er beim nächsten Film wieder danach? Anderson witzelt und imitiert DiCaprio: „Weißt du, Marty, Paul hat jeden Tag Dailies gezeigt.“ Tatsächlich arbeitet DiCaprio als nächstes wieder mit Martin Scorsese. Die Dreharbeiten zu „What Happens at Night“ beginnen diesen Monat.
Über eine Szene, die in El Paso, Texas, gedreht wurde, geraten DiCaprio und Anderson in Aufregung. Die Revolution lag beim Dreh tatsächlich in der Luft. „Im Film tauchen Beamte auf, die an die Einwanderungsbehörde ICE erinnern und kommen, um meine Tochter zu holen. Wir drehten in einer Grenzstadt, in der all diese Bedrohungen real und spürbar sind“, sagt DiCaprio. „Wir brauchten Statisten für eine Menschenmenge, die ‚Viva la revolución!‘ ruft. Und sie sagten einfach: Los geht’s.“
Anderson beschäftigte das Thema auch später noch: „Wir hatten eine Testvorführung genau an dem Tag, als die Einwanderungsbehörde in Los Angeles einrückte. Das war ein merkwürdiges Gefühl: Wenn die Welt brennt – wollen die Menschen dann einen Film sehen, in dem die Welt brennt?“


Dreharbeiten zu „One Battle After Another“: DiCaprio und Anderson zusammen am Set.
© Warner Bros.Die politischen Untertöne
Wie ist es überhaupt gelungen, etwas derart Zeitgenössisches zu schreiben, obwohl das Drehbuch viele Jahre in Arbeit war? Anderson zuckt mit den Schultern. „Menschen, die einander schlecht behandeln, kommen nie aus der Mode.“ Es ist eine fiebrige Zeit für Hollywood. Präsident Trump greift offen Gegner an, und auch Medienunternehmen müssen mit politischen Konsequenzen rechnen.
Gab es Angst, Teil eines Films zu sein, der autoritäre Tendenzen karikiert und die amerikanische Rechte aufs Korn nimmt? „Es ist mir ehrlich gesagt nie in den Sinn gekommen, wegen der politischen Untertöne nicht dabei zu sein“, sagt DiCaprio. „Und ich glaube auch nicht, dass dem Film eine konkrete politische Agenda oder Ideologie eingeschrieben ist. Wir haben Reaktionen von links wie von rechts bekommen. Am Ende ist Bob ein Vater, der für seine Tochter da ist.“ Anderson ergänzt: „Wir wollen schlicht etwas beitragen, das optimistisch ist.“
Hat der Regisseur Kritik an seinem Film zur Kenntnis genommen? Etwa den Vorwurf, schwarze Frauen würden übersexualisiert dargestellt. (Wobei die African-American Film Critics Association „One Battle After Another“ zum zweitbesten Film des Jahres gekürt hat.) „Ich höre eher auf die übermäßig begeisterten Kritiken“, sagt Anderson. „Wenn es um ernsthafte Gespräche mit Menschen geht, die ein Problem mit dem Film haben, dann führe ich die sehr gerne. Setzen wir uns zusammen, trinken einen Kaffee. Brüllt es mir nur bitte nicht entgegen.“
Ein großes Geheimnis
DiCaprio blickt ins Leere. Ich erwähne „Titanic“. „Wollen Sie jetzt fragen, warum nicht beide auf dieser verdammten Tür Platz hatten?“, sagt Anderson. „Da war definitiv genug Raum.“ In der Tat. Es ging mir um etwas anderes: Kate Winslet hat mir einmal gesagt, sie habe sich in DiCaprios Gegenwart „vor Lachen eingenässt“ und eines der großen Geheimnisse über ihren alten Freund und Co-Star sei, dass er wahnsinnig komisch sei.
„Ein Geheimnis?“, ruft Anderson und lacht laut. „Er ist einer der lustigsten Menschen, die ich kenne.“ DiCaprio grinst. „Ich versuche mich im Alter zunehmend an komödiantischen Momenten“, sagt er mit einem leichten Lächeln, steht auf und verabschiedet sich. Ein Mann, ganz und gar fokussiert auf das Kino, die große Liebe seines Lebens, und auf die Frage, was ihnen gemeinsam noch bevorstehen könnte.
Der Film
Im schwarzhumorigen Politthriller „One Battle After Another“ inszeniert Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „Boogie Nights“) Leonardo DiCaprio als abgehalfterten linken Revolutionär Bob. Fernab der Gesellschaft lebt er mit Teenie-Tochter Willa (Chase Infiniti ) im Zustand dauervernebelter Paranoia. Als Bobs Erzfeind von früher auftaucht (Sean Penn) und Willa verschwindet, begibt sich Bob auf Rettungsmission.
Schwere Themen wie Terrorismus, Faschismus und Rassismus, verhandelt Anderson mit Lässigkeit. Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood setzt mit seiner Filmmusik das i-Tüpfelchen auf die starken Bilder.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 3/2026 erschienen.






