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Helmut Lang: Ikone eines Lebensgefühls

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Helmut Lang

©Fotografie Elfie Semotan/MAK Helmut Lang Archiv

In den 1990er-Jahren dominierte Helmut Lang die Fashion-Branche, bis New York richtete man die Terminkalender der Modeschauen nach seinen Wünschen. 2005 zog er sich in die Welt der Kunst zurück. Im März wird er 70. Das MAK widmet dem Wiener Weltkünstler die eindrucksvolle Ausstellung „Séance de Travail“.

Als Helmut Lang Mitte der 1990er-Jahre mit der Hälfte seines Konterfeis auf die Einführung seiner Jeans-Kollektion aufmerksam machte, war dies nicht mehr und nicht weniger als eine effiziente Werbemaßnahme. Doch Elfie Semotans Halbporträt des damals angesagtesten Designers der Modewelt erreichte jahrzehntelangen ikonischen Status.

Immer schon ein Künstler

Den 70. Geburtstag des österreichischen Weltstars nutzt Direktorin Lilli Hollein, um am Museum für angewandte Kunst (MAK) umzusetzen, was sie sich bei ihrem Amtsantritt 2021 vorgenommen hatte: die Sammlung ihres Hauses zum Leuchten zu bringen. 2011 hatte Helmut Lang den größten Teil seiner Bestände dem MAK geschenkt, ein Privileg, das man nicht hoch genug schätzen könne.

Dass Lang nicht sofort in eine Ausstellung einwilligte, sah die Direktorin ein. „Ich habe seine Vorbehalte verstanden, denn er hat den Kern seines Œuvres hinter sich gelassen und sich ganz der bildenden Kunst zugewandt. Wobei ich sagen muss, Helmut Lang ist, wie man auch anhand der Dokumentation seiner Modekarriere sieht, immer ein Künstler und künstlerisch denkender Mensch gewesen“, präzisiert Lilli Hollein, selbst Tochter eines ikonischen Architekten.

Genialer Gestalter

Mit der Ausstellung „Séance de Travail 1986–2005“ würdigt man das Lang’sche Schaffen. Dem ist auch der Titel entnommen, denn so nannte Lang seine Arbeit, die er mit einer Art spiritistischer Sitzung verglich. In der Schau lässt sich verfolgen, wie der gebürtige Wiener vor vier Jahrzehnten eine Weltmarke geschaffen hat. „Man kann in das Schaffen, in die Strategien eines genialen Gestalters eintauchen“, sagt Hollein, als sie das News-Team an einem Montag, an dem das Haus für Besucher geschlossen ist, durch die Ausstellung führt.

In der großzügig angelegten Schau kann sich die heutige Generation 50 plus in die eigene Jugend zurückversetzen. Was waren das noch für Zeiten, als man in Paris durch die Grands Magasins, also die großen Kaufhäuser, flanierte und einem sofort der Stand von Helmut Lang auffiel!

Oder die Boutique in der Rue Saint-Honoré besuchte. Finanzierbar war für die Berichterstatterin damals nicht einmal ein T-Shirt, aber so wie Langs Concept-Store gestaltet war, ersetzte es den Besuch eines Design-Museums. „Bei ihm geht so vieles über die Mode hinaus“, sagt Hollein und schwärmt von Langs Gespür für Architektur und „räumliche Inszenierung“.

Wie die Wiener Werkstätte

Lang habe um seine Modekreationen eine eigene Welt gebaut, eine unvergleichliche Atmosphäre kreiert, die sein Schaffen abrunde. Man könne auch sagen: „Helmut Lang hat ein Lebensgefühl geschaffen wie einst die Wiener Werkstätte.“ Die Tochter der Modezeichnerin Helen Hollein und des Architekten Hans Hollein war bereits als Teenager von Langs klaren Schnitten fasziniert. Die totale Dekonstruktion beeindruckten die Jugendliche sehr.

Dabei ging Langs Schaffen weit über das Kreieren von Bekleidung hinaus: Er war einer der Ersten, die so etwas wie Queer Culture schufen. Hollein: „Durch seine kulturellen Codes hat er eine Plattform für viele Menschen geschaffen, die sich darin als heutig und mut ig erkennen konnten.“

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Lilli Hollein

 © Matt Observe

Die Geschichte seines Erfolgs begann ähnlich der seiner deutschen Kollegin Jil Sander, die in ihrer autobiografischen Rückschau schreibt, man könne ihre Geschichte wie ein Märchen erzählen. Ihre Weltkarriere hob aus einem kleinen Geschäft in Hamburg an die Weltspitze ab. Helmut Langs Geschichte beginnt schon in der Kindheit im Steirischen, in einer Schusterwerkstatt in der Ramsau. Das kam so.

Inspiration aus der Werkstatt

1956 in Wien als Peter Scepka geboren wächst er bei seinen Großeltern auf. Das Paar betrieb eine Schusterwerkstatt. Das hat das Kind geprägt. Jahrzehnte später wird er für seine eigenen Schuh-Kreationen auf die Leisten des Großvaters zurückgreifen.

Nach Abschluss einer Kaufmannslehre verdingt er sich in Gelegenheitsjobs, bis er 1979 seine erste Boutique in der Singerstraße in der Wiener Innenstadt eröffnet. „Bou Bou Lang“ nennt er identitätsstiftend das Geschäft.

Ich glaube nicht, dass die Entwicklung einer Modemarke oder eines einzelnen Designers, wie es bei Helmut Lang der Fall war, so ohne Weiteres heute noch möglich ist

Lilli Hollein

Fünf Jahre später präsentiert er seine erste Damenkollektion. Wie Jil Sander hat er vom Schneiderhandwerk keine Ahnung. Doch darauf kommt es nicht an. Die finanziellen Erträge halten sich in Grenzen, das Renommee steigt. 1986 verschafft ihm die Ausstellung „L’apocalypse joyeuse. Vienne 1880–1938“ im Centre Georges Pompidou seinen ersten internationalen Auftritt. Als Repräsentant des jungen kreativen Wien präsentiert er seine erste Kollektion für Damen an der Seine.

Ein Jahr später folgt sein erstes Defilee für Herren. Dann geht alles ganz rasch. In den 1990er-Jahren ist er bereits der angesagteste Designer der Branche. Die Marke Helmut Lang ist in der Welt der Mode angekommen. Lang eröffnet die ersten Boutiquen in Metropolen wie Mailand, Paris, New York, Tokio, Kobe und Singapur und nimmt eine Professur für Modedesign an der Universität für angewandte Kunst an.

Der erste Stream in der Mode

Er ist einer der Ersten, der Damen- und Herrenkollektionen in einer Show zeigt, und er setzt seine Terminwünsche für Modeschauen in New York durch. 1999 geht er eine Kooperation mit Prada ein. 2005 zieht er sich aus dem Fashion-Business zurück.

Ein dermaßen rasanter Aufstieg wäre heute nicht so leicht möglich, resümiert Lilli Hollein: „Helmut Lang hat eine unglaublich starke künstlerische Kraft, aber ich glaube nicht, dass die Entwicklung einer Modemarke, eines Brands oder eines einzelnen Designers, wie es damals bei Helmut Lang der Fall war, so ohne Weiteres heute noch möglich ist. Denn wir wissen, dass die Mode eine gnadenlose Industrie ist, wo immer mehr Investorengeld drinsteckt.“

Eine Branche voller Hürden

Die Aufnahme in einen Showplan in Paris oder New York durchzusetzen, sei das eine. Die Shows aber dann auch noch aus der eigenen Tasche zu finanzieren, sei heute unwahrscheinlich, vergleicht sie die Anforderungen der Branche in den 1980er-Jahren mit den heutigen. „Auf der anderen Seite kann man aber, wenn man nicht total im Korsett eines Eigentümers ist, sehr umfassende Ideen entwickeln.“

Eine goldene CD in einer Vitrine lässt das Gespräch auf den pragmatischen Visionär Helmut Lang kommen. „Er war der erste, der eine Modeschau gestreamt hat“, sagt Lilli Hollein. Das Ausstellungsstück sei eine jener CDs, auf denen der Meister seine Shows gespeichert habe. Die CDs wurden dann an all jene verschickt, die damals noch keinen Zugang zum World-Wide-Web hatten.

In einem anderen Saal ist ein Laufsteg nachgebaut. Auf einer Großleinwand werden Modeschauen in Dauerschleife gezeigt. Markierungen auf dem Boden lassen die Sitzordnung der Besucher nachvollziehen. Roman Polanski, Paul McCartney, Anna Wintour sind nur einige seiner namhaften Stammgäste, die da angeführt sind.

Und wo bleibt die Mode?

Immer wieder tauchen dreieckige Leuchten in verschiedenen Farben mit dem typischen Schriftzug Helmut Lang auf. Das sind Aufsetzer für Taxis in New York. Tausende Yellow Cabs hat Lang damit bestückt, um auf seine nächste Kollektion aufmerksam zu machen. „Es ging ihm nicht darum, Werbung um der Werbung willen zu machen, sondern: Wo macht man Werbung. Wo kann man auch in der Werbung neue Wege gehen“, kommt Lilli Hollein auf Langs außerkünstlerisches Schaffen.

Eines aber fehlt: die Mode selbst. Sie ist lediglich durch eine Astronautenjacke aus silbernem Asbest repräsentiert. Das stimme so nicht, berichtigt Lilli Hollein. „Sie stehen gerade davor.“ Wie kann das sein? Da ist doch gar nichts, nur eine kleine, zarte Säule, die aussieht, als wäre sie aus Papiermaschee gefertigt. Doch bei näherer Betrachtung erkennt man, dass die Stele aus Stofffetzen zusammengesetzt ist – eine der Arbeiten, die Helmut Lang nach seiner Karriere als Modedesigner kreiert habe, klärt die Direktorin auf.

Entstanden ist sie, wie sein gesamtes heutiges Schaffen aus einer Katastrophe: Nach seinem Rückzug aus der Modebranche anno 2005 gab Lang den Großteil seiner Kleiderkreationen an Museen weiter. 2010 brach dann in seinem Studio in Long Island ein Feuer aus. Die verbliebenen Stücke wurden beschädigt. Lang nahm das Unheil zum Anlass für einen kompletten Neubeginn. Er zerstörte sein Werk, das er für die Modewelt geschaffen hatte, mittels Schredder und schuf aus den Stoffpartikeln Skulpturen.

Seine Skulpturen stellte Lilli Hollein bereits im Frühjahr in der amerikanischen Dependance des MAK in Los Angeles aus.

Ausblick

Zum Ende des Gesprächs gibt Lilli Hollein einen Ausblick auf das Kommende. Und das kann sich sehen lassen, etwa die Ausstellung „Glanzstücke“, die Schmuck aus der hauseigenen ‚Sammlung der Haute Joaillerie – Pretiosen von Van Cleef & Arpels – gegenüberstellt.

Einem der bedeutendsten Künstler der vergangenen Jahrzehnte ist die nächste Huldigung gewidmet: Lilli Hollein erinnert ab 13. Mai 2026 mit der multimedialen Schau „Es ist nicht mehr mein Problem!“ an den Theater- und Performance-Giganten Christoph Schlingensief „Die Arbeit daran begeistert mich sehr, weil wir die Strategien eines Künstlers sehen, der uns heute so sehr fehlt.“ Die Wiener Festwochen koproduzieren. Das Jahr 2026 wird die Bühnenbildnerin Anna Viebrock beschließen.

Und was noch gesagt werden soll: Am Tag des Interviews hielt man bei einem Besucherplus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Und wenn jetzt Kürzungen drohen? „Es gibt nicht mehr viel Potenzial. Wir haben vor eineinhalb Jahren eine Betriebsanalyse in Abstimmung mit dem Ministerium gemacht. Die zeigt, bei uns wird schon sehr lang gespart.“ Und weitere Schließtage? „Wären nicht in unserem Sinn.“ Dem ist auch besucherseitig nichts hinzuzufügen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 01+02/2026 erschienen.

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