Die Silvester-„Fledermaus“ an der Staatsoper hat er mit Starglanz aufgeladen, die Wintersaison seiner Festspiele in Erl war ein Triumph. Nun beginnt Tenorissimo Jonas Kaufmann die neue Saison mit einem besonderen Liederabend: Am 12. Jänner feiert er im Wiener Konzerthaus 30 Jahre künstlerische Partnerschaft mit dem Pianisten Helmut Deutsch, der soeben 80 wurde. Zuvor spricht er über Sparmaßnahmen, die Notwendigkeit privater Sponsoren und Künstlerboykotte.
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Herr Kaufmann, seit über 30 Jahren begleitet Sie Helmut Deutsch bei Ihren Liederabenden am Klavier. Wie darf man sich diese so lange währende künstlerische Partnerschaft vorstellen?
Unsere Freundschaft begann schon während meines Studiums an der Hochschule, da war er mein Professor. Aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis wurde im Laufe der Zeit eine Partnerschaft, die zu den glücklichsten meines Lebens gehört. Sein Lebenswerk gilt der Kunstform, die mir vielleicht am meisten am Herzen liegt, dem Lied. Leider hat dieses Genre im kulturellen Alltag an Präsenz verloren, selbst in der Kulturstadt Wien ist das Angebot nicht mehr so vielfältig wie früher, als es im Musikverein und im Konzerthaus noch zwei Abo-Zyklen für Liederabende gab. Aber das ist wie mit der Kultur im Fernsehen. Wenn keine Kultur gezeigt wird, kann der ORF mit Recht sagen, das brauchen wir nicht, denn das sieht ja keiner. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Man muss etwas tun, wenn man die Leute für dieses Genre begeistern will.
Sie sprechen ein sensibles Thema an. Im Kulturbudget drohen massive Kürzungen ...
Das ist ein schwieriges Thema. Geld ist überall nötig, und die Zeiten sind nicht gerade rosig. Es war schon immer so, dass man bei der Kultur gerne den Rotstift angesetzt hat. Doch gerade in schwierigen Zeiten haben die Leute ein größeres Bedürfnis nach Kultur, nach Ablenkung von der Misere, die sie vielleicht zu Hause oder im Beruf oder wo immer erwartet. Wobei Österreich noch das Land der Seligen ist, im Vergleich zu vielen anderen Staaten, wo Kultur schon sehr lange unter einschneidenden Kürzungen leidet. Insofern sind wir bis jetzt mit dem Schrecken davongekommen. Bei den Tiroler Festspielen Erl, deren Intendant ich seit 2024 bin, erfreuen wir uns der großartigen Unterstützung von Hans Peter Haselsteiner. Das wäre auch ein Modell für andere Kulturbereiche in Österreich, dass man sich eben nicht nur auf staatliche Unterstützung verlässt, sondern sich aktiv um Sponsoren kümmert, so wie es in vielen anderen Ländern längst der Fall ist. Das ist nicht bequem, keine Frage, aber es ist mit Sicherheit eine Chance, die Kultur in Österreich weiterhin hochzuhalten. Grundsätzlich gibt es ja den Kulturauftrag, der sogar im Staatsvertrag verankert ist. Kultur ist nichts, was man so leichtfertig wegwerfen kann. Kultur hier ist eine Fahne, die man international sehr deutlich sieht. Sie gehört zum Tourismus wie Fiaker und Stephansdom.
Wer würde nach Erl fahren, wenn es dort keine Festspiele gäbe?
Man würde dann an Erl vorbeifahren oder zu den Passionsspielen hinfahren. Kultur ist natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor, der nicht zu verachten ist. Diese sogenannte, immer wieder bemühte Umwegrentabilität ist erstaunlich hoch. Auch in unserer Kufsteiner Region hat Erl mit seinen vier Spielzeiten mittlerweile eine ziemlich markante Rolle. Ich sage immer, unsere Kunst ist ein sehr alter Baum. Die Äste, die wir abschneiden, wachsen nicht mehr nach. Deshalb muss man beim Schnitt sehr vorsichtig vorgehen.
Man muss verschiedene Schienen anbieten, auf die sich das Publikum über die Jahre verlassen kann.
Beziehen Sie in Erl Subventionen vom Bund oder vom Land Tirol?
Sowohl als auch. Die Festspiele in Erl sind also keine rein private Initiative. Viele Dinge werden privat finanziert, aber grundsätzlich hat es einen Pakt zwischen Land, Staat und privater Hand gegeben, der sich über die Jahre ein bisschen verzogen hat, sodass der private Anteil deutlich größer geworden ist. Wir befürchten auch für die Zukunft, dass diese Schere weiter auseinandergeht. Da muss man sehen, wie weit es noch möglich ist, das aufzufangen. Als ich in Erl begonnen habe, war es für mich klar, man kann sich nicht an der Schulter von Hans Peter Haselsteiner ausruhen. Man muss versuchen, weitere Sponsoren zu gewinnen, die in unserem Festival eine wichtige Institution sehen, die es zu stärken gilt.
Sie führen neben Richard Wagner auch in diesem Sommer wieder eine zeitgenössische Oper auf. Ist das nicht riskant?
Man muss verschiedene Schienen anbieten, auf die sich das Publikum über die Jahre verlassen kann. Es gibt sicher einige Zuschauer, die sich gerne alles ansehen, aber sehr viele stehen auf eher klassischere Inszenierungen. Andere wollen zeitgenössische sehen. Manche wollen nur zeitgenössische Musik hören,
Wir sind heute wieder mit einer starken Welle von Antisemitismus konfrontiert. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass man jüdische Künstler daran hindert, ihren Beruf auszuüben?
Ich nenne das weniger Antisemitismus, ich halte das eher für Antizionismus.
Aber können Sie als Intendant da nicht gegensteuern?
Wir haben mit Asher Fisch einen aus Israel stammenden Chefdirigenten, insofern würde ich da offene Türen einrennen. Wir sind jetzt mit der Planung der Spielzeit 2026/27 fertig. Das heißt, wir können erst 2027/28 reagieren. Früher konnten Künstler neutral sein. Ganz gleich, welchen Pass sie hatten, konnten sie überall ihre Kunst unter die Menschen bringen. Das hat sich radikal geändert. Heute wird ganz genau geschaut, welchen Pass jemand hat und auf welcher Seite er steht. Das heißt, man muss sich politisch positionieren, und das finde ich sehr schwierig. Bedenklich wird es, wenn Künstler durch Boykotte entscheidende Jahre ihrer Laufbahn verlieren, was bei Sängerinnen und Sängern ja bekanntlich schwerer wiegt als bei Dirigenten, die ihren Beruf doch wesentlich länger ausüben können.
Früher konnten Künstler neutral sein. Ganz gleich, welchen Pass sie hatten, konnten sie überall ihre Kunst unter die Menschen bringen. Das hat sich radikal geändert.

Sie meinen Anna Netrebko, nicht?
Ich wurde von Journalisten gefragt, ob ich sie engagieren würde. Ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht sollte. Sie hat sich doch eindeutig für den Westen entschieden. Bei Ildar Abdrazakov, den ich als Sänger und auch persönlich schätze, ist das etwas anderes: Er hat sich schon zu Beginn des Kriegs gegen die Ukraine auf die Seite Russlands geschlagen.
Wie blicken Sie auf 2026? Immer öfter wird ein Weltkrieg prognostiziert. Beunruhigt Sie das?
Es sind sehr tönerne Füße, auf denen wir zur Zeit unseren Luxus genießen. Ich hoffe natürlich inständig, dass wir nicht in einen Krieg hineingezogen werden. Aber dass sich die Konflikte nicht in wenigen Wochen beenden lassen, hat auch wirtschaftliche Folgen und kann somit auch Konsequenzen für unseren Alltag haben. Dass es in Österreich einschneidende Maßnahmen im Finanzhaushalt geben muss, war jedem klar, der vernünftig rechnen kann. Ich bin sogar eher froh, dass diese Maßnahmen jetzt auch wirklich passieren. Sonst würden wir in kürzester Zeit den Staat gegen die Wand fahren und hätten dann alles verloren. Klar ist, dass die aktuelle Regierung in einer Zwickmühle steckt. Wenn sie die unliebsamen Strukturveränderungen durchsetzt, läuft sie Gefahr, nicht wiedergewählt zu werden. Aber es ist letztlich die Aufgabe eines Politikers, nicht an seine Wiederwahl zu denken, sondern an das, wofür er gewählt wurde, nämlich das große Ganze im Blick zu haben.
Was nehmen Sie sich für 2026 vor?
Privat freue ich mich auf ein ruhigeres Jahr. Ich habe mir für 2026 deutlich weniger Termine in den Kalender geschrieben, da ich versuche, in Erl so präsent wie möglich zu sein.
Bleiben Ihre Auftritte in der „Fledermaus“ die einzigen in diesem Jahr an der Wiener Staatsoper?
In diesem Jahr schon. Ich bin mit Bogdan Roščić in engem Kontakt. Wir versuchen, in jeder Spielzeit eine Handvoll Vorstellungen unterzubringen. Darin bin ich mittlerweile relativ strikt. Mehr als fünf bis sechs Abende im Jahr mache ich nicht an einem Haus. Das ist aber keine Wien-spezifische Entscheidung. Denn es gibt sechs Häuser, an denen ich gerne jedes Jahr auftrete, und damit ist dann schon quasi die maximale Anzahl an Opern erreicht, die ich mir für meinen Kalender vornehme.
Warum treten Sie denn in Erl dieses Jahr gar nicht auf?
In Erl habe ich mich wieder für die Spielzeit 2026/27 gebucht. Wir hatten einmal einen Agenten im Freundeskreis, der meinte, wenn jemand drei Tage am Stück zu Hause ist, wäre das schon ein Karriere-Knick. Wenn man sich das zum Prinzip macht, ist man ziemlich bald am Ende. Wer länger singen möchte als nur fünf oder zehn Jahre, sollte zwischendurch immer wieder seine Batterien aufladen. Das bedeutet nicht nur, dass man einmal im Jahr für zwei Wochen irgendwo hinfliegt, um aufzutanken, sondern dass man immer wieder für Ruhephasen sorgt, um einen ganz normalen Alltag erleben zu können. Das habe ich mir für 2026 vorgenommen, nicht zuletzt für meinen Sohn. Insofern schaue ich privat sehr positiv auf dieses Jahr.

Steckbrief
Jonas Kaufmann
Geboren am 10. Juli 1969 in München, studierte er erst Mathematik und dann Gesang und wuchs früh zu einem der führenden Tenöre der Gegenwart. Die großen Partien des Zwischenfachs verkörpert er an den größten Häusern der Welt, zur „Zauberflöte“ sowie dem italienischen und französischen Kernrepertoire kam das Wagner-Fach, das er ganz zuletzt sogar bis Tristan und Tannhäuser erweiterte. Er ist österreichischer Staatsbürger und lebt in Salzburg. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder. Seit September ist er Intendant der Festspiele von Erl.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 01+02/2026 erschienen.







